Kino

KOMMENTAR: Mehr Diversität, mehr Toleranz, mehr Neugier

Zunächst einmal Gratulation an Darren Criss, der für seine Darstellung des Mörders von Gianni Versace in der Miniserie "The Assassination of Gianni Versace" als erster Schauspieler mit philippinischen Wurzeln einen Golden Globe gewinnen konnte. Diversität kann nicht sein. Sie muss sein.

11.01.2019 09:21 • von Jochen Müller

Zunächst einmal Gratulation an Darren Criss, der für seine Darstellung des Mörders von Gianni Versace in der Miniserie "The Assassination of Gianni Versace" als erster Schauspieler mit philippinischen Wurzeln einen Golden Globe gewinnen konnte. Diversität kann nicht sein. Sie muss sein. Wenn Criss allerdings ankündigt, dass er künftig als heterosexueller Schauspieler keine homosexuellen Figuren mehr spielen wolle und diese künftig schwulen Schauspielern vorbehalten werden sollten, sattelt er auf das falsche Pferd: Das Ziel kann nicht sein, dass Fiktion aus falsch verstandener politischer Korrektheit heraus Menschen auf ihre Sexualität, Ethnie oder Herkunft reduziert.

Vielmehr muss es darum gehen, dass Sexualität, Ethnie oder Herkunft eben keine Rolle mehr spielen, dass keine Unterscheidungen getroff en werden: Menschen sollen als Menschen akzeptiert werden. Deshalb ist es wichtig, welche Geschichten erzählt werden und wie sie erzählt werden. Es ist wichtig, dass Besetzungen vor und hinter der Kamera divers sind. Es ist indes nicht entscheidend, ob ein Schauspieler dem Persönlichkeitsprofil einer Rolle entspricht. Er muss dem Rollenprofi l entsprechen.

Dankenswerterweise erfuhr Darren Criss bei den Golden Globes entschiedenen Widerspruch von Ben Whishaw, der sich 2014 als schwul geoutet hatte und sagte: "Ich bin der festen Überzeugung, dass Schauspieler alles verkörpern und darstellen können, und wir sollten nicht nur darüber definiert werden, wer wir sind. Ich würde mir wünschen, dass mehr schwule Schauspieler heterosexuelle Figuren spielen. Danach sollten wir streben."

Die große Qualität der Fiktion ist es weniger, uns den Spiegel vorzuhalten, sondern unseren Horizont zu öffnen für Erfahrungen und Lebensentwürfe, die nicht unsere eigenen sind. Wer meint, er müsse die Möglichkeiten der Fiktion durch Boykottaufrufe beschränken, weil man mit Inhalten, Machart oder Botschaften - sofern sie nicht strafbar sind - nicht übereinstimmt, erweist seiner Sache, und sei sie noch so gut gemeint, einen Bärendienst: Der Eifer, mit dem in diesen Tagen Stimmung gegen Meinungen gemacht wird, mit denen man nicht übereinstimmt, ist erschreckend.

Man fühlt sich erinnert an McCarthy, an die Roten Khmer, an Robespierre. Wenn ein Film wie Girl" angefeindet wird, weil seine Botschaft nicht positiv genug ist, wenn The Tale" angegriffen wird, weil man nicht akzeptieren will, dass Jennifer Fox in ihrer persönlichen Geschichte davon erzählt, wie sie als Minderjährige eine Affäre mit ihrem Lehrer hatte, der verweigert der Fiktion das Recht, Menschen als komplexe, widersprüchliche und fehlbare Individuen zu zeichnen. Wir brauchen mehr Verständnis, weniger Voreingenommenheit. Und wir sollten dafür kämpfen, dass Geschichtenerzähler ihre Geschichten weiter so erzählen, wie siees für richtig erachten.

Thomas Schultze, Chefredakteur