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Oliver Berben: "Wir verstehen uns als kreatives Hub"

Mit der "Parfum"-Präsentation während der Berlinale und der Partnerschaft mit Netflix und ZDFneo zog die Constantin alle Blicke auf sich. Blickpunkt:Film sprach mit Oliver Berben über die aktuelle Situation und die Perspektiven im High-End-Serienbereich.

08.03.2018 09:50 • von Frank Heine
Oliver Berben, Vorstand TV, Entertainment und digitale Medien der Constantin Film AG (Bild: Constantin Film)
Mit der Parfum"-Präsentation während der  und der Partnerschaft mit Netflix und ZDFneo zog die Constantin alle Blicke auf sich. Blickpunkt:Film sprach mit Oliver Berben über die aktuelle Situation und die Perspektiven im High-End-Serienbereich.

Ist "Parfum" eine Signature Serie für die Constantin und folglich Teil ihrer neuen Strategie?

Ich würde zwei Produktionen anführen, weil sie einerseits sehr unterschiedlich sind, andererseits die Strategie der Constantin aufzeigen. Auf der einen Seite "Parfum" basierend auf einer der größten Marken, die wir haben. Auf der anderen Seite eine originäre Produktion, "Die Protokollantin". Eine fünfteilige Serie mit Moritz Bleibtreu, Peter Kurth und Iris Berben, die völlig frei von Nina Grosse entwickelt wurde und auf einer Grundidee von Friedrich Ani beruht. Diese beiden sehr gegensätzlichen Produktionen sind das Resultat der weiteren Ausrichtung der Constantin im High-End-Serien Bereich. Das ist allerdings nur ein kleiner Teil von dem, was gerade entsteht.

Nun wirkt "Parfum" so, als wäre es mit hohem Aufwand produziert.

Schön, dass sich das so vermittelt.

Sie gingen in die Vorleistung und haben sich dann Partner dazu geholt, so dass mit ZDFneo und Netflix eine interessante Konstellation entstanden ist. Sind die neuen Möglichkeiten, die der Markt heute bietet, in dieser Produktion dokumentiert?

Ein klares Ja. Das ist eine der Strategien, um Produktionen dieser Größenordnung zu stemmen. Vor allem aber ist es unsere Strategie. Ich habe vor Jahren schon im Gespräch mit Ihnen gesagt, dass das Prinzip der Auftragsproduktion, möglichst viel zu sparen, um überhaupt einen Gewinn zu erzielen, nicht gerade die Kreativität fördert. Der Produzent wird dafür belohnt, dass er möglichst wenig ausgibt. Das ist Quatsch. Der Produzent sollte genau das ausgeben, was die Produktion braucht. Die Möglichkeit für den Produzenten, langfristig Gewinne zu machen, sollte sich daraus ergeben, dass er extrem gut produziert und nicht extrem billig, weil das die Basis für eine auch wirtschaftlich erfolgreiche, nationale wie internationale Auswertung ist. Das bedeutet nicht, dass die anderen Formen der Produktion nicht mehr stattfinden. Um aber im High-End-Bereich mit weltweiten Formaten mitzuhalten, gibt es zwei Erfordernisse. Wir brauchen extrem gute Autoren, weil genau sie es sind, die die Basis für große erfolgreiche Produktionen liefern. Als zweites müssen sich die finanziellen Möglichkeiten für die Produktionen an sich verbessern.

Was sind denn die Vorstellungen der Partner, die geholfen haben, das Budget zu stemmen. Was soll so ein Produkt leisten?

Wir sind das Projekt nicht so angegangen, dass wir die Partner gefragt haben, was sie dazu beitragen können. Es lief umgekehrt, wir haben das Projekt komplett im Haus und selbstständig entwickelt. Bereits vor zwei Jahren haben wir im Zuge unserer Serieninitiative eigene Gelder in die Hand genommen, um in Stoffe zu investieren, von deren Erfolg wir überzeugt waren. Wir investieren und entwickeln die Projekte bis zu einem weit fortgeschrittenen Stadium. Bei "Parfum" standen die Bücher, bevor wir damit auf jemanden zugegangen sind. Die Folge war, dass wir gar nicht mehr viel Überzeugungsarbeit bei der Redaktion von Günther van Endert leisten mussten, da wir genau wussten, wie die Serie aussehen, wer dabei sein und was sie kosten würde. So eine Vorgehensweise bietet auch den Partnern eine viel größere Sicherheit, sich auf ein Projekt einzulassen. "Die Protokollantin" wurde ähnlich entwickelt, aber zu einem früheren Stadium zusammen mit den beiden Redakteurinnen Caroline von Senden und Alex Staib vom ZDF zu dem gemacht, was es heute ist.

Wie kam es zur Partnerschaft mit "Himmlers Netflix", wie Neo auch schon genannt wurde?

Bei den May Screenings 2016 saß ich mit Norbert Himmler schon zusammen und habe über "Parfum" gesprochen. Wir wussten relativ früh, dass wir eine mehrschienige Auswertungsform fahren wollten und mehrere Partner, auch aus dem internationalen Bereich, zusammen kommen sollten. Die Möglichkeit, die Serie auf einen Schlag in über 200 Ländern auszuwerten, war natürlich der wesentliche Punkt bei einem so großen Brand. Unter dem Aspekt fand ich die Liaison Neo/Netflix sehr passend. Der Sender ist jünger, sehr online-affin, traut sich in andere Richtungen zu gehen. Und bei Neo hat Simone Emmelius die Möglichkeit dieser Form der Zusammenarbeit gleich erfasst. Insofern war es keine Frage der Größe des Senders, sondern seiner klaren Ausrichtung. Mein Vorbild war eine Konstellation wie damals bei Breaking Bad" und AMC. Da gelang es, aus einem kleinen Sender, den Wenige kannten, ein riesengroßes Brand zu machen.

Ohne internationalen Partner wäre "Parfum" wohl kaum möglich gewesen.

Das ist grundsätzlich ein sehr wichtiger Faktor. Es geht aber trotzdem darum, lokal starke Produktionen zu verwirklichen, die im Ausland Anklang finden. "Parfum" ist zu 90 Prozent in Deutschland entstanden. Für Netflix war eines der Key-Elemente, dass mit deutschen Schauspielern und in deutscher Sprache gedreht wird.

Wie wichtig ist für die Partner Exklusivität?

Für alle Partner ist das elementar. Man muss in solch einer Partnerschaft darauf achten, was für wen wichtig ist und ob sich diese Punkte in Einklang bringen lassen. Und das ist hier gelungen. ZDF neo hat die Deutschlandrechte für die lineare Ausstrahlung plus 30 Tage für die Mediathekennutzung. Zeitgleich mit dem Start auf ZDFneo werden alle Folgen auf der ganzen Welt bei Netflix verfügbar sein, bis auf die deutschsprachigen Gebiete, wo Netflix das Second Window hat. "Parfum" wird dort nach zwölf Monaten verfügbar sein. Mit der Auswertung der internationalen Fernsehrechte werden wir 18 Monate nach der Erstveröffentlichung der Serie beginnen, die internationalen Home Entertainment Rechte sind schon nach zwölf Monaten verfügbar. Die Begeisterung unseres Weltvertriebes Beta Film für die Serie ist für mich ein klares Zeichen für die großartigen Vertriebsmöglichkeiten dieser Rechte. Hinzu kommt das deutschsprachige Home Entertainment Geschäft. Auch hier sehen wir großes Potential und wir sind in der glücklichen Lage, den Videovertrieb der Constantin Film Gruppe hierfür am Start zu haben. Wir werden bei dieser Produktion zeigen, dass die volle Wertschöpfungskette auf lange Frist genutzt werden kann. Und das wiederum führt dazu, dass man Produktionen mit anderem Volumen stemmen kann.

Sie haben ja noch ganz viele solcher Serien in petto. Wie weit lassen sich solche Konstellationen treiben?

Die Idee, in Europa neue Konstellationen einzugehen, um Programm herzustellen, das auf Augenhöhe mit internationalen Produktionen funktioniert, ist nicht mehr in Frage gestellt. Wenn, dann geht es um die Frage, in welcher Form solche Kooperationen stattfinden. Da gibt es verschiedene Modelle. Für uns als Produzenten ist es wichtig, mit den Follow-up-Produktionen, die vielleicht noch größer sind, wiederum Konstellationen dieser Art zu finden. Ich glaube, wir stehen da erst am Anfang.

Man hat trotzdem den Eindruck von gegenläufigen Bewegungen. Die ARD unternimmt einerseits alle Anstrengungen, um Babylon Berlin" zu produzieren, auf der anderen Seite müssen die Sender sparen und daher beim Programm kürzer treten.

Das Sparen ist ja direkt anwendbar, weil ein Sender nicht mehr das ganze Budget tragen muss. Insofern sehe ich das auf jeden Fall als Zukunftsmodell. Nicht nur im High-End-Bereich, auch im Entertainment oder bei low-cost-Produktionen. Auch da machen solche Allianzen Sinn, weil der Druck größer wird, weil im Markt eine größere Spartisierung stattfinden wird, weil die Sender wahrscheinlich in fünf Jahren eine ganz andere Ausrichtung und Auswertung mit sich bringen werden. Ich sehe das nicht als Gegenbewegung, sondern als Resultat daraus. Die Bereitschaft inhaltlich wie auch produktionell neue Wege zu gehen, ist durch die neuen Player größer geworden. Und das ist der schönste Mehrwert, den wir den neuen Playern zu verdanken haben. Dass ihre Auftragsvolumina in Deutschland bislang noch in keiner Weise mit denen der linearen Player zu vergleichen sind, wissen wir alle. Entscheidend sind die Auswirkungen, dass wir proaktiv neue Wege beschreiten und nicht warten, bis von den Amerikanern wieder etwas vorgegeben wird.

Die Zeiten des nur auf einen Sender ausgerichteten Erzählens sind damit vorbei?

Ich habe daran nie sonderlich geglaubt. Das beste Beispiel ist doch Fußball oder Events. Es ist völlig egal, bei wem das läuft, die Leute suchen es sich. Durch die neuen technologischen Möglichkeiten ist das senderspezifische Branding für den Sender wichtig, für den Zuschauer nicht mehr so sehr. Wenn mehr Streamer auf den Markt kommen, der anfängliche Hype verklungen ist und es darum geht, ständig zu liefern, kommt es darauf an, was da geliefert wird und weniger um Sendergesichter, die hierzu oder dazu passen.

Was sind die nächsten High-End-Serien, die bei der Constantin sichtbar werden?

Nach "Parfum" und "Die Protokollantin" wird mit Sicherheit Wir Kinder vom Bahnhof Zoo" ein enormer Aufschlag. Ein Beispiel dafür, dass es immer noch größer geht und eine wunderbare Zusammenarbeit mit Annette Hess, die sich diese Serie ausgedacht hat und mit fünf anderen Autoren zusammen angeht. Das ist ein Riesenkonvolut von acht Stunden, und wie Annette Hess diese Welt auferstehen lässt, ist großartig. Wir sind hier sehr weit und gehen 2019 in die physische Produktion. Ein weiteres Beispiel für dieses Jahr ist Bauhaus". Ein Projekt der Zero one Film von Thomas Kufus, das wir gemeinsam mit Jan Mojtos Beta Film für das ZDF, Redaktion Elke Müller, angehen. Lars Kraume wird Regie führen und hat zusammen mit Judith Angerbauer die Bücher geschrieben. Auch hier gibt es einen hochkomplexen Finanzierungsplan, bei dem Elemente aus verschiedenen Auswertungsformen zusammengebracht werden. Dank Norbert Himmler und Frank Zervos entsteht hier eine besondere und aufwendige Serie für das ZDF. Darüber hinaus wird die Zusammenarbeit mit Ferdinand von Schirach in den kommenden Jahren stark ausgebaut. Im internationalen Bereich drehen wird derzeit die dritte Staffel von Shadowhunters". Zudem entwickeln wir eine Serie nach dem Erfolgsroman "Frau Smillas Gespür für Schnee"; auch zu Resident Evil" wird es eine Serie geben.

Ist es auch Teil der Constantin-Strategie, kreative Talente, gerade die Autoren, stärker an sich zu binden?

Wir verstehen uns als kreatives Hub, das Produzenten, Autoren und Regisseuren ermöglicht, ihre Produktionen innerhalb des Constantin-Universums in Ruhe entwickeln und herstellen zu können. Der Schritt, den wir gerade mit "Parfum"-Autorin Eva Kranenburg gemacht haben, beruht nicht allein darauf, eine Autorin an sich zu binden. Wir geben den Autoren die Möglichkeit, sich stärker in Richtung einer kreativen produzentischen Autorenschaft zu entwickeln. Das ist der Hintergedanke. Bei uns gibt es keine Mauern zwischen Kino oder TV, linear oder non-linear. Diese Grenzen verschwinden auch mehr und mehr für die Kreativen. Sie suchen sich die bestmögliche Auswertungsform für das jeweilige Projekt, das sie gerade machen wollen, und wir können ihnen als einziges Unternehmen in dieser Form alle Versionen bieten. Inklusive des Vertriebs.

Noch ein abschließender Gedanke: Verschieben sich jetzt die Gewichte zugunsten der Produzenten weg von den Sendern, die ja das Produktionsgeschehen sehr stark dominiert haben? Oder gilt das nur für den High-End-Bereich?

Die Constantin Film und ihre Beteiligungen haben sich immer dadurch ausgezeichnet, ihre eigenen Marken und Kreativen zu unterstützen und die Projekte, von denen sie überzeugt sind, auch durchzusetzen. Das ist ein Luxus, aber auch eine Verantwortung. Ich glaube, darin liegt aber auch einer der Gründe, warum dieses Unternehmen über so viele Jahre so erfolgreich ist. Ich bin aber der Meinung, dass die Partner genau das sehr wertschätzen. Ich habe nicht den Eindruck, dass es da um eine Gegnerschaft geht und es wird auch nur funktionieren, wenn wir miteinander und nicht gegeneinander arbeiten. Zumal wir als deutschsprachiger Raum ohnehin relativ klein sind. Wir werden nur kraftvoll erscheinen, wenn wir gemeinsam auftreten.

Dieses privilegierte Arbeiten trifft natürlich auf größere Firmen wie die Constantin zu, aber auf viele kleine Produzenten eher nicht.

Vielleicht kommen diese Firmen und Produzenten dann zu uns. Schauen Sie sich beispielsweise den englischen Markt an, der sich schon vor Jahren in diese Richtung entwickelt hat. Es hat eher zur Stabilisierung der Produzenten geführt. Und genau das passiert in Deutschland auch.

Das Gespräch führten Ulrich Höcherl und Frank Heine