Produktion

Pandora mit besonderem Blick für Arthouse

Pandora Film ist mit Ulrich Köhlers "In My Room" in Un certain regard des Festival de Cannes vertreten. Claudia Steffen und Christoph Friedel der Kölner Traditionsfirma haben Ende vergangenen Jahres zwei weitere Filme abgedreht.

16.05.2018 09:00 • von Heike Angermaier
Szene aus "In My Room" (Bild: Pandora)

Pandora Film ist mit Ulrich Köhlers "In My Room" in Un certain regard des Festival de Cannes vertreten. Das ungewöhnliche Drama feiert am 17. Mai Weltpremiere. Claudia Steffen und Christoph Friedel der Kölner Traditionsfirma haben Ende vergangenen Jahres zwei weitere Filme abgedreht.

Die auf Arthouse spezialisierte Pandora Film war schon oft mit Filmen in der sélection officielle des Festival de Cannes vertreten, doch dieses Jahr mit Ulrich Köhlers ungewöhnlichem Drama In My Room" als nicht nur majoritär deutsche, sondern auch deutschsprachige Produktion an der Croisette zu sein, sei schon etwas Besonderes, freuen sich die Produzenten Christoph Friedel und Claudia Steffen. Von ihrer Einladung nach Cannes erfuhren sie erst am Abend vor der Pressekonferenz.

Steffen und Friedel waren bereits beim mit dem Regie-Bären ausgezeichneten Schlafkrankheit" mit Ulrich Köhler im Gespräch. Auch seine vorherigen Arbeiten Bungalow" und "Montags kommen die Fenster" gefielen ihnen. Sein neuer "sehr besonderer und überraschender Stoff", über den das Produzentenduo nicht viel verraten will, "imponierte" ihnen. "Es ist ein originärer Stoff wie man ihn noch nicht gesehen hat", skizziert Friedel. Im Zentrum steht ein Mann, Armin, gespielt von Hans Löw, der aus Berlin in seinen Heimatort zuückkehrt, eines Tages aufwacht und feststellt, dass die Menschen verschwunden sind. Gedreht wurde mit Köhlers üblichen Kameramann Patrick Ohrt in mehreren Blöcken im Sommer 2016 und im Februar und März 2017. Zum einen weil Löws Figur nicht nur eine seelische, sondern auch eine starke körperliche Veränderung durchmacht. Aus dem Lebemann und Stadtmensch wird ein Bauer und Jäger, er nimmt ab. Zum anderen, weil die Kulisse für eine Welt ohne Menschen erst natürlich entstehen musste. Im ostwestfälischen Vlotho drehte man in einer Siedlung, in der die Bewohner Monate vorher gebeten wurden, ihre Gärten verwildern zu lassen. Man mietete Felder, hielt Tiere. Köhler und die Produzenten wollten möglichst wenig CGI einsetzen und setzen darauf, dass die so entstandene reale Wildnis auf der Leinwand beim Publikum ihren ganz eigenen Reiz entfaltet.

Die von Pandora-Gründer Karl Baumgartner mit ins Leben gerufene Südtiroler Echo Film agiert bei "In My Room" als Koproduzent. Man wollte schon immer einmal mit den Kollegen dort zusammenarbeiten, so Friedel. Außerdem holten Maja Wieser Benedetti und Andreas Pichler von Echo Film die Südtiroler Förderung IDF als Finanzierungspartner an Bord. WDR und Redakteurin Andrea Hanke unterstützten das Projekt schon frühzeitig, auch dramaturgisch, lobt Steffen ihre Kollegin. Außerdem stieg Arte wie bereits bei "Schlafkrankheit" als Senderpartner mit ein. Und Janine Jackowski, Maren Ade und Jonas Dornbach von Komplizen Film, die Hauptproduzenten von "Schlafkrankheit", sprangen später noch mit Referenzförderung ein, als zusätzliche Mittel benötigt wurden. Alle Beteiligten brauchten "einen langen Atem", denn nach dem langen Dreh wollte man sich auch beim Schnitt aus enorm viel Material und beim aufwändigen Sounddesign Zeit lassen. Es lohnte sich, "In My Room" feiert nun Weltpremiere beim wichtigsten Filmfestival der Welt.

Im vergangenen Jahr drehte Pandora nach "In My Room" im Herbst noch zwei weitere Filme - und das parallel, Claire Denis' Science-Fiction-Drama High Life" sowie Andreas Dresens Biopic Gundermann". "Wir haben uns vorgenommen, das nicht noch einmal zu machen", so Steffens trockener Kommentar zum enormen Arbeitspensum. "Aber wir sind natürlich sehr stolz, 2018 gleich drei tolle Projekte zu haben!" setzt sie nach. Die drei sind höchst unterschiedlich inhaltlich wie produktionstechnisch. Alle drei werden tatsächlich auch von Pandora Filmverleih in die deutschen Kinos gebracht werden, zu dem die Produzenten eine enge Verbindung pflegen. Bei "High Life" handelt es sich um den ersten englischsprachigen und ersten komplett im Studio entstandenen, in den Medienparks NRW, Film für die erfahrene und renommierte französische Filmemacherin, mit der Pandora bereits bei "Les salauds" und 35 Rum" zusammenarbeitete. Zur prominenten Besetzung gehören u.a. Robert Pattinson und Mia Goth als Vater und Tochter und Juliette Binoche. Friedel gewann hier außer die bereits bei Paula - Mein Leben soll ein Fest sein" und "Les salauds" bewährte französische Alcatraz Films auch die britische The Apocalypse Company und die polnische Madants als Koproduzenten sowie US-Investoren, um das Budget von unter zehn Mio. Euro zu stemmen. Dresen und seine Schreibpartnerin Laila Stieler erzählen mit der Geschichte des Baggerfahrers und Liedermachers Gerhard Gundermann eine typische DDR-Biografie. Hauptdarsteller Alexander Scheer singt auch selbst und geht mit der für den Film zusammengestellten Band auf Tour. Der Kinostart ist am 23. August, Events, wie eine Film-und-Konzert-Kombi in der Berliner Kulturbrauerei sind schon länger ausverkauft.

Im Winter soll auch der Dreh in NRW zur nächsten internationalen Koproduktion für Pandora beginnen, zu "Middle Man" des norwegischen Filmemachers Bent Hamer, mit dem Pandora bereits zum fünften Mal zusammenarbeitet. Die tragikomische Geschichte um einen Arbeitslosen, der in einer US-Kleinstadt Todesnachrichten überbringen soll, ist von einem Teil eines Romans des norwegischen Bestsellerautoren Lars Saabyes Christensen inspiriert und wird mit skandinavischen und kanadischen Partnern in Angriff genommen.

"Uns geht es darum, Unikate zu schaffen", umreißt Friedel die Firmenphilosophie und Steffen ergänzt: "Uns ist auch die Kontinuität in der Zusammenarbeit mit den Künstlern sehr wichtig". So entwickeln Friedel und Steffen auch ein neues Projekt mit Paula"-Regisseur Christian Schwochow Je suis Karl". Thomas Wendrich, mit dem Schwochow bei seinem Film der "NSU"-Trilogie zusammenarbeitete, liefert das Drehbuch, das für den Deutschen Drehbuchpreis nominiert war. Es geht um die politische Stimmung in Europa, das Erstarken der Rechten, den Verlust an Demokratie. "Filmkunst soll sich auch mit gesellschaftlichen Fragen auseinandersetzen", ist Friedel überzeugt, oder könne auch gesellschaftliche Veränderungen anstoßen. Pandoras Koproduktion mit Paraguay Las herederas", die bei der diesjährigen Berlinale mit dem Alfred-Bauer- und den Darstellerinnen-Preis ausgezeichnet wurde, setzte in seinem Ursprungsland eine Diskussion zur gleichgeschlechtlichen Partnerschaft in Gang, erzählt Friedel.

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