Kino

KOMMENTAR: Aller Illusionen beraubt

Man kann nur hoffen, dass der Betrag, den die Politik für die Zukunft der Kinos 2019 zusätzlich locker machen will, nicht Aufschluss über den Stellenwert gibt, den der Kulturort Kino bei ihr hat. Mit Almosen ist die nun im Haushalt für 2019 eingestellte Summe noch freundlich umschrieben. Die Branche ist um ein paar Illusionen ärmer.

15.11.2018 07:54 • von Jochen Müller

Man kann nur hoffen, dass der Betrag, den die Politik für die Zukunft der Kinos 2019 zusätzlich locker machen will, nicht Aufschluss über den Stellenwert gibt, den der Kulturort Kino bei ihr hat. Mit Almosen ist die nun im Haushalt für 2019 eingestellte Summe noch freundlich umschrieben. Die Branche ist um ein paar Illusionen ärmer. Dabei hatte der Chefstratege im BKM bei der parlamentarischen Soirée vor wenigen Wochen noch gemeint, man wolle die Kinos nicht aller Illusionen berauben. Wie gründlich ihm das jetzt gelungen ist, davon hatte der Mann damals vielleicht selbst noch keine Vorstellung. Seit Monaten touren die Vertreter des gerade von der regionalen Politik gerne über den grünen Klee gelobten Kulturorts Kino durch die Büros der Haushälter und Kulturpolitiker, um den letzten Rest an kultureller Begegnungsstätte in der Fläche auch für die Zukunft fit zu halten. Dabei trafen sie auf viel Wohlwollen, aber wohl auch auf viel unverbindliches Geschwafel. Natürlich solle der Kulturort Kino gestärkt und nicht nur die Produktion neuer Filme gefördert werden. Natürlich wolle man gerade die Programmkinos auf dem Land stärken, die in den Großstädten mittelständisch betriebenen Arthouse-Kinos könne man ruhig dem rauen Wind eines überhitzten Miet- und Immobilienmarkts überlassen, so wie die Politik ja auch für die Mieter in den Metropolen keinen Finger krümmt. Monatelang wurde nun der Politik vorerzählt, wie groß die Herausforderung für die Kinos ist, nicht nur den Renovierungsstau in ihren Häusern bei immer anspruchsvoller werdender Klientel zu bewältigen, sondern sich auch in der Konkurrenz mit digitalen Riesen zu behaupten und dabei immer noch das beste Filmerlebnis im Vergleich zu bieten. Ganz unbillig scheinen die Vorstellungen über neue Mittel von vielleicht 30 Mio. Euro jährlich für die nächsten fünf Jahre sicher nicht zu sein. Und jeder angesprochene Politiker war ganz verständig, dass man auf erste Gelder nach diesem schlimmen Kinojahr schon ab 2019 zugreifen können sollte. Ganze zwei Mio. Euro werden jetzt für das "Zukunftsprogramm Kino" bereitgestellt. Das Gelächter im BKM muss noch auf der Straße zu hören gewesen sein. Das Geld kann auch in eine Tombola gehen, die vornehmlich Trostpreise für die in Bedrängnis geratende Kinobranche vorhält. Dass mehr möglich ist, wenn sich Politiker wirklich einsetzen, zeigt die geplante Games-Förderung in Höhe von 50 Mio. Euro - nicht etwa aus Branchenabgaben erwirtschaftet wie die Mittel der FFA, sondern aus Steuergeldern. Die Ministerialbürokratie, die abends abgeschafft vielleicht auch lieber Zeit vor Netflix-Serien statt im Kino verbringt, hat jedenfalls nicht verstanden, dass der Kulturort Kino vielerorts zur Disposition steht. Mehr Mittel zur Selbsthilfe sind jetzt nötig, oder hat die Politik die Kinos schon abgeschrieben?

Ulrich Höcherl, Chefredakteur