Produktion

Amazing Film Company startet durch

Heute läuft "Intrigo - Tod eines Autors" in den deutschen Kinos an - der erste große Start einer Produktion von The Amazing Film Company, die Thomas Peter Friedl gemeinsam mit Stefan Arndt gegründet hatte. Die Firma hat Großes vor.

25.10.2018 15:15 • von Thomas Schultze
Thomas Peter Friedl gibt Vollgas mit seiner neuen Produktionsfirma (Bild: The Amazing Film Company)

Bereits seit Ende 2013 gibt es The Amazing Film Company. Thomas Peter Friedl hatte sie gemeinsam mit X-Filme-Chef Stefan Arndt gegründet, unmittelbar nachdem er den Posten als CEO der 2008 neu formierten UFA Cinema aufgegeben hatte. Zwischenzeitlich kam im vergangenen Jahr eine erste Produktion des Hauses in die Kinos, Die Hölle - Inferno" von Stefan Ruzowitzky, aber erst jetzt startet die Produktionsfirma so richtig durch. "Es dauert einfach eine gewisse Zeit, bis man sich mit einer neuen Firma vom Punkt 0 so weit entwickelt hat, dass man sich präsentieren kann", erklärt Friedl. "Davor findet viel Arbeit im Hintergrund statt, aber seit letztem Jahr läuft die Produktion, und jetzt folgt mit ,Intrigo - Tod eines Autors' der erste große Kinostart. Darauf haben wir hingearbeitet." Friedl sieht seine neue Firma als konsequente Weiterentwicklung dessen, was er in den letzten fast 30 Jahren im Filmgeschäft bei der Constantin und danach UFA Cinema gelernt und gemacht habe. In erster Linie hat er sich Unterhaltungskino in seiner ganzen Bandbreite auf die Fahnen geschrieben. "Wir wollen Stoffe umsetzen, für die die Menschen in dieser Zeit des medialen Wandels weiter gerne ins Kino gehen wollen", erklärt er. Der Schwerpunkt soll auf englischsprachiger, internationaler Produktion liegen. "Schon seit Jahren ist der Talentpool in Deutschland so sensationell und groß, ob Regisseure, Autoren, Schauspieler oder Künstler der anderen Gewerke, dass ich überzeugt bin, dass wir aus Deutschland heraus für den internationalen Markt attraktives Produkt herstellen können", erklärt der Produzent. "Das heißt nicht, dass wir nicht auch deutschsprachige Filme machen werden - ,Rate Your Date' von David Dietl ist schon ein erstes Beispiel -, aber der Fokus soll auf diesen internationalen Projekten liegen."

Seine Zeit bei UFA Cinema, in der Projekte wie Hanni & Nanni", Teufelskicker", Die vierte Macht", Jesus liebt mich" oder Der Medicus" produziert wurden, betrachtet Friedl als spannende und erfolgreiche Zeit, in der man elf Filme hergestellt habe, die es in den deutschsprachigen Kinos auf knapp zehn Mio. Besucher gebracht hätten. Er meint: "Ich bin nicht unzufrieden: Die Firma hat Geld verdient mit den Kinofilmen, und das ist nicht selbstverständlich gerade in Zeiten wie diesen. Die Erfahrung, die ich aus der UFA mitgenommen habe, ist, dass es heute deutlich länger braucht, um Projekte vernünftig aufzusetzen und das nötige Volumen zu schaffen." Das habe primär mit dem sich rapide verändernden Markt zu tun. Es reiche nicht mehr einfach aus, eine gute Idee zu haben. "Wenn man im Kino in Anbetracht der ganzen anderen audiovisuellen Konkurrenzangebote bestehen will, muss man etwas Besonderes präsentieren.", erklärt er. "Bei den gegebenen Finanzierungsstrukturen ist es angesichts der Masse an Produkt aber auch einfach so, dass man mehr Zeit und Energie investieren muss, bis man die nötige Finanzierung für eine Produktion zusammen hat. Das ist ein Manko am Standort Deutschland, aber man muss damit leben und seine Aktivitäten entsprechend danach ausrichten." Bei der Revitalisierung der UFA als Kinomarke bestand ein deutlich formulierter Anspruch. "Wenn Unternehmen wie UFA und Fremantle das machen, dann macht das nur im großen Volumen Sinn", fährt Friedl fort. "Das würde man heute wahrscheinlich anders sehen, aber ich denke, dass wir das in den fünf Jahren, in denen ich bei der Firma war, sehr vernünftig aufgebaut haben. Wie nachhaltig das ist, sieht man ja, auch wenn UFA Cinema im Zuge des Rebrandings der UFA als Marke verschwunden ist: Weiterhin werden dort zwei bis drei Kinofilme pro Jahr produziert. Die Arbeit mit Nico Hofmann und Wolf Bauer war eine große Freude und eine ebenso große Bereicherung für mich."

Die Erfahrungen schlagen sich nun unmittelbar in seine Arbeit mit The Amazing Film Company nieder. Für Friedl stand fest, dass er sich als Produzent selbstständig machen wollte. In welcher Konstellation das stattfinden würde, war allerdings nicht geklärt. Er erzählt: "Ich habe erst einmal sondiert, wer dafür in Frage käme - und habe mich dann für Stefan Arndt und Uwe Schott entschieden, weil ich immer schon die Zusammenarbeit mit starken kreativen Persönlichkeiten geschätzt habe, ob das nun Bernd Eichinger, Martin Moszkowicz und Oliver Berben oder Nico Hofmann und Wolf Bauer waren. Ich mochte das immer, weil es ein sehr inspirierendes Arbeiten ist. In der Tradition sehe ich auch die Zusammenarbeit mit Stefan und Uwe, die überzeugte Filmemacher durch und durch sind. Gerade wenn man sich mit Kino beschäftigt, steht erst einmal das Produkt, also der Film, im Mittelpunkt. Deshalb habe ich mich gegen verschiedene Angebote größerer Strukturen und für eine inhaltlich kreativere Partnerschaft entschieden." Dass sein Projekt Teil der X Filme werden könnte, stand indes nicht zur Debatte, sagt Friedl, der nach 25 Jahren bei den zwei größten deutschen Produktionshäusern bei seinem nächsten Unterfangen eigene Wege gehen wollte. "Im Schwerpunkt ist es so, dass ich die Firma inhaltlich und administrativ führe und auf- und ausbaue, ich entwickle die Stoffe. Aber Filme zu machen, hängt von einem kreativen Teamwork ab. Wenn man zwei oder drei Jahre an einem Projekt arbeitet, ist es wichtig, dass man sich mit einem Dritten, den man kennt und vertraut, austauschen kann. Zusammenarbeit ist essenziell, man kann sich abgleichen und kommt schneller weiter. Ich will nicht alleine vor mich hinarbeiten. Stefan und Uwe sind ideale Mitstreiter für mich. Wir tauschen uns auf Tagesbasis miteinander aus. Ihr Input und Feedback tut mir gut - und tut den Projekten gut. Aber ihr Schwerpunkt liegt weiter auf X Filme, da haben sie genug zu tun."

Die Filme von The Amazing Film Company muss verbinden, dass es einen Mehrwert fürs Kino gibt, dass sie gute Unterhaltung bieten. Das können sie in einer denkbar großen Vielfalt tun. "Aber wir zielen bewusst nicht mit jedem Film aufs ganz große Publikum", sagt Friedl. "Ich denke, dass gerade in Zukunft der Kinofilm immer mehr auch spezielle Zielgruppen bedienen kann und bedienen muss. Mir geht es in der Auswertung um zielgenaues Marketing. Man muss die Zielgruppen identifizieren und kann sie in der digitalen Welt sehr genau ansprechen." Während seiner Zeit an der Spitze des Constantin-Verleihs sah man sich immer mit dem Problem konfrontiert, dass man in die große Breite werben musste, weil es so gut wie keine Mechanismen gab, wie man die Leute punktgenau erreicht, die man eigentlich ansprechen will. "Heute ist das möglich", sagt er. "Darin liegt die große Chance. Man muss nur betrachten, wie erfolgreich im Special-Interest-Bereich gearbeitet wird. Das muss man sich auch fürs Kino zu Eigen machen." Im Fall von "Intrigo" ist klar, wen man ansprechen kann: Es gibt als primäre Zielgruppe ein deutlich definiertes und sehr interessiertes Leserpublikum, das in Deutschland über zehn Mio. Bücher von Håkan Nesser gekauft hat. Gleichzeitig ist der Film als Thriller so attraktiv, dass er auch ein breites Publikum anspricht. Mit dieser Positionierung lässt sich das Marketing in einer Weise anpassen, dass man auf mehreren Füßen stehen kann.

Friedl hatte mit Regisseur Daniel Alfredson zunächst mit einem anderen Filmprojekt zu tun, an dem man miteinander arbeitete. Der schwedische Filmemacher erzählte dem deutschen Produzenten, dass er im Gespräch mit Håkan Nesser sei und sich überlege, einen Stoff von ihm zu verfilmen. Alfredson drehte zu der Zeit gerade mit dem kanadischen Produzenten Rick Dugdale und die drei entschieden sich das ambitionierte Projekt gemeinsam zu entwickeln. "Das war eine gute Konstellation, aber es dient nicht als Blaupause, wie The Amazing Film Company arbeiten will. Wir wollen internationale Projekte von Deutschland aus auf die Beine stellen und anschieben. Bei ,Intrigo' hat es sich gut ergänzt, weil wir drei Filme am Stück in Serbien, Slowenien, Kroatien und Belgien gedreht haben. Bei einem solchen Unterfangen - 90 Drehtage am Stück - musste die Produktion breiter aufgestellt sein." Dabei waren es die Produzenten, die Alfredson die Idee unterbreiteten, nicht einen Film, sondern gleich drei Filme zu drehen. "Rick Dugdale und ich hatten große Lust, einen Versuch zu starten, wie es denn wäre, wenn man eine Filmserie in kurzen Abständen ins Kino bringt", sagt Friedl. Die übliche Abfolge ist bekannt: Ein Film ist ein Erfolg, danach beginnt man mit der Arbeit an der Fortsetzung, die dann ein oder zwei Jahre später folgt. "Die Sehgewohnheiten haben sich seit Beginn des Erfolgszugs der SVoD-Plattformen komplett geändert. Wir wollten diese Brücke, die auch Vorteile im Marketing bringt, ins Kino schlagen: Jetzt startet der erste Teil, der zweite Teil folgt im Februar, der Abschluss der Trilogie kommt im April ins Kino. Was passiert, wenn man einem klar definierten Publikum in kurzen Abständen das Angebot macht: Wenn dir dieser Film gefallen hat, dann wird dir auch dieser Film gefallen." Das ist laut Friedl auch in der weiteren Auswertung spannend: 24 Monate später hat ein Fernsehpartner die Chance, die drei Filme in einer zeitnahen Programmierung dem Publikum zu präsentieren; im Home-Entertainment kann man ebenfalls ein reizvolles Bundle-Angebot schnüren. "Unseres Wissens wurde das in dieser Form noch nie gemacht. Das fanden wir spannend. Und haben uns daran gemacht, drei Filme am Stück herzustellen. Jeder der Filme ist ein eigenständiges Werk, verbunden nur durch den Regisseur, die Produzenten, den Namen Håkan Nesser und seinem Spielort, das Land Maardam. Gänzlich unterschiedlich sind jedenfalls die Geschichten, die Figuren, die Schauspieler. Jeder Film steht für sich alleine, funktioniert aber genauso gut in der Klammer der ,Intrigo'-Trilogie. Wir sind gespannt, was passieren wird."

Die drei Filme waren back to back nur umsetzbar, weil man einen ausgeklügelten Plan für den Workflow schuf. Zwar war 90 Tage lang dasselbe Team an den drei Filmen beteiligt, was Abläufe erleichterte. Aber gleichzeitig war man immer unterwegs. "Die Produktion selbst war ein Road-Movie", schmunzelt Friedl. Weil man eben jeweils mit neuen Schauspielern arbeitete, bedeutete das, dass man nicht in einem der vier für den Dreh vorgesehenen Ländern abdrehen und dann ins nächste weiterziehen konnte, sondern dass es kreuz und quer hin- und herging zwischen Serbien, Kroatien, Slowenien und Belgien - "eine Tour de Force durch Europa". Ein Vorteil bei diesem Prozess war, dass man die Kosten durch den einmaligen Aufwand deutlich reduzieren konnte. "Einmal 90 Tage ist natürlich preiswerter als drei mal 30 Tage, das steht fest", erklärt Friedl. "Besonders wichtig war aber auch, dass wir mit Fox International und Fox Deutschland von Anfang an einen Partner an unserer Seite wussten, der an die Vision des Projekts geglaubt hat. Das war entscheidend, weil wir natürlich von Verleiherseite einen Partner brauchten, der dieses innovative Konzept mitgeht." Dass Fox International im vergangenen Jahr im Zuge der Verhandlungen über den Verkauf von Fox an Disney eingestellt wurde, hatte auf die Arbeiten an Intrigo keinen Einfluss: "Zu diesem Zeitpunkt hatten wir einerseits längst abgedreht, andererseits wurde das Projekt ohnehin von Anfang an federführend von Deutschland aus betreut. Vincent de La Tour und Germar Tetzlaff und ihr Team haben wirklich tolle Arbeit geleistet."

Wie ein Gegenentwurf zu Intrigo wirkt der zweite Film von The Amazing Film Company in diesem Jahr, "Rate Your Date", eine moderne Beziehungskomödie von David Dietl nach einem Drehbuch von Dietl und Katharina Eyssen, die sich aktuell in der Postproduktion befindet und im Sommer 2019 ebenfalls im Verleih von Fox in die Kinos kommen soll. "Es steckt nicht die Absicht dahinter, mit diesen zwei Filmen die Bandbreite unserer Anstrengungen aufzuzeigen", erklärt Thomas Peter Friedl. "So etwas lässt sich im Filmgeschäft nicht steuern. Aber natürlich bin ich ganz glücklich, dass wir uns mit zwei so unterschiedlichen Stoffen präsentieren können." Der Ausgangspunkt war in diesem Fall die Überlegung, wie man das ewig junge Kinothema des Verliebens und Verliebtseins ganz frisch und zeitgemäß in einer Komödie erzählen könnte. "Ich bin glücklich mit meiner Familie, bekomme aber im Bekanntenkreis hautnah mit, wie man im Internet mit Dating-Apps konfrontiert wird, die die Suche nach dem richtigen Partner fürs Leben idiotensicher machen sollen. Ich muss da immer schmunzeln, weil ich mir kaum etwas schwierigeres im Leben vorstellen kann als Partnersuche und es absurd erscheint, sich da auf Maschinen und Algorithmen verlassen zu wollen. Das ist wahrscheinlich von Vornherein zum Scheitern verurteilt. Auf gut deutsch: ein idealer Stoff für eine Komödie." Um Authentizität zu gewährleisten, suchte Friedl nach einem jungen Filmemacher, der einen unbefangenen Umgang mit der digitalen Welt mitbrachte. Dietl, der mit König von Deutschland seine Visitenkarte abgegeben hatte, war der richtige Mann - zumal Friedl ihn schon seit vielen Jahren kennt. "Identifikation ist essenziell für eine Komödie, sonst ist da nichts, worüber sie lachen können. David und Kati haben einen frechen, schnellen und lustigen Film geschrieben, der den weltweit bewunderten Zeitgeist des hippen Berlin genau auf den Punkt bringt." Früh stieg Stefan Gärtner mit der Seven Pictures in das Projekt ein, das mit Alicia von Rittberg, Nilam Farooq, Marc Benjamin und Edin Hasanovic auch eine tolle junge Besetzung aufzuweisen hat. "Es ist extrem hilfreich, wenn man schon während der Entwicklung einen so starken Partner wie Stefan an seiner Seite weiß, der ebenfalls von dem Potenzial des Stoffs überzeugt ist. Wir sind gerade dabei unsere Komödie fertigzustellen und es ist toll zu sehen , wie David punktgenau das Lebensgefühl der jungen Generation aufgreift. Wir versprechen uns Einiges, wenn wir damit im ersten Halbjahr 2019 an den Start gehen: Es ist defintiv eine neue Facette von deutscher Komödie, und damit sind wir sehr glücklich."

Und schließlich nennt Friedl noch eine große internationale Fernsehserie als nächste bereits spruchreife Produktion. Gemeinsam mit "Intrigo"-Mitproduzent Rick Dugdale von der kanadischen Enderby hat The Amazing Film Company "Beneath" auf die Beine gestellt. Die Thrillerserie ist in der Antarktis angesiedelt und erzählt von einer rätselhaften Materie, die unter dem immer schneller schmelzenden ewigen Eis entdeckt wird. Für Februar ist der Drehstart angestrebt. "Es ist ein wirklich faszinierender Stoff, der soviel hergibt, dass wir das Serienformat gewählt haben, in dem man einfach anders erzählen kann", sagt Friedl. "So etwas muss man sich offenhalten als Produzent. Aber ich mache mir keine Sorgen um die Zukunft des Kinos, für das wir auch in Zukunft in erster Linie arbeiten wollen. Wenn interessante, unkonventionelle und nicht so leicht vorhersehbare Themen angeboten werden, werden die Menschen ins Kino gehen." Aber er gibt auch zu bedenken: "Unser größtes Problem ist derzeit, dass wir nicht in der Lage sind, partnerübergreifend die heutigen Vorteile von Customer Relations, der Kundenbindung zu nutzen: Wer und was kommt ins Kino? Wie können wir die Zuschauer erreichen? Viele andere Branchen beherrschen das perfekt, nur wir scheinen nicht in der Lage zu sein, mit unserer Werbung exakt nur die Leute anzusprechen, die für einen bestimmten Film auch in Frage kommen, und die finanziellen Mittel zielgenau einzusetzen. Hier bedarf es einer partnerschaftlichen Anstrengung. Aktuell halten sich alle Player bedeckt und horten ihre Daten für sich. Wir sollten die vorliegenden Daten zusammenführen, dann profitieren alle davon. Es muss unser oberstes Ziel sein, die 130 Millionen Zuschauer, die wir jährlich verzeichnen können, zu pflegen, zu behalten und zu mehr Besuchen zu animieren. Das Interesse des Publikums ist da. Wir müssen es nur abholen und wieder ins Kino ziehen. Das halte ich für die wichtigste gemeinsame Aufgabe. Ich für meinen Teil werde mit The Amazing Film Company beizutragen versuchen, dass das richtige Produkt da ist. Aber das hilft alles nichts, wenn wir den Konsumenten nicht gezielt und richtig ansprechen."

Thomas Schultze