Festival

KOMMENTAR: Die neue Festival-Weltordnung

Vielleicht gehöre ich ja tatsächlich schon zur Gattung der von der Entwicklung der Zeit überholten Männer, die sich in Online-Kolumnen von Sibylle Berg bedauern lassen müssen. Und doch kann ich nicht anders, als ganz old school vor Verzückung vor dem Bildschirm zu sitzen und den Trailer von "Roma", Alfonso Cuarons neuem Film, seinem ganz persönlichen "Amarcord", anzusehen.

23.08.2018 09:10 • von Jochen Müller

Vielleicht gehöre ich ja tatsächlich schon zur Gattung der von der Entwicklung der Zeit überholten Männer, die sich in Online-Kolumnen von Sibylle Berg bedauern lassen müssen. Und doch kann ich nicht anders, als ganz old school vor Verzückung vor dem Bildschirm zu sitzen und den Trailer von "Roma", Alfonso Cuarons neuem Film, seinem ganz persönlichen Amarcord", anzusehen. Allein die letzte Einstellung, von dem vorbeifl iegenden Flugzeug, das sich im Putzwasser spiegelt, reicht aus, um mich daran zu erinnern, warum ich das Kino liebe, seine einmalige Suggestionskraft, seine Poesie und Vieldeutigkeit, die einen so viel mehr involviert als das Plot orientierte Erzählen selbst der besten Serien. Nur dass "Roma" streng genommen kein Kino ist, weil erst Netflix an Bord kommen musste, damit Oscar-Gewinner Cuaron seine Vision eines Films in Schwarzweiß und in spanischer Sprache umsetzen konnte. Aber vermutlich werden wir uns arrangieren müssen mit dieser neuen Form des ganz großen Kinos, wie einstmals im Studiosystem die spannendsten Filme entstanden, wenn der kommerzorientierte Pragmatismus der Produzenten auf den künstlerischen Gestaltungswillen der Ikonoklasten traf.

"Roma" wird in erster Linie auf Handys konsumiert werden, aber gemacht wurde er für die große Leinwand. Nur dort entfaltet er seine Wirkung richtig. Weshalb - und auch um bei den Oscars eine Rolle spielen zu können - Netflix auch eine kommerzielle Auswertung des Films anstrebt, nachdem er auf allen großen Herbstfestivals gezeigt wurde: Die Zeiten, in denen ein Festival einen Toptitel für sich allein reklamieren konnte, sind vorbei. Gerade weil eine große Kinoauswertung bei vielen der spannenden Filme der Saison ungewiss ist, hoffen Weltvertriebe und Produzenten auf so viele Festivaleinsätze wie möglich.

Auch weil sie wertvoll für eine spätere Vermarktung sind. Aus diesem Grund gibt es in diesem Jahr, wie Festivalleiter Kent Jones|U gegenüber "Blickpunkt:Film" einräumte, keine Weltpremieren beim New York Film Festival, das in den vergangenen Jahren immer mit einer Reihe von Highlights aufwarten konnte, die davor nicht in , Telluride und gelaufen waren. Wer exklusiv sein will, der muss in Richtung Berlinale und Cannes schielen. Wer groß reinkommen will (und sich für die Award-Season positionieren will), der geht in den Herbst, wo es zahlreiche Möglichkeiten gibt, für sich zu werben.

Den Startschuss macht in ein paar Tagen Venedig, das zur 75. Ausgabe das Programm vorweisen kann, das man schon in Cannes erwartet hatte. Alle großen und erhofften Namen sind vertreten. Und doch fühlt es sich nicht ganz so frisch an wie Cannes, das vor drei Monaten erfolgreich den Reset-Button gedrückt hatte. Aber immerhin gibt es erstmals "Roma" zu sehen. Was könnte es Besseres geben?

Thomas Schultze|U, Chefredakteur