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Sabine Tettenborn über "Aenne Burda": "Die Persönlichkeit schillern lassen"

Die ARD zeigt heute Abend den ersten Teil des Filmepos "Aenne Burda". Blickpunkt:Film sprach mit Produzentin Sabine Tettenborn über das Großprojekt und ihre bisherige Zeit als Geschäftsführerin von Polyphon Picutres.

05.12.2018 16:59 • von Frank Heine
Sabine Tettenborn (3.v.l.) am Set von "Aenne Burda" mit Szenenbildner Knut Loewe, Kostümbildnerin Katharina Ost, Fritz Karl, Regisseurin Franziska Meletzky und Katharina Wackernagel (Bild: SWR/Polyphon Pictures/Hardy Brackmann)

Im Sommer 2015 haben Sie erstmals das Projekt Aenne Burda" erwähnt. Dreieinhalb Jahre später sehen wir uns dem fertigen Film gegenüber. War es eine Odyssee von der Idee bis zur Ausführung oder ganz normaler Ablauf für ein Projekt dieser Größenordnung?

Sabine Tettenborn : Für ein Projekt dieser Größe war der Verlauf ziemlich stromlinienförmig. Die Autorin Regine Bielefeldt hat mir, als in Baden-Württemberg ansässige Produzentin, von der Idee erzählt. Ich habe mich sofort dafür begeistert, weil mich sehr beeindruckt hat, was Aenne Burda geleistet hat. Natürlich mussten mit der Familie Burda noch die Persönlichkeitsrechte geklärt werden. Ende 2015 hatten wir den Stoff so weit, dass uns der SWR die Zusage gab. 2016 haben wir angefangen zu entwickeln und Anfang 2017 lagen die Drehbücher in zweiter und dritter Fassung vor. Dann ging es an die Regiefrage und im September 2017 haben wir gedreht.

War das ursprünglich noch ein Projekt der Maran Film?

ST: Nein. Es war ein Glücksfall, dass ich in der Übergangsphase vor meinem Wechsel zur Polyphon auf das Projekt angesprochen wurde. Ab 1. Juli 2016 war ich Geschäftsführerin der Polyphon Pictures und habe das Projekt dann gemeinsam mit der Autorin und der SWR-Redaktion, Manfred Hattendorf und Friederike Barth, mit Hochdruck entwickelt. Es ging zunächst darum, das breite Feld, das man vom Mobbing in der Nonnenschule über ihre große Modenschau in Russland bis zu ihrem Tod erzählen könnte, einzugrenzen. Mir war wichtig einen kurzen Abschnitt zu wählen, der repräsentativ für ihr Leben war und die Persönlichkeit schillern lässt.

Wie war die Zusammenarbeit mit dem Hause Burda? Wie frei konnten Sie arbeiten?

ST: Unsere Arbeit wurde dadurch in keiner Weise beeinflusst. Ich bin mit einem Vorschlag auf den Burda Verlag zugegangen. Danach hatte ich noch einen persönlichen Termin mit Dr. Hubert Burda. Die Fakten der Biografie "Aenne Burda - Wunder sind machbar" von Ute Dahmen, die Zugang zum gesamten Burda-Archiv hatte, waren uns Vorlage. In dem Buch werden auch ganz private Geschichten wie der Betrug von Franz Burda und seiner Parallelfamilie aufgeführt. Ute Dahmen stand uns als Beraterin zur Seite.

Der Film besteht aus zwei Neunzigminütern. Stand das von vorne herein fest oder wurde dieses Format gewählt, weil es für den Lebensabschnitt, den Sie erzählen wollten, am besten geeignet erschien?

ST: Wir, die Autorin und ich haben lange überlegt, welchen Bogen wir erzählen wollen, wo wir ein- und wo wieder aussteigen. Als das feststand, fiel aufgrund der Stofffülle gemeinsam mit der SWR-Redaktion die Entscheidung für einen Zweiteiler. Man hätte auch einen 120-Minüter machen können. Aber ich finde, die Emotionalität dieser Ehegeschichte und die kraftvolle Emanzipation dieser mutigen Frauen bieten den Raum für dieses Format.

Ein wichtiger Aspekt ist die Stimmigkeit der Titelfigur. Ab wann wussten Sie, wer Ihre Aenne Burda sein soll. Hatten Sie sich von vorne herein auf Katharina Wackernagel festgelegt?

ST: Wir haben ein Casting mit mehreren ganz fantastischen Schauspielerinnen gemacht und irgendwann stellte sich heraus, die eine ist es. Das hatte im Fall von Katharina Wackernagel nicht unbedingt nur etwas mit der Ähnlichkeit zu tun, vielmehr waren es ihre Energie und ihre Weiblichkeit. Auch Fritz Karl als Franz Burda ging aus einem großen Casting hervor. Wir brauchten einen Darsteller, der etwas Schlawinerhaftes darstellen kann, jemanden der seine Frau betrügt, gleichzeitig äußerst charmant ist und sich gegenüber seinen Angestellten sehr sozial verhalten hat.

Wie schwierig war es, die frühen 50er Jahre wieder auferstehen zu lassen? Auf was konnten Sie zurückgreifen, was musste eigens für den Film hergestellt werden?

ST: Der SzenenbildnerKnut Loewe ist sehr erfahren darin, solche Welten zu erschaffen. Es gab natürlich keine Originalmotive mehr, die wir benutzen konnten. Alle Locations mussten eingerichtet oder wie das Bädle, die ersten Verlagsräume von Aenne, komplett gebaut werden. Viele Möbel und Requisiten kamen aus England. Es gab auch eine wunderbare Zusammenarbeit mit Kostümbildnerin Katharina Ost. Aus dem Zusammenspiel dieser beiden Faktoren entsteht ja diese Zeit. Sehr wichtig waren auch die Autos, die wir in Sizilien gezeigt haben und mit denen wir auch Paris, Berlin und Offenburg hergestellt haben. Daher war das ein riesiger logistischer Aufwand.

Der Stoff dürfte auf jeden Fall ein älteres Publikum ansprechen. Glauben Sie, dass Sie auch jüngere Zuschauer dafür interessieren können?

ST: Ich hoffe es sehr. Wir haben auch stark in Richtung Social Media gedacht und entsprechende Beiträge produziert, um dort präsent zu sein. Zwei Praktikantinnen aus meiner Firma haben sich den Film angesehen. Beide fanden es wichtig, wenn sich junge Frauen diesen Film anschauen würden, weil es sie beeindruckte, wie Aenne Burda ihr Ding durchgezogen hat.

Sie erzählen die Geschichte einer starken Frauenfigur. Hinter dem Film stehen eine Autorin und eine Produzentin. Haben Sie daher auch ganz gezielt nach einer Regisseurin gesucht?

ST: Dass wir so ein starkes Frauenteam sind, zähle ich auch zu den vielen Glücksfällen des Films. Es war tatsächlich unser Wunsch, übrigens auch vom SWR, dass eine Frau Regie führt. Wir haben verschiedene Gespräche geführt. Francis Meletzky hat uns mit ihrer Vision, diese Figur authentisch und gleichzeitig modern aus der Zeit zu heben und heutig zu machen, sehr überzeugt.

Wir sprechen über einen historischen Zweiteiler, der vermutlich über ein bedeutendes Budget verfügte. Sind da zusätzlich Gelder der ARD-Gesamtredaktion eingeflossen, gab es Fördergelder?

ST: Es ist ein bedeutendes Budget, das der SWR ganz allein finanziert hat. Es sind keine Fördergelder dabei. Wir haben über Förderung nachgedacht, aber das wäre mit Einschränkungen verbunden gewesen, zumal wir nicht alles in Baden-Württemberg drehen konnten.

Sie kamen vor drei Jahren von der Sendertochter Maran Film zu Polyphon Pictures. War das ein reibungsloser Übergang oder gab es von Seiten potentieller Partner Vorbehalte? Gibt es solche Denkweisen in der Branche?

ST: Die gibt es. Aber aus den elf Jahren, in denen ich die Maran Film geleitet habe, gingen zahlreiche Verbindungen zu Kreativen hervor. Das geht zum Teil auch noch auf die Zeit zurück, als ich bei Leo Kirch für die internationalen Koproduktionen verantwortlich war. Außerdem haben wir jenseits der Sendereigenproduktionen mit vielen Partnern zusammengearbeitet, aber dieses Konzept haben die meisten nicht richtig wahrgenommen. Durch meine starke Vernetzung in die kreativen Bereiche ist der Übergang letztlich problemlos gelungen.

Wie fällt ihre Zwischenbilanz nach drei Jahren Polyphon Pictures aus?

ST: Die Zwischenbilanz fällt sehr positiv aus. In den letzten drei Jahren haben wir zwei Movies produziert, den Thriller Kalt ist die Angst" mit Caroline Peters in der Hauptrolle und den Film Big Manni" mit Hans-Jochen Wagner in der Titelrolle. Es geht hier um den größten Wirtschaftsskandal der Nachkriegszeit, den sogenannten Flowtex-Skandal. Dieser Film wird im Frühjahr 2019 in der ARD laufen mit anschließender Dokumentation. Dann haben wir zwei neue Crime-Reihen für den ARD-Donnerstag-Sendeplatz an den Start gebracht, die deutsch-französische Reihe "Über die Grenze" und den "Lissabon-Krimi". Letztes Jahr haben wir unsere "Aenne Burda" gedreht. Ich bin zufrieden. Und für das nächste Jahr sieht es ebenfalls sehr gut aus.

Der "Lissabon-Krimi" wurde im September fortgesetzt. Wie steht es um "Über die Grenze"?

ST: Sehr gut. Wir werden von Mitte März bis Mitte Mai zwei weitere Filme drehen und wir haben zwei Drehbücher in der Entwicklung. Im Herbst 2019 soll die Ausstrahlung erfolgen. Wir haben uns Zeit für die Entwicklung der Bücher gelassen, weil wir gut überlegen wollte, wie wir die Figuren weiter entwickeln, die angelegten Konflikte weiter erzählen, was wir auflösen. "Über die Grenze" ist übrigens ein schönes Beispiel dafür, dass einen die spannenden Projekte nie verlassen. Ursprünglich hatte ich einmal Pläne für eine Serie mit dem Titel "Rhein-Cops", das ließ sich aber nicht realisieren. Nun ist daraus eine Krimireihe für SWR und Degeto nach dem realen Vorbild des deutsch-französischen GZ in Kehl geworden.

Wie arbeiten Polyphon Pictures und ihre Mutterfirma, die Polyphon Film- und Fernsehgesellschaft zusammen? Gibt es da abgesteckte Bereiche?

ST: Dadurch, dass wir in Baden-Württemberg sitzen, hat die Polyphon Pictures ein Alleinstellungsmerkmal. Aber als hundertprozentige Tochter kooperieren wir natürlich sehr eng mit der Mutterfirma. Beatrice Kramm und Christoph Bicker sind auch Co-Geschäftsführer von Polyphon Pictures. Wir tauschen uns aus und sorgen dafür, dass es keine konkurrierenden Projekte gibt. Ich hatte beispielsweise auch einen Stoff über die Loveparade. Als ich dann aber erfuhr, dass die Polyphon Film bereits an dem Loveparade-Drama Das Leben danach" arbeitete, habe ich mich von meinem Projekt verabschiedet.

Serienformate macht bislang nur die Mutterfirma. Hat sich das für Polyphon Pictures einfach noch nicht ergeben oder ist das eine bewusste Entscheidung?

ST: Es hat sich noch nicht ergeben. Aber es gibt ein sehr konkretes Projekt mit einer Budgetzusage, da will ich aber dem Sender nicht vorgreifen und kann daher noch nichts dazu sagen. Serien sind für uns auf jeden Fall ein Thema.

Die Liste der Auftraggeber von Polyphon Pictures könnte noch breiter werden, bislang sind Sie nur mit der ARD zugange.

ST: Ich entwickle gerade ein ZDF-Movie, das mit Persönlichkeitsrechten zusammenhängt. Deshalb kann ich nicht näher darauf eingehen, aber das wollen wir im nächsten Jahr drehen. Mit einem anderen Konzept stehe ich im intensiven Austausch mit Sat.1. Mit einem Partner entwickle ich Projekte in Richtung Streaming. Wir wollen uns schon breit aufstellen, aber der Fokus lag zunächst darauf, die Projekte, die wir schon fix hatten, gut nach Hause zu bringen.

Das Interview führte Frank Heine