Kino

Wem hilft das "Zukunftsprogramm Kino"?

Kein Programm für Alle - aber wenigstens für Viele? Auch wenn es keinen Zweifel daran geben kann, dass die Koalition dem Kino zur Seite stehen will, klaffen zwischen den Vorstellungen der Branche und insbesondere jenen der BKM noch massive Lücken. Dass diese wenigstens partiell geschlossen werden, ist indes nicht ausgeschlossen.

10.10.2018 12:19 • von Marc Mensch

Man musste es an diesem Tag wohl so deutlich sagen, wie es FFA-Vorstand Peter Dinges|U tat: "Eine Strukturförderung muss dazu dienen, Strukturschaden abzuwenden!" Und genau dieser droht, sollte das Kino nicht schon bald in die Lage versetzt werden, sich neu aufzustellen. Womit schon zwei Kernprobleme in der Debatte um das "Zukunftsprogramm Kino" angedeutet wären: Die tatsächlichen Adressaten einer wie auch immer gearteten Förderung - und der Zeitpunkt der Maßnahme.

Nun, zumindest was letzteren Punkt betrifft, gab es bei einem Expertengespräch der CDU/CSU-Bundestagsfraktion im Delphi Lux gute Nachrichten: Denn auch wenn der Start des Zukunftsprogramms zuletzt eigentlich erst für 2020 vorgesehen war, hat man sich in der Koalition darauf verständigt, bereits 2019 erste Maßnahmen in die Wege zu leiten. Zwar betonte Elisabeth Motschmann als kultur- und medienpolitische Sprecherin der Bundestagsfraktion von CDU/CSU, dass die letzte Hürde für dieses konkrete Vorhaben noch nicht genommen sei - noch stehe das Votum der Haushälter aus. Doch Gitta Connemann|U legte sich an diesem Abend als Schlussrednerin fest, versprach im Namen der Fraktion, dass man schon im kommenden Jahr etwas tun werde. Und (auch) an BKM-Vertreter Günter Winands|U gewandt: "Egal wie!"

Dass sich mit Gitta Connemann die stellvertretende Vorsitzende der Unionsfraktion Zeit für diesen Termin genommen hatte, zeigt an sich bereits, welchen Stellenwert das Thema in Reihen der Union grundsätzlich genießt. Und offenbar nicht nur dort. Denn wie Motschmann gleich mehrfach betonte, herrscht in der Frage des Zukunftsprogramms umfänglicher Konsens mit der SPD. Indes ist völlig offen, welche Form dieser Konsens annehmen wird.

"Es ist kein Förderprogramm für Multiplexe!"

Allzu ambitionierten Erwartungen hatte Ministerialdirektor Günter Winands als BKM-Abteilungsleiter ja bereits vor wenigen Wochen bei der parlamentarischen Soiree im Zoo Palast einen dicken Riegel vorgeschoben. Und auch wenn an diesem Abend keinerlei konkrete Zahlen genannt wurden und auch Winands noch gewisse Hintertüren offen ließ, wurde doch unmissverständlich klar: Der BKM schwebt in der Tat ein Programm vor, das mit "Kriterienkinoförderung 2.0" wohl nicht gänzlich unpassend betitelt wäre. Was sich in doch recht überschaubare finanzielle Ausstattung und (schon als zwangsläufige Folge) einen sehr ausgewählten Kreis der Förderempfänger übersetzen würde. Tatsächlich sprach Winands im Delphi Lux klar aus, was er beim Termin im Zoo Palast nur zwischen den Zeilen hatte anklingen lassen: Eine Förderung von Multiplexen schließt die BKM derzeit kategorisch aus. Wobei nicht unmittelbar klar wurde, ob Winands den Begriff (nur) im Sinne der FFA-Definition von Kinos mit mindestens acht Sälen verwendete - oder ihn sogar noch weiter fasste. Der Verweis auf die erfolglose Klage von CineStar gegen die Kriterienkinoförderung (die übrigens vor dem Oberverwaltungsgericht und nicht etwa dem Bundesverfassungsgericht endete) kam dabei auch nicht von ungefähr - sei damit doch gerichtlich bestätigt worden, dass man "die Großen" sehr wohl aus so einem Programm heraushalten könne.

Tatsächlich müsste man es angesichts des derzeitigen Sachstandes wohl bereits als Erfolg werten, sollten (unabhängig von Größe und Art des Hauses) überhaupt auch Kinos jenseits des ländlichen Raumes bedacht werden. Diesbezüglich sind die Signale der Parlamentarier(innen) aber immerhin positiv - wobei es sicherlich nicht schadet, dass HDF und AG Kino-Gilde an dieser Stelle quasi mit einer (überzeugenden) Stimme sprechen und auch etliche Teilnehmer(innen) aus dem Publikum mit allerbesten Argumenten dafür eintreten konnten, dass eine Förderung des ländlichen Raumes, wie sie sich die Koalition in besonderem Maße auf die Fahnen geschrieben hat, per se nur dann nachhaltig sein kann, wenn der urbane Raum vergleichbare Aufmerksamkeit erfährt. Und man durfte durchaus den Eindruck gewinnen, dass diese Argumente auf nicht gänzlich unfruchtbaren Boden fielen.

Für erfreuliche Nachrichten war Günter Winands an diesem Tag indes eher nicht zuständig - und auch Elisabeth Motschmann hatte eingangs bereits klargestellt, dass schon deshalb nicht alle Kinos gefördert werden könnten, weil die Mittel selbst im besten Fall dafür nicht ausreichen würden. Allerdings nehme der Koalitionsvertrag (dessen Wortlaut Winands erneut bewusst eng auslegte) durchaus nicht vorweg, wer konkret gefördert werden könne. Tatsächlich sei den Koalitionären mit der entsprechenden Passage ein "Meisterwerk der politischen Konsens-Formulierung und relativen Unschärfe" gelungen. Womit Motschmann nicht nur die Lacher auf ihrer Seite hatte, sondern vor allem auch Antrieb lieferte, sich weiter argumentativ für ein möglichst breit gestaltetes Programm einzusetzen.

An Einsatz ließ es der bereits eingangs zitierte FFA-Vorstand jedenfalls nicht mangeln. Bei einer von Yvonne Magwas|U (Filmberichterstatterin der Unionsfraktion) moderierten Podiumsdiskussion plädierte Peter Dinges mit deutlichen Worten dafür, das Papier des HDF Kino nicht einfach als bloßes Wunschdenken abzutun. Immerhin nehmen sich die dort aufgerufenen Summen nicht nur gegenüber der in Frankreich zur Verfügung gestellten Kinoinvestitionsförderung (153 Mio. Euro jährlich!) noch sehr bescheiden aus - sondern auch gegenüber der hiesigen Produktionsförderung. "Wir kümmern uns mit 400 Mio. Euro jährlich um das Produkt - aber wir kümmern uns nicht um die Kinostruktur!", befand Dinges. Die Berechnungen, die der HDF angestellt habe, seien jedenfalls auch nach Einschätzung der FFA "überaus plausibel".

"Diesmal reicht es nicht!"

HDF-Vorstand Thomas Negele|U beschwor an dieser Stelle die in der Vergangenheit vielleicht nicht immer einfache, aber doch stets konstruktive und fruchtbare Zusammenarbeit mit dem Büro der Kulturstaatsministerin und speziell mit Günter Winands. Allerdings stehe man heute vor einer neuen Situation. Einer Situation, in der Spielräume für die Kinos praktisch nicht existent seien. "Diesmal können wir nicht dealen, diesmal reicht es einfach nicht! Wir müssen den Notwendigkeiten Rechnung tragen - sonst verschwinden in absehbarer Zeit x Kinos!", so Negele, der eindringlich dazu mahnte, sich vor Augen zu führen, welche Folgen ein struktureller Einbruch in der Kinolandschaft für die deutsche Produktionsbranche hätte.

Vielleicht gilt es an dieser Stelle auch, mit ganz grundsätzlichen Missverständnissen aufzuräumen. Denn die Frage, wer die aktuellen Herausforderungen auch "aus eigener Kraft" stemmen kann, lässt sich nicht pauschal anhand von Betriebsgröße oder Kettenzugehörigkeit beantworten. Zumal schon Kette nicht gleich Kette ist. Tatsächlich gibt der HDF in seinem Konzept sehr klare Richtwerte vor, wie sich Bedürftigkeit bis auf den einzelnen Saal herunter gebrochen skizzieren lässt. Gleichzeitig gibt es keinen Dissens innerhalb der Branche darüber, dass das "Zukunftsprogramm Kino" eine ausgeprägte kulturelle Komponente beinhalten sollte, die besonders engagierte Programmarbeit belohnt. Felix Bruder|U, Geschäftsführer der AG Kino-Gilde, verwies diesbezüglich auf die Vergabekriterien bei den BKM-Kinoprogrammpreisen als mögliche Richtschnur. Auch er appellierte ganz klar an die Parlamentarier, jetzt das nötige Geld in die Hand zu nehmen - um eine Maßnahme auf die Beine zu stellen, die dann über mehr als ein Jahrzehnt wirke.

Was aber kann die Branche in dieser Situation nun konkret tun, um sich möglichst engagierte Unterstützung zu sichern? Sich nicht auseinander dividieren zu lassen, würde sicherlich ebensowenig schaden, wie noch etwas mehr Werbung in eigener Sache zu machen. Denn das Argument, jedes Kino sei per se ein kultureller Ort, könnte durchaus noch Unterfütterung vertragen, soll es die Entscheider(innen) erreichen. Vor allem aber gilt es, Mahnungen und Hinweise der Politik ernst zu nehmen - was gerade auch für den von Gitta Connemann als "Hausaufgabe für die Verbände" titulierten Auftrag gilt: zu eruieren und zu kommunizieren, welche derzeit schon bestehenden Fördertöpfe (z.B. aus dem Bereich der Städtebauförderung) von den Kinos erfolgreich angezapft werden könnten.

Schon deswegen eine Notwendigkeit, weil auch Connemann betonte: "Wir machen Ihnen nichts vor. Das Zukunftsprogramm wird nicht alles leisten können, was Sie sich wünschen." Auch wenn der Haushalt noch Spielräume hergebe - man werde nicht auf Größenordnungen kommen, wie sie der HDF anstrebe. Und man darf wohl ergänzen: Gleiches gilt für die Größenordnungen, mit denen die AG Kino-Gilde operiert.

Kann man sich Ihnen aber zumindest annähern? Zweifel sind diesbezüglich sicherlich mehr als angebracht, zumal da ja noch die alles andere als trivialen - und beim Expertengespräch nur am Rande gestreiften - Fragen nach den weiteren Beteiligten eines ausdrücklich KO-finanzierten Programms im Raum stehen. Aber immerhin signalisierte dieser Abend (an dem man sich übrigens etwas über die eine oder andere erneute Absenz wundern durfte) doch zumindest eines klar: An grundsätzlicher Gesprächsbereitschaft mangelt es nicht. Eine Chance, die man nicht verstreichen lassen sollte.

Marc Mensch