Produktion

Ambitionierte Ziele für MEDIA

Was ist von Creative Europe MEDIA in der kommenden Periode zu erwarten - inhaltlich und finanziell? Einen ersten Ausblick gaben in München die Leiterin des MEDIA-Programms und die Vorsitzende des Kulturausschusses im Europäischen Parlament - die das derzeitige Budget als "nicht annähernd angemessen" ansieht.

07.12.2018 14:48 • von Marc Mensch
Lucia Recalde Langarica, die Leiterin des MEDIA-Programms (Bild: Creative Europe MEDIA)

Noch läuft das aktuelle "Creative Europe"-Programm für weitere zwei Jahre, doch die Verhandlungen über seine Zukunft ab 2021 sind natürlich längst in vollem Gang - und bereits zu diesem Zeitpunkt wurden richtungsweisende Entscheidungen getroffen. Darunter nicht zuletzt jene, Creative Europe als eigenständiges Programm fortzuführen und nicht etwa an andere Maßnahmen anzugliedern - und dabei weiter auf die bewährten "Desks" zu setzen. Zudem sehen die derzeitigen Pläne der EU-Kommission vor, das Gesamtbudget für Creative Europe von 1,46 Mrd. Euro für die laufende Periode 2014-2020 auf rund 1,85 Mrd. Euro anzuheben. Der Löwenanteil dieser Summe entfiele dabei auf das MEDIA-(Unter-)Programm, dessen Topf im Verhältnis sogar noch deutlicher anwachsen soll: von 820 Mio. Euro in der laufenden auf gut 1,08 Mrd. Euro in der kommenden Periode.

Nun wäre eine Erhöhung in diesem Rahmen schon per se nicht die schlechteste Nachricht. Allerdings verfolgt der Ausschuss für Kultur und Bildung im Europäischen Parlament noch deutlich ambitionierte Ziele, wie dessen Vorsitzende Petra Kammerevert anlässlich einer Informationsveranstaltung im Vorfeld des traditionellen Münchner Mediengesprächs im Englischen Garten ausführte. Denn auch wenn sie auf "beachtliche Erfolge" des Programms verwies und konstatierte, dass man mit den vielfältigen Maßnahmen auf dem grundsätzlich richtigen Weg sei, fiel ihr Fazit zur finanziellen Ausstattung von Creative Europe (zumal in Anbetracht der Laufzeit von sieben Jahren) unmissverständlich aus: Dieses sei "nicht annähernd angemessen". Wie knapp die Mittel tatsächlich sind, drückt wohl kaum eine Zahl besser aus als eine Ablehnungsquote von bis zu 70 Prozent, die Kammerevert in den Raum stellte. Eine Quote, die - dies wurde ausdrücklich betont - nicht etwa auf mangelnde Qualität der Anträge zurückgehe.

Kulturförderung, so die SPD-Politikerin, dürfe indes nicht etwa nur als "nice to have" betrachtet werden - und um diesen Punkt zu unterstreichen, griff sie ein Zitat des ehemaligen Bundespräsidenten Johannes Rau auf, der einst (wenn auch beim konkreten Anlass primär auf Theater und Opern gemünzt) festgestellt hatte: "Kultur ist nicht die Sahne auf dem Kuchen, sondern die Hefe im Teig". Oder mit Blick auf ein geeintes Europa: Zugehörigkeit werde im Wesentlichen über Kultur geschaffen, so die Politikerin

Nun ist Petra Kammerevert in Reihen der Kulturschaffenden ja durchaus nicht unumstritten. Schließlich hatte sie in der Debatte um die Sat/Cab-Richtlinie für eine grundsätzliche Ausweitung des Ursprungslandsprinzips gefochten, sich mit ihrer (abseits der öffentlich-rechtlichen Sender praktisch unisono heftig kritisierten) Position in dem von ihr geleiteten Ausschuss aber nicht durchgesetzt. Dass ihr Zögling Tiemo Wölken dem Rechtsausschuss dann dennoch ein Papier zur Beratung vorlegte, das ihre Handschrift trug, sorgte für besondere Verstimmung.

In Sachen Creative Europe darf sie sich hingegen breiter Zustimmung in der Branche gewiss sein, wenn sie sich gemeinsam mit ihrem Ausschuss dafür einsetzen will, eine Erhöhung des Budgets über das von der Kommission vorgeschlagenen Maß hinaus zu erreichen. Tatsächlich werde sich der Ausschuss voraussichtlich auf die Forderung nach einer Erhöhung auf rund 2,86 Mrd. Euro - und damit quasi eine Verdoppelung der Mittel aus der laufenden Periode - verständigen. Dass ein solcher Wert am Ende erreicht wird, darf bezweifelt werden. Schließlich haben gut zwei Dutzend Finanzminister noch ein Wörtchen mitzureden. Aber als Zielvorgabe könnte sich die Summe durchaus schon einmal sehen lassen. Verbunden sind damit natürlich auch entsprechende Zielsetzungen, dazu gleich im Anschluss.

Die finale Abstimmung über die Position des Parlaments, mit der dieses in die Verhandlungen mit dem Ministerrat geht, ist aktuell für Ende Februar kommenden Jahres vorgesehen. Das mag zunächst ambitioniert klingen, ist jedoch nicht zuletzt einem gewissen Zeitdruck geschuldet - schließlich wird Ende Mai 2019 ein neues Europaparlament gewählt, das sich noch einmal von Anfang an mit der Materie auseinandersetzen müsste, sollte bis dahin die erste Lesung nicht abgeschlossen sein. Dem Votum der EU-Bürger widmete Kammerevert übrigens nicht nur bei der Informationsveranstaltung, sondern auch in abendlicher Runde beim sogenannten Mediengespräch einen Gutteil ihrer Redezeit. Denn es sei nicht weniger als eine "Schicksalswahl", die da ins Haus stünde. Ihren Appell, gerade diese Stimmabgabe nicht für einen "Denkzettel" zu missbrauchen, teilen wir gerne.

Aber zurück zu Creative Europe und nun auch konkret seiner (primären) Säule MEDIA, dessen Leiterin Lucia Recalde Langarica in München schon einmal einen Ausblick auf geplante Schwerpunkte gab. Diese lassen sich ihrer Aussage zufolge unter dem Motto "Evolution statt Revolution" zusammenfassen. An der grundsätzlich bewährten Formel wolle man nicht rütteln, diverse Themen aber künftig stärker beackern - und das hoffentlich mit einem größeren Budget im Rücken. Über die diesbezüglichen Anstrengungen des Parlaments sei man jedenfalls "mehr als glücklich" so Recalde.

Grundsätzlich jedenfalls wolle man an den Kernmaßnahmen - der Förderung von Fortbildung, Projektentwicklung, Distribution und Promotion - festhalten und diese fortentwickeln, dabei aber auch neue Impulse setzen, die sich vor allem an zwei Maßgaben orientieren sollen: Zum einen dem Fokus auf das Publikum, zum anderen dem Bestreben, mehr Kooperationen zu knüpfen und engere Vernetzung zu erreichen. Letzteres ein eminent wichtiger Punkt, um es "künftig überhaupt mit globalen Playern aufnehmen zu können", so Recalde.

Zu den angestrebten "innovativen Schritten", die sie kurz in München skizzierte, zählen nicht zuletzt die Förderung innovativer Erzählweisen und ein stärkerer Fokus auf das Wachstumssegment TV (wobei damit nicht nur das lineare Fernsehen gemeint ist) - sowie die Schaffung eines VoD-Netzwerkes, das die zersplitterten europäischen Plattformen auf Augenhöhe mit Giganten wie Netflix und Amazon bringen soll. Maßnahmen, die bereits eingeleitete Schritte wie die Schaffung einer europäischen VoD-Datenbank, die Vernetzung europäischer Festivals und die globale Bewerbung herausragender europäischer Werke ergänzen sollen. Ein eigener, besonders wichtiger, Punkt sei die bessere Nutzung von Daten - und dies nicht zuletzt im Sinne einer ganz besonderen Priorität: der Herstellung von mehr Geschlechtergerechtigkeit. Diesbezüglich evaluiere man die Situation bei MEDIA gerade, erste Ergebnisse könne man voraussichtlich bei der kommenden Berlinale vorstellen.

Im Zentrum der Anstrengungen wird aber auch die Erhöhung der Effizienz des Programms stehen. In diesem Sinne sollen vor allem die administrativen Kosten gesenkt werden. Entsprechende Bemühungen, die Zahl der abgeschlossenen Verträge signifikant zu reduzieren - beispielsweise über einen Koordinator, der dann seinerseits Unterverträge mit weiteren Antragstellern schließt - erstrecken sich schon auf das laufende Programm. Die angestrebte höhere Effizienz könnte dabei durchaus zu Lasten einzelner Förderbereiche gehen. So werde beispielsweise sehr genau betrachtet, ob die (aufwändig zu prüfende) Einzelprojektförderung diesbezüglich nicht klar im Schatten der Slate-Förderung stehe.

Übrigens soll nach derzeitigem Sachstand auch der Erfolg geförderter Projekte honoriert werden. Wer es schaffe, ein nennenswertes internationales Publikum zu erreichen, solle demnach einen Förderbonus erhalten. Wobei Recalde ausdrücklich anmerkte, dass man Erfolg nicht nur kommerziell, sondern auch künstlerisch messen wolle - entsprechende Vorschläge seien ausdrücklich erwünscht. Generell betonte sie, wie sehr der Vorschlag der Kommission auf den direkten Input der Branche zurückgehe - und forderte dazu auf, diesen weiter beizusteuern.

Bei der von VdF-Geschäftsführer Johannes Klingsporn im Rahmen des Gesprächs monierten Fokussierung auf kleinere Filme aus kleineren Ländern dürfte es indes insgesamt bleiben - so zumindest darf man die Antworten von Recalde und Kammerevert verstehen. Erstere betonte, über den "Audience first"-Ansatz auch Nischenfilmen zu einem Publikum verhelfen zu wollen, letztere, dass man durchaus einen Ausgleich dafür schaffen wolle, dass kleinere Länder nicht über vergleichbare nationale Förderinstrumente verfügen wie z.B. Frankreich oder Deutschland.

Die größte Herausforderung liege darin, so Recalde, die richtige Balance zwischen Bewährtem und Innovativem zu finden. So sei eine gewisse Flexibilität unumgänglich, wolle man auf Entwicklungen innerhalb der Laufzeit des Programms reagieren können. Um zu illustrieren, wie gravierend diese ausfallen können, wählte die MEDIA-Leiterin ein denkbar nahe liegendes Beispiel: Als das aktuelle Programm aufgestellt wurde, war Netflix wenig mehr als ein Postversand für DVDs...