Kino

KOMMENTAR: Wir müssen alle an die frische Luft

Das neue Kinojahr beginnt mit einem veritablen Hit. "Der Junge muss an die frische Luft" setzt schon zum Sprung über die Zweimillionengrenze an, was 2018 keinem deutschen Film gelungen ist. Mehr "frische Luft" tut allen gut, frische Ideen und eine neue Sicht, um der Kinobranche neue Schubkraft zu verleihen.

18.01.2019 07:56 • von Jochen Müller

Das neue Kinojahr beginnt mit einem veritablen Hit. Der Junge muss an die frische Luft" setzt schon zum Sprung über die Zweimillionengrenze an, was 2018 keinem deutschen Film gelungen ist. Mehr "frische Luft" tut allen gut, frische Ideen und eine neue Sicht, um der Kinobranche neue Schubkraft zu verleihen. Wann, wenn nicht jetzt ist die richtige Zeit, um zu diskutieren, ob sich das Kino in Deutschland nur in einem Wellental oder auf einer Rutschbahn befindet. Zur Münchner Filmwoche treffen sich nun wirklich alle, die dazu Kluges beizutragen haben. Die Meinungen sind geteilt, und Schuldzuweisungen gibt es nur hinter vorgehaltener Hand. Was Kino kann, das zeigt exemplarisch Caroline Links neuer Film, der Zuschauer aller Altersklassen in Scharen anlockt und Verleiher Warner und den Theaterbetreibern noch viel Freude machen wird. Der "Junge" bringt Kino auch wieder ins Gespräch. Das gibt der einen Seite recht, die fest daran glaubt, dass Kino ein zyklisches Geschäft ist. Auf schlechte Jahre folgen auch wieder bessere. Nur das Programmangebot entscheidet über die Anziehungskraft des Mediums. Sicher gab es 2018 nicht zu wenig deutsche Filme, dafür zu wenig gute und fürs Kino geeignete. Dabei lassen sich an mindestens zwei Händen hervorragende deutsche Produktionen abzählen, nur keiner ist der nötige Überflieger­erfolg gelungen. Der "Junge" schafft das jetzt, nur ein paar Tage zu spät. Natürlich muss die aus Kinogeldern finanzierte FFA genau diese Filme fördern, nicht immer mehr, sondern gezielt die, die das Publikum für das Medium begeistern. Wie ein Projekt von Bora Dagtekin abgelehnt werden kann, bleibt das Geheimnis dieser Anstalt. Natürlich weiß die Branche längst selbst, dass mehr im Argen liegt, als der Produktnachschub. So schwer es allen auch noch in der Not fällt, es gilt, über den Tag und den eigenen Vorteil hinauszudenken. Seit Jahren wissen alle, dass der Kunde im Mittelpunkt stehen muss. Über seine Bedürfnisse gilt es mehr zu wissen. Das heißt aber auch, dass die Erkenntnisse geteilt werden müssen, um sinnvoll Schlüsse daraus ziehen zu können. Natürlich müssen die Kunden digital angesprochen werden, sie müssen digital Zugang zu Tickets haben und über digital vereinfachte Abläufe zu ihrer hoffentlich rundum zufriedenstellenden Kinoerfahrung kommen. Gefragt sind eine sinnvolle Preisdifferenzierung besonders für junges Publikum, größere Flexibilität bei den Verleihbedingungen, von der am Ende auch die Verleiher profitieren, und ein Überdenken der Konkurrenz mit digitalen Wettbewerbern. Die Unterstützung, die andere Kulturbereiche wie Theater und Museen erfahren, sollte der Politik auch die Zukunft der Kinos wert sein. Zu wichtig ist die Rolle, die ihnen als Kulturvermittler zukommt. 2019 sollte in allen Branchendiskussionen ein frischer Wind wehen: Wir müssen alle an die frische Luft.

Ulrich Höcherl, Chefredakteur