Kino

"Das Saarland ist nicht Hollywood"

Uwe Conradt ist als Geschäftsführer der Landesmedienanstalt Saarland auch Chef der Saarland Medien GmbH, die 20-jähriges Jubiläum feierte. Hier erklärt er, wie sich sein -kleines -Bundesland für die Filmbranche stark macht.

07.12.2018 09:22 • von Jochen Müller
Uwe Conradt (Bild: Carsten Simon)

Uwe Conradt ist als Geschäftsführer der Landesmedienanstalt Saarland auch Chef der Saarland Medien GmbH, die 20-jähriges Jubiläum feierte. Hier erklärt er, wie sich sein -kleines -Bundesland für die Filmbranche stark macht.

Welches sind die Ziele und Aufgaben der SLM, wie ist sie aufgebaut?

Uwe Conradt: Seit 1998 gibt es eine gemeinsame Tochter des Saarlandes und der Landesmedienanstalt, die Saarland Medien GmbH. Die Geschäftsführung und Geschäftsbesorgung liegt bei der LMS, d.h., im Hauptamt bin ich Direktor der LMS, das andere ist ein Nebenamt. Das Land und die LMS geben jedes Jahr Geld in den Topf der Saarland Medien und mit dem wird der Medien- und Filmstandort gefördert, und zwar 50/50. Dazu kommen noch Projektfördermittel.

Zwischen den Aufgaben der LMS und der Saarland Medien ist also zu unterscheiden?

UC: Ja, die LMS hat zwar auch die Aufgabe, den Medienstandort zu fördern, und in dem Rahmen gibt sie das Geld aus dem Rundfunkbeitrag in die GmbH, aber rechtlich sind die Gesellschaft Saarland Medien und Landesmedienanstalt zu trennen.

Fördern Sie auch Filme?

UC: Ja, seit 2003. Insbesondere Nachwuchsfilme, aber auch kleinere Produktionen, viele im Dokumentarfilmbereich, ebenso wie Produktionen von Saarländern, die von anderen Filmförderungen unterstützt werden und dann Millionenbudgets erreichen. Oftmals ist unsere Förderung eine Anschubfinanzierung.

Welche Bedingungen sind für eine Förderung zu erfüllen?

UC: Ein elementarer Punkt ist, dass bei uns nicht schon zwingend die Senderechte abgetreten sein müssen, es muss also kein Fernsehsender an Bord sein wie bei anderen Förderungen. Was uns außerdem auszeichnet, ist, dass nur ein Regionaleffekt von 100 % zu erbringen ist. Das heißt, es reicht aus, das Geld, das man im Saarland bekommen hat, auch im Saarland auszugeben.

Wie viele Projekte fördern Sie, und liegen die hauptsächlich im Kino-, oder auch TV-Bereich?

UC: Wir fördern im Durchschnitt zehn Produktionen im Jahr. Der TV-Bereich ist bei uns zwar auch sehr stark, aber nicht so sehr, was die direkte Produktionsförderung angeht. TV-Produktionen unterstützen wir häufig als Filmcommission. Unser Förder-Budget für einen Film beträgt max. 20.000 Euro. Das kann auch mal eine große Kinoproduktion sein, wie in diesem Jahr Immenhof - Das Abenteuer eines Sommers", die wir mit 10.000 Euro gefördert haben und die elf Drehtage im Saarland hatte. Die Produzenten waren allerdings nicht wegen dieser Summe ins Saarland gekommen, sondern wegen einer einzigartigen Filmlocation, dem Gestüt Peterhof. Die Produktion ist ein gutes Beispiel dafür, dass wir zwar oft nicht mit dem Geld der anderen mithalten, aber mit besonderen Locations punkten können. Frank Meiling, der Produzent, sagte, sie seien nicht am Saarland vorbeigekommen.

Wenn sie keine Kinoausstrahlung haben - wo sind saarländische Filme zu sehen?

UC: Viele von uns geförderte Filme streben eine Ausstrahlung auf Festivals an oder sie laufen im Rahmen von besonderen, lokalen Events. Wir besetzen manchmal Nischenthemen im Special Interest Bereich wie unlängst ein Film über gehörlose und stumme Menschen, gedreht mit einem Pantomime-Künstler. Theoretisch bedienen wir alle Genres, aber mit kleinem Geld - oft sind es also Nachwuchs- oder Abschlussarbeiten. Unsere Förderung kann aber auch für größere Produktionen der erste kleine Baustein sein.

Wie hoch ist Ihr Jahresbudget?

UC: Rein für Produktionsförderung stehen uns 85.000 Euro zur Verfügung. Das kann in manchen Jahren ein bisschen mehr sein. Insgesamt hat die Saarland Medien ein Budget von aktuell rund 500.000 Euro für 2019.

Wohin geht der Rest des Budgets?

UC: Es geht u.a. in die Games-Förderung, die Förderung von Festivals und Abspielstätten, die Medienstandortförderung und in den Location Guide und Production Guide im Bereich der Film Commission in Zusammenarbeit mit Luxemburg, der Region Ost-Belgien und dem Saarländischen Wirtschaftsministerium.

Welche Rolle spielen länderübergreifende Projekte?

UC: Sie sind für uns wichtig. Wir helfen, unverbrauchte tolle Filmmotive zu finden, ein wichtiges Akquise-Instrument. Mit dem Production Guide versuchen wir, verschiedene Dienstleister ans Set zu bekommen. Eine der wichtigsten Produktionen, die wir mit in Gang gesetzt haben, ist eine neue Krimi-Reihe von ZDF und Arte in Coproduktion, "In Wahrheit", von Network Movie produziert. Wir haben uns über viele Jahre darum gekümmert, dass Rundfunkbeiträge, die aus dem Saarland gezahlt wurden, auch wieder in den Produktionsstandort Saarland zurückfließen.

Was wurde aus der Saarland Film GmbH?

UC: Das Konzept hat sich nicht bewährt, sie wurde schon von meinem Vorgänger liquidiert und ist seit dem 1.1.2015 nicht mehr existent, die Aufgaben sind in die Saarland Medien übergegangen.

Können Sie Beispiele nennen für erfolgreiche Filme, die im Saarland von Nicht-Saarländern gedreht wurden?

UC: Zum Beispiel "Endling", ein Kurzfilm von Alex Schaad, eine Abschlussarbeit, die den Max-Ophüls-Preis gewann. Der Film wurde im Erlebnisbergwerk Velsen gedreht. Jochen Alexander Freydank hat hier Kafkas "Der Bau" gedreht, im Weltkulturerbe Völklinger Hütte. Auch das ist ein einzigartiges Motiv, ein richtiges Industrie-Kunstwerk, gewachsen wie ein Organismus. Natürlich auch "Immenhof" und vor allem die Reihe "In Wahrheit".

Es klingt, als läge Ihnen die Nachwuchsförderung am Herzen ...

UC: Ich möchte im Saarland im Nachwuchsbereich unseren jungen Filmschaffenden die Chancen bieten, die sie auch an anderen Standorten haben. Das hat mit dem Thema Qualifizierung zu tun, mit dem Thema Fördermöglichkeiten, aber auch, mit größeren Produktionen wie aktuell dem ZDF/Arte-Krimi "In Wahrheit - Tödliches Geheimnis", bei dem die saarländischen Filmschaffenden die Möglichkeit haben, gute Referenzen zu bekommen. Ein unrealistisches Ziel wäre es, das Saarland in die gleiche Liga hieven zu wollen, in der sich die großen Filmstandorte bewegen. Das würde einen sehr großen Finanzaufwand bedeuten, aber aus meiner Sicht sind aktuell auch nicht die Gegebenheiten da.

Fördern Sie auch Kinos und Festivals?

UC: Es gibt eine Abspielförderung, das Kino 81/2, die Kinowerkstatt, das Filmbüro - dahin und in Kulturkinos und kommunale Kinos gehen ca. 120.000 Euro. Wir fördern das Filmfestival Max-Ophüls Preis mit 37.500 Euro und einigen Veranstaltungen zusätzlich, den Günter Rohrbach Filmpreis und, ganz neu, "filmreif", das Bundesfestival junger Film für Kurzfilme von Nachwuchsfilmemachern. Der Fokus liegt auf dem Nachwuchs, mit flankierenden Maßnahmen im Bereich Qualifikationsförderung.

Gibt es auch eine Kinostandortförderung?

UC: Vor kurzem erst habe ich nahezu alle Kinobetreiber des Saarlands empfangen, von den kommunalen bis zu den kommerziellen Kinos. Es gibt den Wunsch nach einer Anschlussförderung zur BKM- und FFA-Förderung. Diesen Wunsch habe ich vernommen, er ist aus meiner Sicht auch berechtigt. Das saarländische Geld ist bei BKM und FFA mit drin über die Steuern, immer 1,2 Prozent. Das klingt nach nicht viel, aber wenn man 100 Mio. im Bund ausgibt, kommen 1,2 Mio. davon aus dem Saarland. Wir haben momentan das Problem, dass zu wenig Geld aus Bundestöpfen wieder im Saarland ankommt. Durch eine passende Anschlussförderung kann dieses Geld für das Saarland aktiviert werden.

Wie wählen Sie Ihre Projekte aus, wie ist das Vergabeverfahren?

UC: Eine Jury von drei Experten aus dem Filmbereich bereitet einen Vorschlag für den Geschäftsführer vor. Der moderiert die Jury-Sitzung, hat selbst kein Stimmrecht, und legt den Vorschlag dem Aufsichtsrat zur Genehmigung vor. Ausschlaggebend ist der Vorschlag der Jury.

Können Projekte auch mal schnell und unbürokratisch umgesetzt werden?

UC: Einmal im Jahr gibt es ein Ausschreibungsverfahren und eine Jurysitzung. Wenn man außerhalb dieses Korridors Förderung haben möchte, kann man sich an uns wenden. In Ausnahmefällen kann der Geschäftsführer bzw. der Aufsichtsrat zusätzliches Geld genehmigen.

Stichwort Medienkompetenz - sie hat nicht direkt mit Filmförderung zu tun, aber damit, wie junge Menschen an Medien herangeführt werden ...

UC: In dem Bereich machen wir eine ganze Menge. Wir haben ein eigenes Medienkompetenzzentrum vor Ort und führen im Jahr durch die Landesmedienanstalt und ihre Tochter über 600 Medienkompetenz-Kurse durch. Ein Teil davon konkret zum Thema Film, z.B. Workshops, in denen ein Film erstellt wird.

Wer ist die Zielgruppe?

UC: Im Bereich der Qualifizierung gibt es ein spezielles Angebot für Schulklassen. Die Basis-Einstiegsqualifikation in vielen Bereichen des Films leistet bei uns die Medienkompetenzförderung. Medienkompetenz- und Filmförderung arbeiten jedes Jahr diese Qualifikationen zusammen aus und vermarkten sie speziell an den Filmbereich. Zusätzlich planen wir weitere Kurse für die Felder Regie, Drehbuch etc, die sich speziell an Filmemacher richten.

Eine Filmhochschule gibt es nicht ...

UC: Nein, aber es gibt Ansätze einer Hochschulausbildung. Z.B. einen Studiengang Media Art and Design an der Hochschule für Bildende Künste mit zwei Schwerpunkten, einer davon Film. Er wird geleitet von der südkoreanischen Dokumentarfilm-Regisseurin Sung-Hyung Cho, die sich u.a. mit Full Metal Village" und Meine Brüder und Schwestern im Norden" einen Namen machte. Ein anderer Bereich ist die Gamesentwicklung an der HBK. Ansonsten bilden wir als LMS Mediengestalter Bild und Ton aus, in einer Verbundausbildung mit verschiedenen Modulen.

Sie sind als LMS eine von 14 Landesmedienanstalten. Sie vergeben auch Rundfunklizenzen, und in Ihren Zuständigkeitsbereich fällt auch das Glücksspiel ...

UC: Genau, mit unserer Aufgabenbreite heben wir uns etwas ab von den anderen Landesmedienanstalten. Wir sind die einzige, die auch Glückspielaufsichtsbehörde ist, die einzige, die auch den Bereich der Filmförderung konkret beinhaltet, und es gibt nur wenige mit einem solchen Angebot an Medienkompetenz. Film hat einen sehr hohen Stellenwert für uns. In jedem kleinen Bundesland ist die Vernetzung wichtig, wir führen Treffen mit Kinobetreibern durch, vernetzen Akteure aus dem gesamten Bereich miteinander. Auch der Zugang zur Politik kann manchmal sehr positiv sein. Wenn Sie z.B. einen Film drehen und eine schnelle, unbürokratische Entscheidung für eine Drehgenehmigung brauchen, kann eine vernetzte Institution besser agieren als eine noch so große, die nicht vernetzt ist. Was saarländische Politiker schon an privatem Engagement für den Filmstandort gezeigt haben - da könnte ich viele Anekdoten erzählen. Das geht nur, wenn man sich gut kennt. Der persönliche Draht ist sehr wichtig.

Sie haben sich auch filmkompetente Unterstützung geholt ...

UC: Ja, denn ich bin Medienjurist und wie mein Vorgänger in erster Linie LMS-Direktor. Aber wir haben einen Filmbeirat, dem Jutta Lieck-Klenke angehört (Produzentin von "In Wahrheit", die Red.), außerdem Boris Penth, der ehemalige Leiter des Max Ophüls-Festivals, und Matthias Esche, ehemals Bavaria-Chef, oder auch die Produzenten Ulf Israel, Martin Hofmann und Christoph Bicker. Alles Menschen, die uns mit hohem Engagement ehrenamtlich beraten. Außerdem arbeiten wir eng mit der FFA zusammen, v.a. was unser Co-Development-Abkommen mit Frankreich, Belgien und Luxemburg angeht - ein spezielles Abkommen für die Großregion.

Wie stellt sich das konkret dar?

UC:Es beinhaltet einen Stoffentwicklungsfonds, das Co-Development-Abkommen, mit 55.000 Euro, zu dem SaarlandMedien 10.000 Euro beisteuert. Die Zusammenarbeit erfolgt projektbezogen für Vorhaben mit einem länderübergreifenden Ansatz. Wir helfen mit unserem Location Guide oft, wenn Drehorte jenseits der Grenze gefunden werden sollen, wie z.B. bei den Dreharbeiten des ZDF in einer Bergarbeitersiedlung in Villerupt in Lothringen. Da haben wir uns gemeinsam mit der Filmcommision in Frankreich darum bemüht, rechtzeitig eine Drehgenehmigung zu bekommen.

Welche Rolle spielt Mehrsprachigkeit in der Region?

UC: Die Luxemburger sind das Bindeglied, sie können es am Besten. Die Saarländer tun sich schwer mit dem Französischen, die Lothringer haben ihre alten Deutschkenntnisse auch längst abgelegt. Das politische Ziel ist, dass das besser wird, inzwischen wird sehr viel mehr französisch in der Schule angeboten - ein Projekt für die nächste Generation. Auch im Bereich des Kindergartens und an einigen Grundschulen gibt es inzwischen verstärkt mehrsprachige Angebote.

Das Saarland ist eines der Bundesländer, das nicht über so viel Geld verfügt. Erleben Sie eine Veränderung in der Region?

UC: Wir sind das kleinste Flächenland, mit 970.000 Einwohnern. Wir erleben, dass wir jedes Jahr mehr Anträge bekommen. Nicht nur rein quantitativ - sie werden auch besser. Filmemacher, die wir zwei-, dreimal gefördert haben, auch mit größeren Projekten in anderen Ländern, kommen zu uns zurück. Mit der ZDF-ARTE Produktion "In Wahrheit" ist die existenzielle Grundlage für Filmemacher im Saarland gewachsen. Es gibt eine starke Offenheit dem Thema Film gegenüber, bei Bürgermeistern und in der Bevölkerung. Wir hatten beispielsweise einen Aufruf für Komparsen beim ZDF-Dreh, darauf haben sich über 350 Komparsen gemeldet.

Seit 2016 sind Sie Geschäftsführer der Saarland Medien. Welchen Schwerpunkt setzen Sie bei Ihrer Tätigkeit in Zukunft?

UC: Zunächst einmal der wichtigste nächste Schritt, den jungen Filmemachern noch mehr zu bieten im Bereich Qualifikation. Und eine Perspektive zu entwickeln, dass es eine etwas angehobene Produktionsförderung gibt, um noch mehr Projekte am Standort Saarland zu realisieren und ggf. auch die Förderstatute zu erweitern.

Alle reden von Serien ... Sie auch?

UC: Auf der saarländischen Agenda steht die Vielfalt auch der Nische, die Förderung von Kreativität in der Breite. Wir werden uns weder auf ein Genre spezialisieren können, noch auf die High End Serien. Aber wir haben gerade eine Serie erfolgreich mitgefördert, eine Saarland-Serie in Mundart, die vom SR übernommen wurde. Der Sender ist erst am Ende eingestiegen - das macht unser Konzept deutlich: Wir suchen nicht als Erstes den Erfolg am Markt, sondern wir fördern erstmal die Kreativität, wie sie ist. Wir arbeiten gut mit verschiedenen Sendern zusammen, aber eine Festlegung im Vorfeld empfände ich als Beschränkung. Die Frage, ob etwas fernsehtauglich ist, interessiert mich nicht. Mich interessiert, ob ein Stoff gut ist! Wenn ich 30 Mio. Euro zur Verfügung hätte, würde ich vielleicht anders argumentieren, denn dann müssten wir beweisen, dass wir Hollywood sind! Bei uns wird mit einem kleinem Team und großer Unterstützung aus dem Haus Enormes geleistet und viel bewegt. Das Saarland ist nicht Hollywood, aber hier kann eine Hollywood-Karriere beginnen.

Das Gespräch führte Ulrich Höcherl