Kino

"Zukunftsprogramm Kino": Visionen gefragt

Großer Wurf oder nur homöopathische Hilfe? Was das "Zukunftsprogramm Kino" bringen wird, ist offen. Für die Branche geht damit ein klarer Auftrag einher, wie die parlamentarische Soiree deutlich zeigte.

14.09.2018 08:30 • von Marc Mensch
Christof Bartsch, Oliver Koppert, Gregory Theile und Martin Turowski sprachen unter Moderation von SPIO-Präsident Alfred Holighaus über das, was Kino ausmacht, es so einzigartig macht (Bild: SPIO/PR-Büro Martin)

Eines vorweg: Man kann Ministerialdirektor Günter Winands|U, der als Abteilungsleiter der BKM die mit der größten Spannung erwartete Rede bei der "Parlamentarischen Soiree" aka dem "Kinopolitschen Tag" hielt, womöglich beipflichten, wenn er es augenzwinkernd als beinahe "redundant" bezeichnete, gerade diese Veranstaltung im Zoo Palast abzuhalten. Eine Veranstaltung, bei der es darum ging, nicht nur die Förderwürdigkeit der (im Sinne von "aller") deutschen Kinos nachhaltig vor Augen zu führen - sondern gerade auch die Notwendigkeit und Dringlichkeit dieser Unterstützung. Aber wie Winands selbst sagte: Wer in einem Haus wie dem Zoo Palast sitzt, wird wohl nicht den geringsten Zweifel an der einzigartigen Faszination haben, die das Kino auch - nein, gerade! - im digitalen Zeitalter ausstrahlt.

Und letztlich sollte es an diesem Tag ja gerade darum gehen: Nachhaltig zu unterstreichen, was diesen Ort ausmacht, was er leisten kann, wie außergewöhnlich Veranstaltungen dort wirken, wie er Menschen zusammenbringt, sie in Austausch und Diskussion bringt. Gerade auch deshalb darf man bedauern, dass die parallele Eröffnung der Gurlitt-Ausstellung im Gropius-Bau nicht nur Kulturstaatsministerin Monika Grütters|U die Teilnahme an diesem so wichtigen Tag verwehrte, sondern auch Winands zum frühzeitigen Aufbruch zwang. Denn gerade die anschließende Premiere von Michael Bully Herbigs Ballon" stand geradezu beispielhaft für mitreißende cineastische Aufarbeitung deutsch-deutscher Geschichte - und den besonderen thematischen Impuls, den solche Werke auf der Leinwand entfachen können. Besser, so die Meinung des Autors, hätte man den "begleitenden" Film jedenfalls kaum wählen können.

Damit aber zur entscheidenden Frage: War die Veranstaltung von Erfolg gekrönt, darf man erwarten, dass das "Zukunftsprogramm Kino", wie es im Koalitionsvertrag betitelt wurde, seinem hehren Namen gerecht wird? Und dass es rechtzeitig kommt, um drohende Einschnitte in der deutschen Kinolandschaft abzuwenden? Um es kurz zu machen: Die Antwort kann leider nur "Jein" heißen. Was aber beileibe nicht an der Soiree an sich lag - auch wenn man die Anregung von Elisabeth Motschmann, Frauen bei vergleichbaren Terminen künftig stärker zu involvieren, seitens der Organisatoren durchaus selbstkritisch aufnahm. Nein, das Problem war die Ausgangslage. Denn wie Günter Winands es in seiner Keynote sehr dezidiert darlegte: Gedacht war bei Verfassung des Koalitionsvertrages an eine sehr selektive Förderung, mit klarem Fokus. Um - wie es Winands ausdrücklich tat - den Vertragstext an dieser Stelle noch einmal zu zitieren:

"Damit der kulturell anspruchsvolle Kinofilm in der Fläche wirkt, wollen wir den Kulturort Kino auch außerhalb von Ballungsgebieten durch ein kofinanziertes 'Zukunftsprogramm Kino' stärken und erhalten."

Wesentlicher Antrieb, sich ein solches Programm vorzunehmen, sei der parteiübergreifende Wunsch der Stärkung der Kultur "außerhalb" des urbanen Bereichs gewesen, mit besonderem Blick auf das "anspruchsvolle" Programm. Ergo die zunächst beinahe niederschmetternde Ansage von Winands: "Wir werden nicht die Bedürfnisse Aller decken können."

Aber - und das ist ein entscheidendes "Aber" - Winands schränkte durchaus ein. Er sei nicht vor Ort, um die Kinos "aller Illusionen" zu berauben. Sein Ziel sei es zunächst gewesen, klar darzulegen, was der Koalitionsvertrag per se vorsehe. Was darüber hinaus möglich sei, werde man sehen müssen.

Genau an diesem Punkt gilt es nun, einzuhaken, nachzulegen, nicht müde zu werden, für sich und die gesamte Branche zu werben. Denn diese Soiree kann nur ein Anfang sein. Jetzt geht es darum, Sichtweisen zu verändern, Einfluss zu nehmen, das Kino insgesamt als das darzustellen, was es in jeder Spielart, in jeder Größe und an jedem Standort ist: Nicht nur irgendein kultureller Ort. Sondern DER kulturelle Ort, der die Massen erreicht, der so vielfältig, so inklusiv wie kein zweiter ist. Es geht darum, das Bewusstsein dafür zu schaffen, dass sich Kultur nicht über einen wie auch immer definierten "Anspruch" definieren muss. Das soll beileibe keine Absage an eine besonders engagierte Unterstützung von Kinos "in der Fläche" sein. Denn dass Filmtheatern dort, wo sie eine geradezu singuläre Rolle im kulturellen Geschehen einnehmen, ganz besondere Bedeutung zukommt, ist wohl unbestritten. Und nicht umsonst legte Christof Bartsch als Bürgermeister der sauerländischen Kleinstadt Brilon eindrucksvoll davon Zeugnis ab, weshalb er sich als Lokalpolitiker so engagiert für einen Kinoneubau an seinem Ort einsetzte. (Dies zur Information nicht gänzlich am Rande: Die Betreiberfamilie Schlinker errichtet dort für ca. sechs Mio. Euro ein Multiplex mit acht Sälen und 1300 Plätzen, das Ende kommenden Jahres eröffnen soll). Was Bartsch dabei unter anderem betonte: Neben seiner originären Rolle strahlt das Kino seiner Erwartung nach auf andere Unternehmen, insbesondere im Bereich Gastronomie und Einzelhandel, aus. Ein Argument, das in einem ländlichen Umfeld natürlich umso schwerer wiegen mag, das aber selbstverständlich auch mit Blick auf Ballungszentren Bestand hat.

Tatsächlich zeigte sich gerade auch Motschmann - trotz ihrer Kritik an der Panelbesetzung - im persönlichen Gespräch sehr aufgeschlossen für ein wesentliches Argument: Kino kann in der Fläche nur Bestand haben, wenn es auch in den Ballungszentren funktioniert. Was die Gesamtbetrachtung ja im Grunde schon per se diktiert - schließlich geht es am Ende um die Wirtschaftlichkeit einer Auswertungsform an sich.

Was die Politik ebenfalls nicht außer Acht lassen darf: Als erstmals über das "Zukunftsprogramm Kino" gesprochen wurde, waren die Vorzeichen noch andere. Obwohl man schon vor gut einem Jahr (oder auch früher) mit allerbesten Argumenten für eine breite Unterstützung der Kinobranche werben konnte, lag der Fokus damals zunächst einmal auf den Kinos, die eine zweite Welle der Digitalisierung definitiv nicht würden schultern können. Jetzt aber sprechen wir, wie es HDF-Vorstand Thomas Negele|U darlegte, von ganzen 79 Prozent an Leinwänden, die nicht in der Lage sind, die für Investitionen notwendigen Rücklagen zu bilden. Was - und auch das betonte Negele - nicht etwa bedeutet, dass sich die Branche im Vertrauen auf staatliche Hilfe auf die faule Haut gelegt hätte. Satte 120 Mio. Euro an Investitionen wurden alleine in jüngster Zukunft aufgerufen, um sich auf den Weg dorthin zu begeben, wo die Branche landen muss: Bei Orten, die heutige Ansprüche erfüllen. In punkto Aufenthaltsqualität, Projektionsqualität, Tonqualität - und nicht zuletzt der Kundenansprache. Man ist - man bleibt - proaktiv. Aber ein Jahr wie 2018, aus dem man (mit ein wenig Glück...) mit rund 15 Prozent Minus herausgehen wird, zeigt endgültig Grenzen auf. Ohne entschlossene Unterstützung droht ein gesamter kultureller Bereich zu erodieren, so die düstere Prognose.

Aber - und erneut sprechen wir von einem entscheidenden "Aber": Das Kino liegt nicht etwa schon im Sterben, es ist nicht in die Rolle eines dauerhaft von finanziellen Infusionen abhängigen Patienten gefallen. Entschlossenes Handeln zum richtigen Zeitpunkt werde, so Negele, die Branche über viele Jahre festigen - und sich über die bekannten Ausstrahleffekte praktisch von selbst refinanzieren. Ganz zu schweigen davon, dass Kinoförderung auch Filmförderung ist. Denn ohne aufmerksamkeitsstarke Plattform auch kein Publikum. Ein "Verteilungskampf" soll indes nicht vom Zaun gebrochen werden, schließlich hoffen die Kinos nicht auf Umverteilung, sondern auf neue, originäre Mittel. Dennoch schadet der Blick auf die Relationen nicht, den Kinopolis-Geschäftsführer Gregory Theile|U anstellte. Jeweils 37,5 Mio. Euro per anno von Bund und Ländern seien auch angesichts der Volumina für Produktionsförderung "keine vermessene Forderung".

Das Kino als solches ist unverzichtbar. Und genau das gilt es zu vermitteln. Kaum jemand würde Opern oder Theater einer Aufteilung nach dem kulturellen Wert anhand ihres spezifischen Programms unterziehen. Alleine die Ausdrucksform qualifiziert das dort Aufgeführte als Kunst. Warum aber dann dieser mitunter extrem kritische Blick auf das Kino? Zumal dieses ja beileibe kein Selbstzweck ist. Sondern die Bühne, auf der eine extrem breit gefächerte Kreativbranche ihr Publikum erreicht. Um es mit den Worten von Martin Turowski zu sagen: "Kultur darf Spaß bringen, Bildung darf Spaß bringen!" Oder halten wir uns an die Worte von Filmakademie-Präsidentin Iris Berben|U: "Wir Kreative brauchen Orte, an denen unsere Arbeit gelebt, geliebt und diskutiert wird, wo Menschen Menschen begegnen. Und je mehr wir uns virtuell bewegen, desto größer ist unser Bedürfnis nach realen Begegnungen. Das Kino ist der Ort, der die Welt zu uns bringt - überlebensgroß. Es stiftet Verbundenheit, es initiiert Kommunikation. Und es setzt Zeichen gegen Vereinsamung und Verrohung!"

Ohne den vielen engagierten Rednern an diesem Tag Unrecht tun zu wollen. Aber bei diesen treffenden Worten könnte man es zum Abschluss schon gut und gerne belassen. Indes gibt es doch noch ein paar Details, die man nicht unterschlagen sollte - und dazu zählt der Zeitrahmen für ein wie auch immer geartetes Programm. Um noch einmal auf den Wortlaut des Koalitionsvertrages zu sprechen zu kommen: "Kofinanziert" steht dort nicht umsonst. Über das Konzept jedenfalls wolle man laut Winands im kommenden Jahr mit der FFA, den Ländern und auch der Branche sprechen, um das Programm 2020 an den Start bringen zu können. "Umso besser, wenn wir es früher schaffen", erklärte Winands - der aber auch offen ansprach, das eine solche Maßnahme (selbst auf dem doch recht klar abgegrenzten Level, wie er der BKM derzeit vorschwebt) nicht "von einem Tag auf den anderen" umsetzbar sei. Immerhin: So lange, wie seinerzeit die Aufstellung der Kriterienkinoförderung gedauert habe, solle es diesmal nicht dauern. Ob diese Aussage auch für den Fall Bestand hat, dass man die Adressaten eines "Zukunftsprogramms" noch einmal grundsätzlich überdenkt? Man kann nur hoffen - denn wie es schon SPIO-Präsident Alfred Holighaus|U bei der Begrüßung ausdrückte: Die Zeit droht den Kinos davonzulaufen.

Um es an dieser Stelle abschließend noch aus einer anderen Perspektive zu schildern: "Die Lust, ins Kino zu gehen, verlangt nach Orten, die Filme adäquat präsentieren und die ihre Kunden zeitgemäß ansprechen", formulierte es VdF-Geschäftsführer Johannes Klingsporn|U. 2018 sei kein repräsentatives Beispiel für die Kraft des Kinos - was schon dadurch belegt werde, dass es (beileibe nicht nur) in den Märkten rund um Deutschland signifikant besser laufe. Hier nun auszuführen, wo die spezifischen Herausforderungen des deutschen Marktes liegen, würde wohl zu weit führen - aber klar machten auch Klingsporns Ausführungen: Ein engagiertes Programm wäre in der Lage,eine gesamte Branche wieder auf Kurs zu bringen. Mit entsprechenden Rückstrahleffekten. Wichtig sei dabei: Man müsse deutlich weiter denken als nur in den Schranken eines "Kriterienkinos". "Auch Multiplexe sind kulturelle Orte!", so Klingsporn. Dem kann man nur zustimmen.