Kino

Bei Universal liegt Musik in der Luft

Schon das Motto machte klar, was bei der abschließenden Tradeshow zur Filmwoche besonders im Fokus stehen würde - und der großartige Auftritt von Universal blieb nicht nur in diesem Punkt nichts schuldig.

28.01.2019 08:45 • von Marc Mensch
Letzter Programmpunkt in einer anstrengenden Woche zu sein, ist vielleicht nicht immer die dankbarste Aufgabe - doch schon der Andrang zum Finale der Filmwoche München machte einmal mehr klar: Man verlässt sich darauf, dass Universal zum Finale stets noch ein Ausrufezeichen setzt. Oder besser: mehrere Ausrufezeichen.

Dass auch der letztjährige Marktführer die Situation zu Beginn durchaus nüchtern analysierte, ist bezeichnend für eine Filmwoche, in der kaum eine Präsentation ohne nachhaltige Appelle der einen oder anderen Art verging. Wobei es durchaus genügend Grund gab, die Erfolge von Universal im vergangenen Jahr hervorzuheben. 25 Filme hatte man herausgebracht, von denen 21 in den Top 100 landeten. Anders ausgedrückt: Ein gutes Fünftel der erfolgreichsten Filme 2018 wurde vom Frankfurter Major verliehen. Noch besser fällt die Quote aus, wenn man auf die absolute Spitzengruppe blickt. Denn laut Paul Steinschulte konnte man vier Titel unter den Top Ten platzieren.

"Musik liegt in der Luft" war das Motto, unter das der Universal-Chef Paul Steinschulte die diesjährige Tradeshow gestellt hatte - und die Präsentation blieb (nicht nur) diesbezüglich nichts schuldig. Doch dazu später mehr. Zunächst noch der Hinweis, dass der vergangene Sonntag auch für Universal nicht irgendeiner war. Denn am Internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus brachte man Steven Spielbergs Meisterwerk Schindlers Liste" für Sondervorführungen noch einmal auf die Leinwand - und Paul Steinschulte zeigte sich besonders dankbar dafür, dass über 500 Häuser in Deutschland, Österreich und der Schweiz diesen so wichtigen Film in ihr Programm aufnahmen. Dies übrigens teilweise zu besonders günstigen Eintrittspreisen - und ersten Posts auf sozialen Medien nach zu urteilen auch mit großem Publikumszuspruch. So kamen beispielsweise alleine in das Bonner WOKI, das seinen Titel als "Deutschlands Lieblingskino" bei der Filmwoche an das Kino Aurich übergeben durfte, über 200 Besucher.

Mit einem besonderen Film stieg Universal dann in die Präsentation der kommenden Verleihstaffel ein: Mit Willkommen in Marwen" überführt Starregisseur Robert Zemeckis die wahre Geschichte eines von Rechtsradikalen beinahe zu Tode geprügelten Künstlers in ein schon visuell herausstechendes Werk - denn das Opfer verarbeitet seine Traumata mit der Errichtung eines Miniaturdorfes aus dem Zweiten Weltkrieg, dessen "Bewohner*innen" seinen Freunden und den Tätern nachempfunden sind.

Wie turbulent das Leben eines Synchronsprechers sein kann, demonstrierten Game of Thrones"-Star Kit Harington und Drache Ohnezahn in einem urkomischen Behind-the-Scenes-Clip, der ebenso wunderbar auf "Drachenzähmen leicht gemacht 3" einstimmte wie ein langer, exklusiver 3D-Clip. Tatsächlich gehörte Universal zu den wenigen Verleihern, die 3D-Filme auch im entsprechenden Format präsentierten - und Paul Steinschulte rief nachdrücklich dazu auf, dieses zu nutzen, um Mehrwert für die Besucher wie auch Kino und Verleih zu generieren. Der dritte Teil der Erfolgsreihe (das erste Sequel setzte die Messlatte von 1,6 auf über 2,7 Mio. Besucher) ist der erste, der im Zuge der Rückkehr von DreamWorks Animation (DWA) bei Universal läuft. Wenn der Saalplan der gerade für meinen Sohn gebuchten Previewvorstellung übrigens repräsentativ für den allgemeinen Zuspruch sein sollte, stehen den Betreibern allerbeste Zahlen ins Haus.

Ebenfalls aus dem Hause Dreamworks kommt Everest - Ein Yeti will hoch hinaus", in dem einer der sagenumwobenen Schneemenschen aus einem Labor ausbricht und sich auf der Flucht mit einem 14-jährigen Mädchen anfreundet. Mit der Stärkung des Portfolios durch DWA will Universal künftig etwa vier große Animationsfilme pro Jahr starten, darunter natürlich auch jene der Hitgaranten von Illumination Entertainment um Christopher Meledandri, dessen Filme alleine in Deutschland bereits über 25 Mio. Kinobesucher anzogen. Deren nächster Titel wurde in München mit gleich mehreren Trailern vorgestellt - und das aus gutem Grund. Denn wie Steinschulte ankündigte, wolle man mit der Kampagne im Guiness-Buch der Rekorde landen; mit den meisten Trailern, die je für einen Film produziert worden seien. Dabei geht es natürlich nicht um die pure Masse, sondern darum, die Trailer perfekt vor unterschiedlichsten Filmen für unterschiedlichste Zielgruppen platzieren zu können. Schließlich ist Pets 2" ein Thema, das keine Altersgrenzen kennt. Besonders gut kam unter den vielen gezeigten Ausschnitten übrigens ein Clip an, in dem Hunden von einer Katze beigebracht wird, sich wie ihresgleichen zu verhalten. "Auf den Punkt!" würde mein feliner Nachbar wohl sagen.

Während DWA wieder zu einem der wichtigsten Lieferanten für Universal werden soll, hat sich eine andere Produktionsschmiede diesen Status längst verdient - mit überschaubar budgetierten, dafür aber immer wieder wagemutigen, originellen und überraschenden Titeln. Die Rede ist natürlich von Blumhouse Productions, die gerade erst mit The First Purge" bewiesen haben, dass sich Erfolge von Sequel zu Sequel steigern lassen. Eine Fortsetzung ist denn auch "Happy Deathday 2 U", der bewusst auf Splatter verzichtet und der Spannung stattdessen Comedy-Elemente hinzufügt. Sein Regiedebüt avancierte zur veritablen Sensation: Mit Get Out" errang Jordan Peele gleich drei Oscar-Nominierungen, für sein Drehbuch durfte er sogar einen der begehrtesten Filmpreise der Welt mit nach Hause nehmen. Nun legt er mit dem Horrorthriller "Wir" nach - und schon der intensive Trailer lässt ahnen, dass er wieder die eine oder andere veritable Überraschung in ein Genre packt, das sich seit geraumer Zeit generell als so beliebt wie nie zuvor erweist.

Sprichwörtlich die Seele baumeln lassen kann man hingegen bei der von Fans schon sehnlichst erwarteten Leinwandadaption zu "Downton Abbey", von deren Popularität in Deutschland unter anderem mehr als 1,2 Mio. verkaufte DVDs und Blu-rays Zeugnis ablegen. In der Komödie Little" wird eine herrische Chefin in den Körper ihres jugendlichen Ichs transformiert und Fighting with my family" erzählt die wahre Geschichte einer Wrestling-Familie. Dwayne Johnson zählt nicht nur zur Produzentenriege, er verkörpert sich im Film auch selbst - und sorgt mit dafür, dass zwischen Wrestling-Action und Emotionen auch der Humor nicht zu kurz kommt.

Letzterer steht ganz im Zentrum von The Hustle", in dem Anne Hathaway Pitch Perfect"-Star Rebel Wilson zur Trickbetrügerin ausbildet. Im Kern ein weibliches Update des Klassikers Zwei hinreißend verdorbene Schurken". Ein Film, der schon seit Monaten für Gesprächsstoff sorgt, und von dessen enormer Qualität man sich unter anderem bereits in voller Länge bei der letztjährigen Filmkunstmesse Leipzig überzeugen konnte, ist "Der verlorene Sohn", in dem Russell Crowe und Nicole Kidman als an sich liebendes aber tiefgläubiges Elternpaar dazu entscheiden, ihren homosexuellen Sohn in eine "Umerziehungseinrichtung" zu stecken. "Gut-wrenching" würde der Amerikaner dazu sagen...

Womit wir schlussendlich bei jenen Projekten angelangt wären, denen die Universal-Tradeshow ihr Motto verdankte. Und wir starten mit einem "absoluten Traumprojekt", wie Regisseur Philipp Stölzl über das kommende Leinwand-Musical Ich war noch niemals in New York" berichtete. Als Regisseur unter anderem des Hits Der Medicus" kennt man ihn in Kinokreisen natürlich. Weniger bekannt ist womöglich, dass Stölzl regelmäßig Opern inszeniert und unter anderem für Madonna, Rammstein, Die Toten Hosen, Marius Müller Westernhagen oder Mick Jagger Musikvideos drehte. Mehr Bandbreite geht kaum. Sein jüngster Film ist kein Biopic, sondern er bedient sich der großen Hits von Udo Jürgens, um eine turbulente Geschichte zu erzählen, in der eine Radiomoderatorin auf einem Kreuzfahrtschiff ihrer Mutter nachjagt, die sich nach einem Gedächtnisverlust auf die Reise zum Big Apple begibt. Etliche Liebeswirren natürlich inklusive. Für Produzentin Regina Ziegler, die Jürgens zu ihren Freunden zählen durfte, ist der Film schon deshalb ein absolutes Herzensprojekt. Ebenfalls an Bord sind die UFA Fiction, Mythos Film, Graf Film und Universal Pictures Productions. Stölzl durfte die mitgebrachten Ausschnitte übrigens in allerbester Gesellschaft präsentieren, denn er wurde auf der Bühne tatkräftig von Heike Makatsch und Uwe Ochsenknecht unterstützt - die gleich noch Kostproben ihres Gesangstalents gaben.

Zu den absoluten Überraschungen der Universal-Tradeshow zählte ein Projekt, das man schon deswegen kaum auf der Rechnung hatte, weil es noch nicht einmal über einen Titel verfügt - dafür aber über eine umso interessantere Prämisse: Nach einem mysteriösen weltweiten Stromausfall, in dessen Zuge er von einem Bus erfasst wird, erwacht ein erfolgloser Künstler im Krankenhaus - als fürderhin einziger Mensch, der sich an die Beatles und ihre Hits erinnern kann... Inszeniert wird der Film von Danny Boyle nach einem Drehbuch von Komödienspezialist Richard Curtis. Hoffentlich bald mehr davon! Und zu Weihnachten wird schließlich die Leinwandadaption eines der erfolgreichsten Musicals aller Zeiten die Kinos erobern: Tom Hooper, der sein Händchen für das Genre schon mit "Les Miserables" unter Beweis stellte, inszeniert Andrew Lloyd Webbers Megahit Cats" in einer zeitgemäßen Fassung und einem visuellen Setting, wie es so nur im Film möglich ist.

Womit wir schon beinahe am Ende der Tradeshow und dem abschließenden Hinweis auf ein veritables Mega-Franchise angelangt wären, das bekanntermaßen bei Universal eine neue Heimat gefunden hat. Doch bevor 2020 der Agent im Geheimdienst ihrer Majestät (der gleichnamige Film mit George Lazenby in seinem einzigen Auftritt als 007 feiert übrigens in diesem Jahr 50-jähriges Jubiläum) wieder die Bühne betritt, dürfen Luke Hobbs und Deckard Shaw alias Dwayne Johnson und Jason Statham im "Fast & Furious"-Spin-Off "Hobbs & Shaw" für Chaos auf der Leinwand sorgen. Steinschulte zeigte sich besonders stolz, tatsächlich schon mehrere Minuten an spektakulären Szenen zeigen zu können - und das absolut zurecht. Schließlich ist landläufig bekannt, wie restriktiv Studios mittlerweile mit Material zu ihren größten Blockbustern umgehen.

Damit wären wir auch am Ende unserer ausführlichen Tradeshow-Nachberichterstattung. Wir wiederholen unseren Dank an die Verantwortlichen und wollen an dieser Stelle noch Universal hervorheben, die mit ihrem traditionellen Get-Together einmal mehr eine ideale Bühne zum so wichtigen Austausch geschaffen haben!