Kino

"Es gibt keine Kinomüdigkeit beim Publikum"

Das Publikum sei es nur müde, langweilige Filme anzusehen. Martin Moszkowicz glaubt an eine grundsätzliche Erholung des Marktes. Zur Rolle der FFA, der Angst vor Netflix, der Qualität seiner Filmstaffel, und wie gut sein Haus für den Produktionsboom gerüstet ist, hat der Vorstandsvorsitzende der Constantin Film AG dezidierte Ansichten.

24.01.2019 12:24 • von Jochen Müller

Das Publikum sei es nur müde, langweilige Filme anzusehen. Martin Moszkowicz glaubt an eine grundsätzliche Erholung des Marktes. Zur Rolle der FFA, der Angst vor Netflix, der Qualität seiner Filmstaffel, und wie gut sein Haus für den Produktionsboom gerüstet ist, hat der Vorstandsvorsitzende der Constantin Film AG dezidierte Ansichten.

Blickpunkt:Film: Mit 15 Prozent Umsatzminus war 2018 eher ein Kinojahr zum Abhaken. Auch für Constantin Film?

Martin Moszkowicz: Es war kein gutes Jahr. Punkt. Sicherlich auch deswegen, weil die Überflieger im deutschsprachigen Bereich gefehlt haben, auch die von Constantin Film. Wir hatten erfolgreiche Filme, drei haben über eine Million Zuschauer erreicht: "Der Vorname", Sauerkrautkoma" und Dieses bescheuerte Herz", der zwar Ende 2017 gestartet ist, aber den Großteil seiner Besucher in 2018 gemacht hat. Alle waren extrem profitabel für die Constantin Film, die zwei Erstgenannten auch weil wir sie zu sehr günstigen Herstellungskosten produzieren konnten.

BF: "Sauerkrautkoma" hat sein Ergebnis fast allein in Bayern erzielt...

MM: Es war der erfolgreichste Film 2018 in Bayern überhaupt. Wir haben alles geschlagen. Die Eberhofer-Krimis sind eine sensationelle Kinobrand geworden. Die Leute erkennen sie wieder und gehen gerne rein. Im Sommer dieses Jahres bringen wir mit Leberkäsjunkie" wieder einen in die Kinos, und ein weiterer Teil mit dem Titel "Kaiserschmarrndrama" geht in Produktion. Das ist alles schön und gut, aber es fehlten die Filme mit über drei Mio. Zuschauern, und da vor allem die deutschsprachigen.

BF: Neben wenigen Erfolgen haben viele Filme in Kino nicht funktioniert. Ist das Geschäftsmodell der Kinofilmproduktion in Frage gestellt?

MM: Nein, und schon gar nicht das Engagement der Constantin Film für Kinoproduktion. Wir betreiben inzwischen viele Geschäfte, sind sehr aktiv im internationalen Bereich, im gesamten digitalen und im TV-Bereich und das mit massiven Wachstumswerten. Aber Produktion und Vertrieb von deutschen Kinofilmen ist unser Kerngeschäft und Teil unserer DNA, und das wird es auch bleiben. Wir werden auch weiterhin unsere Produktionsaktivitäten stark darauf ausrichten, das deutschsprachige Kinopublikum mit lokalen Produktionen zu versorgen. Ich halte die Gesamtdepression im Kinomarkt 2018 zum großen Teil für produktgetrieben. Natürlich gab es Umstände, die nicht geholfen haben, die Fußballweltmeisterschaft, das früh einsetzende heiße Wetter, aber das alles war nicht spielentscheidend. Entscheidend war, dass die Produkte nicht hundertprozentig gestimmt haben.

BF: Lässt sich da nicht frühzeitig gegensteuern?

MM: Filmproduktion und Filmverleihstaffeln richten sich nur sehr bedingt nach Kalenderjahren. Wir starten die Filme dann, wenn es am meisten Sinn macht. Und wir geben die Filme dann in Produktion, wenn die Drehbücher unserer Meinung nach perfekt sind. Das soll nicht darüber hinwegtäuschen, dass wir in diesem Jahr auch ein paar Mal richtig daneben gelangt haben. Manchmal geht eben nicht auf, was man ausprobiert. Aber wenn wir diese Versuche nicht unternehmen würden, dann gäbe es ganz große Erfolge aus dem Hause Constantin ebenfalls nicht. Als wir den ersten Fack Ju Göhte" planten, gab es viele in der Branche, die uns sagten, dass das nicht gut gehen kann: ein junger, unerfahrener Regisseur, ein Genre aus den Sechzigern und eine ungewohnte Tonalität. Man muss so etwas ausprobieren, um auch Ausreißererfolge zu haben.

BF: Fehlte der Constantin also der Bora-Dagtekin-Film?

MM: Wir freuen uns sehr, dass die Zusammenarbeit mit Bora Dagtekin so positiv verläuft, und das bleibt hoffentlich noch lange so. Dieses Jahr kommt wieder eine Produktion von ihm ins Kino . Der Film wird gerade gedreht und startet Ende Oktober. Natürlich ist Bora ein Ausnahmekünstler. Aber die Constantin Film war auch ohne "Fack Ju Göhte" über viele Jahrzehnte erfolgreich. Über die letzten 40 Jahre haben wir in jeder beliebigen Periode ungefähr 50 Prozent der Top Ten der deutschsprachigen Kinofilme beigesteuert. Und das wird auch so bleiben. Wir müssen gute Sachen entwickeln, das Ohr am Markt halten und uns schnell verändern können, wenn der Markt es erfordert.

BF: Kann es sein, dass nicht alle die Bedeutung dieser Filme für den Markt erkennen? Haben Sie nicht kürzlich die Mitglieder einer Vergabekommission heftig kritisiert?

MM: So ganz habe ich nie verstanden, nach welchen Kriterien Vergabekommissionen die Mittel der Förderung vergeben. Wir haben oft Förderung bekommen, oft auch nicht, und das ist im Prinzip völlig ok. Nur in diesem Fall fehlt mir jedes Verständnis. Wenn der erfolgreichste Filmemacher der letzten zehn Jahre und ein Superstar-Ensemble von Elyas M'Barek über Florian David Fitz und Karoline Herfurth bis zu Jella Haase, Jessica Schwarz und Wotan Wilke Möhring sich entschließen, einen Film gemeinsam zu machen, und die Mitglieder einer Vergabekommission der FFA dieses Projekt, obwohl ausreichend Mittel vorhanden sind, nicht für förderungswürdig halten, dann verstehe ich die Welt nicht mehr. Das ist eine schallende Ohrfeige für das kommerzielle Kino und widerspricht im übrigen den Leitlinien, die sich die FFA selbst gegeben hat. Ich bin sicher, dass die Künstler, die hier involviert sind, erst einmal sprachlos waren. Und das ist völlig unabhängig davon, ob wir es uns leisten können, den Film auch ohne Förderung zu machen. Es gibt ja keine Bedürftigenförderung. Sonst müsste man das Geld immer denen geben, die es am nötigsten haben, und nicht den wirtschaftlich und qualitativ erfolgversprechenden Filmen. Wir kämpfen jeden Tag an der Front um den Zuschauer, und glauben daran, dass der deutsche Film einen Marktanteil von 30 Prozent nachhaltig erreichen kann. Aber dazu brauchen wir die Unterstützung von Fördergremien.

BF: Und ist es bei der Entscheidung geblieben?

MM: Ende Januar gibt es eine Widerspruchssitzung. Ich hoffe sehr, dass das korrigiert wird. Aber unabhängig davon ist das Kind schon halb im Brunnen, denn die Ohrfeige ist ja schon erfolgt. Und warum sollte ein erfolgreicher Filmemacher sagen: "Schwamm drüber!", wenn er so behandelt wird. Was ist es dann wert, wenn man so erfolgreich ist? Auf der einen Seite rufen alle danach, dass Kino relevant bleiben und gesehen werden muss; es ist ein Medium, das vom Publikum lebt, wir können uns nicht nur Kino für einige wenige leisten, ein elitäres Arthouse-Kino. Wenn man den Leuten, die sich auf Publikumskino verstehen, die Möglichkeiten dazu nimmt, verstehe ich das nicht. Und das darf auch nicht einreißen, sonst müsste man die FFA ganz in Frage stellen.

BF: Nun soll gerade die FFA Publikumserfolge fördern, nicht zuletzt, weil sie Abgaben der Kinobetreiber und Verleiher einsammelt und verteilt. Was muss sich hier ändern?

MM: Die FFA hat jahrelange Gerichtsstreitigkeiten hinter sich, weil ein Teil der Theaterbesitzer ihre Förderentscheidungen für nicht mehr marktrelevant erachtet hat. Aus dieser Nummer sind wir einigermaßen herausgekommen, und jetzt passiert etwas, das genau in diese Kerbe schlägt. Ich glaube, dass die Idee der rotierenden Kommissionen bei der FFA eine Schnapsidee ist. Vernünftige Gremienarbeit kann nur geleistet werden, wenn Gremien Projekte auch kontinuierlich begleiten. Die Widerspruchskommission setzt sich aus völlig anderen Leuten zusammen als die Kommission, die diese Entscheidung getroffen hat. Gleichzeitig sollen in der Kommission alle relevanten Bereiche der Filmindustrie vertreten sein. Im Moment ist das eher zufallsgetrieben und hängt davon ab, wer aus einem Pool von Leuten gerade kann. Eine ausgewogene Gremienarbeit kann man so nicht sicherstellen. Die Theaterbesitzer können es sich nicht gefallen lassen, dass sie einen Großteil dieser Förderung bezahlen, aber das, was sie am Leben hält, nämlich deutsche Filme, die am Markt bestehen, über solche Förderentscheidungen nicht bekommen. Die FFA wäre gut beraten die Leitlinien, die sie sich selbst zur Vergabe von Projektfilmförderung gegeben hat, als Richtlinie festzuschreiben.

BF: Sind denn Fördermittel so wichtig für die Constantin Film?

MM: Absolut. Wir könnten deutsche Filme ohne Förderungen nicht machen. Es gäbe kein deutsches Kino, wie wir es kennen, es würden nur noch einige wenige Filme realisiert. Es gäbe auch keinen Marktanteil von über 20 Prozent. Wir sind wie jede andere Firma darauf angewiesen, vielleicht noch mehr, weil wir wie in jeder großen Firma bestimmte Risikovorgaben haben, und wenn die überschritten werden, können wir Filme nicht machen. Natürlich wird man eine Gruppe von Filmemachern, die so erfolgreich waren, nicht dazu bekommen, einen weiteren Film für einen Appel und ein Ei zu machen. Das ist auf der ganzen Welt so. Wer erfolgreich ist, hat gewisse Vorstellungen, wie er arbeiten möchte, weil er zu Recht der Meinung ist, dass diese Arbeitsbasis der Grund für den vorherigen großen Erfolg war. Dieser Film ist aufwändig, auch wenn er thematisch ein Kammerspiel ist. Da ist es gerade wichtig, dass er Kinoqualität hat. Das kostet halt ein bisschen mehr als der 08/15-Film.

BF: Bora Dagtekins Erfolgen kommt auch ein gewisser Leuchtturmcharakter zu. Sie sorgen dafür, dass Kino im Gespräch bleibt. Sehen Sie die Relevanz des Kinos unter Druck?

MM: Die Relevanz des Kinos ist seit 100 Jahren unter Druck. Das Freizeitverhalten hat sich auch schon früher verändert. Aber diese Kunst- und Unterhaltungsform per se in Frage zu stellen, halte ich für völlig unzulässig. Natürlich ist Kino relevant, natürlich gehen Leute heute gerne ins Kino, und es gibt immer wieder Filme, die ein Millionenpublikum erreichen wie jetzt gerade Caroline Links Film. Wir müssen als Produzenten und als Filmemacher besser werden und mehr von diesen Filmen machen. Wir müssen als Branche unsere Ziele nach oben setzen, und dürfen uns nicht mit Mittelmäßigkeit zufrieden geben. Dann werden auch die Marktzahlen besser werden. Wir haben heute so viele Möglichkeiten herauszufinden, was die Zuschauer wirklich sehen wollen. Und dass es daran liegen soll, dass Netflix und andere dazu gekommen sind, ist alles Unsinn. Auch dieser von der Presse hochgeschriebene Kampf der Systeme ist völliger Quatsch. Zum einen gehen Leute, die Netflix oder SVoD-Dienste konsumieren, auch häufig ins Kino, zum anderen lebt die Branche gut davon. Wir machen viele Produktionen für Netflix, und haben mit dem Streaminganbieter in 2018, bezogen auf die Produktionen mit Drehbeginn in dem Jahr, mehr Umsatz gemacht als mit jedem anderen Sender in Deutschland, sogar mehr als mit allen deutschen Sendern zusammen. Gerade kommt "Polar" bei Netflix als Original heraus, eine Produktion, die viele Millionen Dollar gekostet.

Wollten Sie "Polar" nicht ursprünglich hier ins Kino bringen?

MM: Wir hatten die Überlegung, den Film in Deutschland ins Kino zu bringen, im Rest der Welt war er von Anfang an für Netflix geplant. Nachdem wir die ersten Schnitte gesehen und mit Netflix darüber diskutiert haben, haben wir uns in diesem Fall gegen einen deutschen Kinostart entschieden. Es wäre zu kompliziert gewesen, einem internationalen Gesamtstart auf Netflix hinterher zu hecheln. Das kann aber mal so und mal so entschieden werden. Für die Filmemacher selbst ist es super. Der Regisseur ist happy, weil er ein potenzielles Publikum von fast 140 Millionen Zuschauern weltweit hat. Sein Film ist toll geworden, aber ein ultraharter Actionthriller hätte im Kino nur ein limitiertes Publikum gefunden und vielleicht 500.000 Zuschauer erreicht. Man darf bei dem Thema nicht so stark polarisieren. Wir produzieren auch für SVoD-Dienste sehr erfolgreich. Aber das heißt doch nicht, dass wir deswegen aufhören, Filme fürs Kino zu produzieren.

BF: Für die Produktionsbranche ist es eine willkommene Ausweitung des Marktes. Muss nicht die Kinobranche befürchten, dass ihr Produkte und Stars verloren gehen?

MM: Ich verstehe die Ängste der Theaterbesitzer. Aber diese Ängste sind nicht neu. Die Theaterbesitzer hatten Ängste in den Sechzigerjahren, als das Fernsehen aufkam, in den Achtzigerjahren wegen Video und in den Neunzigern wegen der DVD. Jetzt sind es die digitalen Medien. Die Ängste gehören dazu, aber ich kann sie nur bis zu einem gewissen Punkt nachvollziehen. Alfonso Cuarón, der Regisseur von Roma", hat dazu viel Richtiges gesagt hat. Was glauben wir denn, was ein Schwarzweißfilm auf Spanisch ohne bekannte Schauspieler bei einem normalen Kinostart an Zuschauern gemacht hätte? Es gibt einfach Segmente, die sich verlagern. Mit SVoD und digitalen Medien lassen sich hier mehr Menschen und besser erreichen als in der Vergangenheit über das Kino und traditionelle Auswertungskaskaden. Ich würde mir auf Seiten der Theaterbesitzer weniger Dogmatik und einen flexibleren Umgang damit wünschen. Es gibt genügend Produktionen, die nach massiven Investitionen in P&A und Marketing ihre Zeit im Kino brauchen. Andere nicht, und doch kann es sinnvoll sein, sie trotzdem ins Kino zu bringen. Momentan läuft das unter dem Hilfsbegriff Alternative Content. Man sollte das pragmatischer angehen. Manche Filme funktionieren auch mit einem kürzeren Kinovorabspiel gut. Ich erwähne einen unserer großen Erfolge nur, weil hier die Initiative von Kinobesitzern ausging, nämlich "Dampfnudelblues", der als Fernsehproduktion konzipiert war. Auf die Anregung der Theaterbesitzer hin haben wir den Film ins Kino gebracht, und ein paar Monate später lief er im Fernsehen. Das hat dem Erfolg der Serie keinen Abbruch getan. Wir haben damit ein Kino-Franchise kreiert, das jedes Jahr den Kinobesitzern und uns solide Einnahmen bringt.

BF: Die Constantin steht für große Kinofilme und immer stärker auch für große Serien. Beginnt hier eine Umschichtung in Richtung Serien und Fernsehen?

MM: Nein, das ist keine Umschichtung. Oliver Berben ist in diesem Bereich mit dem klaren Ziel angetreten, diesen Wachstumssektor zu bespielen, und das macht er grandios. Inzwischen arbeiten innerhalb der Constantin-Gruppe über 50 Produzenten und Producer. Als ich bei der Constantin angefangen habe, war ich der zweite Produzent in der Firma neben Bernd Eichinger. Wir müssen in diesen Bereichen tätig werden, weil hier Wachstum möglich ist. Das gilt für den internationalen Bereich noch mehr als für den deutschen, da der deutsche Markt bald an seine Wachstumsgrenzen stößt, schon weil die Kreativ- und Teambasis derzeit so gering ist. Wir haben heute schon Probleme, unsere Produktionen mit Leuten und Schauspielern auszustatten, weil sie einfach nicht verfügbar sind, da so viel produziert wird. Auch daran müssen wir gemeinsam mit den Filmhochschulen und anderen Initiativen arbeiten. Studienangebote im gesamten Bereich der Produktion sind wichtig, weil der Nachwuchs fehlt. Dieses neue Geschäft ist eine zusätzliche Gewichtung in unserem Gesamtkonzept. Wir müssen es schaffen, die Constantin Film in den nächsten zehn Jahren als Firma klar als Nummer Eins auf dem deutschen Medienmarkt zu positionieren und diese Position noch ausbauen.

BF: Ist der Hunger nach Programm so groß, oder wächst sich dieser neue Produktionsboom bald zu einer Blase aus?

MM: Nicht in den nächsten drei bis fünf Jahren. Das Wachstum ist erst einmal ungebrochen. Im Gegenteil, es kommen viele neue Player auf den Markt. Die neue Disney/Fox und Warner Bros. starten einen eigenen Streamingservice, auch deutsche Player positionieren sich hier. ProSieben will mehr deutsche Produktionen unterstützen, die Telecoms in ganz Europa sind auf dem Vormarsch, und natürlich will auch die deutsche Telekom eine Rolle spielen. Das wird in den nächsten Jahren ein extrem wachstumsstarker Markt sein, aber natürlich wird es einen Kampf um die kreativen Ressourcen geben. Das haben wir sehr früh erkannt und im Gegensatz zu anderen Marktteilnehmern früh versucht, vor allem Autoren an die Firma zu binden.

BF: In welchem Umfang versucht die Constantin Film, dieser Herausforderung gerecht zu werden?

MM: Alles zusammen genommen haben, wir in der Gruppe immer über 200 Projekte in der Entwicklung, Projekte für Kino, für klassisches Fernsehen und solche, von denen sich erst im Verlauf sagen lässt, ob wir sie für SVoD, als Serie oder vielleicht amphibisch produzieren, als Vier- oder Zweiteiler plus Kinofilm. Da gibt es viele Möglichkeiten. Projekte wie "Court of Thrones and Roses" sind in einem frühen Developmentstadium, und man muss sehen, wohin es hinführt. Für nächstes Jahr haben wir ein extrem starkes Produktionsslate, das jetzt schon steht. Vor allem aber verfügen wir über eine starke Kinostaffel mit wenigen amerikanischen und einer Menge deutscher Titel. Und es sind ein paar Filme dabei, von denen ich absolut überzeugt bin, dass sie weit über die Millionenschallgrenze, einige auch über die Dreimillionengrenze gehen werden.

BF: Was sind Ihre Highlights?

MM: Es geht los mit Ostwind", einer eingeführten Franchise, die weiterhin erfolgreich sein wird. Im Familienbereich haben wir auch mit Die drei !!!" eine ganz starke Marke. Wir setzen auf zwei Sequels zu sehr erfolgreichen Filmen, nämlich "Leberkäsjunkie" und Eine ganz heiße Nummer 2". Besondere Highlights sind zwei Filme mit Elyas M'Barek. Der Fall Collini" ist hervorragend geworden und startet Mitte April. Wir hatten schon viele gute Testscreenings, aber die Zahlen von "Collini" haben sämtliche Hausrekorde gebrochen. Und dann ist da der schon erwähnte, nächste Film von Bora Dagtekin mit dem Arbeitstitel "Das perfekte Geheimnis". Dass er erfolgreich sein wird, darüber muss man gar nicht reden. Zu unseren amerikanischen Titeln zählt After Passion", eine Teenager-Lovestory auf Basis einer auch hier extrem erfolgreichen Buchreihe. Beach Bum" mit Matthew McConaughey wird ein unglaublicher Spaß werden, ein Stoner-Film von Harmony Korine, einem der großen Visionäre des Kinos. Für ein anspruchsvolles, älteres Publikum bringen wir "Kirschblüten & Dämonen", den neuesten Titel von Doris Dörrie, der wunderbar geworden ist. Wir haben eine sehr runde Staffel zusammengestellt.

BF: Was hat es mit dem Kinofilm zur Fernsehserie Berlin, Berlin" auf sich?

MM: Es gibt ja diese verschiedenen Strategien "Tumble up" oder "Tumble down", entweder man geht von einem erfolgreichen Featurefilm in eine serielle Produktion, was wir gerade bei Resident Evil" mit einer englischsprachigen Serie tun, oder wir nehmen eine bestehende Serie wie Türkisch für Anfänger" und entwickeln daraus einen Kinofilm. Das ist der Fall bei "Berlin, Berlin", den wir zu Weihnachten herausbringen. Für eine bestimmte Altersgruppe ist das eine Kultserie, und dieses Publikum wollen wir erreichen. Es gibt darüber hinaus noch einige große Produktionen, die wir in Arbeit haben, und die erst Anfang 2020 herauskommen. Monster Hunter" ist eine unserer aufwändigsten Produktionen im Multimillionendollarbereich, und Drachenreiter" ist ein großer Animationsfilm nach einem Bestseller von Cornelia Funke.

BF: Das ältere Publikum für Kino wächst. Gehen Sie verstärkt in diesen Bereich?

MM: Dieses Publikum ist schwer einzuschätzen. Es will auch unterhalten werden, aber wichtig ist, dass Qualität und Anspruch der Filme stimmen. Wir wollen dieses Publikum erreichen, und bei "Der Vorname" hat das gut geklappt. Wir übernehmen von Dimitri Rassam, dem Produzenten des Originals, noch einen weiteren Stoff, den wir mit Sönke Wortmann noch in diesem Jahr unter dem deutschen Arbeitstitel "Zwischen den Zeilen" realisieren wollen. In dieser langfristig angelegten Zusammenarbeit wird auch das französische Remake von "Dieses bescheuerte Herz" entstehen. Remakerechte sind vor allem in Europa gerade so gefragt, weil sich der Stoff auf einem Markt schon durchgesetzt hat, und sich so gewisse Risiken reduzieren lassen. Wir werden nicht nur Remakes machen, aber sie machen sehr viel Sinn, wenn man eine starke Vorlage hat. Das spart uns viel Geld in der Entwicklung, aber ein Erfolgsrezept ist es deshalb immer noch nicht.

BF: Wie schätzen Sie 2019 für das Kino und für die Constantin ein?

MM: Ich glaube an eine grundsätzliche und erhebliche Erholung des Marktes, nicht nur weil ich Filmproduzent und als solcher Berufsoptimist bin, sondern auch weil ich überzeugt bin, dass das Produkttal in 2018 kein systematisches Problem des Marktes ist. Und damit bin ich nicht alleine. Viele andere, die Marktforschung betreiben, teilen diese Ansicht. Das Geschäft wird sich 2019 wieder normalisieren. Und das Jahr beginnt schon gut mit einem deutschen Film, der sicher weit über drei Millionen Zuschauer machen wird. Ich glaube nicht, dass es eine grundsätzliche Kinomüdigkeit beim Publikum gibt. Es gibt eine Müdigkeit des Publikums, sich langweilige Filme anzuschauen, und wenn wir es schaffen, weiter so erfolgreiche Filme zu liefern, dann wird sich auch der Kinomarkt erholen. Ich erwarte eine gute bis sehr gute Marktentwicklung.

BF: Und wie wird es für die Constantin Film laufen?

MM: Bei der Constantin blicken wir schon lange nicht mehr nur auf dieses oder das nächste Jahr. Unser Plan umfasst die nächsten fünf Jahre. Alle internen Roadblocks, soweit es sie gegeben hat, wie etwa unsere Gesellschafterstruktur, sind aus dem Weg geräumt. Wir haben Aktionäre, die hinter uns stehen und die Firma zu 100 Prozent unterstützen. Wir verfügen über ein sehr gutes Managementteam, im Vorstand wie auf Geschäftsführungsebene, haben Produzenten dazu geholt und Kreative geblockt. Die Constantin ist für die nächsten drei bis fünf Jahre hervorragend aufgestellt. Auch wir müssen immer kämpfen, aber ich glaube, dass die Firma heute so gut da steht wie noch nie zuvor. Die letzten zehn Jahre waren die erfolgreichsten und profitabelsten, die unsere Firma in ihrer langen und durchaus stürmischen Geschichte je hatte.

Das Gespräch führte Ulrich Höcherl