Kino

Markus Schleinzer: "Das Gift liegt in der Süße"

Mit seinem Regiedebüt "Michael" wurde Markus Schleinzer 2011 auf Anhieb in den Wettbewerb des Festival de Cannes eingeladen. Jetzt ist der Österreicher mit seinem zweiten Film, "Angelo", auf Festivals präsent und wurde gerade für den Österreichischen Filmpreis nominiert.

07.12.2018 12:01 • von Barbara Schuster
Markus Schleinzer bei der Arbeit (Bild: Filmladen/Ricardo Vaz Palmas)

Mit seinem Regiedebüt "Michael" wurde Markus Schleinzer 2011 auf Anhieb in den Wettbewerb des Festival de Cannes eingeladen. Jetzt ist der Österreicher mit seinem zweiten Film "Angelo" auf Festivals präsent. "Angelo" wurde gestern zudem beim Österreichischen Filmpreis u.a. in den Kategorien "Bester Film", "Bestes Drehbuch" und "Beste Regie" nominiert.

Ihr Filmregiedebüt "Michael" stammt von 2011. Warum haben Sie sich so lange Zeit gelassen für ihren zweiten Film?

Markus Schleinzer: Das hatte unterschiedliche Gründe, teilweise auch privater Natur. Zudem war "Angelo" kostenintensiver als mein erster Film. Es war schon auch eine Scheu bei den Geldgebern in Europa zu spüren. Der Sicherheitsgedanke wird logischerweise immer stärker. Die Bereitschaft, auch in ein Experiment oder in das nicht Katalogisierbare zu investieren, sinkt. Karrieren wie Michael Haneke sie gemacht hat, wird es nie wieder geben.

Produzenten von "Angelo" sind Novotny & Novotny sowie Amour Fou. Wie haben Sie sie gefunden?

Markus Schleinzer: Das war der Heimvorteil. Für Novotny & Novotny habe ich als Caster bereits viel gearbeitet, und Amour Fou Luxembourg, die ja auch in Wien präsent sind, kannten mich ebenfalls. Die Vorbereitungszeit hat sich etwas in die Länge gezogen, weil wir uns sehr schwer damit getan haben, Naturlandschaften in Europa zu finden. Mir war nicht bewusst, dass es nur mehr ganz wenig davon gibt. Obwohl dieser Film relativ wenig Außenaufnahmen hat, war es schwierig, für die wenigen Szenen diese wichtigen Naturlandschaften zu finden. Wir haben ausschließlich nur noch Kulturlandschaften, die so stark gestaltet sind.

"Angelo" erzählt die Lebensgeschichte von Angelo Soliman, der im Wien des 18. Jahrhundert als "hochfürstlicher Mohr" zu Bekanntheit kam. In Wien lernt man diese Geschichte vermutlich bereits als Kind kennen. Was hat Sie gereizt, den Stoff filmisch umzusetzen?

Markus Schleinzer: "Angelo" war mir tatsächlich seit meiner Kinderzeit bekannt. Wie viele andere Österreicher bin ich mit Geschichten und Anekdoten über ihn aufgewachsen. Über den "Mohr von Wien" kursierten allerhand Geschichten, er sei der beste Freund des Kaisers gewesen, sie hätten zusammen Schach gespielt, Mozart habe ihn gekannt und und und... Die Wiener sind sehr brachial in ihrem Humor und finden ganz lange ganz vieles lustig. Es gibt Anekdoten, dass die Wiener Angelo gerne in seine Unterschenkel gezwickt haben, weil sie glaubten, er trage braune Socken. Das wird alles sehr lieblich erzählt. Im Wienerischen liegt das Gift immer in der Süße. Genau das bietet dieser Stoff: Die herrliche Schwere dieses Einzelschicksals sowie die herrliche Süße und Lieblichkeit dieses Schauspiels, das eigentlich prädestiniert ist für einen Willi-Forst-Film. Von "Michael" ausgehend war für mich irgendwann klar, dass mein nächstes Projekt eine gewisse Sinnlichkeit haben muss. Bei "Angelo" ist dies allein durch die zeitliche Einbettung gegeben. Zudem bringt der Stoff alle Insignien mit, die mich interessieren: Wie schon in "Michael" geht es auch jetzt wieder um einen Außenseiter in einer Gesellschaft und um den Umgang mit dessen Schicksal. Das ist bis jetzt mein Leitthema. Es geht um den "Anderen" und wie wir ihn behandeln. Das ist ein sehr wichtiger Seismograph, um uns als Gesellschaft abzubilden, um zu erkennen, wo wir gerade stehen, wie wir die Anderen behandeln, wen wir bereits als "anders" benennen. Ich glaube, dass wir immer eine Begrifflichkeit wie "der Andere/die Andere" brauchen, um uns selbst zu entwickeln, um zu erkennen, wo bin ich, wo bist du, was ist meine Individualität, wo sind meine Grenzen, wo sind deine Grenzen. In den letzten zehn bis 20 Jahren wird allerdings extrem Schindluder getrieben und politisches Kleingeld gemacht, um "das Andere/den Anderen/die Andere" als Feindbild wieder aufzubauen. Bar jeder Vernunft, bar jeder faktischen Überprüfungsmöglichkeit.

Sie haben viele Jahre als Casting Director für alle großen Filmemacher Österreichs gearbeitet, zeichneten auch für das Kindercasting für Michael Hanekes "Das weiße Band" verantwortlich. Ihr "Angelo" beginnt ebenfalls mit einem Kindercasting...

Markus Schleinzer: Ich liebe es, mit Kindern zu arbeiten. Das ist großartig. Bresson hat einmal gesagt, dass der Zauber eines Kindes vor der Kamera seine Unbewusstheit sei. Kinder sind bis zu einem gewissen Alter der Bürde der Eitelkeit enthoben, man schaut ihnen direkter und unverstellter in so etwas wie eine Seele hinein. Ein Kind, das die Kamera vergisst und nur spielen kann, nur "ist", berührt mich sehr viel schneller, als alles, was man mit Handwerk und Talent produzieren muss. Wahrscheinlich sind die besten SchauspielerInnen der Welt die, die sich diese Form des kindlichen Umgangs mit szenischem Spiel erhalten haben. Es ist ein unglaubliches Geschenk. Gleichzeitig birgt es aber auch viele Gefahren in sich, weil man genau überdenken muss, wie man Dinge mit Kindern erarbeitet, was für sie zumutbar ist. Papier ist sehr geduldig, man kann so viel schreiben. Aber als RegisseurIn sollte man immer auch im Kopf behalten, dass man das Projekt im Bewusstsein des Geschriebenen realisieren muss. Da muss man dann die Verantwortung übernehmen.

In Ihrem Film ist vieles historisch belegt. Dennoch kann man auch sehr moderne Themen darin finden wie die Höherstellung einer Gesellschaft über andere; Überstülpen von religiösen Werten; die "gute Erziehung" dahingehend, dass man als Rädchen im System funktioniert; und natürlich ganz stark die Themen Heimat vs Fremde sowie Freiheit. Warum ist es Ihrer Meinung nach richtig und wichtig, diesen Film gerade jetzt, im Jahr 2018, zu zeigen?

Markus Schleinzer: Das sind Themen, die weite Teile von Europa fest im Griff haben. Dieses zentralistische und selbstherrliche Denken ist nach wie vor Wurzel und Quelle allen Übels. Die Arroganz einer herrschenden Elite gab es zu allen Jahrhunderten, seit es Menschen gibt. Und sie sorgte oft dafür, dass diese Eliten und Gesellschaften zu Fall gebracht wurden. Wir leben heute wieder in einem Zeitalter der Arroganz. Wir müssen gar nicht weit schauen, denn natürlich könnte man gleich rufen: Trump! Die US-Politik bestimmt zwar auch uns in einer globalisierten Welt. Aber man muss gar nicht Donald Trump verteufeln, wenn man jemanden sucht, den man verteufeln will. Man muss gar nicht so weit gehen. Auch in unseren Gesellschaften gibt es viel Arroganz. Mich tröstet, dass dies nichts originär Europäisches ist. Es gab aus allen möglichen Ländern zu allen Jahrhunderten Geschichten, die dann auch Europäer lächerlich gemacht haben, weil man es nicht besser wusste, weil man sich damals nicht begegnen konnte. Deshalb musste alles, was außerhalb des eigenen Radius' war, zwangsläufig das Wilde, das Fremde und das Dunkle sein.

Wie gestaltete sich die Recherche?

Markus Schleinzer: Es hat sich sehr schnell herausgestellt, dass all das, was wir uns in herrlichen Anekdoten über Herrn Soliman berichten, historisch nicht recherchierbar ist. Der Name taucht zum ersten Mal auf, als Angelo Soliman schon um die 45 Jahre alt ist. Alles, was man sich aus seinem Leben davor erzählt, sind "fake news", wie man heute sagen würde. Das hat mich interessiert, wie man einem Menschen, dem man zu Lebzeiten die Identität genommen und den man zwangsassimiliert hat, durch unseren Umgang mit Geschichte und geschichtlicher Verantwortlichkeit bis heute seine Identität nimmt und in ihn immer noch unsere Geschichten hineinlegt. Das ist ein extremer Spiegel. Aus diesem Aspekt heraus habe ich auch versucht, das Drehbuch zu gestalten. Angelo ist eine eher schweigsame Figur, in die alle anderen ihren Sermon hineinplappern. Er ist für das Scheinen der anderen wichtig. Ich glaube, dass Herr Soliman in seinem Jahrhundert an diesen Aristokratenhöfen ein Ornament war, das dazu da war, die weltumspannende Herrlichkeit zu stärken, zu heben, sichtbar zu machen. Nicht nur Kleider machen Leute, auch die richtigen Accessoires. Natürlich haben die Herrscherhäuser, sobald es möglich war, ihre Schiffe ausgeschickt und das Exotischste, was man finden konnte, in ihre Häuser geholt. Heute wäre Herr Soliman ein It-Accessoire, ein Must-Have.

Wie hat sich der Prozess des Drehbuchschreibens gestaltet? Haben Sie eine bestimmte Methode - ganz allgemein gesprochen...

Markus Schleinzer: Mein Vorgehen ist wahnsinnig anstrengend für Produzenten und Förderjurys. Ich bin Autodidakt. Ich schreibe meine Drehbücher grundsätzlich in Prosa, von Anfang bis Ende. Was es vielen Menschen schwierig macht, das Drehbuch zu erkennen, weil es keine klassische Drehbuchform hat. Manchmal muss ich, um bei den Förderinstituten zugelassen zu werden, ein paar Seiten eines Pseudo-Drehbuchs gestalten. Aber leicht ist es nicht, denn weder das Drehbuch von "Michael" noch das Drehbuch von "Angelo" operiert über das gesprochene Wort. "Angelo" etwas mehr als "Michael", weil es da in der zentralen Rolle des Kaisers schon auch jemanden gibt, der durch direkte Rede Inhalte verhandelt. Die Filme, die ich am liebsten mag, sind nicht die Filme, die mich zumüllen mit entbehrlichen Textmaterial, sondern Filme, die mir den Freiraum lassen, einen eigenen Erkenntnisgewinn zu bekommen.

Bei "Angelo" kam noch die der Epoche entsprechende Sprache dazu. Es ist eine ganz präzise Theatersprache. Raum für Improvisation scheint es bei Ihnen nicht zu geben?

Markus Schleinzer: Es gibt im Gegenteil viele Szenen, die wir improvisiert haben, vor allem an Stellen, wo der Film auch eine Freiheit bekommen darf. Zum Beispiel, als der Junge nach einer bestandenen Prüfung mit den Mägden Fangen spielt, um die hinter sich gebrachte Anstrengung zu kanalisieren. Hier werden alle Hierarchien, alles, was erlaubt ist, durchbrochen. Auch mit dem Jungen gibt es viele Szenen, wo wir ihn einfach haben machen lassen. Es wäre der Tod einer jeden Frische bei Kinderdarstellern, wenn man ihnen nicht etwa 80 Prozent ihr Eigenes lässt. Meine Filme haben wenig Text. Deshalb sind der Raum und der Körper bei mir entscheidend.

Wie würden Sie Ihren Arbeitsstil als Regisseur beschreiben?

Markus Schleinzer: Alles, was ich weiß, habe ich als Caster und bei meiner Mitarbeit an verschiedenen Sets von Michael Haneke gelernt. Ich bin ein absoluter Vorbereitungs-Junkie. Da gibt es nichts, was nicht mindestens zehn Tests durchlaufen hat. Ich bin niemand, der sich erst am Drehtag Fragen stellen möchte. Das mache ich nicht aus Angst, vielmehr habe ich das Gefühl, dass dieses Vorbereitetsein mich am eigentlichen Drehtag wieder komplett frei macht. Mit Lukas Miko, der den Kaiser spielt, habe ich mich drei Jahre lang immer wieder getroffen, drei Jahre lang seine Texte immer und immer wieder probiert. Er ist einer der wenigen Menschen im Film mit viel Text. Mit Makita Samba, der den erwachsenen Angelo spielt, und Larisa Faber, die Angelos Frau spielt, habe ich vor allem körperlich gearbeitet, mit einem Tanzchoach zusammen.

Sie kennen eigentlich alle Facetten der Filmbranche, Sie waren/sind nicht nur Casting Director, sondern sind auch Schauspieler und Drehbuchautor...

Markus Schleinzer: Ich habe beim Catering auch schon Brote geschmiert und Straßen abgesperrt!

Wie suchen Sie sich denn als Schauspieler die Rollen aus? Zwischen "Michael" und "Angelo" traten Sie selbst in ganz unterschiedlichen Kino- und TV-Filmen auf....

Markus Schleinzer: Ich bin einer der entbehrlichsten Schauspieler dieses Erdballes. Aber ich muss ja auch meine Miete bezahlen. Ich alter Narr stecke mein ganzes Geld immer in die eigenen Projekte. Mit meinen beiden Filmen habe ich auf jeden Fall bisher keinen einzigen Cent verdient. Beim Filmemachen geht es mir um die Qualität. Das soll nicht überheblich klingen. Aber wenn ich inszeniere, kann ich für mich gesprochen näher an eine Form von Präzision herankommen als beim Schauspielen.

Könnten Sie sich vorstellen, als Regisseur auch für das Fernsehen zu arbeiten?

Markus Schleinzer: Mir geht es nicht darum, Film zu machen. Ich bin daran interessiert, Qualität zu machen. Wenn sich das mit Fernsehen vereinbaren lässt, dann sehr gerne. Da habe ich gar nichts dagegen. Ich finde, dass jedes Medium seine eigene Sprache bedingt. Im Fernsehen ist anderes möglich oder nicht möglich als beim Kino möglich oder nicht möglich ist. Ich hatte durchaus Angebote, aber es ist sich bisher zeitlich nie ausgegangen. Beim Fernsehen lernt man andere Dinge, die einem beim Filmemachen fürs Kino auch nicht schaden können.

Das Interview führte Barbara Schuster