Produktion

Augenschein setzt auf Stars für Arthouse mit Crossover-Potenzial

Maximilian Leo und Jonas Katzenstein verlagern den Fokus ihrer vor zehn Jahren gegründeten Filmproduktion auf Projekte mit internationalen Stars für den Weltmarkt. So postproduziert augenschein das Langfilmdebüt des Kurzfilmoscar-nominierten Patrick Vollrath "7500" mit Joseph Gordon-Levitt und bereitet das Langfilmdebüt von Schauspielerin Franka Potente "Home" vor, in dem Kathy Bates eine Hauptrolle übernehmen wird.

21.09.2018 10:13 • von Heike Angermaier
Joseph Gordon-Levitt in "7500" von augenschein Filmproduktion (Bild: augenschein/Universum)

Maximilian Leo und Jonas Katzenstein verlagern den Fokus ihrer vor zehn Jahren gegründeten Filmproduktion auf Projekte mit internationalen Stars für den Weltmarkt. So postproduziert augenschein das Langfilmdebüt des Kurzfilmoscar-nominierten Patrick Vollrath, 7500", mit Joseph Gordon-Levitt und bereitet das Langfilmdebüt von Schauspielerin Franka Potente, "Home", vor, in dem Kathy Bates eine Hauptrolle übernehmen wird.

Ende letzten Jahres drehte Patrick Vollrath, der für seinen Kurzfilm "Alles wird gut" mit dem Studentenoscar prämiert wurde, "7500" ab. Das ungewöhnliche Drehbuch, das auch aus der Feder von Vollrath stammt, erzählt eine Flugzeugentführung ausschließlich über die Geschehnisse im Cockpit. Nur der Blick aus dem Fenster und über die Bordkamera bzw. vereinzelt auch durch die geöffnete Cockpittüre auf die ersten Passagierreihen erweitert den Spielraum. Ein Coup gelang den Produzenten Maximilian Leo und Jonas Katzenstein mit dem Gewinn von Joseph Gordon-Levitt für die Hauptrolle des Kopiloten. Der US-Star ist auch aus den Blockbustern Inception" und Dark Knight Rises" bekannt. Gedreht wurde von Oktober bis Dezember in den MMC Studios in Köln, am Flughafen von Mönchengladbach und in Wien. Nach dem Schnitt durch den renommierten und mehrfach Lola-prämierten Editor Hansjörg Weißbrich gestaltete sich die Postproduktion, insbesondere die VFX-Arbeit, etwa das Einbauen der durch die Fenster sichtbaren Szenarie des Flughafens und der Flugroute, als aufwändig. Momentan läuft die Mischung und die Farbkorrektur. Leo und Katzenstein, die mit dem Material sehr zufrieden sind, reichen "7500" in Sundance und der Berlinale ein. Der Film sei weniger ein Bruce-Willis-Action-Thriller denn ein realistisches Drama in der Art von Paul Greengrass' Flug 93", skizziert Leo und betont: "Der Realitätsanspruch steht über allem." So wurde in einem echten Cockpit gedreht, das man aus einem für die Produktion gekauften Airbus A319 ausbaute, und es später auf einen LKW setzte, um die Fahrt auf dem Rollfeld zu simulieren. Ein echter Pilot wirkte mit, die Flugmanöver für den Film wurden parallel in echt ausgeführt, damit die Intrumentenanzeigen stimmen. "Ein Action-Genre-Film bildet nur den Ausgangspunkt für einen präzise inszenierten Arthouse-Film", führt Katzenstein aus. Entsprechend werde es auch keinen klassischen Thrillerscore geben, aber durchaus einen Hitchcockschen Spannungsaufbau.

"7500" ist das erste englischsprachige Projekt der 2008 von Leo und Katzenstein gegründeten augenschein Filmproduktion, die der neuen Ausrichtung der Firma folgt: Es ist eine Produktion mit klarer Autorenhandschrift und Crossover-Potenzial, die mit einem internationalen A-List-Star besetzt und für den Weltmarkt konzipiert ist, aber mit deutschen Kreativen umgesetzt und aus Deutschland heraus finanziert wird. Bei "7500" agieren die Wiener Novotny & Novotny als minoritäre, österreichische Koproduzenten "in einer authentischen Koproduktion", wie Leo betont. Vollrath pflegt seit seinem Studium an der Filmakademie Wien Kontakt zu den Kreativen im Nachbarland. "Dass er für einen Kurzfilm-Oscar nominiert und mit dem Studenten-Oscar ausgezeichnet wurde, habe viele Türen geöffnet in den USA, wo die Auszeichnungen noch mehr bedeutet als hierzulande", so Katzenstein. Das augenschein-Duo hat sich mit viel Energie und vielen Besuchen in den USA dort ein Netzwerk aufgebaut, Vertrauen bei den Agenturen geschaffen. Sie waren erst mit Paul Dano im Gespräch für die Hauptrolle, was letztendlich wegen Terminproblemen nicht klappte. Dafür konnte man Gordon-Levitt gewinnen, "ein Glücksfall", schwärmen Leo und Katzenstein. Schauspieler wie ihn könne man mit einem anerkannten Regietalent und einem mal nicht glattgebürsteten, vielversprechenden Projekt locken. Geholfen haben auch die Kontakte von Vollraths erfahrenen Managern der Gotham Group. Mit Endeavor/WME und FilmNation sind renommierte US-(Welt)vertriebe an Bord, die bereits mit Interessenten für den Verleih in Nordamerika in Gesprächen sind. Die kreative Kontrolle wollte augenschein aber unbedingt behalten und nicht an einen Studiopartner abgeben. Das Budget von 4,3 Mio. Euro konnte man mit Unterstützung von diversen Förderungen,Sendern und Verleih hierzulande selber auf die Beine stellen.

Parallel zur Arbeit an "7500", das augenschein international so viel Aufmerksamkeit wie mit keinem anderen Projekt bescherte, trieben Leo und Katzenstein Franka Potentes Langfilmregiedebüt "Home" voran. Das Drama über einen Mann, der aus dem Gefängnis kommt und in seinem Heimatort wieder Fuß fassen will, soll Anfang nächsten Jahres als zweites, größeres Projekt mit Crossover-Potenzial im Süden der USA und in Deutschland gedreht werden. Für die Hauptrollen sind Joel Kinnaman und Oscar-Gewinnerin Kathy Bates vorgesehen. Ähnlich wie Three Billboards Outside Ebbing, Missouri" geht es um Vergebung, ist die Geschichte in einer US-Kleinstadt angesiedelt. Erzählt ist sie mit viel Wärme und lakonischem Humor. "Das Drehbuch hat uns umgehauen", lobt Katzenstein die "entwickelte Schreibe" von Potente. Mit Vollrath bereitet augenschein bereits das Nachfolgeprojekt vor, "No Man of God" über die letzte Woche im Leben des Serienkillers Ted Bundy, das ebenfalls im nächsten Jahr in den USA umgesetzt werden soll.

augenschein bleibt aber auch den seit der Firmengründung verfolgten, internationalen Koproduktionen im Arthousebereich wie Marcela Saids Los Perros" (Cannes 2017) oder Calin Peter Netzers Ana, mon amour" (Silberner Bär 2017) treu, etwa mit dem von der portugiesischen O Som e a Fúria majoritär betreuten Langfilmdebüt des Schauspielers und Theaterregisseurs Gonçalo Waddington, "Patrick", einem psychologischen Drama über einen Mann, der als Kind entführt wurde. Aktuell auf internationalen Festivals unterwegs ist die Koproduktion mit der Schweizer 8horses, Der Unschuldige" von Simon Jaquemet, der Weltpremiere in Toronto feierte und u.a. in San Sebastian, Hamburg und Köln gezeigt werden wird. Außerdem liegt dem Produzentenduo auch weiterhin der deutschsprachige Film am Herzen. Zuletzt war Kerstin Poltes charmantes Debüt Wer hat eigentlich die Liebe erfunden?" über Alamode in den deutschen Kinos und eröffnete das Filmfestival in Ludwigshafen. In der Entwicklung befinden sich zwei Romanadaptionen,Pola Becks zweiter Langfilm "Der Russe ist einer, der Birken liebt" nach Olga Grjasnowas Vorlage mit Becks Hauptdarstellerin Aylin Tezel aus Am Himmel der Tag" als Frau, die zwischen verschiedenen Kulturen lebt, sowie die Adaption von Benjamin von Stuckrad Barres autobiografisch inspirierten "Panikherz". Der Bestseller rollt 20 Jahre deutscher Popkultur auf und erzählt eine wilde Geschichte von Aufstieg und Fall und Comeback.