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Michael Harbauer: "Über sprachliche Grenzen hinaus"

Der Schlingel ist eine feste Größe in der deutschen Festivallandschaft. Mit einer neuen Online-Plattform will Festivalleiter Michael Harbauer den Kinderfilm besser präsentieren - auf Augenhöhe für die Zielgruppe.

12.10.2018 15:20 • von Barbara Schuster
Michael Harbauer (Bild: Schlingel Festival)

Der ist eine feste Größe in der deutschen Festivallandschaft. Mit einer neuen Online-Plattform will Festivalleiter Michael Harbauer|U den Kinderfilm besser präsentieren - auf Augenhöhe für die Zielgruppe.

Welches Fazit ziehen Sie von Runde 23 Ihres Schlingel Festivals?

Michael Harbauer: Ein rundweg positives: Wir können einen Besucherrekord mit 25.000 Besuchern vermelden, wir hatten um die 400 Fachbesucher vor Ort - ebenfalls mehr als sonst. Und wenn man dann noch bedenkt, dass wir trotz des Feiertags in der Festivalwoche - für ein Kinder- und Jugendfestival, das stark von Schulvorstellungen und Schulveranstaltungen lebt, eigentlich gar nicht günstig - diesen neuen Rekord aufstellen konnten, ist das doppelt erfreulich.

Welche aktuellen Bewegungen können Sie im Kinder- und Jugendfilmsektor ausmachen?

Michael Harbauer: Das thematische Spektrum bei Kinderfilmen ist nicht anders als in den vorangegangenen Jahren, es geht um Familie, Freundschaft, Zusammenhalt. Wenn man allerdings in eine höhere Altersgruppe schaut, geht es verstärkt um Themen wie Bullying und Cybermobbing. Abgesehen vom inhaltlichen Aspekt konnte ich feststellen, dass wir in diesem Jahr nicht ganz so viele Neuheiten an Kinderfilmen im Spielfilmbereich vorzuweisen hatten als sonst - ich rede hier nicht von deutschen Filmen, denn wir befinden uns in einer sehr komfortablen Situation. Aber im europäischen Umfeld wird es ein wenig schwächer. Holland hatte zum Beispiel dieses Jahr keinen Kinderfilm beigesteuert, was es in den letzten zehn Jahren nicht gab. Schaut man nach Skandinavien, gibt es zwar viel Animation, aber weniger Live Action. Vielleicht liegt das an Finanzierungsmodellen, an strukturellen Problemen: Es werden in der EU zwar Koproduktionen gefördert, aber auf der anderen Seite stellt die sprachliche Vielfalt doch auch ein Problem dar. Denn während man bei Erwachsenenfilmen mit Untertiteln arbeiten kann, kann man das bei Kinderfilmen nicht. Und Synchronisationen sind teuer.

Welchen Stand hat der Jugendfilm eigentlich im Kino?

Michael Harbauer: Als Festival generieren wir etwas mehr als 50 Prozent Jugendpublikum. Hier haben wir überhaupt kein Problem. Da kommt die Neugier dazu, was in anderen Ländern passiert sowie das Angebot, dass man mit Schauspielern und Filmemachern sprechen kann etc. Das überträgt sich jedoch nicht auf die generelle Situation im Hinblick auf eine Kinoauswertung. Da ist die Bandbreite sehr schmal. Ein Film, der 14-Jährige anspricht, lässt 17-Jährige vielleicht schon "kalt". Die Entwicklung der Jugendlichen geht immer schneller und ist europaweit betrachtet auch nicht homogen. Ein Film, der in Skandinavien für 13-Jährige geeignet ist, ist bei uns vielleicht eigentlich erst für 15-Jährige. Mein tschechischer Kollege würde ihn vielleicht erst ab 17 empfehlen. Diese Unterschiedlichkeiten in der Entwicklung lassen es noch einmal schwerer werden, um die Zielgruppe wirklich fassen zu können.

Daran anknüpfend haben Sie eine neue Plattform angekündigt, "Young Urban Cinema". Was ist die Idee dahinter?

Michael Harbauer: Im Wesentlich geht es mir darum, den Kindern und Jugendlichen auf Augenhöhe zu begegnen. Es ist leider so, dass in den Tageszeitungen Filmkritiken zurückgegangen sind und kaum noch Kinderfilme besprochen werden. Wenn man in die Onlineforen schaut, sind es Erwachsene, die Filme aus künstlerisch-ästhetischer Sicht bewerten und weniger, ob sie aus Kinderaugen heraus einen Mehrwert darstellen. Dem wollen wir Rechnung tragen und laden deshalb Filme, die ins Kino kommen samt jungen Juroren zu uns ins Kinderfilmhaus ein, wo über sie gesprochen, diskutiert werden kann: Es werden kleine Filme, Clips produziert, in denen die Kinder und Jugendlichen den Film vorstellen und empfehlen oder auch nicht empfehlen. Diese Clips stellen wir dann auf der Plattform bereit. Wir hoffen darauf, dass es auch in anderen Städten Initiativen gibt, die uns folgen können. Ein zweiter Ansatz ist der, dass die Plattform auch eine Europäisierung ermöglichen soll. Wenn ein tschechischer Film in Tschechien ins Kino kommt, wird er von tschechischen Kollegen besprochen werden, wir besprechen den deutschen Film. Wenn es darum geht, ob man den deutschen Film auch ins tschechische Kino bringen kann, sieht man die Filmkritik der deutschen Kinder. Aus diesem Grund werden wir alles englisch untertiteln. Wir hoffen darauf, dass damit Entscheidungen leichter werden, um Kinderfilme auch über die sprachlichen Grenzen hinaus zu exportieren.

Barbara Schuster