Kino

"Einen großen Wurf ermöglichen"

Das Kino steht in Deutschland vor historischen Herausforderungen - und doch bietet sich gerade jetzt auch eine historische Chance: Christian Bräuer spricht über die Hoffnungen, die sich an ein Zukunftsprogramm knüpfen.

13.09.2018 08:18 • von Marc Mensch
Christian Bräuer, Vorstandsvorsitzender der AG Kino-Gilde (Bild: David von Becker)

Das Kino steht in Deutschland vor historischen Herausforderungen - und doch bietet sich gerade jetzt auch eine historische Chance: Anlässlich der sprachen wir mit dem Vorstandsvorsitzenden der AG Kino - Gilde, Christian Bräuer|U, unter anderem über die Hoffnungen, die sich an das versprochene "Zukunftsprogramm Kino" knüpfen.

Lassen Sie mich mit einem Zitat beginnen: "Das Kino alter Prägung, als Innenstadt-Familienbetrieb mit festen Anfangszeiten und als Abspielstätte der Verleihfirmen hat (...) ausgespielt. Das Kino muss sich neu erfinden." So Edgar Reitz in seinen Thesen zur Filmkultur in Deutschland. Können Sie dem beipflichten?

Christian Bräuer: Reitz' Thesen sind natürlich bewusst provokant und überspitzt formuliert, aber im Kern berühren sie tatsächliche Herausforderungen. Grundsätzlich ist zu sagen, dass das Kino - und das gilt gerade für den Arthouse-Markt - weiter funktioniert. Es war, es ist und es bleibt die sprichwörtliche "Herzkammer" des Kinofilms. Aber wir leben in einer Zeit des Umbruchs. Die Digitalisierung verändert unsere Geschäftsabläufe, unsere Häuser, die Mediennutzung allgemein. Das ist unbestreitbar eine Herausforderung, ist aber auch der Nährboden, auf dem neue Möglichkeiten wachsen. Die Kinos sind bereit, sich veränderten Bedingungen zu stellen. Sie nutzen die Digitalisierung, flexibilisieren Programme, sie gehen neue Wege im Online-Marketing. Ja, wir stehen hier vielfach noch eher am Anfang als am Ende des Weges. Aber man muss sehen, dass wir von mittelständischen Unternehmen reden, die - und das gilt beileibe nicht nur für unsere Branche - nicht von einem Tag auf den anderen völlig neue Geschäftsmodelle entwerfen können.

Aber diese wären in der Tat gefragt?

CB: Keine Branche wird sich neuer Geschäftsmodelle verwehren, die sie voranbringen. Aber das ist der Knackpunkt: Was bringt uns voran? Ein bewährtes, funktionierendes Modell wirft man nicht ohne adäquaten Ersatz über Bord. Selbst in einem sehr herausfordernden Jahr wie 2018 zeigt sich doch, dass sehr Vieles noch funktioniert. Gerade angesichts der Masse an Filmen, mit der wir es zu tun haben, benötigt man gewisse verlässliche Parameter. Womit wir bei einem weiteren Knackpunkt wären: So mancher Ruf nach Veränderung ist von jenen getrieben, deren Filme in dieser Masse schlicht untergehen. Das ist aber kein Problem des Geschäftsmodells per se. Die traditionelle Auswertung ist kein Auslaufmodell und Filme, die wir über Wochen stark machen können, sind für uns überlebenswichtig

Dennoch kommt dem "Event" immer stärkere Bedeutung zu?

CB: Kino ist ein Alltagsort, ein Alltagsevent wenn man so will. Aber es ist schon richtig: Die fortschreitende "Eventisierung" macht nicht halt - und die Kinos haben sich darauf eingestellt, wissen, wie man Events gestaltet und bauen diese aus. Aber man darf nicht dem Irrglauben erliegen, dass dies das reguläre Geschäftsmodell ersetzen könnte. Womit wir wieder beim Thema "Masse" wären. Das Problem ist doch, dass viel zu viel Ware auf den Markt drängt, die es weder hergibt, über Wochen oder gar Monate auf den Leinwänden gehalten zu werden, noch sie zum "Event" zu machen. Bei diesen Produktionen ist doch gar nicht die Frage, welche Auswertungsstrategie nun die richtige wäre - sondern jene, wo überhaupt der Markt für sie ist. Ich kann nur immer wieder betonen: Was im Kino unsichtbar bleibt, hat in der unüberschaubaren Masse des Streaming-Angebots erst recht keine Chance.

Apropos Streaming: Können es sich Kinos auf Dauer leisten, keine Partnerschaften zu knüpfen oder gar selbst zur Plattform zu werden?

CB: Würde ein tragfähiges Modell existieren, wären wir sofort dabei. Allein - ich sehe es nicht. Uns wird ja gerne Großbritannien als Vorbild vorgehalten. Aber dabei wird ignoriert, dass die Rahmenbedingungen gänzlich andere sind. Picturehouse ist Tochter einer Multiplexkette, Curzon ein vertikal integrierter Player. Beide machen tolle Arbeit, keine Frage. Aber wenn man sich deren Hitlisten ansieht, findet man keinen nicht-englischsprachigen Film. Das Gros des europäischen Arthouse findet dort nicht wirklich statt, oftmals nur als singuläres Event. Wer fordert, sich das zum Vorbild zu nehmen, der tritt schon per se für weniger Vielfalt, weniger Kultur ein. Die Wahrheit ist doch, dass der VoD-Markt insgesamt jenseits der ganz großen Player kaum funktioniert - und bezahlte Einzelabrufe eher stagnieren, als wachsen. Das ist keine Absage an mögliche Modelle. Aber sie müssen noch gefunden werden. Auch Partnerschaften stünden wir offen gegenüber - aber sie müssten auf Augenhöhe geknüpft werden. Solange Kinos nur Mittel zum Zweck sind, um die Medienchronologie anzugreifen oder um sich für Filmpreise zu qualifizieren und Versprechen an die Filmemacher einzulösen, erkenne ich keine Partnerschaft.

Nun stellt sich die Frage nach der künftigen Rolle des Kinos aber nicht nur hinsichtlich des Geschäftsgebahrens von Netflix.

CB: Absolut nicht - und tatsächlich sehe ich die zunehmende Marktkonzentration als die eigentliche Herausforderung an, auch wenn sich die Debatte gerne auf Netflix fokussiert. AT&T kauft Warner, Disney übernimmt Fox, Amazon die Landmark-Kinos. Da stellt sich natürlich die Frage: Wo bleibt am Ende das Kino, welche Rolle spielt es in der künftigen Vermarktungsstrategie, wie sehr richtet sich der Fokus der Studios künftig zuvorderst auf den Ausbau eigener Digitalplattformen? Marktkonzentration war nie im Sinne der Vielfalt - umso mehr muss man sich die Frage stellen, wie sich eine mittelständisch geprägte europäische Filmwirtschaft künftig aufstellt. Jetzt ist die Zeit, alles zu unternehmen, um den europäischen Film zu stärken!

Ihr jüngster Gastbeitrag im Spiegel war überschrieben mit den Worten "Die Filmförderung fördert konsequent am Publikum und den Kinos vorbei". Ist dieses Urteil vielleicht nicht etwas harsch angesichts der Tatsache, dass der deutsche Film seine Besucherzahlen im ersten Halbjahr deutlich ausbauen konnte?

CB: Das Zitat entstammt der Redaktion des Spiegel, nicht meiner Feder. Es ist sicherlich nicht so, als wäre alles eine Katastrophe, was auf Förderebene geschieht. Dennoch muss man sich die Frage stellen, wie erfolgreich nicht nur die deutsche, sondern die europäische Filmförderung insgesamt ist. Aus meiner Sicht führt der extreme Fokus auf die Produktionsförderung zu einer eklatanten Schieflage. Wir müssen den Blick weiten, Filmförderung von der Stoffentwicklung bis hin zur tatsächlichen Kinoauswertung denken. Ehrlich gesagt bin ich bisweilen erschüttert, in welchen Rechtfertigungsdrang man beim Thema Kinoförderung kommt. Es werden Dinge hinterfragt, wie sie bei Produktions- oder Verleihförderung undenkbar wären. Ich glaube, man sollte sich viel stärker fragen, für wen und aus welchem Grund man fördert. Schließlich geht es um Kulturprodukte, die nur dann Wirkung entfalten, wenn sie auch ein Publikum finden. Diese Erkenntnis kommt immer noch zu kurz, an vielen Stellen. Womit wir noch einmal bei Reitz' Thesen bzw. den daraus entwickelten "Frankfurter Positionen" wären. Es ist beileibe nicht alles falsch, was darin zu lesen ist. Im Gegenteil, viele Ansätze sind richtig, die Diskussion ist wichtig. Aber letztlich ist die Grundhaltung des verengten Blicks auf die Filmfinanzierung - eines Blicks, der ignoriert, das oftmals mangelnde Produktqualität und fehlendes Marketing Ursache für ausbleibenden Erfolg sind - Teil des Problems und nicht Basis für eine Lösung. Was wir brauchen, ist ein Ansatz der das Publikum und den Weg zu ihm mitdenkt.

Das Versprechen eines "Zukunftsprogramms Kino" im Koalitionsvertrag lässt womöglich hoffen, dass die Forderung nach einer Stärkung des Abspiels Früchte trägt. Was erwarten Sie sich konkret von diesem Programm?

CB: Die Kinos stehen vor der schon eingangs erwähnten Frage, wie sie sich in der digitalen Zeit positionieren. Es ist wichtig, zu erkennen, dass sich Rahmenbedingungen eklatant verändert haben. Früher verschlang die Herstellung analoger Kopien enorme Summen - und es war stets klar, dass die Verbreitung deutscher und europäischer Filme eine Kopienförderung bedingt. Heute liegen die Kosten bei den Kinos, die mit Projektoren arbeiten müssen, die sich angesichts ihrer kurzen Halbwertszeit nicht von selbst refinanzieren können. Nicht zuletzt an dieser Stelle erhoffen wir uns also Unterstützung. Gleichzeitig stehen die Kinos als Kulturbetriebe in einem zunehmend scharfen Wettbewerb mit Internetgiganten, die enorm viel Geld haben, um Content zu erstellen, um Marketing zu betreiben. Diesen Giganten darf man das Feld nicht alleine unterlassen. Wir brauchen weiterhin die kulturelle Vielfalt, wir brauchen den großen deutschen und europäischen Arthouse-Film - und wir brauchen die Möglichkeit, ihn ans Publikum zu bringen. In Zeiten unüberschaubarer Angebotsvielfalt und vielfach deutlich zu niedriger Marketingbudgets der Verleiher ist die unmittelbare Aufmerksamkeit vor Ort von entscheidender Bedeutung. Kinobetreiber müssen mehr und mehr Marketingarbeit schultern und in Kommunikationstechnologien investieren. Denn sie sind nahe dran an ihrem Publikum, sie stehen für die Expertise vor Ort. Auf dem Land wie in den Großstädten gleichermaßen.

Der - wenn auch denkbar knappen - Formulierung im Koalitionsvertrag könnte man indes entnehmen, dass sich auf Kinos außerhalb der Städte konzentriert werden soll.

CB: Für uns ist klar: Der Kulturort Kino darf nicht nur außerhalb der Ballungsgebiete unterstützt werden. Denn der anspruchsvolle kulturelle Film kann nur reüssieren, wenn er auch in den Städten funktioniert. Doch auch dort ist es nicht möglich, aus der typischen Erlösstruktur heraus Rücklagen für Investitionen zu bilden, wie sie uns bevorstehen. Die Herausforderung der Zweitdigitalisierung ist sicherlich eine augenfällige, aber es geht um mehr. Darum, einen eklatanten Investitionsstau zu beheben. Wir wollen die Betreiber in die Lage versetzen, ganz grundsätzlich zu Werke zu gehen, attraktive, wettbewerbsfähige Orte zu schaffen. Wir sprechen von nachhaltigen Investitionen, von Maßnahmen, die nicht binnen weniger Jahre verpufft sind. Wenn Sie sich einige der schönsten Kinos unserer Republik ansehen, werden Sie feststellen, dass deren grundlegende Sanierung - bei entsprechend kontinuierlicher Pflege - über Jahrzehnte wirkte und wirkt. Darum geht es: Jetzt einen großen Wurf zu ermöglichen, anstatt Jahr für Jahr Flickwerk zu betreiben.

In was für Größenordnungen denken Sie, was die Förderung angeht?

CB: Ich will das jetzt nicht explizit auf den Arthouse-Bereich herunterbrechen, schließlich setzen wir uns gemeinsam mit dem HDF für dieses Zukunftsprogramm ein. Alles in allem wären 30 Mio. Euro pro Jahr für fünf Jahre aus dem Haushalt der BKM sicherlich eine angemessene Größe, wobei man sehen muss, was an flankierender Unterstützung durch die Länder erfolgen kann. Will man die Ziele des Koalitionsvertrages, so wie ich sie verstehe, erfüllen, wird man über eine solche Summe sprechen müssen. Die sich aus meiner Sicht auch relativ leicht rechtfertigen lässt, wenn man sich ansieht, wie viele Kulturorte sich - gerade auch im Vergleich mit der Förderung anderer kultureller Stätten - damit nicht nur erhalten, sondern aufwerten ließen. Und wenn sich die erwarteten Erfolge zeigen, sollte man auch einer späteren Aufstockung offen gegenüberstehen.

Ist es aus Ihrer Sicht realistisch, auf einen Start im kommenden Jahr zu hoffen?

CB: Meines Wissens war zuletzt vorgesehen, 2020 loszulegen. Aber angesichts der Kinodürre, die sich fast nahtlos bis in den September gezogen hat und die sich gerade im Juli und August auch im Arthouse stark niederschlug, sind die Kinos zunehmend ausgebrannt. Die Lage hat sich deutlich verschärft, seit das erste Mal über dieses Zukunftsprogramm gesprochen wurde. Daher wäre ein Vorziehen auf 2019 absolut wünschenswert. Der Handlungsdruck ist ohnehin immens. Wichtig ist aber vor allem, dass es ein rundes, ein nachhaltiges Programm wird. Lieber warte ich ein paar Monate länger auf eine Maßnahme, die dann aber wirklich wirkt. Entscheidend wird zudem sein, die Voraussetzungen nicht zu eng zu stecken, damit die Gelder auch tatsächlich abgerufen werden können. Denn wir müssen uns nichts vormachen: Bei einem Eigenanteil von 50 Prozent werden viele Kinos die notwendigen Investitionen noch nicht tätigen können, dementsprechend wird man zumindest im Wege von Förderdarlehen weiter aufstocken müssen. Generell darf eine Förderquote von 80 Prozent nicht außer Frage stehen, sonst werden es viele Häuser überhaupt nicht schaffen.

Was müssen die Kinos leisten, um Unterstützung in dieser Höhe zu rechtfertigen?

CB: Zuallererst müssen sie ja in der Regel einen Eigenanteil erbringen - und ich kann Ihnen versichern, dass es sich kein Kino erlauben kann, die knappen Ressourcen für ein Projekt einzusetzen, nur weil es dafür Unterstützung gibt, ganz gleich wie hoch die Förderquote ist. Die Schwerpunkte werden letztlich ganz unterschiedlich sein, aber unbestritten ist doch: Kinoförderung zahlt sich aus. Wenn wir die Kinos erhalten, hat das unmittelbare Beschäftigungs- und Steuereffekte, es belebt die Orte - und es erhält dem deutschen und europäischen Film nicht nur seine Abspielbasis, sondern stärkt sie, was wiederum direkte Auswirkungen auf die hiesige Filmwirtschaft hat. Die EU-Kommission hat errechnet, dass für jeden Fördereuro von Europa Cinemas 13 Euro in den europäischen Film zurückfließen. Das ist doch eine Ansage! Unsere Aufgabe ist es, das Geld so nachhaltig wie möglich zu investieren. Deshalb schlagen wir vor, 20 Prozent des Fördertopfes für Marketing und Programmgestaltung aufzuwenden. Denn wenn am Ende keine Mittel vorhanden sind, um engagierte Programmarbeit zu betreiben und entsprechend zu bewerben, läuft der Rest ins Leere. Kinos sollten die Chance erhalten, Highlights zu setzen, die sich vielleicht nicht sofort zu 100 Prozent wirtschaftlich rechnen, die aber die eigene Identität, den kulturellen Ort stärken. Wenn uns das gelingt, wird sich das Zukunftsprogramm vielfach auszahlen - für die gesamte Filmwirtschaft.

Das Gespräch führte Marc Mensch