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KOMMENTAR: Im Serienfieber

Wir können Serien! Deutsche Produzenten und Filmemacher glänzen mit immer neuen Serienideen und -vorhaben, die sich nicht nur gut lesen und sehen, sondern auch glänzend in die Welt verkaufen lassen. Und wer kann noch Kino?

19.10.2018 07:54 • von Jochen Müller

Wir können Serien! Deutsche Produzenten und Filmemacher glänzen mit immer neuen Serienideen und -vorhaben, die sich nicht nur gut lesen und sehen, sondern auch glänzend in die Welt verkaufen lassen. Und wer kann noch Kino? Die besten Autoren und Regisseure, die gefragtesten Schauspieler und talentiertesten Kreativen - sie alle sorgen dafür, dass diese Serien gelingen. Nur das beste Talent drückt ihnen seinen Stempel auf. Babylon Berlin" zeigt, dass auch das breite Fernsehpublikum für innovatives serielles Erzählen zu begeistern ist, und das obwohl die Vorzeigeserie bereits vor einem Jahr die große Welle in den Medien gemacht hat. "Die Protokollantin" und "Das Parfum" werden den guten Eindruck der Zuschauer gleich im Anschluss verstärken. "Deutschland86" läuft als gelungene Fortsetzung auf einem Streamingdienst und fesselt ungezählte Nutzer, die sich schon für You are Wanted" begeistert haben oder bei der direkten Konkurrenz für Dark". Neue Serien wie "Der Name der Rose" oder "Das Boot" melden eindrucksvolle Auslandsverkäufe. Ob Beat", Dogs of Berlin" oder "Die Welle", das Serienfieber grassiert immer stärker in der deutschen Produktionslandschaft, und es bindet die Besten, die dafür sorgen sollen, dass sich das Fieber auf immer mehr Zuschauer überträgt. Tatsächlich ist der Look dieser Produktionen eindrucksvoll. Wer das Vergnügen hatte, einzelne Folgen bei Vorabpräsentationen auf der großen Leinwand zu sehen, der weiß, dass sie sich wie großes Kino anfühlen. Der Aufwand, die Sorgfalt, die Professionalität, die hier walten, heben sie nicht nur über viele Alltagsproduktionen des laufenden TV-Programms hinaus, sie können auch erschütternd gut mit dem deutschen Kinofilm mithalten. Tatsächlich fragt man sich nicht nur einmal, sondern immer wieder, warum diese Geschichten oder Teile davon nicht auch für das Kino erzählt werden. Das Kino, das ja das Premiumerlebnis sein will, muss sich beim deutschen Film von einer Handvoll hervorragender Ausnahmen abgesehen, die in diesen und den kommenden Tagen in den Filmtheatern auf Publikum hoffen, mit kleineren Geschichten zufrieden geben, mit gewiss gelungenen Arthousefilmen oder ambitioniert erzählten Beziehungsdramen. Das große Spektakel und die großen Stars aber scheinen umzuziehen auf den kleinen Bildschirm, nicht zuletzt, weil die Auftraggeber solventer sind und dauerhafte Beschäftigung ermöglichen. Das lässt es verschmerzen, dass das Geschehen dem Publikum nicht mehr überlebensgroß präsentiert wird. In vielen dieser Serien steckt immer auch ein großer Kinofilm, der uns vorenthalten wird. Fast möchte man nach einem neuen »amphibischen Film« rufen, wie ihn der große Günter Rohrbach, der in diesen Tagen seinen 90. Geburtstag begeht, für "Das Boot" erfunden hat. Auch die neue Serie taugt zum großen Kinoereignis.

Ulrich Höcherl|U, Chefredakteur