Kino

Hochs und Tiefs: Europäische Kinomärkte im Vergleich

Dass der deutsche Kinomarkt mit seinem Abschneiden im vergangenen Jahr nicht gerade dem weltweiten Trend folgte, ist bekannt. Doch auch durch Europa zieht sich kein (in mehrfacher Hinsicht) roter Faden. Teils deutlich abweichende Bilanzen gehen dabei auch mit ganz unterschiedlichen Preisentwicklungen einher. Wir beleuchten an dieser Stelle ausgewählte Märkte - mit einem besonderen Fokus auf Österreich.

18.01.2019 13:09 • von Marc Mensch
"Mamma Mia! Here We Go Again" war meistgesehener Neustart 2018 in Österreich (Bild: Universal)

Das Kinojahr 2018 kannte beileibe nicht nur Verlierer - und wie bereits zu Jahresbeginn berichtet, war es nicht zuletzt das Rekordjahr in den USA, welches das globale Wachstum befeuerte. Auch wenn die Schallmauer von zwölf Mrd. Dollar Boxoffice im Heimatland der großen Hollywood-Produktionen knapp verpasst wurde: Sehen lassen kann sich ein Umsatzwachstum von vier Prozent und ein prognostizierter Anstieg der Besucherzahlen auf ähnlichem Niveau allemal. Neue Rekordumsätze steuerte auch China bei, dessen neunprozentiges Plus allerdings auf etwas weniger Begeisterung stößt - korrespondiert es doch mit einer noch ungleich stärker wachsenden Kinolandschaft. Wo Hollywood im Reich der Mitte übrigens deutlich (Marktanteils-)Federn lassen musste, zeigte sich in Südkorea ein ganz anders Bild. Zwar setzte sich der koreanische Fantasy-Hit "Along with the Gods: The Last 49 Days" im Jahresranking an die Spitze, aber immerhin sechs der zehn Toppositionen gingen an Blockbuster aus Hollywood - gerade im Vergleich mit den Vorjahren eine herausragende Quote. Die Besucherzahlen gingen in Südkorea indes zwar minimal von knapp 220 auf gut 216 Mio. zurück (das Land verfügt übrigens nur über rund 51,5 Mio. Einwohner...), beim Boxoffice reichte es aber für ein Plus von rund drei Prozent. Im Folgenden wollen wir uns indes kurz mit den Ergebnissen in ausgewählten europäischen Schlüsselmärkten befassen - und dabei vor allem den kulturell wohl "engsten" Nachbarn näher betrachten:

ÖSTERREICH

Schon der erste Blick auf die ComScore-Bilanz zeigt: Auch in der Alpenrepublik kann man mit den Kinoresultaten des Jahres 2018 nicht gerade übermäßig zufrieden sein. Rund 12,8 Mio. Besucher stehen für ein Minus von 11,4 Prozent - und markieren überdies das dritte Jahr in Folge, in dem es mit dem Kinogeschäft abwärts ging. Und doch muss man von einer insgesamt erheblich stabileren Entwicklung als in Deutschland sprechen. Denn auch wenn 2017 hierzulande mit einem soliden Plus abgeschlossen werden konnte, war das Minus 2016 umso dicker ausgefallen. Anders ausgedrückt: Zwischen den Fabelumsätzen aus 2015 und der letztjährigen Bilanz liegen in Österreich gerade einmal 13,4 Prozent - während es bei uns ganze 26,3 Prozent sind.

Tatsächlich zeigten sich die österreichischen Kinos auch erheblich stabiler, was das Abschneiden von US-Produktionen im vergangenen Jahr anbelangt. Denn während diese in Deutschland gut 13 Prozent an Besuchern und sogar fast 14 Prozent an Umsatz einbüßten, gingen ihre Zahlen im Nachbarland nur um knapp fünf bzw. rund zwei Prozent zurück. Was unmittelbar zu einer weiteren Auffälligkeit führt: den Ticketpreisen. Nicht genug damit, dass ein Kinobesuch in Österreich mit 9,52 Euro um fast neun Prozent teurer war als in Deutschland, wo im Schnitt 8,75 Euro pro Ticket fällig wurden. Nein, ganz anders als hierzulande, wo sich Tickets zuletzt um sechs Cent verbilligten, stiegen die Durchschnittspreise weiter südlich um 20 Cent oder immerhin rund 2,2 Prozent - wobei sich Vorführungen von US-Filmen sogar um 26 Cent verteuerten, während das Minus bei uns an dieser Stelle mit acht Cent sogar überproportional stark ausfiel.

Ein Phänomen, angesichts dessen sich der Verdacht aufdrängt, dass insbesondere 3D in Österreich etwas gefragter blieb als in Deutschland - allerdings wertete ComScore dieses Marktsegment nur für Deutschland gesondert aus, weshalb es bei Mutmaßungen bleiben muss. Behaupten ließe sich womöglich, dass sich österreichische Kinobetreiber unter Berücksichtigung der Größe beider Märkte insgesamt womöglich noch etwas aufgeschlossener gegenüber Premiumkonzepten zeigen als ihre hiesigen Kollegen. Beleg für diese These wären die Präsenz von Imax-, Dolby-Cinema- oder 4DX-Sälen. Zwar nahm Imax dank des Engagements von UCI zuletzt auch in Deutschland Fahrt auf, ein Dolby Cinema (hier schafft Kinopolis ja demnächst Abhilfe im Mathäser) oder 4DX lassen bei uns hingegen noch auf sich warten. Aber wie gesagt: Es handelt sich hierbei um Mutmaßungen.

Naheliegend ist zudem, dass sich die zuletzt schwächere Performance deutscher Filme auch in Österreich deutlich bemerkbar machte; auch diesbezüglich fehlt es indes an einer gesonderten Auswertung. Was die ComScore-Bilanz indes klar aufzeigt, ist ein Einbruch beim österreichischen Film, der gegenüber dem Vorjahr 21,9 Prozent seiner Besucher und 21,6 Prozent des Boxoffice verlor. Allerdings wirkt sich das Abschneiden lokaler Produktionen auf den österreichischen Markt weniger gravierend aus - sprechen wir dort doch traditionell von Marktanteilen, die weit unter jenen in Deutschland liegen. Zuletzt entfielen 5,2 Prozent der österreichischen Kinotickets und nur 4,5 Prozent des Gesamtumsatzes auf Filme "Made in Austria" - von denen sich "Arthur & Claire" mit knapp 88.000 Zuschauern und rund 737.000 Euro Umsatz als erfolgreichster (wenn auch erst auf Platz 41 im Gesamtranking) hervortat. Direkt dahinter rangierte mit "Die grüne Lüge" (gut 78.000 Besucher; 575.000 Euro Umsatz) übrigens eine Dokumentation. Populärste deutsche Produktion bei unseren Nachbarn war - wenig überraschend - das bayerische Kinophänomen "Sauerkrautkoma", das es mit gut 193.000 Besuchern auf Rang 15 schaffte. Und auch wenn "Avengers: Infinity War" hüben wie drüben der umsatzstärkste Titel (knapp 4,8 Mio. Euro) war, lief ihm in Österreich nach Besuchern noch ein Film den Rang ab, der in Deutschland "nur" auf der 10 landete: "Mamma Mia Here We Go Again" mit gut 480.000 verkauften Tickets.

SCHWEIZ

Was ihr Kinobesuchsverhalten anbelangte, zeigten sich die Eidgenossen im vergangenen Jahr offenbar auf Augenhöhe mit den Deutschen. Mit anderen Worten: Die Schweiz erlebte ebenfalls schmerzhafte Rückgänge. Die endgültige Bilanz des Branchenverbands Procinema steht zwar noch aus, aber Ende Dezember prognostizierte dieser einen Einbruch der Besucherzahlen um rund 1,4 Mio. gegenüber 2017, als noch 13,9 Mio. verkaufte Tickets gezählt wurden. Das entspräche zwar "nur" einem Minus von rund zehn Prozent - allerdings bleiben die sogenannten Landkinos bei dieser Betrachtung außen vor. Die Schweizer Zeitung Le Temps jedenfalls stellte eigene Berechnungen an - und landet bei einem Besucherrückgang um 2,2 Mio. oder 16 Prozent, also quasi dem deutschen Level. So oder so, das Urteil des Schweizer Tagesanzeigers zum Kinojahr fällt eindeutig aus: "katastrophal". Einen "derartigen Tiefpunkt", heißt es dort, habe es seit Beginn der statistischen Erhebungen im Jahr 1980 noch nicht gegeben.

Auch in der Schweiz führt man Wettereinflüsse und Fußball-WM als mitverantwortliche Faktoren an - und auch in einem anderen Punkt argumentiert man ähnlich wie beispielsweise HDF-Vorstand Thomas Negele im aktuellen Interview: Hollywood ziele derzeit zu sehr auf den asiatischen Markt und dessen Präferenzen, lässt sich Kitag-Chef ­Philippe Täschler zitieren. Wie sehr es in der Schweiz an durchschlagenden Hollywood-Erfolgen mangelte, unterstreicht schon die provisorische Zwischenbilanz zum 26. Dezember. In dieser wird "Bohemian Rhapsody" mit gut 333.000 Zuschauern als populärster Film geführt. Zum Vergleich: Noch 2015 lag die von "Spectre" gesetzte Messlatte bei knapp 969.000 Besuchern... Beklagt wird in Schweizer Medien übrigens auch das schlechte Abschneiden lokaler Produktionen, die nach Marktanteil (6,5 vs. 6,7 Prozent) gegenüber 2017 aber nur minimal abgaben.

VEREINIGTES KÖNIGREICH

Jenseits des Ärmelkanals wäre man momentan vermutlich froh, sich nur mit einem miserablen Kinojahr und nicht mit dem absoluten Brexit-Chaos auseinandersetzen zu müssen. Aber gut, liefert eben wenigstens die Filmindustrie auch jenseits der Produktionswirtschaft gute Nachrichten. Denn man darf Großbritannien und Nordirland getrost zu den klaren Gewinnern des vergangenen Kinojahres zählen - obwohl die Bilanz nicht gänzlich ungetrübt ist. Damit zunächst zum (sehr überschaubar) Negativen: Nach Angaben der U.K. Cinema Association sank das Boxoffice gegenüber 2017. Um ganze 0,1 Prozent.

Richtig gelesen - trotz der auch auf der Insel zu verzeichnenden Hitzewelle und eines gegenüber Deutschland nicht unbedingt geringeren Interesses an König Fußball blieben die Umsätze mit knapp 1,28 Mrd. Pfund praktisch völlig stabil - und dabei sprechen wir wie immer nur von den Ticketumsätzen. Womöglich ergibt sich unter Einbeziehung der Concessions-Verkäufe noch ein Plus in der Kasse. Denn auch wenn finale Auswertungen noch auf sich warten lassen (die Bilanzen sind dort ähnlich umsatzzentriert wie in den USA), steht doch eines fest: Die Besucherzahlen gingen nach oben - genug, um Experten kurz vor Jahresende das höchste Niveau seit einem Vierteljahrhundert erwarten zu lassen.

Der Grund für die abweichenden Entwicklungen liegt auf der Hand - und er ist durchaus geeignet, Debatten um künftige Geschäftsstrategien auch in Deutschland anzuheizen. Denn nicht nur Vue (die Ähnliches auch in mehreren deutschen Cinemaxx-Standorten testete) kappte die Ticketpreise teil spürbar. Der Gesamteffekt auf den Durchschnittspreis wird sich indes erst bei Vorliegen der abschließenden Besucherzahlen zeigen. Toptitel 2018 war im Vereinigten Königreich übrigens "Avengers: Infinity War", der dort rund 75,7 Mio. Pfund einspielte.

FRANKREICH

Die Fußball-WM mögen die Franzosen als Weltmeister beendet haben, für ihr Kinoergebnis gibt es indes keinen Pokal. Wobei die Bilanz durchaus nicht übermäßig negativ ausfällt. Nach vorläufigen Angaben des CNC gingen die Besucherzahlen in einem auch dort außergewöhnlich heißen und trockenen Jahr um verträgliche 4,3 Prozent auf 200,5 Mio. Zuschauer zurück (Mit anderen Worten: Es wurden nahezu doppelt so viel Tickets verkauft wie in Deutschland). Gleichzeitig konnten die Umsätze nach kurz vor Jahresende erstellten Prognosen aber in etwa auf dem Niveau des Vorjahres (1,38 Mrd. Euro) gehalten werden, wofür Experten die zunehmende Bedeutung von Imax, Dolby Cinema und 4DX (siehe auch: Österreich) verantwortlich machen.

Selbst ohne Rechenschieber macht das Verhältnis von Besuchern und Boxoffice im Vergleich zu Deutschland übrigens schon auf den ersten Blick etwas klar, das weitere Nahrung für die Preisdebatte liefern könnte. Kinotickets sind in Frankreich nach wie vor erheblich günstiger als hierzulande - 2017 belief sich die Differenz laut Erhebungen von UNIC auf rund zwei Euro pro Kinobesuch. Dass Frankreich nicht nur eine schützende, sondern auch eine ungleich großzügiger fördernde Hand über das Kino hält, dürfte der Branche dort zudem nicht eben schaden... Obwohl "Die Unglaublichen 2" mit 5,8 Mio. Besuchern übrigens der erfolgreichste Neustart in Frankreich war, baute Hollywood insgesamt ein wenig ab - was mit einem von 38,5 auf 39,3 Prozent gestiegenen lokalen Marktanteil einherging. Zum Ausnahmejahr 2015 fehlten da aber noch 7,4 Prozentpunkte. Unter dem Strich: Ein Jahr, dem man getrost den Stempel "Überaus solide" aufdrücken kann.

ITALIEN

Kommen wir zum Abschluss zu einem europäischen Markt, den Hollywood im vergangenen Jahr ebenfalls hängen ließ. Vorläufigen Zahlen von Cineteldata zufolge brachen die Umsätze mit US-Filmen um ganze 14 Prozent von knapp 388 auf etwa 334 Mio. Euro ein. Dennoch gebührten ihnen die Toppositionen in den Jahrescharts, angeführt von "Bohemian Rhapsody". Obwohl sich die erfolgreichste lokale Produktion ("Zuhause ist es am Schönsten") erst auf Rang 11 einfand, war es doch der italienische Film, der Schlimmeres verhinderte. Seine Umsätze stiegen um fast 24 Prozent auf knapp 128 Mio. Euro bei einem Besucherwachstum von 18 Prozent auf fast 20 Mio. verkaufte Tickets. Dementsprechend kletterte der lokale Marktanteil von 17,7 Prozent in 2017 auf gut 23 Prozent. Erzielt wurde dieses Resultat mit 210 neugestarteten (Ko-)Produktionen, acht weniger als im Vorjahr.

Unter dem Strich stehen für das italienische Kino Umsatzeinbußen in Höhe von fünf Prozent auf gut 555 Mio. Euro und ein Besucherminus von rund sieben Prozent auf knapp 86 Mio. Zuschauer zu Buche. Auf dieser Basis ließe sich auf den ersten Blick behaupten, dass sich der italienische Kinomarkt zuletzt erheblich stabiler entwickelte als der deutsche; wären da nicht die Resultate aus dem Vorjahr. Denn schon 2017 rutschte das Geschäft in Italien um jeweils rund zwölf Prozent ab - was den Markt zu einem der europäischen Krisenherde macht...

Marc Mensch