Kino

KOMMENTAR: Kampf der Couch-Kartoffel

Zu viel Netflix kann nicht gesund sein. Nicht für die Kinos, die sich der neuen Konkurrenz kaum zu erwehren wissen. Nicht für den Kinofilm, der in der Gunst der Produzenten auf die Ränge rutscht. Und nicht für die Zuschauer, die bei stetig wachsender Verweildauer auf der Couch ihre Gesundheit gefährden.

01.11.2018 07:41 • von Jochen Müller

Zu viel Netflix kann nicht gesund sein. Nicht für die Kinos, die sich der neuen Konkurrenz kaum zu erwehren wissen. Nicht für den Kinofilm, der in der Gunst der Produzenten auf die Ränge rutscht. Und nicht für die Zuschauer, die bei stetig wachsender Verweildauer auf der Couch ihre Gesundheit gefährden. Mach' Dir ein paar schöne Stunden und geh' ins Kino, ist ein munter-affirmativer Spruch aus versunkenen Zeiten, als Kino für den Filmgenuss noch das höchste der Gefühle war. Heute wachsen Nutzergruppen heran, die sich an kleinste Rechtecke für den Bewegtbild-Konsum gewöhnt haben und den Unterhaltungskathedralen längst nicht mehr mit derselben Andacht begegnen wie die Generationen vor ihnen. Bei Netflix lernen sie nun, dass Geschichten nur in nicht enden wollenden Serien erzählt werden können, dass sie zum schnellen Verzehr auch unterwegs immer zur Hand sind, und dass es sich dabei um Gebrauchskunst handelt, die zu faszinieren weiß, aber nicht nach der Perfektion auf der großen Leinwand strebt. Was früher über den Fernsehzuschauer kolportiert wurde, darf jetzt ungestraft über den SVoD-Abonnenten erzählt werden. Der sitzt bestenfalls im Freundeskreis aber meist allein vor der Glotze, kriegt seinen Allerwertesten nicht hoch, um soziale Netzwerke analog im Direktkontakt zu erleben und repräsentiert die Couch-Kartoffel im digitalen Zeitalter. Kein Fall für die Kulturpolitik sondern eher für Jens Spahns Gesundheitsministerium. So schadet Netflix nicht nur der Volksgesundheit wie vormals ungebrochener TV-Konsum, es raubt auch der hiesigen Produktionsbranche das unverzichtbare kreative Talent, das sich lieber sorglos aus den frisch aufgenommenen Programmmilliarden des aufstrebenden Globals versorgen lässt. Die Kinos müssen befürchten, dass die besten Geschichten auch von deutschen Autoren demnächst bei Netflix erzählt werden, die Produzenten bekommen ihre Teams nicht mehr zusammen, weil Netflix aus tieferen Taschen entlohnen kann, und am Ende ist der Auftrag von Netflix auch für sie das bessere Geschäftsmodell. Ein Blick ins Kino zeigt gerade, was der deutsche Kinofilm alles kann: Ballon", "Der Vorname", Das schönste Mädchen der Welt", Werk ohne Autor", "Klassentreffen", 25 km/h" und demnächst 100 Dinge" oder Der Junge muss an die frische Luft" - sehr viel besser kann man für ein großes Publikum kaum erzählen. Jetzt müssen nur noch alle dafür sorgen, dass es sich in allen Zielgruppen herumspricht, dass Kino für sie wieder ein Sehnsuchtsort wird, dass die Kinos auf dem erforderlichen Standard sind, und dass es sich auch für die Produzenten lohnt, für die große Leinwand ihr Bestes zu geben, dann kann man auch der letzten Netflix-Couch-Kartoffel sagen, dass es sich lohnt, vor die Tür zu gehen und sich in der Gemeinschaft möglichst vieler Gleichgesinnter zu amüsieren. Wo liegt also das Problem?

Ulrich Höcherl|U, Chefredakteur