Kino

Neues Kinojuwel für München

"Punktlandung" war wohl selten zuvor so wörtlich zu nehmen wie im Fall der Eröffnung der Astor Film Lounge im Arri. Und was dort bis zur buchstäblich letzten Minute geleistet wurde, ist in jeder Hinsicht großes Kino.

07.12.2018 11:04 • von Marc Mensch
Hans-Joachim Flebbe und Joseph Vilsmaier bei der feierlichen Eröffnung der Astor Film Lounge im Arri (Bild: Premium Entertainment München GmbH/Bernd Wackerbauer)

Der Münchner Kinolandschaft hat Hans-Joachim Flebbe bereits vor Jahrzehnten seinen Stempel aufgedrückt - und das nicht etwa erst 1993 mit der Eröffnung des damals noch Maxx getauften ersten Multiplexes der Landeshauptstadt. Denn schon in den 1980ern Jahren war Flebbe in der Arthouse-Szene Münchens aktiv, übernahm mit unterschiedlichen Partnern das Studio Isabella, den Türkendolch und das Kino Neues Rottmann.

Nun feierte Flebbe erneut einen (diesmal besonders glanzvollen) Einstand an der Isar - und angesichts der immensen Veränderungen, die das ehrwürdige Arri-Kino erfuhr, möchte man doch eher von einer Neu- als einer Wiedereröffnung sprechen. Denn auch wenn der einstige Saal als Teil des Gesamtprojektes erhalten und modernisiert wurde, erinnert nur noch wenig an das Ein-Saal-Haus, an dessen Stelle nun die Astor Film Lounge im Arri steht - und das ist durchweg positiv zu verstehen.

Wie viel mehr Komfort schon das Bestandsauditorium nach dem Umbau bietet, lässt sich mit wenigen Worten vermitteln. Denn die Zahl der Sitzplätze wurde buchstäblich halbiert, von 360 auf nun 175. Ganz besondere Atmosphäre bietet das Club-Kino mit seinen 80 Plätzen, das - den Vorbildern aus Köln und Berlin folgend - ganz im Stil einer Bibliothek gehalten ist. Tausende von Büchern, die die Regale füllen, sind übrigens nicht nur Staffage. Tatsächlich sind Besucher eingeladen, sich das eine oder andere Werk auszuleihen und zuhause zu genießen. Ein Angebot, das sich an anderen Standorten schon bewährt habe, wie Kerstin Schmidt schildert. Tatsächlich sei die Zahl der Bücher dort dank entsprechender "Mitbringsel" eher noch gewachsen.

Schmidt, die schon für das alte Arri-Kino (und die Astor-Lounge im Bayerischen Hof) verantwortlich zeichnete, wird die Geschicke der jüngsten Astor Film Lounge gemeinsam mit Richard Baumgärtner leiten und dabei, beraten vom ehemaligen Betreiber Christoph Ott, den Fokus auf ein Programm zwischen Arthouse und "gehobenem Mainstream" legen. Letzterer kommt natürlich besonders gut im Kronjuwel des neuen Kinos zur Geltung - dem Saal Astor.

Einem schon in technischer Hinsicht außergewöhnlichen Auditorium, für dessen innere Werte (wie bereits in der erst vor wenigen Tagen eröffneten Astor Film Lounge Hafen City) Cine Project verantwortlich zeichnet. Egal ob das aktuelle 6P-RGB-Laser-Flaggschiff von Barco, ein beeindruckendes Atmos-Set-Up, Luxus-Recliner mit und ohne elektrischer Steuerung, eine LED-Installation, die mehr kann, als nur Lichtstimmung zu erzeugen oder vor allem eine Leinwand, die mit gut acht auf zwanzig Meter Ausmaß in München höchstens noch vom (m)K6 übertroffen wird: Wünsche lässt dieser Saal mit seinen 335 Plätzen wohl kaum offen. Übrigens geben Barco-Laser (in der Phosphor-Variante) auch in den beiden anderen Sälen das Bild an.

Was Hans-Joachim Flebbe letztlich mit dem CanCan-Ensemble "Tiller-Girls", einem Auftritt von Kabarettist Willy Astor, einer Queen-Cover-Combo und den Filmen "Bohemian Rhapsody", "100 Dinge" und "Widows" eröffnen konnte, war in jeglicher Hinsicht eine Kraftanstrengung - nicht zuletzt finanziell. Alleine in den Innenausbau flossen gut sechs Mio. Euro, insgesamt summieren sich die Kosten für das Projekt laut Flebbe auf rund zehn Mio. Euro. Das einfachste Projekt, das er in seiner langen Kinokarriere gestemmt hat, war dieses nicht unbedingt - ganz im Gegenteil. Tatsächlich scherzte er vor den rund 400 Gästen, er habe sich durchaus an manchen Tagen gefragt, ob man das Dornröschen nicht lieber hätte schlafen lassen sollen. Als sprichwörtlicher Fels in der Brandung hätte sich allerdings der Partner und Vermieter, insbesondere in Person von Arri-Vorstand Jörg Pohlman, erwiesen

Nicht zuletzt die rund 1,20 Meter dicken, massiv stahlverstärkten, aber leider heutigen Brandschutzanforderungen nicht mehr genügenden Wände des ehemaligen Studios, dessen Raum jetzt der Vorzeigesaal einnimmt, sorgten für gehörige Herausforderungen beim Bau. Am Ende war es buchstäblich eine Frage von Minuten, wie Flebbe (sichtlich erleichtert!) bei der Einweihungszeremonie bekannte: Die Betriebsgenehmigung wurde ihm förmlich mit dem geplanten Öffnen der Türen ausgehändigt...

Komplett abgeschlossen ist das Projekt allerdings noch nicht, der Hausherr selbst spricht von "90 Prozent". So wird unter anderem noch an der neuen Arri-Bar gearbeitet, die in Ergänzung zum großzügigen Foyer zum Verweilen lädt. Und vor allem der Eingang wird in den kommenden Monaten noch ein völlig anderes Gesicht erhalten, konnte man sich doch die Genehmigung für ein repräsentatives Vordach sichern.

Indes sind es nicht nur die technischen und gestalterischen Werte, die das jüngste Mitglied der Astor-Familie auszeichnen. Und womöglich ist es bezeichnend, wofür Hans-Joachim Flebbe am Vorabend der Eröffnungsfeier beim Pressegespräch im großen Saal enthusiastischen Applaus der Kollegen von der schreibenden Zunft einfuhr. Nicht für die gut 80.000 Watt der Atmos-Anlage, nicht für die rund 6000 LED-Spots, nicht für die 45.000 Lumen, die der (im regulären 2D-Betrieb natürlich gedrosselte) Flagship-Laser auf die Leinwand wirft. Sondern für die Ansage, dass Mitarbeiter sich auch während der Vorstellung versichern würden, dass alles so läuft, wie man es von einem Kino dieser Güteklasse erwarten kann - und dass unbelehrbaren Handy-Nutzern notfalls freundlich, aber bestimmt die Tür gewiesen wird. Und dann wäre da noch ein Punkt, der die Astor Film Lounge im Arri auf Anhieb in einen doch recht elitären Club hievt: jenen der wenigen Häuser, in denen 70mm-Filme gezeigt werden können. Ein entsprechender Projektor wartet nur auf seinen Einsatz...