Kino

KOMMENTAR: Rechenspiele

Nach Angaben des Statistischen Bundesamts zählte die Bundesrepublik Deutschland Ende 2016 82,5 Millionen Einwohner. Mit dieser Zahl lassen sich schöne Rechenspiele anstellen, die gerade im Hinblick auf die Kinobranche ernüchternd wirken könnten oder eben als Ansporn.

09.08.2018 07:49 • von Jochen Müller

Nach Angaben des Statistischen Bundesamts zählte die Bundesrepublik Deutschland Ende 2016 82,5 Millionen Einwohner. Mit dieser Zahl lassen sich schöne Rechenspiele anstellen, die gerade im Hinblick auf die Kinobranche ernüchternd wirken könnten oder eben als Ansporn. Je nachdem, ob man ein Glas-halb-leer- oder ein Glashalb-voll-Typ ist. Der in einer einzelnen Auswertung meistgesehene Film in den deutschen Kinos in den letzten 40 Jahren war, daran erinnerte uns gerade erst ein unglücklicher Artikel auf "Spiegel Online" mit der legendären Aussage "Gefühlt ist Kino in Deutschland unbeliebt" gleich im Vorspann, "Titanic" von James Cameron mit 18,8 Mio. verkauften Tickets. Das entspricht etwa 23 Prozent der deutschen Bevölkerung - fast jeder vierte Deutsche hat den Film 1998 im Kino gesehen. Oder besser: 77 Prozent der Bevölkerung haben ihn nicht gesehen, mehr als 63 Millionen Menschen. Nur elf Prozent der Deutschen haben ein Ticket für den größten Hit der letzten fünf Jahre gelöst, Star Wars: Das Erwachen der Macht". Nicht einmal zehn Prozent der Menschen in diesem Land haben Fack Ju Göhte" oder einen der erfolgreichsten Til-Schweiger-Filme gesehen (Michael Bully Herbig hat die Zehn-Prozent-Marke immerhin schon zweimal geknackt). Sechs Prozent der Bevölkerung reichen aus, um einem Film den Bogey in Platin zu sichern. Oder werfen wir einen Blick auf dieses Jahr: Der erfolgreichste Film ist Avengers: Infinity War" mit 3,4 Mio. Zuschauern. Oder umgerechnet etwas mehr als vier Prozent der Deutschen. Gemeinhin sieht man, Daumen mal Pi, die Besuchermillion als Erfolgsindikator an. Es reicht also, wenn man 1,2 Prozent der Bevölkerung erreicht, um einen Hit an der Hand zu haben. Die anderen 98,8 Prozent können also anderes machen.

Dass bei diesem größeren Blick erst so richtig auffällig wird, wie eng das Fenster zwischen Hit und Enttäuschung ist, ist auffällig: Mit einem Prozent aller Deutschen im Kino ist man noch auf der Gewinnerstraße, nur 0,2 oder gar 0,4 Prozentpunkte weniger - und man hat das Ziel nicht erreicht. Was genau machen denn die - sind wir großzügig - 95 Prozent, die sich große Hits, über die angeblich jeder spricht und Teil der Popkultur werden, nicht im Kino angesehen haben?

Wie viele mehr kommen in den anderen Auswertungsformen dazu? Oder wieder andersherum: Ist es nicht verrückt, dass offenbar mehr als die Hälfte der Deutschen noch nie "Der Herr der Ringe", "Harry Potter" oder einen der Daniel-Craig-Bonds gesehen hat? 0,25 Prozent der Deutschen haben am vergangenen Wochenende Mission: Impossible - Fallout" gesehen.Ernsthaft? Die anderen 99,75 Prozent wissen ja gar nicht, was sie sich haben entgehen lassen. Da muss doch noch was gehen. Oder?

Thomas Schultze, Chefredakteur