Kino

KOMMENTAR: NETTflix oder NOTflix

Jetzt gilt's. Jetzt werden die Weichen gestellt, wie sich das Verhältnis der Kinos zu Netflix künftig gestalten wird.

13.09.2018 08:02 • von Jochen Müller

Jetzt gilt's. Jetzt werden die Weichen gestellt, wie sich das Verhältnis der Kinos zu Netflix künftig gestalten wird. Drei Jahre, nachdem der Streamingdienst mit Beasts of No Nation", damals ebenfalls in Venedig und Toronto, seinen ersten eigenen Kinofilm losgeschickt hat, um auf Festivals Ruhm und Preise (und Abonnenten) zu mehren, ist der längst allgegenwärtige Riese am aus filmischer Hinsicht wichtigsten Etappenziel angekommen. In Venedig holt Netflix für "Roma" den Goldenen Löwen, den Hauptpreis des ältesten A-Filmfestivals der Welt, und das in einem Jahrgang, in dem es künftige Klassiker nur so hagelte. Und den Drehbuchpreis für The Ballad of Buster Scruggs" wollen wir nicht vergessen. Venedig-Jurychef Guillermo del Toro, dem Netflix den Wunschtraum einer eigenen animierten Serie für Kids, Trollhunters", erfüllte, brach zusätzlich eine Lanze für den Kraken, dem die Kinos weiterhin mit einem Mix aus Feindseligkeit und Unsicherheit gegenüberstehen.

Die Kreativen hat Netflix längst auf seiner Seite: Anstatt jahrelang die Klinken putzen zu müssen für ihre nicht ganz unschwierigen neuen Projekte, erhielten Weltklasseleute wie Alfonso Cuarón, Paul Greengrass, David Mackenzie oder die Coen-Brüder nicht nur die kompletten Budgets, sondern auch noch Carte blanche bei der Umsetzung. Keine nörgelnden Produzenten und Finanziers, keine Stimmen von Außen, die reinreden und die Vision der Projekte verwässern können. "Es ist ziemlich paradiesisch", sagt auch der deutsche Filmemacher Christian Schwochow in dieser Woche im Exklusivinterview mit Blickpunkt:Film über die Arbeit mit Netflix, für die er als erster nicht britischer Regisseur zwei Folgen der Prestigeserie The Crown" dreht.

Jetzt folgt aber der entscheidende nächste Schritt: Cuarón, Greengrass und Co. drehen nicht fürs Smartphone. Ihre Arbeiten sind für die große Leinwand gedacht. Ein paar Screenings auf Festivals werden nicht ausreichen, um sie auf Dauer dazu zu bewegen, für Netfl ix zu arbeiten, paradiesische Produktionsumstände hin oder her. In Toronto hört man auf Nachfrage immer, dass die Filme eine reguläre Kinoauswertung erhalten sollen.

Entsprechend, so heißt es, reicht der Streamingriese den Kinos hinter den Kulissen auch den Ölzweig und rückt ab von der bisherigen Politik, dass ein Kinostart immer nur parallel zum Start auf der Plattform möglich sei. Natürlich würde eine Zusammenarbeit mit dem bald schon relevantesten Produzenten hochwertiger Kinoware diesseits von Superheldenfilmen vieles auf den Kopf stellen, weil Zugeständnisse auf beiden Seiten gemacht werden müssten. Aber vielleicht ist eine Revolution genau das, was auch die Kinos in den Zeiten der Disruption jetzt brauchen.

Es kann nicht schaden, wenn verhärtete Fronten abgebaut würden. NETTflix oder NOTfl ix, das ist hier die Frage.Jetzt ist die Zeit gekommen, sich zu entscheiden.