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Marrakesch-Jurypräsident James Gray: "Filmemacher sind Geiseln des Systems"

James Gray unterbrach seine Arbeiten an "Ad Astra", um den Vorsitz der Jury des 17. Filmfestivals von Marrakesch übernehmen zu können. Im Interview nahm der Filmemacher kein Blatt vor den Mund.

05.12.2018 11:46 • von Thomas Schultze

Um den Vorsitz der Jury des 17. Filmfestivals von Marrakesch übernehmen zu können, unterbrach James Gray seine Arbeiten an "Ad Astra". Im Interview nahm der Filmemacher kein Blatt vor den Mund.

Was sind Ihre ersten Eindrücke von Ihrer Arbeit als Jurypräsident in Marrakesch?

Ich finde es fantastisch, ich bin ganz hin und weg. Ich würde diese Filme sonst nicht zu sehen kriegen. Zuhause schaue ich mir jeden Abend einen Film an. Meine Anlage ist prima, tolles Bild, toller Sound, sehr bequeme Couch. Aber da sehe ich mir dann Filme an, die ich mit Filmstruck streamen kann oder die ich mir über andere Kanäle besorge. Ich sehe also viel. Aber nicht so viel, dass ich auf dem Laufenden wäre, was in allen Ecken der Welt gerade gemacht wird. Arabisches oder afrikanisches Kino spielt in den USA keine Rolle. Martin Scorsese kennt sich vielleicht ganz gut aus, er ist irrsinnig gut verdrahtet. Ich kenne bestenfalls den einen oder anderen Namen, würde aber nicht von mir behaupten, dass ich großen Durchblick hätte. Deshalb ist das eine wunderbare Gelegenheit, hier in Marrakesch ein bisschen was nachzuholen.

Gleichzeitig arbeiten Sie auch an Ihrem nächsten Film. Ad Astra - Zu den Sternen" haben Sie mit Brad Pitt in der Hauptrolle realisiert. Wie konnten Sie einen so großen Star für den Stoff interessieren?

Ich hatte Die versunkene Stadt Z" mit ihm als Produzenten gemacht, mit seiner Firma. Am Ende fragte er mich, ob ich schon wüsste, was ich als Nächstes machen wolle. Also erzählte ich ihm von "Ad Astra". Ich hatte keine Ahnung, ob das sein Ding sein würde, aber er sagte: Bin dabei. Und er war dabei. Und er ist fabelhaft. Er hat viel von sich selbst eingebracht. Ich finde es jedenfalls aufregend.

Wie weit sind Sie?

Mittendrin. Da muss noch viel Arbeit reingesteckt werden. Ich gehe ziemlich auf dem Zahnfleisch, wenn ich ehrlich sein soll. Den Posten als Jurypräsident in Marrakesch habe ich auch angenommen, um den Kopf wieder über Wasser zu bekommen. Der Dreh vor "Ad Astra" war körperlich sehr anstrengend, all die Arbeit im Dschungel, und hat mir alles abverlangt. Ichdachte zwar nicht, dass "Ad Astra" ein einfacher Film werden würde, aber ich hatte zumindest gehofft, dass er mich körperlich nicht wieder so auslaugen würde. Aber da lag ich falsch. Ich brauchte einfach eine Pause. Aber wenn ich wieder heimkomme, warten noch etwa 500 Einstellungen, die bearbeitet werden wollen. Während ich hier sitze, läuft eine Email nach der anderen rein: Wo bist du? Komm zurück, wir brauchen dich!

Sie sind einfach ausgebüxt und haben niemandem Bescheid gesagt?

Naja, so krass bin ich nicht. Ich habe das angekündigt und wir haben den Zeitplan entsprechend aufgestellt. Es war mir wichtig, nach Marrakesch zu kommen. Und ich will auch nicht klagen: Es ist ein echtes Luxusproblem.

Wann soll "Ad Astra" denn fertig sein?

Der Film soll am 22. Mai in die Kinos kommen. Also müsste ich ihn kurz vorher fertig haben. Aber keine Ahnung, wie wir das hinbekommen sollen. Momentan sehen wir den Wald noch vor lauter Bäumen nicht. Ursprünglich hatten wir mal einen Start im Januar angepeilt, aber mir war gleich klar, dass nicht hinhauen würde. Nichts ist schlimmer als ein Science-Fiction-Film, der nicht pikobello ist. Ein Bild, das nicht stimmt, und schon funktioniert der ganze Film nicht mehr. Das wollte ich nicht riskieren, nur um einen illusorischen Termin halten zu können. Jetzt also Mai. Puh.

Wird es denn eher ein Science-Fiction-Film sein oder ein Drama?

Kann es nicht beides sein? Ich meine, es ist eine faire Frage. Aber ich habe ein Problem damit, einen Film immer gleich in eine Schublade zu stecken. Gerade wenn man auf einem Festival ist und viele Filme in kurzer Zeit sieht, neigt man dazu. Ich habe das eingangs zu meiner Jury hier in Marrakesch gesagt: Regisseure und Filmkritiker sind die denkbar schlechtesten Leute, um Filme einzuschätzen. Regisseure sitzen immer da und denken sich: Das hätte ich aber besser hingekriegt. Und Kritiker sagen immer: Dieser Teil des Films ist wie dieser oder jene Film von 1947. Ehrlich? Drauf geschissen. Schau dir doch einfach den Film an und lass' ihn auf dich wirken und vergleiche ihn nicht mit irgendeinem anderen Film. Um Ihre Frage zu beantworten: Vielleicht ist "Ad Astra" das eine oder das andere oder vielleicht sogar etwas ganz anderes. Sagen Sie es mir, wenn Sie ihn gesehen haben.

Der Termin Ende Mai würde nahelegen, dass Sie den Film für Cannes fertigstellen. Ist das eine Option? Es heißt, Ihre jüngsten Erfahrungen mit The Immigrant" im Wettbewerb 2013 seien nicht die besten gewesen.

Ich habe ein zwiespältiges Verhältnis zu Cannes. Ich finde ja, dass die meisten Leute, die nach Cannes fahren und sich dort Filme ansehen, voller Scheiße sind. Sie erlauben es sich nicht, sich auf die Filme einzulassen, weil sie mit irgendeiner einer verkackten Agenda anreisen, die ihnen die Augen verschließt. Als ich 2009 in der Jury war, war Isabelle Huppert die Präsidentin. Es war super. Einige Zeit später habe ich in Reykjavik in einem Interview einen harmlosen Witz gemacht, und auf einmal hieß es überall, ich sei nicht mit ihr klargekommen. Das stimmt einfach nicht. Ich habe das gerade schon gesagt, wiederhole es aber gerne noch einmal, weil ich denke, dass es stimmt. Filmemacher sind schlechte Juroren. Ein Film muss nicht meinen Erwartungen entsprechen. Das zu verlangen, ist die falsche Vorgehensweisen. Man muss absorbieren, was einem der Film sagen will. Dass die meisten dazu nicht in der Lage sind, mag ein Grund gewesen sein, warum "The Immigrant" in Cannes eine so schwere Zeit hatte.

Wie meinen Sie das?

Das klingt jetzt vielleicht arrogant, aber ich würde sagen, dass mein Film sich ziemlich gut gehalten hat. Bei dem einen oder anderen Gewinner des Jahrgangs sehe ich das nicht so. Das sagt einiges. Das Problem gerade dieses Festivals ist, dass sie die Beschützer des Status Quo sind, von sich selbst aber glauben, wahnsinnig mutig und progressiv zu sein. Und ich meine nicht Thierry Frémaux und seine Leute, ich meine die Journalisten. Die Filmkritik steckt fest. Sie steckt fest im Jahr 1968. Wenn es Handkamera gibt, halten sie einen Film gleich für irre gewagt. Nicht jeder Film mit Handkamera ist schlecht, die Dardennes sind fabelhaft. Aber ihr Einsatz allein macht einen Film nicht toll. Die Leute denken in all diesen überholten Klischees. Es gibt eine akzeptierte Filmsprache, und von der darf man nicht abweichen. Das ist ein Fakt. Dann kommt ein Film mit der tollen Kamera von Darius Khondji, der ganz bewusst klassisch erzählt ist und eben deshalb ganz anders als die anderen Filme, die es in diesem Jahr im Wettbewerb gab - selbst anders als die Coens, die sehr elegant erzählen, aber immer mit einer ironischen Distanz. "The Immigrant" fiel aus dem Rahmen. Ich sage ja nicht, dass "The Immigrant" ein guter Film ist, aber ich denke, dass er für Dinge kritisiert wurde, die nicht fair waren und ihm nicht gerecht wurden. Ich habe versucht, Puccini zu machen in einem Umfeld, in dem alle anderen versuchen, 1968 zu sein.

Weil Klassizismus nicht akzeptiert wird?

Klassizismus wird missverstanden. Die Kritiker verwechseln Form mit Inhalt. Sie sehen eine Geschichte, die ihnen vertraut vorkommt und keine wilden Haken schlägt, und glauben, der Film sei deshalb konservativ. Ich glaube nicht, dass es die Form ist, die einen Film modern oder nicht sein lässt. Nicht jeder Film mit einer gebrochenen Erzählweise ist notwendigerweise modern. Vielmehr sollte man sich damit auseinandersetzen, was ein Film auszudrücken versucht. Das ist nicht ganz so einfach, weil man gezwungen ist, auch ein bisschen nachzudenken und eine eigene Haltung zu entwickeln. Ich bin kein konservativer Mensch, aber mir gefällt diese klassische Form. Das ist mein Geschmack. Ich werde mich nicht dafür entschuldigen. Es nervt mich, vom Urteil von Menschen abzuhängen, die nach etwas verlangen, das an der Oberfläche so tut, als würde es große Risiken eingehen. Hand aufs Herz: Nachdem ich Derek Jarmans Blue" gesehen hatte, wusste ich, dass man im Kino formal nichts mehr Neues machen kann. Als Jackson Pollock Farbe auf die Leinwand tropfen ließ, war die Form ebenfalls erschöpft. Ich fände es ermüdend, immer verkrampft so zu tun, als würde man etwas Revolutionäres leisten. Wie will man denn mit filmischer Form heute noch ein politisches Statement abgeben?

Kann das Kino neu erfunden werden?

In dem Moment, wo sich jemand genau das als Ziel setzt, ist er schon gescheitert. Wenn es geschehen sollte, dann zufällig und nicht, weil man es will. Sehen Sie sich "2001" von Kubrick an: Ich glaube nicht, dass es Kubricks Ziel war, das Kino mit diesem Film neu zu erfinden. Den bleibendsten Eindruck hinterlässt eine narrative Idee: Der allwissende Computer wird getötet. HAL-9000 ist wie der Zyklop in der "Odyssee". Man fühlt mit dem Computer, als er ermordet wird. Dass Kubrick die filmische Form revolutionieren musste, um das überzeugend erzählen zu können, war ein Nebenprodukt. Der einzige Film, der es sich zum Ziel setzte, eine neue Form zu finden, und dem es dann auch gelungen ist, ist meiner Meinung nach "Der große Irrtum" von Bertolucci.

Das waren Filme, die auch den öffentlichen Diskurs beeinflussten. Haben Sie den Eindruck, dass das Kino heute noch dieselbe Relevanz besitzt?

Wenn ich zu Ihnen die Zeile "Ich mache ihm ein Angebot, dass er nicht ablehnen kann" sage, wissen Sie dann, welcher Film das ist? Sie wissen es. Der Film ist 46 Jahre alt. Und jetzt sagen Sie mir eine Zeile aus "Avatar - Aufbruch nach Pandora", die sich Ihnen eingebrannt hat, der weltweit umsatzstärkste Film aller Zeiten. Sehen Sie. Kino spielt heute eine andere Rolle in der Kultur. Früher war es so, dass die sieben Studios es als Verpflichtung ansahen, im Jahr wenigstens ein oder zwei Filme zu machen, von denen sie nicht unbedingt annahmen, dass sie viel Geld bringen würden, es aber dennoch als wichtig erachtet, dass sie gemacht werden. Am Ende des Jahres hatte Hollywood auf diese Weise zwölf oder vierzehn Filme herausgebracht, die es sich zum Ziel gesetzt hatten, etwas Besonderes zu sein. Im New Hollywood wurden die Karten sowieso noch einmal neu gemischt. Jedenfalls war es die ersten etwa 60 Jahre der amerikanischen Filmindustrie sichergestellt, dass auch ein Interesse am Medium selbst bestand.

Und dann?

Kapitalismus, vermute ich. Nach Krieg der Sterne" änderte sich der Fokus der Studios: Zunehmend wollte man nur noch Filme machen, die Geld einbringen. Die ein oder zwei Filme im Jahr, die aus dem Schema ausbrechen, werden heute nicht mehr gemacht. Sie halten das für eine kluge Entscheidung: Es wird kein Geld mehr für etwas Überflüssiges verschwendet. Das hat aber dafür gesorgt, dass das Medium stirbt. Ja, sie machen immer noch Milliarden Dollar Umsatz mit ihren obszön teuren Achterbahnfahrten, aber kein Mensch spricht mehr darüber. Zumindest in den USA hat das Kino seinen Stellenwert und seine Bedeutung verloren. Die entsprechenden Filme werden einfach nicht mehr gemacht, und wenn sie gemacht werden, dann haben sie das Problem, erst einmal ein Kino und dann ein Publikum zu finden. Die Auseinandersetzung mit Film findet nicht mehr statt. International werden unverändert bedeutsame Filme gemacht, nur kommen sie nicht mehr beim Konsumenten an, obwohl es heute doch eigentlich viel leichter sein sollte, Filme aus aller Herren Länder zu sehen.

Was halten Sie von Martin Scorseses Entscheidung, "The Irishman" für Netflix zu machen?

Ich nehme ihm das nicht übel. Wir Filmemacher sind Geiseln des Systems. Sie haben ihm das Geld gegeben, damit er sein Experiment durchziehen kann. Ist doch super. Ich würde sofort Ja sagen, wenn man mir Geld geben würde, ein zutiefst persönliches Projekt zu realisieren.

Das Gespräch führte Thomas Schultze