Kino

"Kino hat eine absolute Pole Position"

Martin Moszkowicz, Vorstandsvorsitzender der Constantin Film AG, ist sich sicher, dass 2019 ein Sensationsjahr wird. Markenaufbau und die Schaffung von faszinierenden Inhalten sind das Erfolgsrezept seines Firmenverbunds. Das Kino sieht er dabei ganz vorn.

06.08.2018 11:52 • von Jochen Müller
Martin Moszkowicz ist Vorstandsvorsitzender der Constantin Film AG. Mit Kritik am Standort München sorgte er zuletzt für Aufsehen (Bild: Mathias Bothor)
Martin Moszkowicz, Vorstandsvorsitzender der Constantin Film AG, ist sich sicher, dass 2019 ein Sensationsjahr wird. Markenaufbau und die Schaffung von faszinierenden Inhalten sind das Erfolgsrezept seines Firmenverbunds. Das Kino sieht er dabei ganz vorn.

Hat Ihre Kritik per Tweet am Standort Bayern Wirkung gezeigt?

Es gibt jetzt Gespräche mit den relevanten Verantwortlichen, und ich habe das Gefühl, dass unser Anliegen ernst genommen wird. Die Probleme haben ja nicht nur wir, sondern auch andere. Das Timing zum Filmfest München war sicherlich provokativ, aber ich fand es wichtig, diese Themen rasch aufzugreifen. Ich bin vorsichtig optimistisch, dass sich die Situation dadurch verbessert.

Ist Produzieren in Bayern und in Deutschland doch zu teuer?

Es ist nicht allein eine Frage von Kosten. Es gibt eine Reihe von widrigen Bedingungen. Wir sehen ein großes Problem darin, Nachwuchs im Bereich der Filmschaffenden zu rekrutieren. Das gilt speziell in München, weil die Stadt ein teures Pflaster ist. Es gibt allgemein zu wenig Menschen, die in dieser Branche, die boomt, ihre Zukunft sehen. Dafür bedarf es besserer Ausbildungsmöglichkeiten. Wir wollen uns für ein duales Studium für bestimmte Produktionsbereiche engagieren. Ich rede nicht von Produzenten oder Regisseuren, die in großen Mengen von den Filmhochschulen ausgebildet werden, sondern von den Leuten, die der Lebensnerv der Medienindustrie sind, nämlich Produktionsleiter, Filmgeschäftsführer, Cutter, Ausstatter und so fort. Weil jetzt auch in Deutschland sehr viele serielle Produktionen entstehen, sind qualifizierte Mitarbeiter knapp. Wir müssen jetzt daran gehen, diese Schwachpunkte zu verbessern. Der neue Ministerpräsident in Bayern hat signalisiert, dass er dazu bereit ist.

Wollen Sie unabhängig davon die Constantin an andere Standorte verlagern?

Das hängt vor allem davon ab, ob oder wie wir unsere Bankverbindungen neu ordnen müssen. Wir sind hierzu in Gesprächen mit der Bayerischen Landesbank und anderen. Die Constantin Film ist bundesbankfähig und hat ein sensationell gutes Credit Rating, und wir arbeiten seit 25 Jahren gut mit der Bayerischen Landesbank zusammen. Wenn das jetzt nicht mehr funktioniert, werden wir uns mit einer anderen Geschäfts- oder Landesbank zusammentun. Da kann es sein, dass im Rahmen so einer Zusammenarbeit Teile der Firma in andere Bundesländer verlegt werden müssen. Natürlich ist die Constantin Film heute schon in Berlin, Köln und anderen Städten vertreten. Es geht nicht darum, dass die Constantin insgesamt umzieht.

Ist das Verhalten der Landesbank Indiz dafür, dass sich Produzenten im Bereich der Finanzierung schwer tun?

Im konkreten Fall der Constantin ist das nicht so und die Gespräche mit der BLB laufen inzwischen konstruktiv, aber ich höre von meinen Kollegen in kleineren und mittleren Firmen, dass es ihnen dabei nicht so gut geht. Die eine oder andere alteingesessene Firma musste auch in den letzten Monaten ihre Türen schließen. Man sieht daran, dass der Konkurrenzkampf stärker wird. Es gibt mehr Produktionsfirmen am Markt, aber der Kuchen wird nur bedingt größer. Dabei wird es immer schwerer, international oder deutschlandweit wettbewerbsfähige Produktionen aus einem kleinen, mittelständischen Betrieb heraus herzustellen. Die Konzerne, zu denen sicher auch die Constantin gehört, tun sich da leichter. Es gibt diesen Konzentrationsprozess in anderen Ländern noch stärker, in England und Amerika, aber auch in Südeuropa und in Skandinavien. Die Situation der Produzenten ist verbesserungsfähig. Da ist es gerade wichtig, dass die infrastrukturellen Maßnahmen stimmen.

Constantin Film hat beim drei große Serien präsentiert. Steht das Kino nicht mehr so stark im Fokus?

Oliver Berben macht mit seine ProduzentInnen und den Firmen, die zu uns gehören, einen sensationellen Job. Gerade ist ja Hager Moss Film, ein Produktionsunternehmen für Kino- und Fernsehfilme, zu unserem Firmenverbund gestoßen. Ich bin extrem stolz darauf, dass wir in den letzten zehn Jahren den Umbau von einer reinen Kinoproduktionsgesellschaft zu einem auf mehreren Beinen stehenden Medienkonzern geschafft haben. Wahrscheinlich liegen die Wachstumsbereiche auch eher dort als im Kinobereich, selbst wenn die Constantin Film bisher ca. 50 Prozent von Umsatz und Ertrag mit Kinofilmen erwirtschaftet. Aber das ändert nichts daran, dass das Kino bei uns im Fokus den Platz Nummer Eins hat. Wir sind immer eine Kinoproduktions- und vertriebsgesellschaft gewesen. Doch die Welt verändert sich. Wir bauen heute unsere Marken im Kino auf und werten sie dann in vielen anderen Bereichen aus. Genau das macht Oliver extrem professionell und geschickt mit Marken wie "Fräulein Smilla", "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo" oder "Das Parfum". Die Unterscheidung, dass Kino und alles danach verschiedene Welten sind, kann man so nicht mehr treffen. Es handelt sich um verschiedene Plattformen, für die es verschiedene Formate gibt. Inhalte und Markenaufbau sind unser Hauptgeschäft. Und das ist zunächst vor allem auch im Kino gegeben, weil nur dort die erforderlichen Marketingbudgets zur Verfügung stehen.

Ohne einen neuen Fack Ju Göhte"-Film, worauf liegen dieses Jahr die Hoffnungen der Constantin?

Kurz zu "Fack Ju Göhte": Wir und vor allem Bora Dagtekin, Lena Schömann und die Truppe, die hinter diesem Erfolg steht, könnten das nicht besser gemacht haben. So eine wilde Fahrt hat es in der Geschichte des deutschen Kinos und auch der Constantin noch nicht gegeben. Wir haben über 20 Mio. Zuschauer mit den drei Teilen im Kino erreicht. Im Moment ist kein weiterer Teil von "Fack Ju Göhte" geplant, aber unsere Staffel für nächstes Jahr ist trotzdem herausragend. Ich glaube sowieso, dass nächstes Jahr ein hervorragendes Kinojahr wird. Das hängt immer auch davon ab, wie gut es der Constantin geht. Wenn wir ein moderates Jahr haben, dann bildet sich das auch in den Gesamtmarktzahlen ab. 2018 haben Temperaturen um die 30 Grad seit März, die Fußball-WM und vor allem das Produkt bisher nicht für ein besonders gutes Jahr gesorgt. Aber seitdem es Kino gibt, gibt es mal bessere und mal schlechtere Jahre. Nächstes Jahr wird ein Sensationsjahr - und nicht nur wegen unserem Line-up. Wir haben 2019 wahrscheinlich die stärkste Staffel, die wir jemals hatten. Aber auch unsere Kollegen aus Amerika erwarten ein Superkinojahr.

Ist 2018 schon abgehakt, oder worauf setzen Sie?

Zunächst einmal wird das zweite Halbjahr besser werden als das erste. Wir setzen auf zwei echte Highlights. Da ist zum einen der nächste Eberhofer-Krimi: Sauerkrautkoma" ist eine "gmahde Wiesn", wie man auf bayerisch sagt. Ich weiß von vielen Leuten in Bayern, die sich extrem auf diesen Eventkinotermin freuen. Und Mitte Oktober starten wir einen sehr starken Film mit "Der Vorname" von Sönke Wortmann. Das ist eine super besetzte Komödie, bei der die Leute lachen können, die aber gleichzeitig Tiefgang hat, also genau das, was man sich von einem gelungenen Kinoabend wünscht.

Bora Dagtekin scheint gesetzt für nächstes Jahr. Was sind Ihre weiteren Ausreißererfolge?

Ja, es wird nächstes Jahr zu unserem Septembertermin einen Film von Bora Dagtekin geben, das kann man sagen. Worum es dabei geht, wollen wir noch nicht verraten. Aber darüber hinaus haben wir ein unheimlich starkes Line-up. Das fängt im Januar mit The Silence", einer englischsprachigen Eigenproduktion, an. Dann kommt die Bestsellerverfilmung "After Passion", eine Art Anlehnung im Teenagerbereich an Fifty Shades of Grey". Mitte April folgt Der Fall Collini", über den ich sehr froh bin, weil wir damit unsere langjährige Zusammenarbeit mit Ferdinand von Schirach fortsetzen. Das ist nicht nur ein toller Stoff, mit dem Marco Kreuzpaintner jetzt im August in Dreh geht, sondern auch der dritte Film aus unserer Vereinbarung mit Elyas M'Barek. Eine weitere Eigenproduktion ist "Polar" mit Mads Mikkelsen. Der Film nach einer kultigen Graphic Novel ist sensationell gut geworden, irgendwo zwischen John Wick" und Quentin Tarantino. Aber wir bringen noch viel mehr Filme ins Kino. Neben "Die drei Ausrufezeichen", ein Kinder- und Jugendfilm, den Christian Becker gerade produziert, starten wir im Herbst , und wir bringen mit Leberkäsjunkie" im September den nächsten Eberhofer in die Kinos. Mit "Beach Bum" haben wir eine sehr wilde Komödie mit Matthew McConaughey und Zac Efron gekauft. Dazu kommt dann noch unser "Überraschungsfilm" im September.

Ist das schwache Kinojahr wirklich nur auf Wetter und WM zurückzuführen, oder vollzieht sich hier eine Veränderung?

Nein, ich bin ganz und gar nicht der Meinung, dass sich das Kino allmählich aus dem Entertainmentbouquet verabschiedet. Kino hat eine absolute Pole Position und eine besondere Stellung beim Konsum von Entertainment, die durch nichts zu ersetzen ist. Ich glaube, dass das Kino weiter florieren wird. Das es zwischendrin weniger erfreuliche Jahre gibt, beruht auf vielen verschiedenen Faktoren, meistens hängt es am Produkt. Es gibt einfach schwache Produktjahre, aber der generelle Trend beim Umsatz über die Jahre zeigt weiter nach oben.

Deutschland koppelt sich also nicht von einem internationalen Trend ab?

Nein, aber wir müssen schon sehen, dass Deutschland in Europa das Schlusslicht bildet. Das gilt es genau zu analysieren. Wenn man mal von "Fack Ju Göhte" absieht, haben wir die Generation der 16- bis 25jährigen als Zuschauer zum Großteil verloren. Deutsche Filme sehen die sich nur in Ausnahmefällen an. In vielen anderen Ländern gibt es Marketingmöglichkeiten, die sich klarer auf definierte Target-Groups konzentrieren können. Das ist in Deutschland nicht nur aus Datenschutzgründen schwerer, sondern auch weil die handelnden Parteien, sprich: Theaterbesitzer, Verleiher und Produzenten, nicht an einem Strang ziehen. Das ist ein Appell an alle, hier besser zusammen zu arbeiten. Dass die Streaminganbieter soviel über ihre Kunden wissen und wir so wenig, stellt ein echtes Problem dar. Die Situation zu verbessern, ist trotz rigideren Datenschutzes auch in Deutschland möglich.

An zu wenig deutschen Filmen kann es nicht liegen. 117 deutsche Neustarts im ersten Halbjahr ist eine ordentliche Produktionsleistung, wenn auch keine besondere im Vertrieb...

Ob es zu viel oder zu wenig Filme gibt, ist eine endlose Diskussion. Aber so einfach ist es nicht. Wir können uns nicht einfach nur noch auf die erfolgreichen Filme konzentrieren und alle anderen lieber bleiben lassen. Nach wie vor kommt bei den weit über 200 deutschen Kinofilmen, die jedes Jahr laufen, die Überlegung zu kurz, für welche Zielgruppe sie eigentlich gemacht sind. Ich würde mir sehr wünschen, dass man sich darauf stärker konzentriert. Wir bemühen uns hier sehr, und natürlich machen wir auch Fehler. Aber das ist eine ganz gute Übung, die funktioniert, wenn man sie beherzigt.

Um erfolgreiche Marken und Produkte zu schaffen, binden Sie Talent an sich. Wie läuft diese Zusammenarbeit?

Super. Wir haben Key-Kreativen die Möglichkeit gegeben, innerhalb der Constantin ihre Projekte "sorglos" zu entwickeln. Das ist eine Strategie, die wir schon seit den 90er Jahren verfolgen und die aufgegangen ist. Neben Filmemachern haben wir in den letzten Jahren vor allem Autoren intensiv an uns gebunden, weil wir glauben, dass Kreativität, Ideen und die Leute, die in der Lage sind, Filme oder Fernsehproduktionen zu kreieren, das wichtigste Asset sind, über das die Constantin Film verfügt. Anika Decker ist jetzt bei uns, ihr Vertrag läuft seit Anfang Juli. Eva Kranenburg ebenfalls. Doron Wisotzky ist für uns als Filmemacher aber vor allem als Autor tätig. Er hat gerade sechs oder sieben Projekte auf dem Tisch, an denen er arbeitet und schreibt. Wir haben einen Rahmenvertrag über mehrere Filme mit Bora Dagktekin, genauso wie mit Elyas M'Barek, mit dem wir für die Zeit nach "Der Fall Collini" gerade einen Vertrag über drei weitere Filme geschlossen haben.

Ist das auch die Zukunft für kleinere Produzenten, nämlich unter das Dach einer Constantin zu schlüpfen?

Ich glaube schon. Das ist auch meine eigene Vergangenheit. Ich hatte auch eine kleine Produktionsfirma und mich dann entschlossen, innerhalb der Constantin meine Karriere und Produzententätigkeit weiterzuführen. Kleine Einzelkämpferfirmen werden es in Zukunft immer schwerer haben. Das soll jetzt keinen falschen Beigeschmack haben. Ich bin happy, wenn es ihnen gut geht, und es gibt grandiose Beispiele wie z.B. SamFilm, die seit vielen Jahren erfolgreich Kino machen und dabei ein Franchise nach dem anderen kreiert haben. Im Rahmen von größeren Konzernen kann man jedoch viele Sorgen abgeben und muss sich nicht um alles kümmern. Die Energie steht dann ausschliesslich fürs Produzieren zur Verfügung. Insofern stehen wir gerne als Partner bereit. Anders als viele Konkurrenten glauben wir nicht an eine Zentralisierung. Wir setzen auf eine Satellitenstruktur mit kleinen, wendigen und klar ausgerichteten Kreativunits. Konzerne sind gut für die Verwaltung, Finanzierung und Auswertung. Gute Projekte werden in den kleineren, kreativen Units entwickelt und realisiert. Wir zählen inzwischen ein Menge von kleineren und größeren Firmen zu uns. Die Rat Pack als eine der aktivsten Produktionsgesellschaften in Deutschland ist ein gutes Beispiel, aber auch die Constantin Entertainment, die Olga Film, die Moovie in Berlin, seit einigen Wochen Hager Moss und natürlich die Constantin Film in Los Angeles.

Gerade den internationalen Bereich baut Constantin aus. Ist hier die Einstellung der Serie "Shadowhunters" ein Rückschlag?

Noch sind wir ja mitten in der Produktion der dritten Staffel und danach ist eine vierte Sonderstaffel mit Finalfolgen geplant. Wir verfügen hier über eine sehr engagierte Fangemeinde, etwas, das man in unserer Branche immer sucht. Als Produktionsgesellschaft würden wir die Serie gerne weiterführen. Ob und wie das funktioniert, kann ich heute noch nicht sagen. Wir prüfen verschiedene Optionen und führen Gespräche darüber mit anderen als den bisher daran Beteiligten. Mit den Büchern von Cassandra Clare verfügen wir über eine Unmenge von Stoffen, auch was Nebenreihen wie "Magisterium" oder "Infernal Devices" betrifft. Wir versuchen das gerade in eine Gesamtstrategie zu packen. Von Netflix und Freeform gibt es klares Statement, dass sie nach der Finalstaffel nicht weiter machen wollen, aber es gibt durchaus Beispiele für Serien, die dann mit anderen Partnern fortgeführt worden sind.

Resident Evil" ist auch eine Mustermarke, die weiterentwickelt wird. Wie weit ist die Constantin hier?

Für einen Independent ist "Resident Evil" ein Ausnahmefranchise mit 1,2 Mrd. Dollar Boxoffice mit sechs Teilen, was wirklich sensationell ist. Wir arbeiten momentan an einer Fernsehserie auf der Basis des Stoffes. Die Gespräche mit internationalen und amerikanischen Partnern sind relativ weit gediehen, und ich hoffe sehr, dass die Serie nächstes Jahr in Produktion geht. Gleichzeitig arbeiten wir an einem Prequel, das sich im Moment im Drehbuchstadium befindet. Auch das steht auf unserer Produktionsplanung für nächstes Jahr.

Profitiert die Constantin genug von diesem internationalen Produktionsboom?

Wir drehen ab Herbst in Südafrika einen Kinofilm, der auf dem Videospiel "Monster Hunter" basiert, eines der größten Videospiele überhaupt und inzwischen sehr viel erfolgreicher als "Resident Evil". Regisseur ist wieder , und Milla Jovovich spielt die Hauptrolle. Damit versuchen wir wieder eine erfolgreiche Marke ins Kino zu bringen. Aber ja, wir nehmen massiv an diesem Boom teil. Unsere Wachstumsfelder liegen hauptsächlich dort. Der Markt in Deutschland ist relativ saturiert und an den Grenzen seines Wachstums angekommen. Wir sind mit unserer Rolle im deutschen Markt sehr zufrieden, aber international können wir noch mehr machen und arbeiten sehr intensiv daran. Wir sind im Übrigen die einzige deutsche Firma, die wirklich international als Produktionsfirma bei englischsprachigen Filmen und Fernsehserien tätig ist.

Wie lebt die Constantin mit den Entscheidungen der EU zum Urheberrecht?

Natürlich bin ich damit nicht zufrieden. Es wäre mir lieber, wenn die Politik die Kreativindustrie in Europa stärker unterstützen würde. Aber es ist nur eine Schlacht und nicht der Krieg verloren gegangen. Wir wollen auch kein Fortschrittshemmer sein, im Gegenteil, wir sind abhängig von den Entwicklungen. Streamingdienste und Fernsehsender sind auch unsere Auftraggeber. Es muss für Produzenten, Filmemacher und Kreative möglich sein, von ihrer Arbeit zu leben, andererseits gilt es auch, diese Industrie insgesamt zu unterstützen. Die Entscheidungen, die in der letzten Zeit in Brüssel gefallen sind, sind insgesamt schädlich für unsere Industrie.

Und wie steht die Constantin zur Ausweitung der Mediatheken?

Der öffentlich-rechtliche Rundfunk sollte sich nicht auf eine Konkurrenzsituation mit den SVoD-Diensten der Welt einlassen. Dass der SVoD-Markt von einigen amerikanischen Weltkonzernen beherrscht wird, ist natürlich unbefriedigend. Wir haben es in Europa verschlafen, etwas Vernünftiges dagegen zu setzen und nun ist die Situation, wie sie ist. Wir müssen in der Lage sein, Produkte zu schaffen, die aus sich heraus eine Marktenergie entwickeln. Wenn sich unsere Produkte per se am Markt durchsetzen können, dann bekommen wir auch von den "knebelnden" Großkonzernen eine angemessene Gegenleistung. Erfolg ist das einzige, was sie interessiert. Die Entscheidung der Ministerpräsidenten halte ich für einen großen Fehler. Wir haben lange versucht, sie zu verhindern, aber wegen der übergeordneten Diskussion um die Gebühren und was die Verbraucher dafür bekommen, war das politisch nicht durchsetzbar. Dabei ist die Belastung der deutschen Konsumenten, die immer angeführt wird, im Vergleich zu anderen Ländern relativ gering. Woanders wird für audiovisuelle Unterhaltung sehr viel mehr Geld ausgegeben. Insofern kann ich die ganze Diskussion nicht ganz nachvollziehen.

Der Markt wächst und diversifiziert sich. Wo sehen Sie die strategische Marschrichtung für die Constantin?

Das Allerwichtigste ist, dass wir in der Lage bleiben, Ideen aufzugreifen oder aus uns selbst heraus zu generieren. Das garantiert unser Überleben und unseren Erfolg. Außergewöhnliche kreative Produkte herzustellen, Marken zu kreieren und die dazu gehörigen Kreativen an uns zu binden, sichert unsere Zukunft. Wir haben in den letzten Jahren große Flexibilität gezeigt, haben Verschiedenes ausprobiert und manches wieder verworfen. Es gibt neue Bereiche wie Virtual Reality, die wir vielleicht besetzen wollen. Das Wichtigste ist, dass wir diese kreative Unabhängigkeit behalten und in der Lage sind, Inhalte herzustellen, die Menschen faszinieren. Dann wird die Constantin eine lange und erfolgreiche Zukunft haben und weiterhin da sein, wo sie hingehört - auf dem 1. Platz.

Das Gespräch führte Ulrich Höcherl