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X Filme: "Die Wahrnehmung hat sich verändert"

Am Sonntag (30.09.) steigt in der ARD die Free-TV-Premiere von "Babylon Berlin". Blickpunkt: Film sprach mit den Produzenten Michael Polle und Uwe Schott über das Riesenunterfangen, die Auswirkungen für X Filme, den Dreh der dritten Staffel und die weiteren Pläne des Unternehmens im TV-Bereich.

28.09.2018 15:10 • von Frank Heine
Die X Filmer Michael Polle, Stefan Arndt und Uwe Schott auf der "Babylon Berlin"-Premiere (Bild: ARD Degeto/P. Stadler)

Wie sind Ihre Erwartungen an die Ausstrahlung in der ARD? Empfinden Sie das nochmals als besondere Bewährungsprobe?

Uwe Schott: Zunächst muss man sagen, dass wir mit Babylon Berlin" schon viel Wunderbares erfahren durften: Wir haben nationale und internationale Preise gewonnen, die Serie ist in mehr als 100 Länder erfolgreich verkauft. Aber natürlich bleibt unser primäres Ziel, so viele Zuschauer wie möglich zu erreichen. Insofern ist es für uns spannend zu sehen, wie die Serie in Deutschland im Free- TV jenseits der Sky-Auswertung ankommt.

Besteht eine gewisse Anspannung, weil die Erfahrungswerte mit so umfangreichem horizontal erzähltem Programm im linearen Fernsehen heutzutage eher gering sind?

Michael Polle: Absolut. Aber wir erleben durch die Partnerschaft von Pay TV und Free TV in Deutschland auch eine ganz neue Auswertungsform. Da stand - gerade auch innerhalb der Branche - immer das große Fragezeichen, in wieweit sich beide kannibalisieren. Was das öffentliche Interesse oder Presseanfragen betrifft, so hat sich das aus unserer Sicht bisher eher befruchtet. Wir hatten noch mehr Interviewanfragen als bei der Pay-TV-Ausstrahlung. Die Mundpropaganda der Menschen in den sozialen Medien funktioniert bestens. Deshalb sind wir, bei aller zugegebenermaßen bestehenden Nervosität, positiv gestimmt.

US: Es gab ja schon einige horizontal erzählte Serien im deutschen Fernsehen, natürlich nicht in dieser Folgenzahl. Die sind mit Blick auf die Einschaltquote zum Teil gut und zum Teil schlecht gelaufen.

Können Sie sich zurück erinnern, wann Sie zum ersten Mal mit "Babylon Berlin" in Berührung kamen?

US: Sehr gut sogar. Michael und Stefan Arndt, der dritte Produzent im Bunde, wollten immer eine Geschichte erzählen, die in den 20er Jahren spielt. Eigene Versuche einer Entwicklung waren gescheitert, und so erzählte ich ihnen von diesen toll recherchierten Gereon-Rath-Krimis von Volker Kutscher. Wir wussten bereits, dass es viel Geld für ein solches Projekt brauchte, um diese besondere Zeit zum Leben zu erwecken. Gleichzeitig waren die Rechte jedoch bereits optioniert.

MP: Wir haben diese Rechte wirklich gejagt, weil wir dank Uwe gemerkt haben, welche Qualität dahinter steckt. Wir haben regelmäßig alle drei bis sechs Monate unser Interesse bekundet. Zur selben Zeit erzählte auch Henk in einem Gespräch mit Stefan von diesen Romanen. Als der erlösende Anruf kam, dass die Option verfügbar war, ging es relativ schnell.

US: Sobald wir die Möglichkeit hatten haben wir Tom ins Boot geholt, der sofort gemeinsam mit Henk und Achim schreiben wollte. Zusammen schrieben sie ein erstes Buch und eine Bibel. Damit sind wir dann losgezogen.

Was würden Sie in der Rückschau als weitere entscheidende Meilensteine auf dem Weg zur fertigen Serie bezeichnen?

US: Die große Frage war die Finanzierung. Hier war Stefans Idee, mit Sky einen Pay- TV Partner zusammen mit einem öffentlich-rechtlichen Sender ins Boot zu holen, essentiell. Als dann von der Degeto in Person von Christine Strobl, vom ARD-Programmdirektor Volker Herres und von Sky mit Marcus Ammon die Bereitschaft signalisiert wurde, diesen Weg mitzugehen, war das ein wichtiger Meilenstein.

MP: Ich glaube, dass auch die Entscheidung, auf deutsch und in Deutschland zu drehen, ein wichtiger Punkt war. Hier ist Beta Film zu erwähnen, die das Wagnis eingegangen sind, sich bei einem solchen Projekt als Koproduzent zu engagieren. Zudem spielten Faktoren wie der sich damals in Entwicklung befindende German Motion Picture Fund und die Länderförderungen von Medienboard Berlin- Brandenburg und Filmstiftung NRW eine wichtige Rolle, darüber hinaus die Unterstützung des Media- Programms. Nur durch all diese Partner gemeinsam war ein solches Projekt in dieser Form aus Deutschland heraus überhaupt möglich.

US: Ein zentraler Aspekt war auch, dass die drei Regisseure sich dazu bereit erklärt haben, alle Folgen zusammen zu machen. Es gab keine Aufteilung nach Episoden, nur nach Drehabschnitten. Bei der Vielzahl der Folgen wäre es logistisch im Rahmen unseres Budgets nicht anders lösbar gewesen. Zudem muss man erst einmal drei Leute finden, die so ein einheitliches Verständnis haben.

Wie ist die Aufgabenverteilung zwischen Ihnen, den drei X Filme-Produzenten bei "Babylon Berlin"?

MP: Uwe ist derjenige, der vor allem die physische Herstellung überwacht. Das tägliche Produktionsgeschäft in all seiner Komplexität liegt bei ihm. Stefan und ich sind in den vor- und nachgelagerten Bereichen unterwegs. Bei der Buchentwicklung stimmen wir uns untereinander sehr eng ab. Ebenso bei der Postproduktion, wenn es beispielsweise um Schnittanmerkungen geht. Die Senderkoordination und die Marketingkoordination ist meine Aufgabe. Aber im Grunde lebt alles von einem sehr engen Austausch, was in der Firma sehr gut funktioniert, weil wir ja kein großer Konzern sind, sondern alle auf einem Stockwerk sitzen.

US: Wir haben gar kein zweites Stockwerk.

MP: (lacht) Stimmt. Aber auch durch unsere unterschiedlichen Backgrounds ist es ein sehr angenehmes und konstruktives Miteinander. Uwe deutete es an, die Idee, Free- und Pay TV zusammenzuführen, kam aus dem Kinobereich, das ist Stefans Background. Meiner liegt eher im klassischen Fernsehgeschäft. Uwe wiederum hat schon bei Cloud Atlas" und Ein Hologramm für den König" eng mit Tom zusammengearbeitet. So ergänzen sich die Dinge auf eine sehr konstruktive Art.

Stichwort Sender. Gab es Punkte, bei denen Sie zwischen ihren Partnern vermitteln mussten, wo die Interessen zwischen Pay TV und öffentlich-rechtlichem Free TV kollidierten?

US: Es gab nie einen Interessenkonflikt zwischen den zwei Sendern. Wenn, dann gab es vielleicht Aspekte - von Konflikten will ich gar nicht reden -, die die Regisseure oder wir Produzenten inhaltlich anders gesehen haben als unsere Partner. Aber das war ein bei der Stoffentwicklung völlig übliches Miteinander. Zu keinem Zeitpunkt hatten Sky oder die Degeto unterschiedliche Vorstellungen von dem Projekt. Klingt verrückt, aber so war es wirklich.

MP: Die Vision der Serie war durch das erste Paket klar, darauf hatten sich alle Partner verständigt. Deshalb haben auch alle gemeinsam an einem Strang gezogen. Der Austausch hat die Sache immer besser gemacht. Deshalb ist dieser Free TV/Pay-TV-Unterschied nie zu spüren gewesen. Es ging darum, die absolut beste Serie mit allen Partner und die nationalen und internationalen Auswertung zu machen.

Die Fortsetzung ist inzwischen ausgemachte Sache: Wie ist der Status Quo bei der dritten Staffel?

US: Wir machen die dritte Staffel. Wir haben entwickelte Bücher und fangen zeitnah im November an zu drehen. Wieder in der gleichen Konstellation.

Gab es beim Dreh der ersten beiden Staffeln eine Art Learning, von dem Sie nun bei der dritten profitieren können?

US: Natürlich nimmt man immer Erfahrungen mit. Aber es war jetzt nicht so, dass wir vor dem Dreh der ersten Staffeln das Gefühl hatten, wir müssten jetzt den Mount Everest erklimmen. Hier haben wir sicher von den Erfahrungen bei "Cloud Atlas" profitiert, wo nach dem gleichen Prinzip mit verschiedenen Regisseuren gedreht wurde. Eine neue Erfahrung war jedoch die Länge der Produktion, da viele von uns eher einen Kinobackground hatten und die Drehzeit mit 185 Drehtagen eine andere Dimension bekam. Doch wir haben gelernt, wie eine so lange Wegstrecke gut durchzuhalten ist. Letztes Mal haben wir teilweise noch parallel gedreht, darauf verzichten wir heute.

Gab es ein Szenario, einen Plan B, für den Fall, dass einer Ihrer drei Partner nach den ersten beiden Staffeln abgesprungen wäre?

MP: Es gab bereits während der Schnittphase die Bereitschaft und den Wunsch, "Babylon Berlin" weiter zu machen. Daher gab es schon sehr früh das Commitment, gemeinsam Bücher für die nächste Staffel zu entwickeln.

US: Wir sind sehr früh wieder auf die Partner zugegangen. Wenn man sich ausrechnet, wie lange es dauert, eine neue Staffel zu schreiben, die vielen Schauspieler zu blockieren, da muss man sehr früh wieder zusammenkommen.

MP: Mit einem Projekt dieser Art muss man frühzeitig in die Entwicklung gehen, weil man die Vorläufe sonst nicht so schnell wie bei anderen, nicht-historischen Serien auf die Beine gestellt bekommt. Uns war bei "Babylon Berlin" immer die Geschichte, der Inhalt das wichtigste, aber gleichzeitig müssen wir dafür das Berlin der 20er Jahre in Berlin und Nordrhein-Westfalen wieder in die Gegenwart holen. Insofern kann man den Partnern und Förderern für ihr so früh entgegengebrachtes Vertrauen gar nicht genug danken.

Hat "Babylon Berlin" das Standing Ihrer Firma noch einmal verändert?

US: Obwohl wir schon einige Jahre tolles Fernsehen machen, werden wir jetzt sicher noch einmal auf einer anderen Ebene wahrgenommen. Vor allem steht X Filme jetzt auch international plötzlich für Fernsehen. Wir werden jetzt auch für Koproduktionen im TV-Bereich angefragt. Das war zuvor nicht der Fall. Da ging es immer um Kino.

MP: Es ist eine Veränderung, ein wichtiger Punkt innerhalb einer vor vielen Jahren begonnenen Strategie und Zielsetzung, X Filme breiter aufzustellen und aus einem klassischen Kinoproduzenten einen Inhalteproduzenten für Kino und Fernsehen im weitesten Sinn zu machen. Die klassischen TV-Auftragsproduktionen waren erste Schritte, die Firma auf dem nationalen Fernsehmarkt bekannt zu machen. Parallel lief bereits die Entwicklung von "Babylon Berlin". Mit der Herausbringung hat sich die Wahrnehmung unserer Firma und unserer TV-Projekte noch einmal verändert.

Wie will sich X Filme künftig zwischen Kino, High End-Formaten und klassischem TV positionieren?

US: Wir spezialisieren uns nicht auf einen Bereich. Wir arbeiten neben dem Fernsehen weiter an unseren Kinoprojekten. Ganz aktuell gehen wir mit %Dani Levi% in den Dreh der Känguru-Chroniken" mit dem ZDF als Partner.

MP: Es geht uns um diese breite Aufstellung die immer zum Ziel hat, inhaltlich etwas Eigenes und Besonders auf die Beine zu stellen. Ich hoffe, dass man dies neben "Babylon Berlin" auch unseren anderen TV-Filmen wie beispielsweise den "Tatorten" oder dem letzten "Polizeiruf" ansieht. Die unterschiedlichen Bereiche befruchten sich dabei gegenseitig. Aus diesem Grund war es uns auch wichtig, neben "Babylon Berlin" kontinuierlich weiter zu arbeiten, um zu zeigen, dass wir in vielen Segmenten und vor allem mit besonderen Kreativen arbeiten.

US: Alles, was wir machen, ist inhaltlich getrieben, durch die Beteiligten und die gemeinsame Visionen für ein Projekt.

MP: Wir machen die Dinge unabhängig von der Projektdimension und der Finanzierung mit der immer gleichen Genauigkeit und Detailverliebtheit. Am Ende geht es um den Blick auf Geschichten. Dabei ist uns die Zusammenarbeit mit den Kreativen ungemein wichtig. Wir haben das "Creative Pool" nicht nur im Firmennamen stehen. Wir nehmen es sehr ernst. Zu den Kreativen, mit denen wir zusammenarbeiten, bestehen häufig lange gelebte Partnerschaften, aber wir freuen uns auch immer wieder, neue Talente zu entdecken.

Aktuell sind Sie auch mit einem zweiten Projekt in den Schlagzeilen, der ZDF-Miniserie Verlorene Tochter", die gerade gedreht wird. Wie kam diese Zusammenarbeit zustande?

MP: Das war eines der ersten Projekte, das ich mit Christian Jeltsch bei der X angeschoben habe. Wir waren zu jener Zeit bereits mit Axel Laustroer vom ZDF im Austausch, den ich bereits von KDD" her kannte. Er mochte das Projekt sehr, aber wir waren mit einer sechsteiligen Miniserie vielleicht zu früh dran. Christian und ich haben das Projekt erst einmal zur Seite gelegt und die Vorabendserie Unter Gaunern" gemacht, was für unsere Zusammenarbeit und auch für X als Unternehmen ein ganz wichtiger Schritt war. Wahrscheinlich war dann der stärker werdende Serienboom hilfreich, auf jeden Fall blieben wir mit Axel und dem ZDF im Austausch und konnten gemeinsam %Johannes Frick- Königsmann% und Heike Hempel für das Projekt begeistern. Mit Uwe Urbas, der vor einigen Jahren zu X in den TV Bereich wechselte, kam ein zweiter Produzent hinzu, der zuvor mit Familie Braun" und Tempel" wirklich besondere Serien gemacht hat. Daneben ist Uwe ein guter Freund von mir. Hier entstand ein wichtiger Austausch für das Projekt, bis wir alle zusammen Kai Wessel als Regisseur gewinnen konnten.

Was steht für X Filme darüber hinaus im TV-Bereich bevor?

MP: Am 28. Oktober läuft im Ersten unser Bremer Tatort: Blut". Nach "Unter Gaunern" und dem Tatort über häuslichen Pflegenotstand, "Im toten Winkel" ist das unsere dritte Zusammenarbeit mit Radio Bremen. Außerdem ist es ein gutes Beispiel für die enge Verbindung unseres Hauses zu den Kreativen. Denn "Blut" ist der dritte Film, den wir mit dem noch jungen Regisseur %Philipp Koch% gemacht haben.

Das Interview führte Frank Heine