Kino

KOMMENTAR: Ein Jahr danach

Als ich Produzent Graham King im Sommer in London traf, um mit ihm über "Bohemian Rhapsody" zu sprechen, kam auch der überraschende Regiewechsel während der Dreharbeiten des Films zur Sprache: Vor exakt elf Monaten war Bryan Singer von seinen Aufgaben entbunden worden, Dexter Fletcher übernahm den restlichen Dreh und betreute den Film weiter im Schnitt.

09.11.2018 09:05 • von Jochen Müller

Als ich Produzent Graham King im Sommer in London traf, um mit ihm über Bohemian Rhapsody" zu sprechen, kam auch der überraschende Regiewechsel während der Dreharbeiten des Films zur Sprache: Vor exakt elf Monaten war Bryan Singer von seinen Aufgaben entbunden worden, Dexter Fletcher übernahm den restlichen Dreh und betreute den Film weiter im Schnitt. Damals waren im Zuge der um sich greifenden #metoo-Debatte über sexuelle Übergriffe im Filmgeschäft auch Anschuldigungen gegen Singer laut geworden, er habe seine Position ausgenutzt, um minderjährige junge Männer gefügig zu machen. Offiziell einigte man sich schnell auf die Sprachregelung, der am Set wohl bereits eratisch handelnde Regisseur habe auf eine Auszeit wegen Familienproblemen gedrängt, seine Mutter sei schwer erkrankt. Das Medienecho war gewaltig, "Bohemian Rhapsody" schien nicht nur als Film, sondern auch als kommerzielles Unterfangen ernsthaft in Gefahr.

Umso größer die Überraschung, als im Sommer bekannt wurde, dass Singer seinen Credit als Regisseur des Films behalten werde. Auflagen der Gewerkschaft, erklärte Graham King im Gespräch. Aber sei das nicht pures Gift für die Aussichten des Films, wollte ich wissen. Nein, meinte der Brite: Dem Mainstreampublikum sei es bei einem solchen Titel egal, wer Regie geführt habe. Man muss den Pragmatismus des Produzenten bewundern, der sich nur seinem Film verpflichtet fühlt und nun Recht bekommt: "Bohemian Rhapsody" ist nicht nur ein weltweiter Hit. Er ist ein Ereignis, auch in Deutschland, wo sich das Publikum letzthin schwer getan hat, sich wirklich für einen Film zu begeistern. Aber dieser Erfolg unterstreicht auch die Schnelllebigkeit der Empörungsindustrie: Kevin Spacey, der sich nur kurz vor Singer (und als zweiter Hollywood-Promi nach Harvey Weinstein|U) ähnlichen Anschuldigungen ausgesetzt sah, wurde noch aus seinem aktuellen Film geschnitten, von House of Cards" gefeuert und mit Schimpf und Schande aus der Branche gejagt. Wenn die Vernichtung einer Karriere wirklich nur eine Frage des Timings sein sollte, wäre die Glaubwürdigkeit von #metoo schwer beschädigt.

Dabei ist #metoo wichtig und richtig: Es darf keinen Machtmissbrauch geben. Nicht in der Filmbranche, nicht in anderen Branchen. Es ist nicht zu unterschätzen, wie viel bewegt wurde, wie viel sich bereits zum Besseren gewendet hat, seitdem Harvey Weinstein zu Fall gebracht wurde. Damals wie heute gilt allerdings: Hysterie ist nicht hilfreich. Insofern ist Graham Kings Umgang mit der Causa Singer vielleicht sogar vorbildlich: Ob man seinen Pragmatismus nun unterstützt oder nicht, wenigstens hat er einen kühlen Kopf bewahrt.

Thomas Schultze|U, Chefredakteur