Kino

Auftakt nach Maß für die Filmmesse

Tonnenweise neue Eindrücke, Stargäste und die gewohnte Rundum-Versorgung. Auch am neuen - und womöglich nicht nur vorübergehenden - Veranstaltungsort im CineStar Düsseldorf hält die Filmmesse das hohe Niveau der Vorjahre. So zumindest der Eindruck nach dem Eröffnungstag. Wir lassen die Tradeshows Revue passieren.

08.08.2018 15:49 • von Marc Mensch
Volles Programm vom Start weg - die Filmmesse läuft auch in Düsseldorf zur Hochform auf (Bild: Armin Zedler / tb-vent Media)

Tonnenweise neue Eindrücke, Stargäste und die gewohnte Rundum-Versorgung. Auch am neuen - und womöglich nicht nur vorübergehenden - Veranstaltungsort im CineStar Düsseldorf hält die Filmmesse das hohe Niveau der Vorjahre. So zumindest der Eindruck nach einem Eröffnungstag, an dem sich einmal mehr bewahrheitete: Der beste Aufenthaltsort bei derart brütenden Temperaturen ist immer noch der klimatisierte Kinosaal. Eine Tatsache, die laut NFP-Geschäftsführer Christoph Ott übrigens noch gar nicht genug in die Öffentlichkeit getragen wird. Er appellierte bei seiner Tradeshow eindringlich dafür, diesen USP stärker gegenüber dem potenziellen Publikum zu betonen. Nun, schaden kann das sicherlich nicht.

Aber von Anfang an: In diesem Jahr oblag es neben Organisator und MMmedia-Geschäftsführer Martin Molgedey dem Hausherren und CineStar-Geschäftsführer Oliver Fock, die voraussichtlich rund 1100 Gäste zur Filmmesse und zu "vielen tollen Filmen" zu begrüßen. Ihnen - und Dominik Porschen, der dank Weischer.Media die einzelnen Tradeshows stimmungsvoll anmoderierte. Dass ihm dies nicht allzu schwer fiel, kommt nicht von ungefähr. Denn seinen Status als Kinoexperte hat er sich nicht zuletzt mit einer Filmvorführer-Tätigkeit verdient - und seine Diplomarbeit drehte sich um den 3D-Film. Ausschweifendes Vorgeplänkel ist indes seit jeher kein Markenzeichen der Filmmesse. Und so ging es umgehend in medias res, sprich: zu den Verleihpräsentationen, deren Highlights wir an dieser Stelle knapp zusammenfassen werden.

Wild Bunch

Christoph Liedke begann mit einem Dank, den man an diesem Tag in ähnlicher Form noch öfter vernahm: Jenem an die eigenen Mitarbeiter und die Partner bei den Kinos, die auch in extrem hitzegeplagten Tagen alles gegeben hätten, um das Bestmögliche aus der Situation zu machen. Im Fall von Meine teuflisch gute Freundin" bedeutet das aktuell über 230.000 Zuschauer. Ein Film, der noch für mehr gut ist. Geprägt wurde die kommende Staffel dann nicht zuletzt von drei Einkäufen aus Cannes, die durch die Bank Preise erhielten, im Falle von Shoplifters" sogar die Goldene Palme. Darüber hinaus wurden "Borders", Capharnaüm", Champagner & Macarons - Ein unvergessliches Gartenfest" und natürlich besonders ausführlich der Eröffnungsfilm des Filmfestes München, Mackie Messer - Brechts 3Groschenfilm" vorgestellt. Man wisse, dass dieser Film polarisiere, so Liedke - aber ein Werk über Brecht, das dies nicht täte, könne per se nicht gut sein. Einiges an Zeit nahm sich zudem für die Vorstellung einer Adaption des Bestsellers "Deutschstunde" von Siegfried Lenz. Und auch hierzu hatte Liedke etwas zu sagen, bei dem er sich an diesem Tag in guter Gesellschaft befand: Denn das Thema von "Deutschstunde" sei gerade in einer Zeit aktuell, in der nicht nur radikale Splitterparteien, sondern auch Politiker in verantwortungsvollen Regierungspositionen "populistischen Quatsch" von sich geben würden. Zum Abschluss hatte Steffen Gerlach von Capelight dann noch einen Clip mitgebracht, der seit der CinemaCon von sich reden macht: Die Neuinterpretation von "Suspiria" verspricht fürwahr harte Kost.

NFP

Mit Kontrastprogramm in Form von "Ailos Reise" konnte direkt im Anschluss Christoph Ott aufwarten. Der Film begleitet ein Rentier über den Verlauf eines Jahres von seiner Geburt an. Über ein reines Dokuformat geht man jedoch gezielt hinaus - und strickt eine herzerwärmende Geschichte um die faszinierenden Eindrücke herum. Auf der Bühne in Düsseldorf verriet Ott zudem: Anke Engelke übernimmt die Sprecherinnenrolle. Als "Tip für Bayern" (siehe "populistischer Quatsch") hatte er dann Jupiter's Moon" im Aufgebot, der sich dem Thema Flüchtlinge auf ganz eigene Weise (und unter Zuhilfenahme fantastischer Elemente und ebensolcher Bilder) annimmt. Erste Eindrücke gab es darüber hinaus vom Thriller "The Guilty" und dem Debütfilm "Alles wird gut", der Ott von niemand Geringerem als Maren Ade ans Herz gelegt wurde. Grund genug, einen Sonntag für die Sichtung zu opfern - und ihn direkt ins Programm zu nehmen. Übrigens ein (schon beim Filmfest München ausgezeichneter) Film, bei dem Ott nach eigenem Bekunden intensive Diskussionen mit dem beteiligten Sender in Sachen "Kinofenster" führte. Im Sinne der Filmtheater, versteht sich. Last but not least wäre da noch Beautiful Boy", der durchaus ein Wörtchen in der kommenden Awards-Season mitreden dürfte.

Weltkino

Auch wenn sie unter den aktuellen Rahmenbedingungen (zumindest kommerziell gesehen) zuletzt rar gesät waren - es ist, wie es Weltkino-Geschäftsführer Michael Kölmel bei der Filmmesse ausdrückte: Im Filmgeschäft erlebt man immer wieder schöne Überraschungen. Mögen diese bald für alle Kinos und Verleiher folgen. Präsentiert wurden in Düsseldorf von Weltkino der Gewinner des Silbernen Löwen, Nach dem Urteil", die Komödie Verliebt in meine Frau" und ein Film, dessen fantastischer Teaser direkt in die Magengrube zielte: "Utoya", der sich um das Massaker auf der gleichnamigen Insel drehte, das der Rechtsradikale Anders Breivik dort 2011 anrichtete. Ebenfalls mit exklusiven Ausschnitten vertreten waren Leto", Under the Silver Lake", "The Hole in the Ground" und Die Winzlinge 2" sowie - als abschließendes Highlight "The Operative", von dessen Kölner (!) Set die Hauptdarsteller Diane Kruger und Martin Freeman per Videobotschaft grüßten.

Sony

Auch Sony-Geschäftsführer Martin Bachmann dankte den Kinobetreibern zu Beginn der Tradeshow ausdrücklich für die gute Zusammenarbeit - und konnte dabei auch auf einige erfreuliche Zahlen verweisen. Nicht zuletzt sei die Strategie aufgegangen, "Hotel Transsilvanien 3" auf Wunsch der Kinos bereits am Montag direkt nach der WM zu starten. Im Anschluss präsentierte er ein dicht gepacktes Potpourri an Neuheiten, die in den kommenden (hoffentlich etwas kühleren) Monaten für lebhaftes Geschäft sorgen sollen. Im Fall des schon kommende Woche startenden The Equalizer 2" blieb es bei der kurzen Ankündigung, neue eindrücke gab es dann aber von Venom", Slender Man" und The Front Runner" zu sehen. Besonders gut kam (auch dank eines äußerst witzigen Einspielers) 25 km/h" an, der laut Bachmann in ersten Testscreenings die besten Werte ezielte, die man jemals erlebt habe. Weitere Highlights aus deutscher Produktion versprechen zudem Tabaluga - Der Film" und Die Goldfische" sowie Kalte Füße" (jeweils noch ohne Bewegtbild in Düsseldorf präsent) zu sein. Und nur zur Erinnerung: In einem schlechten ersten Halbjahr konnten zumindest deutsche Filme deutliche Zugewinne bei Publikum und Umsatz verzeichnen. Sehen lassen konnten sich aber natürlich auch die weiteren US-Produktionen in der Sony-Staffel der kommenden Monate. Auf der Filmmesse präsentierte man neben den bereits Genannten auch Gänsehaut 2: Gruseliges Halloween", Alpha", A Dog's Way Home" und Spider-Man: A New Universe", der mit einer Überraschung aufwartete, die das hierfür vorab zu unterzeichnende NDA durchaus rechtfertigte. Und dann wäre da noch ein Film, der sicherlich mit besonderer Spannung erwartet wird: "Once Upon a Time in Hollywood", das jünsgte Werk von Quentin Tarantino. Ausschnitte gab es (leider) noch nicht zu sehen, aber immerhin einen Gruß des Maestros vom Set.

Universal

Auch der Frankfurter Major konnte schon einiges an positiven Botschaften zum aktuellen Kinojahr (und das mit "Papst Franziskus" nicht zuletzt während der WM) beisteuern. Dass die Branche gerade bei den Themen "Imagepflege" und "Kundenansprache" noch "einen Zacken zulegen" kann, wie es Paul Steinschulte formulierte, darf man indes so unterschreiben. Positiv hob er dabei die direkt im Vorfeld noch einmal kurz vorgestellte Testimonial-Reihe "Leuchtspuren" hervor, eine laut Steinschulte "fantastische Kampagne". Apropos "fantastisch" - der urkomische Videoeinspieler von Rowan Atkinson alias Mr. Bean alias Johnny English verdient besondere Erwähnung, machte man sich doch extra für die Filmmesse die Mühe, den Standortwechsel prominent thematisieren zu lassen. Obendrauf gab es einen exklusiven Clip aus Johnny English - Man lebt nur dreimal". Mit einer Laufzeit von einer Stunde zählte der Universal-Auftritt zu den längeren Tradeshows im grundsätzlich auf jeweils 45 Minuten beschränkten Reigen. Zeit, die angesichts der Fülle an potenziellen Highlights dennoch knapp bemessen war. So durften sich die Kinobetreiber in Düsseldorf einen ersten Eindruck von BlacKkKlansman", Das Haus der geheimnisvollen Uhren", Night School", Unknown User: Dark Web" und "Drachenzähmen leicht gemacht 3" machen. Letzterer Ausblick fiel mit brandneuem Material besonders umfangreich aus. Kein Wunder, kehrte DreamWorks Animation nach über zehn Jahren doch zu Universal zurück. Aber es gab noch mehr: Willkommen in Marwen", "Halloween", Aufbruch zum Mond", Mortal Engines" und zum krönenden Abschluss "Der Grinch". "Krönend" nicht nur wegen der mit viel Applaus bedachten Clips, sondern auch wegen des persönlichen Besuchs jenes legendären Comedians, der dem Grinch in der deutschen Sprachfassung seine Stimme leihen wird: Otto Waalkes rockte das CineStar.

Studiocanal

Wie kommt das Kino wieder zu mehr Besuchern? Nun, Hooman Afshari und Lutz Rippe sehen auch angesichts der "vielen tollen Filme", die bereits von den Kollegen präsentiert wurden, einen Lichtblick - und steuern mit der kommenden Studiocanal-Staffel natürlich ebenfalls einen solchen bei. Besonders wichtig sei indes auch die Kommunikation zwischen den Partnern - weswegen sie nachdrücklich dazu aufriefen, an der unlängst verschickten Kinobetreiber-Umfrage teilzunehmen. Übrigens eine Maßnahme, die schon in Düsseldorf auf positive Resonanz stieß. Damit aber zum Wichtigsten: den Filmen. Auch Studiocanal packte jede Menge exklusiver Eindrücke in den kompakten Slot, beginnend mit dem Drama Ballon", das die wahre Geschichte einer spektakulären Flucht aus der DDR erzählt. Ein Film, den man Tags darauf auch in voller Länge - und im Beisein von Produzent und Regisseur Michael Bully Herbig - sehen konnte. Während Afshari und Rippe die kommenden Titel Bad Spies" und Ein Becken voller Männer" nur kurz vorstellten, gab es schon jede Menge exklusives Material zu Nur ein kleiner Gefallen", Mia und der weiße Löwe", Shaun das Schaf - Der Film 2" und der bildgewaltigen Neuinterpretation der "Robin Hood"-Saga zu sehen. Und dann wäre da noch ein elefantenstarkes Produkt aus deutschen Landen, bei dem sich die Kinobetreiber leider noch ein wenig länger gedulden müssen. Dass sich das Warten auf Benjamin Blümchen" (neuer Starttermin ist der 1. August 2019) lohnt, demonstrierte ein erster exklusiver Teaser.

Constantin

"Endlich wieder ein voller Kinosaal" konnte sich Geschäftsführer Oliver Koppert zu Beginn der Tradeshow freuen - und genau genommen waren es sogar zwei, denn sowohl Saal 3 als auch 8 im CineStar Düsseldorf waren bei der letzten Tradeshow des Tages wie schon bei den vorangegangenen Präsentationen bestens gefüllt. Koppert zeigte sich zuversichtlich, dass nicht nur das Fach-, sondern bald auch wieder das reguläre Publikum die Auditorien füllt. Denn in diesem Jahr hätten die Zutaten bislang einfach nicht gepasst - und das Wetter steht sicherlich an erster Stelle der Störfaktoren. Dazu kamen die WM und ein nicht immer optimales (bzw. optimal terminiertes) Programm. Seitens der Constantin freut man sich jedenfalls schon jetzt, auch mit Blick auf die Staffeln der Verleihkollegen, auf ein "tolles Kinojahr 2019". Nicht, dass 2018 nicht auch noch mit Highlights aufzuwarten hätte - wobei sich eines der ganz großen vorwiegend in Bayern abspielen wird. Denn Sauerkrautkoma", von dessen umjubelter Premiere Geschäftsführer Torsten Koch berichten konnte, wird voll einschlagen. Diese Einschätzung sei angesichts der Berichte über Vorverkäufe bereits erlaubt. Damit aber zu einem Blick in die weitere Zukunft: Präsentiert wurden exklusive Eindrücke aus Eine ganz heiße Nummer 2, "Beach Bum", "Polar" (den sich die Constantin für die DACH-Region sicherte, während der Rest der Welt auf Netflix angewiesen ist), "Der Vorname", "Ostwind 4" und nicht zuletzt Asphaltgorillas", den Regisseur Detlev Buck persönlich vorstellte. Seinen Bühnenauftritt nutzte er auch, um sich über mangelndes Verständnis seitens der FSK zu beklagen, die seinem Film die 12er-Freigabe verweigert habe. Mit einer Begründung, die ihm besonders schwer im Magen liegt: So sei ihm eine "verwirrende Story" vorgeworfen worden - aber genau darin liege ja der "Witz des Films". Bucks Appell: Das Kino dürfe sich Stories mit Ecken und Kanten nicht von Netflix abjagen lassen. Wahre Worte - schließlich werden Streamingdienste genau dafür gefeiert. In diesem Sinne: Innovation ist das Salz in der Suppe!

Marc Mensch