Kino

KOMMENTAR: Catch-22

Es war wieder einmal eine Woche Derjenigen, die ihre Meinung am lautesten kundtaten. Wer rüpelt und poltert und zetert und greint und dabei auch noch die "Groß"-Taste feststellt, ob nun am Computer oder, virtuell, an den Stimmbändern, der verschafft sich Gehör.

27.07.2018 07:49 • von Jochen Müller

Es war wieder einmal eine Woche Derjenigen, die ihre Meinung am lautesten kundtaten. Wer rüpelt und poltert und zetert und greint und dabei auch noch die "Groß"-Taste feststellt, ob nun am Computer oder, virtuell, an den Stimmbändern, der verschafft sich Gehör. Das ist es, was zählt im Jahr 2018: Egal wie unsinnig, unlogisch und/oder einfältig, Hauptsache, man dringt durch an die Öffentlichkeit. Wird man erst einmal gehört, findet sich immer genug Zustimmung, um selbst den abstrusesten Thesen und Statements und Behauptungen Rückenwind zu verschaffen. Das Gift beginnt zu wirken. Mochte es zunächst noch gewirkt haben, als würde die präferierte Methode des US-amerikanischen Präsidenten, mit seinem Volk zu kommunizieren, auf generelle Ablehnung stoßen in eher zivilisierten Zirkeln, zu denen man sich dann doch gerne zählt, muss man nun feststellen, dass der Wahnsinn Methode hat und die Methode funktioniert. Jegliche Form von differenzierter Betrachtung ist längst über Bord gegangen, die fein schraffierten Grauflächen, die für einen intelligenten Diskurs notwendig sind, von fettem Weiß und Schwarz übertüncht worden.

Wir befinden uns im konstanten Ausnahmezustand, in dem einem nach Belieben ein X für ein U vorgemacht werden kann, so lange man es nur im Brustton der Überzeugung und so laut wie möglich vorbringt. Dies führt zu einer Situation, in der es egal ist, ob eine offenkundig geistig verwirrte Schauspielerin hasserfüllte rassistische Beleidigungen von sich gibt, oder ob ein Regisseur vor einem Jahrzehnt geschmacklose Witze auf Twitter gemacht hat, um sich ein bisschen im Ruch der Grenzüberschreitung zu suhlen: Weil der Disney-Sender ABC aber schon überreagierte, als er Roseanne Barr für ihre unerhörten Ausfälle fristlos feuerte, waren dem Konzern nun die Hände gebunden, als James Gunn von einer Gruppe von Verschwörern aus dem ganz rechten Spektrum auf die Planke geführt wurde, ungeachtet dessen, dass er sich in den letzten Jahren bereits mehrfach für seine Taten entschuldigt hatte: Dass man mit zweierlei Maß messen würde, wollte man sich dann doch nicht vorwerfen lassen. Als habe Differenzierung etwas mit zweierlei Maß zu tun! Diese Catch-22-Situation hat Konsequenzen. Unwillentlich spielt der Konzern mit dem Feuern des Regisseurs der Guardians of the Galaxy" der Agenda der Reaktionären in die Hände: Keiner, der sich irgendwann in seinem Leben einmal einen Fehltritt geleistet hat, darf sich heute noch sicher fühlen. Nur wer eine blütenreine Weste hat, darf sich noch kritisch äußern. Die Lautsprecher sind dabei, zu gewinnen. Das darf nicht sein. Gehören Sie nicht zu den Lautsprechern. Wägen Sie ab, bevor Sie sich äußern. Und wenn Sie sich äußern, tun Sie es mit Maß und Anstand. Machen Sie es nicht so wie Donald Trump. Sonst sind wir verloren.

Thomas Schultze, Chefredakteur