Festival

KOMMENTAR: Irgendwie macht es Spaß

Irgendwie macht es Spaß, aber ein bisschen komisch ist es auch. Wer hat's gesagt? Richtig. Dieter Kosslick.

24.01.2019 08:10 • von Jochen Müller

Irgendwie macht es Spaß, aber ein bisschen komisch ist es auch. Wer hat's gesagt? Richtig. Dieter Kosslick. Unmittelbar nach dem Eröffnungsabend seiner ersten im Jahr 2002, als mit Tom Tykwers Heaven" die Ära des Nachfolgers von Moritz De Hadeln eingeläutet wurde. Seither hat es viel Spaß gemacht auf der Berlinale, die unter der Leitung Kosslicks zu einem Weltfestival wurde und das Kunststück vollbrachte, eine Vier-Mio.-Seelen-Metropole bis in die Randbezirke zehn Tage im Jahr für obskures und obskurstes Kino brennen zu lassen. Fragen Sie mal, ob ganz New York ins Kinofieber verfällt, wenn Tribeca durchstartet, oder ganz London seinem Festival - trotz seines hochkarätigen Programms - huldigt. Und komisch war manches auch in den letzten 18 Jahren, und das umfasst beide Bedeutungen des Wortes. Dieter Kosslick hat dafür gesorgt, dass die Berlinale ein A-Festival wurde, auf dem trotz der oftmals heftigen Filme auch gelacht werden durfte. Und dass manche Dinge durchaus seltsam erschienen:

Den Wettbewerb stets in drei zeitlich versetzten Inkrementen bekannt zu geben, trug in der Außenwirkung nicht immer dazu bei, den Kampf um die Bären wirklich als Kernstück des Festivals zu verankern, wie die notorisch antagonistischen Feuilletons der großen Tageszeitungen in ihrem Kleinkrieg mit dem Festivaldirektor stets einforderten.

Vor allem aber hat sich viel verändert seit 2002: Beim damaligen Eröffnungsfilm "Heaven" stand noch Harvey Weinstein ganz vorn auf dem roten Teppich. 18 Jahre später ist der damalige Miramax-Mogul nur noch eine Erinnerung, ein bestenfalls leise wummernder Phantomschmerz, während die Berlinale ihrer gesellschaftlichen Verantwortung als politischstes aller A-Festivals gerecht wird und gleich sieben Filmemacherinnen in den Wettbewerb der 69. Ausgabe eingeladen hat. Das Kino selbst hat anno 2019 eine andere Bedeutung im öffentlichen Diskurs, und die Feuilletons ringen in der Ära der sozialen Medien um Relevanz.

Die Berlinale indes hat, wenn überhaupt, an Strahlkraft gewonnen. Es ist ein Festival, über das man immer noch spricht, an dem man sich, wer will, reiben und abarbeiten kann. Das Programm des letzten Festivals unter Dieter Kosslick liegt vor. Wenige Deutsche, kein einziger Amerikaner auf Bärenjagd, nur zwei außer Konkurrenz, viele alte Bekannte, auf den ersten Blick viele ernste Themen. Eine große Glamour-Runde zum Abschied ist das nicht. Vielmehr ein freundlicher Hinweis, dass sich die Berlinale auch vor der kommenden Ära Rissenbeek/Chatrian stets der Filmkunst verpfl ichtet gefühlt hat. Mäkeln, welche tollen Filme der Festivalchef diesmal wieder verpasst haben soll, sollen andere. Wir sind gespannt.

Und hoffen, dass auch die letzte Berlinale unter Dieter Kosslick ein bisschen Spaß macht und ein bisschen komisch seinwird.

Thomas Schultze, Chefredakteur