Kino

KOMMENTAR: Wo ein Wille ist...

Es ist nicht frei von einer gewissen Ironie, dass der Arthouse-Film den neuen Playern den Weg in die Kinos öffnen soll, wo sich doch gerade diese Filme aktuell so schwer tun, beim Publikum zu reüssieren. 5200 Besucher am Startwochenende für "Suspiria", das von der Kritik vieldiskutierte Dario-Argento-Remake von Luca Guadagnino.

22.11.2018 08:57 • von Jochen Müller

Es ist nicht frei von einer gewissen Ironie, dass der Arthouse-Film den neuen Playern den Weg in die Kinos öffnen soll, wo sich doch gerade diese Filme aktuell so schwer tun, beim Publikum zu reüssieren. 5200 Besucher am Startwochenende für "Suspiria", das von der Kritik vieldiskutierte Dario-Argento-Remake von Luca Guadagnino. 6200 Zuschauer nach dem zweiten Wochenende für den Cannes-Wettbewerbstitel Leto" von Kiril Serebrennikov, dessen Kampf mit den russischen Behörden durchs Feuilleton ging. Ulrich Köhlers Un-Certain-Regard-Beitrag In My Room" hält bei 5200 Kinogängern nach dem zweiten Wochenende. Der gefeierte Girl" von Lukas Dhont hat in fünf Wochen 14.500 Besucher abgeholt. Und für den Cannes-Gewinner Dogman" von Matteo Garrone konnten in fünf Wochen gerade einmal 18.000 Interessierte mobilisiert werden.

Und doch nützt Netflix nicht seine teuren Mainstreamfilme wie War Machine" oder Bright", um in die Kinos zu drängen, sondern Titel wie "Roma oder "22 July", eben genau jene Art von meisterlichen Arthouse-Filmen, denen das zahlende Publikum gerade die kalte Schulter zeigt. Kunstkino soll nun auch die Eintrittskarte von Apple ins Kinogeschäft sein: Der Computergigant hat sich den amerikanischen Edel-Independent A24 als Partner ausgesucht, mit dem man Filme produzieren will - nachdem vor Monaten schon einmal das Gerücht kursiert war, Apple könne A24, die Company hinter Arthouse-Erfolgen wie "Moonlight" oder "Hereditary", womöglich komplett kaufen.

Das ist gewiss auch dem ungewöhnlichen Businessmodell der Streamingdienste geschuldet, dass es weniger aufs Boxoffice ankommt, sondern mehr auf die Aufmerksamkeit, die Filme in den sozialen Medien erzielen: Wer einen Film hat, über den geredet wird, der kann das Interesse der Klientel auf sein Angebot richten: Um Kundengewinnung und Kundenbindung geht es. Diese moderne Form des Mäzenatentums bedeutet gute Nachrichten für Filmemacher, die ihre Herzensprojekte ohne kommerziellen Zwänge so gestalten können, wie sie es für richtig halten. Vielleicht werden sie im Umkehrschluss für ein neues Interesse an ungewöhnlichen Produktionen im Kino sorgen. Warum soll es nicht möglich sein, ein Publikum, das sich auf SVoD die komplexesten Geschichten mit Gusto ansieht, auch für ebenso komplexe Titel im Kino zu begeistern. Die Streaming-Wars, die im kommenden Jahr noch einmal an Intensität gewinnen werden, wenn auch Disney und Warner Bros ihre Dienste an den Start bringen, sorgen für viel Bewegung.

Die Kinos werden aber davon profitieren, weil sie zu etwas in der Lage sind, was man auf den Streaming-Plattformen vermisst: Sie können kuratieren und Produkt veredeln, als wahres Home of Film. Netflix und Co. wissen das. Die Message muss unbedingt auch beim Zuschauer ankommen.

Thomas Schultze, Chefredakteur