Kino

KOMMENTAR: Leipziger Allerlei

Von der Soirée zum filmpolitischen Panel: Die Kinobranche bemüht sich mit allen Kräften um Verständnis bei der Politik und finanziell spürbare Unterstützung. Auch auf der Filmkunstmesse in Leipzig waren Investitionsstau und digitale Herausforderung Thema. Dabei zeigen die Arthouse-Kinos trotzigen Optimismus.

20.09.2018 09:57 • von Jochen Müller

Von der Soirée zum filmpolitischen Panel: Die Kinobranche bemüht sich mit allen Kräften um Verständnis bei der Politik und finanziell spürbare Unterstützung. Auch auf der Filmkunstmesse in Leipzig waren Investitionsstau und digitale Herausforderung Thema. Dabei zeigen die Arthouse-Kinos trotzigen Optimismus. Der ist auch angebracht, denn das im Koalitionsvertrag versprochene "Zukunftsprogramm Kino" harrt seiner Ausgestaltung. Mögen sich die Programmkinos in diesem Jahr auch besser geschlagen haben als der Gesamtmarkt, so hat eine multikausale Malaise aus einem Fabelsommer, einer deprimierenden WM, einer kaum hilfreichen Startpolitik mit immer mehr für hiesiges Publikum eingeschränkt tauglichen Blockbustern, einem angespannten politischen Klima, in dem eigentlich ein paar schöne Kinostunden willkommene Abwechslung bieten sollten, und einem sehr »mutigen« Preis/Leistungsverhältnis in zu vielen Kinobetrieben zu einem Umsatzeinbruch geführt, der Hilfe kurzfristiger erforderlich macht.

Politische Willensbildung braucht ihre Zeit, aber so viel ist sichtbar geworden: Das "Zukunftsprogramm Kino" soll nicht erst 2020 greifen, sondern könnte womöglich schon nächstes Jahr ein Haushaltsposten werden. Über die Höhe ist bisher nur bekannt, was auf den Wunschzetteln der Branche steht, nämlich vom Bund bzw. der BKM 30 Mio. Euro jährlich und das auf fünf Jahre. Die Länder sollen ein ähnlich ansprechendes Scherflein beitragen, und die FFA Gelder für die Produktionsförderung umwidmen. Die Sorge macht sich breit, dass nur Kinos in der Fläche davon profitieren sollen und nicht auch der Kulturort Kino in den Ballungszentren, wo die Bedingungen für ambitionierte Kinomacher immer schwieriger werden. Die großen Ketten könnten die Hand vergeblich aufhalten. Die Angst vor Netflix und seinen digitalen Spießgesellen scheint nicht sehr ausgeprägt.

Venedig-Winner "Roma" wird wohl seinen Weg als »alternative content« in deutsche Kinos finden, aber - das ist in Leipzig klar geworden - für Arthouse-Kinos bringen Herbst und Winter vorzügliche Filme, so reich an der Zahl, dass sie gar nicht wissen, wann sie alle spielen sollen. Gerade der deutsche Film wird seine Muskeln spielen lassen. Wirklich Sorgen muss der Branche machen, dass Deutschland in der Entwicklung der Kinobegeisterung seit Wochen das Schlusslicht in Europa bildet. Rund um diesen Markt wächst der Kinozuspruch, hier wächst er sich zu einem spürbar zweistelligen Minus aus. Da gilt es für viele, sich an die eigene Nase zu fassen und das eigene Angebot genau zu überprüfen. Der Wert des Kulturorts Kino für Städte und Gemeinden, die Kraft und die Faszination, die Kino als inklusivstes Medium entwickeln kann, sind unbestritten. Es braucht große Anstrengungen und viel Optimismus, damit diese Kraft hierzulande wieder ihre Wirkung zeigt.

Ulrich Höcherl, Chefredakteur