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Wolfgang Feindt: "Es eröffnen sich viele neue Allianzen"

Kurz vor Start der Serienfortsetzung "The Team II" (ab 21.10., 22 Uhr) sprach Blickpunkt:Film mit dem ZDF-Verantwortlichen Wolfgang Feindt über das paneuropäische Format, dessen mögliche Fortsetzung, Produktionen für Neo und die sich im Wandel befindende Situation bei den internationalen Koproduktionen.

12.10.2018 09:49 • von Frank Heine
Wolfgang Feindt, ZDF-Redaktion Spielfilm und Internationale Koproduktionen, verantwortete u.a. die mehrfach ausgezeichneten Serien "Kommissarin Lund" und "Die Brücke", deren finale Staffel das ZDF ab 18.11. zeigt. (Bild: ZDF)

Herr Feindt, können Sie noch rekapitulieren, wie lange Sie mit The Team II" beschäftigt waren, ehe es nun zur Ausstrahlung im ZDF kommt?

Wolfgang Feindt: Das weiß ich noch ziemlich gut, denn es war länger, als wir das alle geplant hatten. Drei Jahre. Für eine Serienfortentwicklung ist das natürlich nicht ideal. Aber das hatte einen Grund. Bevor die Flüchtlingsthematik so akut wurde, war das unser Thema. Dann wurden wir zeitgeschichtlich immer wieder überholt. Wir waren schon kurz vor Dreh und haben dann noch einmal auf Null gestellt und nach einem neuen Aufhänger gesucht. So sind wir auf das spannende Themenfeld Finanzierung des Terrorismus durch Kunst gekommen. Das war der Durchbruch.

Diese Thematik ist in der Tat spannend und dürfte in der Öffentlichkeit nicht allzu präsent sein.

WF: Ich empfand es auch so. Kunst ist zudem ein elitäres Thema, das eher am Rande läuft. Im Zuge unserer Recherche hat uns dann aber verblüfft, dass Kunst tatsächlich eine der Tragsäulen bei der Finanzierung von Terrorismus ist. Das hat eine große Bedeutung. Zum einen, weil so Geld rekrutiert wird, zum anderen, weil es oft um Weltkulturerbe geht, unsere gemeinsamen Schätze und Werte. Und das ist Agitation ins Herz, ins Zentrum der Bevölkerung oder einer ethnischen Gruppe. Diese beiden Spannungsfelder haben uns sehr beflügelt. Sehr interessant ist auch die Frage, wer die Käufer sind. Der Schwarzmarkt im Kunsthandel ist sehr breit aufgestellt, oft sind es Einzelleute die dort auftreten und Millionen ausgeben.

Gab es für diese Thematik gleich einen Konsens unter all ihren vielen Partnern?

WF: Absolut. Als die Rechercheergebnisse vorlagen, hat das auch jeder sofort als großes Thema erkannt, zumal es sehr gut zu einer Spezialeinheit passt, die grenzübergreifend arbeitet. Für so eine Konstellation ist es gar nicht so einfach, ein Thema zu finden. Unser Joint Investigation Team gibt es ja in der Realität und ist in Brüssel angesiedelt. Und das wäre so ein Fall, wo die zum Einsatz kämen. So bildet diese spannende Thematik auch noch einen realen, organischen Hintergrund. Das ist wiederum entscheidend, um unserem Anspruch gerecht zu werden.

The Team" ist vor allem auch durch den paneuropäischen Ansatz mit sieben beteiligten Sendern etwas Besonderes. Was sind die wichtigsten Voraussetzungen, um so viele Partner unter einen Hut zu bekommen?

WF: Bei so einer Vielzahl von Partnern ist es enorm wichtig, dass es eine Federführung gibt. Die lag in diesem Fall beim ZDF. Mit unseren Partnern arbeiten wir schon sehr lange kontinuierlich zusammen. Da besteht eine Vertrauensbasis, sonst wäre das gar nicht möglich. Und inhaltlich ist - wie schon angesprochen - der entscheidende Punkt, ein Thema zu finden, das Sinn macht. Wir machen keine Koproduktion, bei der jedes beteiligte Land dadurch befriedet wird, dass man dort auch hinfährt und jeder noch einen eigenen Star mit einbringt. Wir haben uns auf ein belgisch-dänisch-deutsches Team verständigt. Da gibt es auch Ableitungen, wann so eine Kombination sinnvoll ist.

Vertrauen ist wohl das entscheidende Stichwort. Wenn es ständig aus sieben verschiedenen Perspektiven Feedback gäbe, wäre es wahrscheinlich schwierig.

WF: So ist es. Entscheidend ist immer, dass der Tisch überschaubar bleibt und nicht mehr Senderverantwortliche oder Produzenten als Kreative an ihm sitzen. Sonst funktioniert es nicht.

Mit "The Team" haben Sie Neuland betreten. Welche Erfahrungen, die Sie damals gemacht haben, kamen Ihnen nun bei der Fortsetzung zugute?

WF: Optimal war natürlich, dass "The Team" in allen beteiligten Ländern gut gelaufen ist. Das war eine wichtige Voraussetzung für "The Team II", dadurch waren wir in der Finanzierung sehr schnell wieder auf dem Punkt. Inhaltlich gab es eine Sache, die wir verändert haben. In der realen Situation betreiben solche Teams viel mehr Telekommunikation, Skypekonferenzen und solche Geschichten. Das hatten wir in der ersten Staffel stärker berücksichtigt, fanden es aber im Nachhinein filmisch nicht so attraktiv. Deshalb haben wir nun darauf geachtet, dass wir die drei Ermittler früher und enger zusammenbringen, damit sie möglichst direkt in den Fall einsteigen. Ich glaube, das hat der Fortentwicklung des Formats gut getan.

Die Besetzung war schon in der ersten Staffel nicht schlecht. Aber jetzt treten sie in der Hauptrolle mit Jürgen Vogel an. Kann man das auch als Statement von deutscher Seite bewerten: Wir schicken unsere besten Leute in das Projekt?

WF: "The Team" wurde ja auch in der Kreativszene sehr gut angenommen. Das betraf alle Gewerke. Da bekommt man dann die guten Leute, auch im Schauspiel. Jürgen Vogel kannte die erste Staffel und als wir ihm die Rolle angeboten haben, wollte er das unbedingt machen. Aber ich würde jetzt keine Wertigkeit setzen. Die Struktur von "The Team" ist so angelegt, dass es beim dritten Anlauf wieder ein neues Team geben könnte. Je nachdem, was ein Fall braucht, wird ein entsprechendes Team gebildet. Das ist das Kernelement. Jürgen Vogel fanden wir ideal, weil er auch so ein starkes körperliches Element mit einbringt. Das fanden wir für den Fall passend.

Jetzt haben Sie schon ein Zukunftsszenario von "The Team" angedeutet. Offenbar soll es als eine Art Anthologie-Serie fortgeführt werden oder wäre doch auch eine Fortsetzung mit dem zweiten Team denkbar, wenn der Erfolg entsprechend groß wäre?

WF: Beide Optionen werden diskutiert. Wir finden das aktuelle Trio zusammen sehr stark, da möchte man dranbleiben. Aber man muss erst einen Fall suchen und dann die Entscheidung treffen. Die Verbrechensermittlung wird immer internationaler. Die Geschichten, die uns bewegen kennen keine nationalen Grenzen mehr - Wirtschaftskriminalität, Drogenhandel, Prostitution, Kunstraub. Deshalb bin ich sehr optimistisch, dass wir wieder gute Geschichten finden werden.

Wie sind die Erwartungen innerhalb des ZDF an "The Team II"? Sind die innerhalb des Sendeplatzvergleichs am Sonntag vielleicht höher, weil der deutsche Impact so stark ist oder ist man zu Abstrichen im Linearen bereit, weil es die parallele Mediathekenauswertung und die Ausstrahlung bei Arte (ab 18.10.) gibt?

WF: Ich würde da keinen Unterschied machen. Das Ausstrahlungsszenario haben Sie richtig beschrieben. Wir haben sehr umfangreiche Rechte, daher wird "The Team II" in der Mediathek sehr stark eingesetzt. Beim ORF sind wir im deutschsprachigen Raum auch noch zu sehen. Der Anspruch ist nicht geringer wie bei anderen horizontal erzählten Programmen wie Die Brücke" oder Modus".

Aber die Betrachtung ändert sich schon durch die Mediatheken?

WF: Das kann man generell sagen. Bei "Greyzone", einer Koproduktion mit Dänemark, die auf ZDFneo lief, haben wir enorm hohe Abrufzahlen in der Mediathek. Wir beobachten das alles sehr genau. Gerade bei horizontalen Serien. Ein guter Aufschlag im Sender ist meistens der Hauptimpuls, damit die Leute auch in die Mediathek gehen. Oft wird dann gleich in der ersten Woche die ganze Staffel durch geschaut. Stellenweise ist das ein ganz anderes Publikum, das wir sonst nicht erreichen. So ergeben sich noch einmal neue Zahlen. Wir verlängern inzwischen auch Formate, die im Sender gar nicht unbedingt so toll gelaufen sind, bei denen wir aber positive Signale aus der Mediathek oder beim zweiten Aufschlag bei Neo bekommen haben.

Und dadurch nimmt die Bedeutung von internationalen Koproduktionen immer weiter zu.

WF: Natürlich, aber internationale Koproduktionen sind kein künstliches Instrument. Wir sind darin sehr aktiv und schauen, wo unsere Bedürfnisse liegen. Dass wir dadurch gleichzeitig die Rechte für die Mediathek erwerben ist ganz essentiell und hat auch dazu geführt, dass wir die Anzahl erhöht haben. Eindeutig.

Welche internationalen Märkte sind als Quellen für den Sonntagssendeplatz besonders interessant? Bleiben das primär Skandinavien und Großbritannien?

WF: Der skandinavische Markt ist nach wie vor sehr wichtig und wird es auch bleiben. Da besteht eine große Affinität. Durch die kontinuierliche Zusammenarbeit sind da sehr gute Beziehungen entstanden. Aber wir befinden uns in einer sehr spannenden Zeit und es eröffnen sich viele neue Allianzen. Vor fünf Jahren haben wir begonnen, die erste belgische Serie für Neo zu entwickeln. Mittlerweile machen wir vier Koproduktionen mit Belgien. Benelux ist für uns ein sehr spannender Markt geworden, auch was Förderungen betrifft. Ich bin mir sicher, dass wir auch mit den Holländern mehr machen werden. Durch die European Alliance sind wir in engem Austausch mit Italien und Frankreich. Das hat das ZDF vor einem halben Jahr angekündigt, hatte aber natürlich auch schon einen wesentlich längeren Vorlauf. Auch da erwarten wir einiges. Mit den finanzstarken Märkten wird man versuchen, Produktionen mit größerem Finanzvolumen zusammen anzugehen. Denn Teil der Realität ist auch, dass bei den großen internationalen, horizontal erzählten Serien der Production Value immer höher wird und auf eine entsprechend große Erwartung beim Publikum trifft.

Zu Ihrem Verantwortungsbereich gehören auch Serien, die auf ZDFneo laufen, wie ganz aktuell 24 Hours". Lässt sich darstellen, wodurch sich Serien für Neo und Serien fürs Hauptprogramm unterscheiden?

WF: Wir arbeiten erst seit drei Jahren an dem Konzept und haben im letzten Jahr die ersten drei Koproduktionen auf Neo gezeigt. Wir wollen im Schnitt pro Jahr fünf neue Serien auf Neo anbieten, die als internationale Koproduktion entstehen. Das ist eine hohe Ambition. Wir sind da noch im Probierstadium. Im Vergleich zum Hauptprogramm sind wir genremäßig viel offener und haben ein buntes Potpourri mit einer Camping Platz-Serie, einer Mafia-Serie, einer Kannibalenserie, einer Puffserie und den erwähnten Formaten "Greyzone" und "24 Hours" hingelegt. Im Hauptprogramm senden wir neben dem Sonntag auch noch montags um 22.15 Uhr internationale Koproduktionen, der Sonntag ist sehr stark crime-orientiert, während der Montag eher thrillerlastig ist. Bei Neo sind wir da freier, auch in konzeptioneller Weise.

Wäre "24 Hours" auch im Hauptprogramm vorstellbar?

WF: Eher nicht. Da liegt "Greyzone" viel stärker auf der Linie des Hauptprogramms. Unsere Ausrichtung ist aber ohnehin so, dass wir eine größere Trennschärfe hinbekommen wollen und versuchen, auf Neo andere Akzente zu setzen. "24 Hours" ist ja so ein konzeptionell höchst interessantes Beispiel, weil es aus zwei ständig wechselnden Perspektiven die gleiche Situation beleuchtet. Das steht in Referenz zu The Affair" oder Rashomon".

Sie verantworten auch rein nationales Programm wie "Marie Brand" oder "Kommissarin Lucas". Besteht da ein Unterschied des Involvements?

WF: Wir als ZDF sind immer sehr aktive Koproduktionspartner, deshalb unterscheidet sich eine Auftragsproduktion kaum von einer Koproduktion, die wir betreuen. Es ist kein Geheimnis, dass eine Koproduktion mehr Kommunikation braucht. Im Endeffekt kann man aber sagen, wenn es gut klappt, ist das eine Win-Win-Situation. "The Team" ist dafür ein gutes Beispiel. Nicht nur finanzieller Art, weil man mit weniger eigenen Ressourcen mehr Production Value erzeugen kann. Auch inhaltlich kommt etwas Neues dabei heraus. Das ist sehr spannend und beflügelt auch in starkem Maße die Arbeit an deutschen Produktionen. Das ist ein schöner Transfer hin und her. Man lernt Kreative aus den anderen Ländern kennen und zieht sie dann rüber in eigene nationale Produktionen. Und umgekehrt passiert das ja gerade auch mit sehr vielen deutschen Kreativen. Die Türen sind offen. Auch für die deutschen Sender.

Das Gespräch führte Frank Heine.