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Kreative protestieren gegen ARD-Sendetermin

Regisseurin Annette Baumeister und ihre Hauptdarstellerinnen wenden sich in einem offenen Brief an die ARD-Verantwortlichen und hinterfragen den späten Sendetermin ihres Doku-Dramas "Die Hälfte der Welt gehört uns" über den Kampf ums Frauenwahlrecht.

04.12.2018 15:07 • von Frank Heine
Szene aus "Die Hälfte der Welt" gehört uns" mit Esther Schweins und Anke Retzlaff (Bild: WDR/Gebrüder Beetz Film)

Mit einem offenen Brief haben sich die Regisseurin und Autorin Annette Baumeister sowie die vier Hauptdarstellerinnen Johanna Gastdorf, Jeanette Hain, Paula Hans und Esther Schweins des Doku-Dramas Die Hälfte der Welt gehört uns - Als Frauen das Wahlrecht erkämpften" an die ARD gewandt. Das an Programmdirektor Volker Herres, Chefredakteur Rainald Becker sowie den Rundfunkrat des WDR und NDR adressierte Schreiben fordert eine Antwort auf den späten Sendetermin. Die ARD hatte die Produktion der Gebrüder Beetz am 26. November um 23.30 Uhr in ihrem ersten Programm ausgestrahlt. Bei Arte, das neben WDR, NDR und BR, zu den Koproduzenten zählt, lief der Film bereits am 13. November um 20.15 Uhr.

Die Filmemacherinnen zeigen sich irritiert über den späten Sendtermin und verweisen auf das landesweite Gedenken des 100.Jahrestag der Einführung des Frauenwahlrechts, nicht zuletzt im Bundestag. Sie verweisen auch darauf, dass die ARD zuvor Doku-Dramen über die Brüder Albrecht und den Baulöwen Jürgen Schneider in der Primetime ausstrahlte. Sie sprechen von "einer Enttäuschung für alle Zuschauerinnen und Zuschauer, die für ihre Gebühren nicht nur leichte Unterhaltungsware erwarten".

Blickpunkt:Film präsentiert den offenen Brief im Wortlaut:

Sehr geehrter Herr Herres,

sehr geehrter Herr Becker,

sehr geehrte Damen und Herren,

"Deeds Not Words" - "Taten statt Worte" war der Slogan der Suffragetten, mit dem sie die Einführung des Frauenwahlrechts gefordert haben. Es waren Aussagen wie diese, die uns inspiriert haben, am Doku-Drama "Die Hälfte der Welt gehört uns" mit Freude und Elan mitzuwirken - vor und hinter der Kamera. Taten statt Worte: Vergangenen Montag, am 26.11.2018, hätte das Erste Deutsche Fernsehen diesem Motto folgen und das Doku-Drama an einem prominenten Sendeplatz ausstrahlen können. Wann, wenn nicht jetzt? Selten hat ein Jubiläum den Herzschlag des Landes so bestimmt wie in den letzten Wochen der 100.Jahrestag der Einführung des Frauenwahlrechts. Der Bundestag erinnerte mit einem Festaktdaran. Zeitungen machten damit auf und druckten Sonderbeilagen. Museen, Verbände, Vereine und auch Unternehmen widmen sich seit Monaten diesem Thema. Und was macht das Erste Deutsche Fernsehen? Es versteckt einen hochwertig produzierten und von der Presse gelobten Film zu diesem Thema im Nachtprogramm um 23:30 Uhr.

"Warum wird ein so wichtiger Film so spät ausgestrahlt?" - "Wer kann sich einen Film um 23:30 Uhr anschauen, wenn er am nächsten Morgen um sechs Uhr aufstehen muss?" - Neben den vielen berührenden und kämpferischen Reaktionen auf unseren Film, die wir erleben durften, waren das die häufigsten Fragen, die uns gestellt wurden. Wir würden sie gerne an Sie weitergeben: Warum wird ein Doku-Drama über vier starke Frauen, die Weltgeschichte geschrieben haben, versteckt? Wenn Filme über Supermarktgründer und Immobilienbetrüger zur Primetime ausgestrahlt werden, warum nicht auch - trotz aller sicherlich bestehenden Programmzwänge - ein Film über vier Heldinnen, die unser Leben für immer verändert haben?

Der öffentlich-rechtliche Rundfunk muss sich an seinem Anspruch messen lassen, Frauen im Programm sichtbar zu machen und von Stereotypen befreit darzustellen. Leider hat er mit dem späten Sendetermin den Zuschauerinnen und Zuschauern keine Chance gegeben, sich informieren, ermutigen und inspirieren zu lassen.

Der öffentlich-rechtliche Rundfunk hat das Privileg, sich nicht dem Markt stellen zu müssen. Die Gebührenzahler akzeptieren das, solange er sich nicht nur an Quotenerwartungen orientiert, sondern auch substanzielle Beiträge zu aktuellen Themen prominent im Programm platziert. Tut er das nicht, verliert er seine Existenzberechtigung. Die Programmierung von "Die Hälfte der Welt gehört uns" ist eine Enttäuschung für alle Zuschauerinnen und Zuschauer, die für ihre Gebühren nicht nur leichte Unterhaltungsware erwarten, sondern auch politisch aktive Frauen sehen wollen, die sich nicht als Opfer ihrer Umstände begreifen, sondern ihre Umstände selbst verändern.

Mit freundlichen Grüßen,

Annette Baumeister, Johanna Gastdorf, Jeanette Hain, Paula Hans und Esther Schweins.