Kino

Ein Kinojahr in tiefrot - die Detailanalyse von ComScore

Mit einem von nur zwei Monaten, in denen der deutsche Kinomarkt über 2017 lag, sorgte das vierte Quartal 2018 noch für etwas Ergebniskorrektur in einem schlechten Jahr. Der deutsche Film fügt sich dabei trotz jüngster Hits in das Gesamtbild ein - und der 3D-Markt gab massiv nach.

08.01.2019 16:21 • von Marc Mensch
Verzaubern ließen sich die Kinogänger von "Phantastische Tierwesen: Grindelwalds Verbrechen", dem besucherstärksten Film 2018. (Bild: Warner)

2018 endete, wie es begonnen hatte: Mit einem veritablen Boxoffice-Feuerwerk, einer tollen Mischung an Filmen für sämtliche Altersgruppen und großer Kinolust der Deutschen. Und auch wenn kein Titel in der Größenordnung eines "Star Wars" auf den Spielplänen stand, sprangen andere Projekte in die Bresche. Umso schöner, dass eines davon die deutsche Produktion "Der Junge muss an die frische Luft" ist. Doch auch wenn Auftakt und Finale stimmten: Der Löwenanteil der dazwischenliegenden 50 Wochen bereitete Probleme - und so wird man erwartungsgemäß auf die FFA-Bilanz warten müssen, bis man wenigstens neunstellige Besucherzahlen auch offiziell wird vermelden können.

Denn die vorläufige ComScore-Jahresbilanz (ermittelt vom 4. Januar 2018 bis 2. Januar 2019) weist gerade einmal knapp 95,9 Mio. Besucher aus - wobei Previews bekanntermaßen nicht Teil dieser Bilanz sind und die FFA-Zahlen traditionell (u.a. auch wegen Nachmeldungen) höher liegen. Das Minus unter dem Strich jedenfalls ist dick: Um 15,5 Prozent ging es gegenüber dem Vorjahr nach unten. Im Vergleich zum (Umsatz-)Rekordjahr 2015 ergibt sich eine Differenz von satten 28 Prozent.

Noch ein klein wenig stärker als bei den Besuchern ging es bei den Umsätzen nach unten. Die von ComScore gezählten rund 839,3 Mio. Euro bedeuten auch unter Berücksichtigung eines "FFA-Aufschlags", dass deren Bilanz zum zweiten Mal ein Unterschreiten der Milliardenmarke ausweisen wird, seit diese erstmals 2012 geknackt worden war. Wann die Hürde innerhalb dieses Zeitraums schon einmal gerissen wurde, liegt auf der Hand: im WM-Jahr 2014. Gegenüber 2017 (999,7 Mio. Euro laut ComScore) gab das Boxoffice jedenfalls um 16 Prozent nach. Dass das Umsatzminus noch ein wenig deutlicher ausfiel, hat einen naheliegenden Grund: Die durchschnittlichen Ticketpreise sanken gegenüber dem Vorjahr um sechs Cent auf 8,75 Euro, was allerdings immer noch den zweithöchsten Wert seit Beginn der Aufzeichnungen darstellt. Zu den Gründen dafür später mehr. Gegenüber 2015, als ein Ticket im Schnitt um 21 Cent günstiger war, schrumpfte das Boxoffice um 26,3 Prozent.

Nachdem der deutsche Film 2017 noch überproportional stark abgeschnitten hatte, machte er zuletzt die Abwärtsbewegung in vollem Umfang (und sogar darüber hinaus) mit. Knapp 22 Mio. Besucher bedeuten einen Rückgang um 15,3 Prozent, nach Boxoffice (166,8 Mio.) ging es sogar um 17 Prozent nach unten. Stabil zeigte sich indes der Marktanteil, der nach Besuchern auf 22,9 Prozent verharrte, nach Umsätzen nur minimal auf 19,9 Prozent (Vorjahr: 20,1 Prozent) nachgab. Was die Zahl der Neustarts anbelangt, zeigt sich indes ein uneinheitliches Bild. Zwar debütierten mit 231 Filmen 13 deutsche Produktionen mehr als im Vorjahr, der Anteil an den Neustarts ging indes von 34,4 auf 33,7 Prozent zurück. Anders das Bild bei den 2018 insgesamt in Auswertung befindlichen Filmen: Hier waren es 24 deutsche Produktionen mehr, der Anteil kletterte leicht von 35,1 auf 35,3 Prozent.

Insgesamt zählt ComScore für das Gesamtjahr (und diesmal inklusive Previews!) acht deutsche Besuchermillionäre, einschließlich der Tickets, die für den 2017er-Start "Dieses bescheuerte Herz" alleine in 2018 verkauft wurden. Populärster deutscher Neustart 2018 war "Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer", der 1,8 Mio. Besucher begeisterte. Eine Zahl, die Warner selbst mit "Der Junge muss an die frische Luft" noch übertreffen wird. In der Jahresabrechnung stehen für den erst am 25. Dezember gestarteten Hit gut 1,3 Mio. Besucher zu Buche.

Warner steuerte auch den meistgesehenen Film 2018 bei. Für "Phantastische Tierwesen: Grindelwalds Verbrechen" wurden bislang über 3,7 Mio. Tickets verkauft - was um Haaresbreite nicht ausreichte, um Walt Disneys "Avengers: Infinity War" mit dessen knapp 3,4 Mio. Besuchern nach Umsatz (knapp 37,8 gegen gut 37,5 Mio. Euro) von der Spitze zu verdrängen. Walt Disney erwies sich einmal mehr als "effektivester" Verleih: Im Schnitt erreichte jeder der 14 in Auswertung befindlichen Titel gut 955.000 Besucher und knapp 9,5 Mio. Euro Umsatz im Bilanzzeitraum. Ein absoluter Fabelwert innerhalb des Verleiherrankings. Der übrigens noch ein wenig beeindruckender wird, wenn man bedenkt, dass Disney zwei Titel im Line-Up hatte, die erwartungsgemäß völlig unter dem Radar blieben: die Dokus "Born in China" und "Delfine", die mit jeweils gut 2000 Zuschauern den Schnitt massiv drücken...

Den Spitzenplatz unter den Verleihern bekleidete indes ein anderer Major: Mit 25 Neustarts und 31 ausgewerteten Titeln erreichte Universal gut 18 Mio. Besucher und erzielte rund 160,2 Mio. Euro Umsatz, ein Marktanteil von 18,8 bzw. 19,1 Prozent. Auch Warner schob sich mit 29 Neustarts und 32 auf den Leinwänden befindlichen Titeln noch deutlich vor Disney auf Rang 2 des Rankings. Die Hamburger standen für gut 16,5 Mio. Besucher und 148,4 Mio. Euro Boxoffice, was Anteilen von 17,2 bzw. 17,7 Prozent entspricht. Disney folgte mit 13,9 und 15,8 Prozent auf Platz 3. Erfolgreichster Independent war Studiocanal, die mit 23 Neustarts 5,6 Mio. Besucher anzogen und 42,3 Mio. Euro umsetzten. Ebenfalls in den Top Ten sind neben den Majors auch die Independents Constantin, Concorde und Universum.

Von einem Rekordsommer kann man sicherlich sowohl in Deutschland als auch den USA sprechen - leider unter gänzlich unterschiedlichen Vorzeichen. Denn während jenseits des Atlantiks großartige Zahlen geschrieben wurden, konnten in Deutschland nur Rekorde bei den Temperaturen sowie der Dauer der Trockenperiode verzeichnet werden - und die Fußball-WM gab's als "Sahnehäubchen" obendrauf. Um die gefühlte Wettereinschätzung noch eben statistisch zu belegen: Laut dem Deutschen Wetterdienst war 2018 das wärmste und sonnigste Jahr seit Beginn regelmäßiger Aufzeichnungen - und eines der niederschlagsärmsten seit 1881. "Von April bis November verliefen alle Monate ausnahmslos zu warm, zu trocken und sonnenscheinreich", so der DWD.

Schon deswegen überrascht nicht, was die ComScore-Bilanz nun schwarz auf weiß belegt: Als größter Krisenzeitraum in einem schwierigen Jahr erwies sich das zweite Quartal. Dort ging es gegenüber dem Vorjahr um ganze 27,4 Prozent bei den Besuchern und 25,9 Prozent bei den Umsätzen zurück. Nicht viel besser erging es den Kinos von Juli bis September, als sich das Minus auf 20,1 bzw. 19,9 Prozent belief. Vergleichsweise stabilster Zeitraum war das erste Quartal, als Rückgänge von 8,9 und 9,6 Prozent verzeichnet wurden. Schwächste Monate waren der Juni mit Einbrüchen von 45,9 und 44,8 Prozent sowie der April, in dem das Geschäft um 45,9 bzw. 43,0 Prozent hinterherhinkte. Berlin schlug sich übrigens mit 12,1 Prozent weniger Besuchern noch am "besten", während im Saarland 18,8 Prozent Besuche weniger zu verzeichnen waren.

Die Bewertung des vierten Quartals kommt der klassischen Debatte um das zu 50 Prozent gefüllte Glas gleich. Denn zweifelsohne sind Rückgänge von 9,2 Prozent nach Besuchern und 11,8 Prozent nach Umsatz kein per se gutes Resultat. Allerdings flachte sich der Abschwung gegenüber den Vormonaten überdeutlich ab (wobei es vor allem der November als einer von nur zwei Monaten des Jahres mit positiver Bilanz - plus 9,1 Prozent Besucher und 10,9 Prozent Umsatz - war, der zur Ergebniskorrektur beitrug) - und alleine das Fehlen von Ausnahmetiteln wie einem "Fack Ju Göhte" und einem "Star Wars" hatte schon im Vorfeld dafür gesorgt, dass niemand von einem Resultat auf dem Niveau von 2017 ausgehen durfte. So richtet sich der Blick eher auf die Einzelbewertung der gestarteten Filme. Und diese fällt, trotz der einen oder anderen Enttäuschung, durchaus positiv aus. Zumal sich (wenn auch aufgrund der Umstände viel, viel zu selten) auch in diesem Jahr zeigen konnte: Wenn gutes Programm auf entsprechende Rahmenbedingungen traf, waren volle Kinosäle auch 2018 mehr als möglich.

Allerdings war auch das vierte Quartal eines, das die Debatte um unglückliche Startterminhäufung und die Notwendigkeit der Entzerrung weiter anheizte. Denn auch wenn sich dies nicht direkt mit Zahlen belegen lässt: Dass es gerade 2018 zu Kannibalisierungseffekten kam, wird kaum jemand bestreiten.

Kommen wir zum Abschluss noch auf den gesunkenen Durchschnittspreis zu sprechen. Geschuldet ist diese Entwicklung mehreren Faktoren, von denen sich diverse Preisaktionen nicht direkt quantifizieren lassen. Der ComScore-Bilanz entnehmen lässt sich indes die deutlich reduzierte Bedeutung von 3D - auch wenn an dieser Stelle nicht nach 2D- und 3D-Umsätzen der entsprechenden Titel aufgeschlüsselt wurde. Schon alleine die von 42 auf 35 gesunkene Zahl an 3D-Neustarts zeigt, dass dem Format nicht dieselbe Bedeutung bei den Studios zukam wie noch 2017. (Wobei der Autor durchaus der Ansicht ist, dass einige der Filme - allen voran die Imax-Fassung der "Tierwesen" - in 3D enormen Mehrwert bieten konnten.) Die Besucherzahlen für 3D-Filme gingen um fast ein Drittel (32 Prozent) von 24,7 auf knapp 16,8 Mio. zurück, der Umsatz mit diesen Titeln schrumpfte um fast 86 Mio. Euro oder rund 31 Prozent auf zuletzt noch 190,7 Mio. Euro. Entsprechend geringer fielen auch die Marktanteile von 3D-Produktionen aus, die sich nur noch bei 17,5 Prozent nach Besuchern und 22,7 Prozent nach Umsätzen bewegten. Dies, wohlgemerkt, inklusive ihrer 2D-Resultate. Werte, die durchaus geeignet sein sollten, eine eigene Debatte anzufeuern. Wobei es angesichts der Zahlen an Diskussionsstoff ohnehin nicht mangeln dürfte...

Marc Mensch