Kino

KOMMENTAR: Mein Held

Seit 30 Jahren ist Ethan Hawke mittlerweile im Geschäft, seit "Club der toten Dichter" aus dem Jahr 1989 ist der heute 47-Jährige ein Star. Oder besser gesagt: Er könnte ein Star sein, ein Superstar. Aber er hat schon früh für sich klargestellt, sich nicht ins Studiokorsett von Hollywood zwängen zu lassen.

31.08.2018 08:18 • von Jochen Müller

Seit 30 Jahren ist Ethan Hawke mittlerweile im Geschäft, seit Club der toten Dichter" aus dem Jahr 1989 ist der heute 47-Jährige ein Star. Oder besser gesagt: Er könnte ein Star sein, ein Superstar. Aber er hat schon früh für sich klargestellt, sich nicht ins Studiokorsett von Hollywood zwängen zu lassen. Noch bevor Brad Pitt den Durchbruch schaffte war Hawke Inbegriff des Coolen, Galionsfigur der Generation X dank klugen und hintergründigen Filmen wie Reality Bites" und mehr noch Before Sunrise", der den Startschuss für eine beachtliche Zusammenarbeit mit Richard Linklater gab, die zu sieben Filmen geführt hat. Die Karriere von Ethan Hawke ist gekennzeichnet von Aufs und Abs. Er spielte in anspruchsvollem Kino ebenso wie in ausgewiesenen Genrearbeiten; alles, was nötig war, um die Rechnungen zu bezahlen. Er ist Schriftsteller, Poet, Musiker, Regisseur. Bisweilen ging er einem auf den Zeiger, weil seine Lässigkeit auch gerne mal etwas überheblich und selbstgerecht wirkte. Aber vor allem: Ethan Hawke ist immer noch da. Und er ist besser denn je. In diesem Herbst kommt er mit "Julia, Naked" ins Kino; seine neueste Regiearbeit, das Biopic Blaze", feierte Weltpremiere im Januar in und macht jetzt die Runde im Festival-Circuit. Und er ist in aller Munde mit seiner tollkühnen Darstellung eines vom Glauben abgefallenen Priesters in Paul Schraders irrwitzigem Bergman-O-Rama First Reformed", der in Deutschland fast ein Jahr nach seiner Weltpremiere in immer noch ohne Verleih ist.

Was alles dazu führt, dass wir eine Renaissance dieses aufrechten Schauspielers erleben und er in einer Reihe von Interviews die Gelegenheit erhält, sich über Gott (siehe Paul Schrader) und die Welt zu äußern. Man erlebt da einen klugen Mann, dem der Kopf gerade sitzt. Natürlich gibt es wieder genug, die sich echauffieren über seine klugen Statements zur Ära des Superheldenkinos, sich dabei aber nicht wirklich die Mühe gemacht haben, wirklich zu durchschauen, was Hawke wirklich sagt: Er äußert sich nicht negativ gegen die aktuellen Blockbuster, sondern gibt nur zu bedenken, dass ein guter Superheldenfilm eben nicht unbedingt ein guter Film ist, weil es sich einfach um technische Großleistungen handelt, aber nicht um besonders tiefschürfende Einblicke in die Condition humaine, die die besten Filme der Geschichte stets ausgezeichnet haben.

Nicht einmal seine Bescheidenheit wirkt aufgesetzt: Wenn er sagt, der Mittelklasse-Lebensstil habe ihm immer ausgereicht, er habe nie das Streben gehabt, im Luxus zu schwimmen, dann nimmt man ihm das ab, weil er damit erklärt, wie er so viele Jahre im Filmgeschäft überleben konnte, ohne die Lust daran zu verlieren, sich als Künstler zu fordern. Schön, wenn jemand heute noch so kluge Dinge sagt.Ethan Hawke ist mein Held.

Thomas Schultze|U, Chefredakteur