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Bettina Reitz: "Der Fernsehfilm muss sich anstrengen"

Nach drei Jahren endet Bettina Reitz' Mission als Jury-Vorsitzende beim Fernseh-Filmfestival Baden-Baden. Blickpunkt:Film sprach mit der HFF-Präsidentin über den Status quo des Fernsehfilms, seine Zukunft und die des Festivals.

07.12.2018 08:28 • von Frank Heine
Bettina Reitz nach ihrer letzten öffentlichen Jury-Besprechung (Bild: Barbara Dietl)

Frau Reitz, wie ist Ihr Eindruck vom diesjährigen Festival-Jahrgang, gerade auch im Hinblick auf die Erfahrungen des vergangenen Jahres, als sie ja Kritik an der Qualität der Filme äußerten?

Bettina Reitz : Man musste im vergangenen Jahr zwischen dem gesamten Jahrgang und den Festival-Einreichungen unterscheiden. Wir glauben schon, dass der Jahrgang 2017 besser war, als es das Festival abbilden konnte. Unser Kommentar war eine Kritik an den Einreichentscheidungen der Sender, aber auch an der Auswahl der Akademie der Darstellenden Künste. Deshalb gab es in diesem Jahr erstmals eine zusätzliche Auswahlkommission. Auch da gab es Diskussionen, und es kam nicht jeder Film in die Auswahl, der es aus meiner Sicht verdient hätte. Daran kann man erkennen, dass wir in diesem Jahr einen stärkeren Jahrgang gesehen haben.

Lässt sich von diesem Jahrgang etwas ableiten für den Status des Fernsehfilms, der ja unter der starken Hinwendung zur Serie leidet?

BR: Zunächst einmal sollte man positiv festhalten, dass es in Deutschland gelungen ist, an die großen internationalen Serienproduktionen anzuschließen. Ich bin aber auch positiv von der Bandbreite und Vielfalt des Fernsehfilms überrascht. Man spürt, dass er sich ausprobiert. Sowohl in veränderten Budgetbedingungen, wofür einige fast theaterhafte, kammerspielartige Formen sprechen, die den Fernsehfilm als kleine, konzentrierte Erzählung sehen. Gleichzeitig gibt es sehr aufwändige Ansätze, bei denen sich sehr viele Partner zusammengetan haben, um solch einen Film überhaupt möglich zu machen. Dazu gehören Die Freibadclique" oder Kästner und der kleine Dienstag". Man sieht wieder politische Filme, zum Teil mit internationalem Fokus, wie auch kulturreligiöse Konstellationen und Konflikte unserer Zeit. Familien- und Paarstrukturen werden unter Einbindung jüngerer Generationen hinterfragt. Es gibt wieder viele unterschiedliche Angebote. Daher war das Festival in diesem Jahr vielschichtig und interessant.

Auffällig häufig wurde auf einen möglichen Einfluss der #MeToo-Debatte auf die Gestaltung von Frauenfiguren eingegangen. Wie ist Ihr Eindruck?

BR: Inzwischen wird ganz anders beobachtet und diskutiert. Allein dadurch hat sich etwas verändert. Momentan gibt es eine Welle von Filmen, die suggerieren, die Frau müsse beschützt werden, wie es Julia von Heinz beobachtet und formuliert hat. Ob das immer genau so gewollt oder doch nur passiert ist, weiß ich nicht. Aber es ist uns aufgefallen.

Immer wieder kommt es zu Diskrepanzen zwischen fachlicher Meinung und Publikumswahrnehmung. Ist das auch eine Stärke des Festivals? Wie sollte man als Jury mit diesem Aspekt umgehen?

BR: Es ist eine Stärke des Festivals, aber die Jury klammert das aus. Wir sind eine Fachjury, ausgestattet mit einer aus den jeweiligen beruflichen Erfahrungen herrührenden Expertise. Eine Jury, die das beurteilt, was sie sieht. Es ist auch die Aufgabe einer Fachjury, die Entfaltungs- und Wirkungsmöglichkeit eines Filmes und seines künstlerischen Potenzials zu erfassen, im Unterschied zu einem gut gemachten, stimmig erzählten Film, den man leider nach einigen Tagen schon wieder vergessen hat. Deshalb ist der Moment der Diskussion immer nur eine Bestandsaufnahme, in der vor allem die unmittelbaren Qualitäten oder sichtbaren Schwächen berücksichtigt werden. Unsere Jury setzt sich bewusst noch ein weiteres Mal zusammen, und beginnt die Diskussion noch einmal neu. In der Reflexion des vorher Gesagten kommt so oft eine Eigendynamik in eine Jury hinein, die weitere Kriterien einfordert, an denen man sich neu abarbeiten muss.

Wie wichtig ist es, in einem solchen Prozess, sich auch mal zurückzunehmen, den eigenen Geschmack hinten an zu stellen?

BR: Wenn jeder nur nach seinem persönlichen Geschmack urteilen würde, wäre das eine subjektiv gelenkte, von biographischen Vorlieben geprägte Entscheidung. Genau das bleibt dem Publikum vorbehalten. Ich halte unsere professionelle Herangehensweise, um zu einem Urteil zu kommen für wichtig und hilfreich, da sie - manchmal schmerzhaft - in die Tiefe geht. Meine Rolle ist sehr unterschiedlich. Wenn ich Juroren habe, die um ihr Meinungsbild ringen, muss ich mich stärker einbringen, um Vertrauen dafür zu schaffen, dass jeder Beitrag willkommen ist. Ich muss eher in Vorleistung gehen. Die Jury in diesem Jahr empfinde ich als ehrlich und klar in ihren Einschätzungen. Dann kann und muss ich mich sogar öfter zurücknehmen, allein schon wegen des Zeitfaktors, weil ja auch die Studentenjury und das Publikum ihren Raum bekommen sollen. Ich sehe meine Rolle sowohl als Teil der Jury, aber auch als Moderatorin. Das bedeutet aber nicht, dass ich - gerade wenn die Jury unter sich ist - meine eigene Meinung zu den Filmen nicht sehr dezidiert formulieren würde.

Glauben Sie, dass die im Vorjahr festgestellte "Krise des Fernsehfilms" vom Tisch ist oder gab es diese Krise gar nicht?

BR: Ich würde sagen, der Fernsehfilm steht grundsätzlich unter Beobachtung. Die Konkurrenz von außen ist groß und unsere Zeit nur begrenzt. Es stellt sich die Frage, wann wir all das Angebotene noch ansehen können. Deshalb muss sich der Fernsehfilm anstrengen. Man kann feststellen, dass sich der Fernsehfilm in Zeiten der linearen Abkehr traut, auch wieder andere Längen als 88.30 Minuten anzubieten. Die Chancen sind wieder größer, mit dem Fernsehfilm Geschichten in einer fokussierten Erzählform und einer charakterlich genauen Herausarbeitung zu erzählen. So wie es für die jeweils zu erzählende Geschichte am besten passt. Ein Film wie Fremder Feind" ist ein gutes Beispiel dafür, was ein 90minüter in seiner Komplexität und Visualität zu leisten vermag. Auch bei vielen anderen Filmen war man dankbar, dass es sich um keine Serie handelte und man sich nicht in der Seriendramaturgie bewegen musste. Anderseits gab es Filme, denen es gut getan hätte, als Mehrteiler erzählt zu werden. Das kann man intensiv diskutieren. Auf keinen Fall darf sich der Fernsehfilm jetzt ausruhen. Aber wenn er mutig ist, hat er gute Chancen, nicht nur konsumiert, sondern wahrgenommen zu werden. Auch, weil er im Vergleich zu den Serien den Zeitvorteil auf seiner Seite hat und schneller zu bewältigen ist bzw. Wirkung zeigt.

Sind Sie als Präsidentin der HFF München nicht auch selbst gefordert, Ihre Studenten für die Fernsehfilme zu sensibilisieren und zu begeistern?

BR: Ich habe das als wichtige Aufgabe erachtet und mich auch deshalb für die Studentenjury so stark gemacht. Gerade auch bei der HFF, denn wir waren dort zwischenzeitlich nicht mehr vertreten. Meine Idee, die Studentenjury stärker einzubinden, hat dem Festival gut getan. Grundsätzlich muss man den Dialog zwischen den Sendern und den nachfolgenden Generationen stärken. Die Filmhochschulen sind da nur ein Aspekt, aber ein wichtiger. Nicht nur die Nachwuchsredaktionen, auch die großen Fernsehfilmredaktionen sollten an den Hochschulen präsent sein. Sendervertreter könnten zum Beispiel den Studierenden ihre Top-3-TV-Filme des Jahres zeigen und mit ihnen darüber diskutieren. Mit so einem Format würde man die Studierenden wieder stärker an TV-Filme binden.

Sie kehren dem Festival in Baden-Baden als Jury-Vorsitzende den Rücken, obwohl die Festivalleitung gerne noch einmal mit Ihnen verlängert hätte. Warum?

BR: Die Aufgabe ist sehr zeitintensiv und schwer zu vereinbaren mit meiner Arbeit als Präsidentin der HFF und den anderen Funktionen, in denen ich mit der Branche verhaftet bin. Ich möchte aber explizit betonen, was für eine große Freude es war, letztlich das ganze Jahr über im Schulterschluss mit Cathrin Ehrlich zusammenzuarbeiten. Im Hintergrund waren wir immer als Team unterwegs, natürlich gemeinsam mit der Akademie-Leitung und Cathrins fantastischem Team. Ich wüsste nicht, wo das Festival ohne diese großartigen Menschen und ihr Engagement stünde. Es war für mich eine Ehre und eine Freude, dass ich gefragt wurde, ob ich noch einmal verlängern will. Ich habe darüber nachgedacht. Gerade die vielen Reaktionen, in denen die Bedeutung des Festivals und des öffentlichen Diskurses gelobt und eingefordert werden, stimmten mich nachdenklich, da Baden-Baden hierfür noch eine geschützte Insel ist! Aber wer mich kennt, weiß, dass ich keinen Wechsel scheue und ein Talent dafür habe, dann aufzuhören, wenn man mich vermisst. Der Fernsehfilm befindet sich so sehr im Wandel, dass er so einen Wandel auch an einem Festival wie in Baden-Baden vorleben muss. Ich will da Beispiel sein, und meinen Platz räumen.

Was würden Sie dem Festival für die Zukunft mit auf den Weg geben?

BR: Ich wünsche ihm ein langes Leben mit aller Kraft zur Veränderung. Es hat sich schon weiterentwickelt und geht mit der Zeit. Aber man kann noch viel mehr tun. Und deshalb hoffe ich, dass sich verlässliche und auch neue Partner finden, die für eine gute Ausstattung des Festivals sorgen, damit es seine Wirkung entfalten und auch eine Strategie für die nächsten Jahre entwickeln kann.

Das Interview führte Frank Heine