Kino

KOMMENTAR: Das gibt's nur einmal

An diesem Wochenende feiert die Filmbranche eine legendäre Lebensleistung: 100 Jahre Artur Brauner. Seit 1946 hat einer der schillerndsten, leidenschaftlichsten und erfolgreichsten Produzenten des deutschen Films nicht nur über 250 Filme geschaffen, von seinem Selbstverständnis und seinem Blick aufs Metier können Produzenten auch heute noch lernen.

06.09.2018 07:50 • von Jochen Müller

An diesem Wochenende feiert die Filmbranche eine legendäre Lebensleistung: 100 Jahre Artur Brauner|U. Seit 1946 hat einer der schillerndsten, leidenschaftlichsten und erfolgreichsten Produzenten des deutschen Films nicht nur über 250 Filme geschaffen, von seinem Selbstverständnis und seinem Blick aufs Metier können Produzenten auch heute noch lernen. Im Berliner Zoo Palast, dem Schauplatz so vieler seiner glamourösen Premieren, wird ihm eine feierliche Gala gewidmet, gibt es ein Wiedersehen mit Bildern und Gesichtern des deutschen Films nach 1945, die Generationen geprägt, zu Abertausenden in die Kinos gelockt und den Stoff ihrer Träume ausgemacht haben. Das Kino der Fünfzigerjahre ist früh verabschiedet worden von den ungestümen Filmemachern des jungen deutschen Films. Opas Kino oder die Filme der Altbranche hatten bei allem Mief, den manche von ihnen in der Adenauerzeit aufwiesen, zumindest eines vielen aufregenden Meisterwerken der späten Sechziger- und Siebzigerjahre voraus, nämlich den direkten Zugang zum Publikum. Die deutsche Filmindustrie ist seither in einen Förderbetrieb überführt worden, dessen Erzeugnisse sich mit vielen namhaften Ausnahmen schwer tun, das große Publikum zu erreichen. Natürlich hat das Aufkommen des Fernsehens die Massen aus den Kinos auf die Sofas vor den Bildschirmen getrieben, und die neuen Entwicklungen um Netflix und den Serienhype machen es dem Kino nicht leichter. Aber viele einfache Erkenntnisse, die deutsche Filme in den gern gescholtenen Fünfzigern zum Erfolg gemacht haben, und die Fernsehen, Buchbestseller oder Hollywoodblockbuster heute noch zum Massenphänomen machen, werden viel zu oft im Massenmedium Film deutscher Provenienz nicht beherzigt.

"Die Kunst ist, zu erkennen, dass Filme dem Publikum, nicht den Filmschaffenden gehören", sagt die hundertjährige Produzentenlegende im Exklusivinterview mit Blickpunkt:Film. Darin steckt mehr als ein Körnchen Wahrheit. Auch Brauner hat in seinem langen Produzentenleben anspruchsvolle Dramen realisiert, in 25 Filmen dem Schicksal der Opfer der Naziverbrechen gedacht, aber in vielen Filmen dem Publikum gegeben, was es sehen wollte. Das ist mal mehr, mal weniger geglückt, aber erstaunlich viele Filme der früh geschmähten Nachkriegsära können einem Wiedersehen nach so vielen Jahren erstaunlich gut standhalten. Beachtlich ist der Produktionsstandard, den diese Filme aufweisen, der mit den besten Filmen Hollywoods durchaus zu konkurrieren wusste. Interessant ist, dass sich heute gerade viele Produktionen fürs Fernsehen durchaus der Herausforderung bewusst sind, ein möglichst großes Publikum zu faszinieren. AutorInnen, RegisseurInnen und ProduzentInnen gelingt es hier, die Massen zu erreichen, eine Herausforderung, die sie auch im Kino verstärkt annehmen sollten.

Ulrich Höcherl|U, Chefredakteur