Kino

Pictures in a Frame: Mission zu dritt

Die beiden jungen Produzenten Tobias Herrmann und Jan Gallasch haben mit ihrer Firma Pictures in a Frame viele Projekte in der Pipeline. Mit ihrem neuen Chairman Wolfram Winter soll nun die nächste Stufe gezündet werden.

23.03.2018 07:36 • von Jochen Müller
Die beiden jungen Produzenten Tobias Herrmann|U und Jan Gallasch|U haben mit ihrer Firma Pictures in a Frame viele Projekte in der Pipeline. Mit ihrem neuen Chairman Wolfram Winter|U soll nun die nächste Stufe gezündet werden.

Bei der Produktionsfirma Pictures in a Frame herrscht Aufbruchstimmung. Jan Gallasch und Tobias Herrmann, zwei junge, aufstrebende Produzenten und gemeinsam geschäftsführende Gesellschafter der Firma, haben sich viel vorgenommen. Mit dem Kinodebüt der Lochis, Bruder vor Luder", dem Arthousefilm Nirgendwo" und 25 km/h", dem neuen Film von Markus Goller und Oliver Ziegenbalg, haben sie von ihrem Geschäftssitz im Bayerischen Filmzentrum aus nicht nur schon drei hoch interessante (Co-)Produktionen fürs Kino absolviert, sie haben parallel auch eine ganze Pipeline von Projekten entwickelt, die sich alle in einem fortgeschrittenem Stadium befinden. "Es soll bei weitem nicht bei Kino bleiben. Wir wollen auch Fernsehfilme und Serien machen, seien es High-End- oder klassische TV-Serien. Wir sehen uns nicht als Kinofilm- sondern als Bewegtbildproduktion", so Gallasch auf die Frage nach dem Selbstverständnis. "Ich würde uns an erster Stelle als Filmemacher bezeichnen," springt ihm sein Partner Herrmann bei. "Wir sind sehr eng mit unseren Autoren in das Storytelling involviert," so Herrmann weiter, und tatsächlich reize sie der ganze Komplex "narratives Bewegtbild". Die Filme und Bilder, die sie produzieren wollen, planen sie für alle denkbaren "Rahmen", insofern ist Pictures in a Frame auch ein programmatischer Titel für ihre GmbH.

Ende Februar hat sich Wolfram Winter, der langjährige Kommunikationschef und Unternehmenssprecher von Sky Deutschland, der in seiner Zeit bei 13th Street mit dem Shocking Shorts Award einem Ausnahmeregisseur wie Florian Henckel von Donnersmarck zu erster Sichtbarkeit verholfen hat, zunächst mit 15 Prozent an Pictures in a Frame beteiligt. Er wird dort als Vorsitzender der Gesellschafterversammlung fungieren. Gallasch und Herrmann halten die restlichen Anteile. Mit Winter, seinem Erfahrungsschatz und seinem guten Netzwerk, wollen die beiden ambitionierten Filmemacher nun die nächste Stufe zünden.

Tatsächlich kennen sich die drei schon seit langer Zeit. Winter war ihr Professor an der Macromedia Hochschule, wo die beiden bis Herbst 2011 innerhalb des Studiengangs "Medienmanagement" Film- und TV-Produktion studierten. "Mit den beiden gab es von Anfang an einen sehr intensiven Dialog. Und diese Beziehung ist eigentlich nie abgebrochen. Bei ihnen habe ich eine echte Mission gespürt. Ich hatte schon früh den Eindruck, dass sie es sich selbst und der Welt beweisen wollten", so Winter. Dass Medien "sexy" sind, versuchte Winter seinen Studenten auch mit einem gewissen Hang zur Unkonventionalität zu vermitteln. Für Gallasch und Herrmann war Winter "ein sehr spezieller Professor, der uns im Gegensatz zu vielen anderen auch wirklich herausgefordert hat." Für sie war es keine Überlegung, einen weiteren Gesellschafter reinzuholen, sondern es war sehr spezifisch ihr Wunsch, Winter mit ins Boot zu holen. Ihre eigene "berufliche Liebesbeziehung" begann am ersten Tag ihres Macromedia-Studiums auf dem Fußmarsch zur Semestereröffnung für die neuen Studenten im Arri-Kino, als Herrmann Gallasch an der Macromedia-Tasche als Mitstudenten erkannte und in die falsche Richtung laufen sah. "Wir haben uns auf Anhieb gut verstanden und schnell festgestellt, dass wir dieselben Filme mögen," erzählt Gallasch. Und sehr schnell war beiden klar, "dass wir keine Autorenfilmer sind, sondern publikumsorientierte Filme und Geschichten erzählen wollen. In erster Linie - und das hat uns von vielen anderen im Kurs unterschieden - waren wir Filmbegeisterte." Und Herrmann ergänzt: "Für uns war es ein regelrechter Befreiungsschlag, in einem Managementstudiengang zu sein, in dem auf der einen Seite die kreative Ebene eine große Rolle spielte, man aber gleichzeitig auch mit einem starken Marktbewusstsein konfrontiert wurden." Vor allem aber wollten sie Filme machen: "Wir wollten so viele Filme machen, wie es irgendwie geht. Ich habe wahnsinnig oft Produktionsleitung bei anderen Abschlussfilmen gemacht, weil ich an das Set wollte. Gleichzeitig war Arthur Hofer (ihr damaliger Studiengangsleiter an der Macromedia München, die Red.) immer der Meinung, dass man die Filme später noch machen kann, und die Zeit jetzt nutzen solle, um in den Markt und die Realität einzusteigen." Gallasch rechnet dem Studiengang hoch an, dass hier die Grundlagen in BWL, VWL und Medienrecht gelegt wurden, "damit man versteht, was es eigentlich bedeutet, ein Medienunternehmen zu managen."

Ihre Firma haben sie schon im vierten Semester als Unternehmergesellschaft bzw. Ein-Euro-GmbH gegründet, um bei ihren Kurzfilmproduktionen nicht in private Haftung genommen zu werden. "Wir wollten immer selbst produzieren und nicht mit der Macromedia als Produzent, also gründeten wir eine Mini-GmbH und haben dann nicht mehr aufgehört zu produzieren," so Gallasch.

Über ein VGF-Stipendium zogen die beiden Jungproduzenten ins Bayerische Filmzentrum ein, und gleich mit ihrer ersten Co-Produktion erlebten sie den Erfolg, den sie sich auch für ihre weiteren Produktionen erhoffen. "'Bruder vor Luder', den Lochi-Kinofilm, haben wir mit und für die Rat Pack, Christoph Müllers|U Mythos-Film und die Constantin Film gemacht," erklärt Gallasch. "Wir sind in einem frühen Stadium dazu gekommen, und hatten großen Spaß dabei, den Film gemeinsam mit den beteiligten Partnern und unserer damaligen dritten Produzentin Marina Schiller auch inhaltlich und kreativ mit zu prägen. Die Premiere habe in Köln stattgefunden, fünf Säle im Cinedom wurden bespielt und schon am Morgen standen Leute am Kino, die auf den Premierenbeginn warteten. "Da steht man und denkt sich: So soll es sein! Die Leute wollen sehen, was wir gemacht haben", freut sich Co-Produzent Gallasch. Am Ende hatten den Film fast 400.000 Besucher gesehen. Ihre zweite, diesmal allein verantwortete Produktion war das ambitionierte Coming-of-Age-Drama "Nirgendwo" mit Ludwig Trepte, das es weit schwerer beim Publikum hatte. "Wir sind sehr stolz auf den Film, aber am Ende hat er 13.000 Kinozuschauer erreicht," meint Gallasch. "Bei 'Bruder vor Luder' dauerte es ein Jahr vom ersten Meeting bis zum fertigen Film, 'Nirgendwo' war ein Prozess von fünf Jahren." Und die Premierenerfahrung war sein Schlüsselerlebnis: "Auf der einen Seite in Köln fünf volle Säle, und bei dem anderen Film kommen die Zuschauer einfach nicht." Herrmann hat rückblickend eine eigene Erklärung für diese Erfahrung:"Es gibt leider kein deutsches Publikum für Coming-of-Age-Dramen. Das Arthouse-Publikum ist zu alt und die Jungen gehen nicht ins Programmkino."

Noch bevor nun Sony Pictures Entertainment Anfang November "25 km/h", den dritten Kinofilm mit Beiteiligung von Pictures in a Frame, in die Filmtheater bringt, ist es für den neuen Gesellschafter Winter an der Zeit, die Firma neu zu skalieren und mit ihrem "Track Record" und neuer "Size" bei Banken und Investoren zum Fliegen zu bringen. "Es gibt momentan eine hohe Bereitschaft, in Content und Produktionsfirmen zu investieren," meint Winter. "Meinen Studenten habe ich immer versucht, klar zu machen, dass es am Ende des Tages darum geht, Geld zu verdienen. Und das geht nur mit Projekten, die auch eine gewisse Massenreichweite erlauben. Das bedeutet nicht, dass man Schrott abliefert." Produzent Gallasch sieht dabei aber nicht nur das Geld als Motivation: "Film ist etwas, das ich mit den Leuten teilen will. Ich will, dass unsere Filme gesehen werden, dass sie Spaß machen, dass sie berühren und weiter empfohlen werden. Ein kommerzieller Film ist für mich kein Sell-out."

Über Christoph Müller, dem die beiden genauso wie Christian Becker viel verdanken, sind die beiden an Regisseur Markus Goller und Drehbuchautor Oliver Ziegenbalg gekommen, die mit ihrer neuen Firma Sunny Side Up das Roadmovie "25 km/h" entwickelten. "Bei '25 km/h' sind wir Co-Produzent und haben in einem gewissen Umfang auch ausführend gewirkt. Das ist ein 'Markus Goller & Oliver Ziegenbalg'-Film, das muss man ganz offen sagen. Und die beiden sind wahnsinnig gut darin, kommerziell erfolgreiche Filme mit Herz zu machen," so Herrmann, aber beide sind ohne falsche Bescheidenheit der Meinung, dass es auch mit ihre produzentische Leistung gewesen ist, die dieses besondere und aufreibende Roadmovie durch ganz Deutschland unter Einbeziehung so vieler Förderungen ermöglicht hat.

Ein weiterer erfahrener Produzent, mit dem Gallasch und Herrmann eng zusammen arbeiten, ist Dan Maag|U von Pantaleon Films, der den beiden im Rahmen einer Mentorenschaft durch das VFF-Business-Angel-Programm zur Seite steht. Auch mit ihm wollen sie einige Projekt realisieren. Federführende Produktion wird dann aber Pictures in a Frame sein.

Winter bringt es auf den Punkt: "Wenn Jan und Tobias für den Rest ihrer Tage pro Jahr ein, zwei Filme machen wollen, dann ist das wunderbar, aber dafür braucht es mich nicht. Mein Interesse als Gesellschafter ist es, die Firma groß zu machen und "out of the box" zu denken. Jetzt kommt es darauf an, mehr Projekte zu machen und sich auch mit dem Begriff Serie zu beschäftigen. Tatsächlich gibt es ein Projekt, das die beiden schon seit Jahr und Tag mit sich herumschleppen. Sie haben bewiesen, dass sie große und kleine Filme können, sie können aber auch Serie. Alle großen Sender und Streamingdienste werden momentan damit konfrontiert und zeigten sich beim Pitching interessiert."

Auch sonst haben die beiden Jungs von Pictures in a Frame viel versprechende Projekte in der Pipeline. Um drei bis vier Projekte nebeneinander umsetzen zu können, wird im Gesellschafterkreis schon darüber nachgedacht, in eine "andere Bürokultur" zu investieren und sich personell zu verstärken. Denn noch machen die beiden alles allein. "Die tauchen immer im Duo auf, und ich sage, das kann auf die Dauer nicht gehen. Ihr müsst Euch irgendwann einmal aufteilen, wenn ich nur an das Volumen denke, das in der Entwicklungspipeline steckt," findet Winter.

Und Herrmann skizziert kurz, welche Projekte in unterschiedlichen Stadien vorangetrieben werden. Da gibt es eine "sehr schöne, große weihnachtliche Familienkomödie", die eine Freundin von Herrmann tatsächlich durchlebt hat und die in Koproduktion mit Pantaleon Films entstehen soll. Zwei Eltern wollen sich trennen, aber die Trennung um des lieben Weihnachtsfriedens willen den Kindern erst nach den Festtagen eröffnen. Natürlich lässt sich das große Homecoming unterm Tannenbaum nicht vermeiden, und die Charade ist immer schwieriger vor den vielen Familienmitgliedern aufrecht zu erhalten. Eine dritte Drehbuchfassung liegt hier bereits vor und momentan wird ein geeigneter Regisseur gesucht.

Ebenfalls gemeinsam mit der Pantaleon wird gerade auch eine "große Komödie über einen Nachbarschaftskrieg vor dem Hintergrund des überlaufenen Münchner Wohnungsmarktes entwickelt, eine Geschichte über einen zerstrittenen Häuserblock, dessen Mietparteien untereinander im Krieg leben, aber dann erkennen, dass sie nur gemeinsam gegen den großen Widersacher, den neuen Eigentümer des Hauses, ankommen können. Das schreiben wir gerade, und das wird mit Sicherheit eine große Publikumskomödie mit Herz," so Herrmann.

"Außerdem wollen wir die Geschichte von Michael Cromer verfilmen, der Mann, der in den 80er Jahren das Modelabel MCM gegründet hat und leider 2007 verstorben ist. Als Grundlage dient die Biographie 'Die Michael Cromer Story' von Gerda Melchior und Volker Schütz. Das ist die unfassbar spannende Geschichte eines einstigen Schwabinger B-Schauspielers, der in der Lage war, aus Nichts Alles zu machen, und Koffer hergestellt hat, die bald Weltruhm erlangten. Er selbst wurde auf bösartigste Weise um sein Unternehmen gebracht," so Herrmann weiter. Diese sehr internationale Geschichte wollen die beiden Produzenten aus München heraus erzählen. Joseph Vilsmaier ist mit an Bord, und mit Norbert Blecha|U von Terra Film ein österreichischer Co-Produzent. "Das Projekt wächst und gedeiht, und wir wissen noch nicht genau, ob es ein Kinofilm oder nicht doch ein Fernsehzweiteiler werden wird. Tatsächlich hat mit Michael Fassbender ein internationaler Star ein erstes Interesse an der Rolle bekundet," schwärmt Herrmann.

Nicht nur die vielen Projekte sind auf lange Sicht angelegt, auch die Partnerschaft mit Wolfram Winter, der sich mit seiner Three-Winter-Gmbh beteiligt hat, ist langfristig und exklusiv vereinbart. Nach langen Verhandlungen ist man sich jedenfalls einig gewesen, dass Winter weitere Beteiligungen an Filmunternehmen nur gemeinsam mit seinen Co-Gesellschaftern oder mit der gemeinsamen Firma Pictures in a Frame vornehmen kann. Für ihn ist jetzt der richtige Zeitpunkt für die Firma gekommen zu wachsen. "Die Firma hat eine Größe und Visibilität bekommen, die die beiden zusammen erwirtschaftet haben. Beide haben die erforderliche Kompetenz, und für mich sind sie die nächsten Wiedemann & Berg." Tobias Herrmann will nun mit der reinen ausführenden Tätigkeit für andere Produktionsfirmen aufhören. "Aber das heißt nicht, dass wir nicht wieder koproduzieren würden," so Herrmann, dem nun der Gedanke näher liegt, Projekte zu realisieren, die als ein "Pictures-in-a-Frame-Film" zu erkennen sind. "Wir meinen das alles sehr ernst," sagt Gallasch zum Schluss. "Wenn ich darüber nachdenke, dass Wolfram uns vor acht Jahren noch unterrichtet hat, und wir jetzt hier sitzen und das zu dritt angehen, dann fühlt sich das sehr gesund an, und wir sind extrem gespannt, wie die Reise jetzt weiter geht."

Ulrich Höcherl