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CANNES Tag 5: Let's climb!

Die Filme selbst traten in den Hintergrund am fünften Tag des Festival de Cannes: Die Bühne gehörte Jurypräsidentin Cate Blanchett, der Filmemacherin Agnès Varda und den erst 82 Filmemacherinnen, von denen in den 71 Jahren des Festivals Werke für den Wettbewerb ausgewählt wurden. Passend gab es auch den ersten von drei Wettbewerbsfilmen einer Frau in diesem Jahr zu sehen, Eva Hussons "Les filles du soleil".

13.05.2018 20:24 • von Thomas Schultze
Stolze Kriegerinnen in einem nicht ganz so tollen Film: "Les filles du soleil" (Bild: Festival de Cannes)

Die Filme selbst traten in den Hintergrund am fünften Tag des Festival de Cannes: Die Bühne gehörte Jurypräsidentin Cate Blanchett, der Filmemacherin Agnès Varda und den erst 82 Filmemacherinnen, von denen in den 71 Jahren des Festivals Werke für den Wettbewerb ausgewählt wurden. Während 82 Frauen aus dem Filmgeschäft stellvertretend für diese Filmemacherinnen untergehakt in acht Reihen den Roten Teppich entlang gingen, hielten Blanchett und Varda vor dem Eingang des Festivalpalais eine Rede, die man sich ins Stammbuch schreiben sollte: "Auf diesen Stufen stehen 82 Frauen. Sie stehen für die Anzahl von Frauen, die diese Stufen emporgeschritten sind, seit der ersten Ausgabe des Festival de Cannes im Jahr 1946. In der gleichen Zeit sind diesen Weg 1866 Filmemacher gegangen." Und sie sagte: "Frauen sind keine Minderheit auf dieser Welt, und doch behauptet der gegenwärtige Zustand unserer Industrie etwas Anderes. Als Frauen stehen wir vor unseren eigenen einzigartigen Herausforderungen, aber heute stehen wir gemeinsam auf diesen Stufen als Symbol unserer Entschlossenheit und unseres Einsatzes für Fortschritt. Wir sind Autorinnen, Produzentinnen, Schauspielerinnen, Kamerafrauen, Talentagentinnen, Schnittmeisterinnen, Verleiherinnen, Verkaufsagentinnen, wir alle haben mit der Kunst des Films zu tun." Und zum Abschluss rief die Jurypräsidentin: "Let's climb! - Lasst uns die Stufen emporklettern!" (Am Ende des Textes finden Sie die volle Rede auf Englisch).

Passend gab es im Anschluss auch den ersten von drei Wettbewerbsfilmen einer Frau in diesem Jahr zu sehen, Les filles du soleil" von Eva Husson. Die junge Französin will eine besonderen Gruppe von Frauen als Heldinnen feiern: ehemalige kurdische Gefangene und Sklaven des IS, die in einer eigenen Battalion für die Befreiung ihrer eigenen Heimatstadt aus den Händen des Terrorstaats kämpfen. Jede Szene, jeder Moment des Films signalisiert, dass das Thema der Filmemacherin ein Anliegen war. Aber gute Absichten machen nicht unbedingt einen guten Film. Und während "Mädchen der Sonne", wie diese Kämpferinnen genannt werden, ein respektabler und interessanter Film ist, ist es eben kein guter. In seinen schlimmsten Momenten ist er peinlich.

Das wird nach einem interessanten Einstieg, in dem man unscharf das mit Staub und Schmutz bedeckte Gesicht einer Frau sieht, worauf auf die Wolke einer Explosion geschnitten wird, die den blauen Himmel bedeckt. Man denkt noch Apocalypse Now", aber wird schnell wieder auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt von den wie mit der Holzsäge ausgeschnittenen Figuren, denen ein Denkmal gesetzt werden soll, die sich aber selber wie Denkmäler benehmen. Die französische Journalistin, gespielt von Emmanuelle Bercot, die die Freiheitskämpferinnen bei ihrem Himmelfahrtskommando begeliten soll, trägt eine Augenklappe, ist hartgesotten und mit allen Wassern gewaschen, muss aber in stillen Momenten an ihre Tochter denken, die Zuhause in Frankreich auf ihre Mama wartet. Die Kämpferinnen sind edel und gut und blicken auch immer edel und gut, allen voran die Anführerin Bahar, gespielt von Golshifteh Farahani, die aber noch eine ganz eigene Agenda verfolgt: Sie will ihren Sohn finden, der sich noch in dem Dorf aufhalten soll, in einer Umerziehungsschule des IS.

Nun wären weder die französische Journalistin als Begleitperson noch dieser emotionale Kniff mit dem Kind nötig, um die Geschichte funktionieren zu lassen. Sie sind es aber auch nicht, die einem den Film madig machen: Das erledigt eine Rückblickstruktur, die einem all das noch einmal in Extenso zeigt, was in der Exposition bereits erzählt wurde, während man doch viel lieber Zeit mit diesen ungewöhnlichen Frauen verbringen würde, sie gerne über eine simple Charakterzeichnung hinaus kennenlernen würde, um mehr über sie und ihren ungewöhnlichen Zusammenhalt zu lernen. Am Ende bleibt ein Film mit einem respektablen Anliegen und einer tollen Geschichte, die gewiss auch in dieser Form beim Publikum ankommt: Bei der Premiere gab es anhaltende stehende Ovationen. Und doch ist eine verpasste Chance: Eva Husson lässt die Tugenden vermissen, die ihren "Bang Gang" (findet man auf Amazon Prime - ein Tipp!) so überzeugend gemacht hatten, die Feinheit, der Blick auf die Zwischentöne. Das macht "Les filles du soleil" zu einer so großen Enttäuschung.

Spannender geht der südkoreanische Thriller "The Spy Gone North" (O-Titel: "Gongjak") vor, der außer Konkurrenz in einem Midnight-Screening zu sehen war und ganz klassische, aber eben mit viel Stil und erzählerischer Eleganz umgesetzte Spionagefilmkost bietet. Basierend auf angeblich wahren (aber laut Titelkarte frei wiedergegebenen) Begebenheiten, wird mit viel Aufwand die Geschichte eines südkoreanischen Geheimagenten mit Codename "Black Venus" erzählt, der 1993 als Geschäftsmann nach Nordkorea eingeschleust wird, um dort mehr über das vermeintliche Atomprogramm des kommunistischen Nachbarlandes in Erfahrung zu bringen. Viel Zeit verbringt der Film mit seinem komplizierten Aufbau, um auch genau zu erklären, wie die Täuschung funktionieren konnte und wie Agent Park nach und nach ein Vertrauensverhältnis mit dem hochrangigen Ri aufbaut. Als jedoch Südkorea mit Hilfe eines schmutzigen Deals die Wahl des linken Politikers Kim zum Präsidenten vermeiden will, geraten beide Männer in Lebensgefahr und können nur auf das gegenseitige Vertrauen bauen, um aus dieser Situation wieder herauszukommen. Ein bisschen ist es der Film zur langsamen Annäherung der seit Jahrzehnten verfeindeten Koreas: Natürlich scheut Regisseur Yoon Jong-bin, der vor zwölf Jahren mit seinem "The Unofrgiven" schon einmal im Certain Regard vertreten war, nicht davor zurück, das Elend des nordkoreanischen Volkes zu thematisieren, und zwar in einer ziemlich drastischen Szene, die es in sich hat, aber gleichzeitig stellt er fest, dass es auf beiden Seiten Ehrenleute gibt - und die Möglichkeit zum gegenseitigen Verständnis besteht. Ach ja, spannend ist "The Spy Gone North" auch noch.

Thomas Schultze

Und hier die Rede von Cate Blanchett und Agnès Varda im Wortlaut:

"On these steps today stand 82 women representing the number of female directors who have climbed these stairs since the first edition of the Cannes Film Festival in 1946. In the same period 1688 male directors have climbed these very same stairs. In the 71 years of this world-renowned festival there have been 12 female heads of its juries. The prestigious Palme d'Or has been bestowed upon 71 male directors - too numerous to mention by name - but only two women - Jane Campion, who is with us in spirit, and Agnès Varda, who stands with us today.

These facts are stark and undeniable.

Women are NOT a minority in the world, yet the current state of our industry says otherwise. As women, we all face our own unique challenges, but we stand together on these stairs today as a symbol of our determination and commitment to progress. We are writers, producers, directors, actresses, cinematographers, talent agents, editors, distributors, sales agents and all involved in the cinematic arts.

We stand in solidarity with women of all industries.

WE CHALLENGE our institutions to actively provide parity and transparency in their executive bodies and safe environments in which to work.

WE CHALLENGE our governments to make sure that the laws of equal pay for equal work are upheld.

WE CHALLENGE ourselves to continue to insist that our workplaces are diverse and equitable so that they can best reflect the world in which we actually live. A world that allows all of us behind and in front of the camera to thrive shoulder to shoulder with our male colleagues.

WE ACKNOWLEDGE all of the women AND men who are standing for change.

The stairs of our industry MUST be accessible to all. Let's climb."