Kino

Studiocanal schmeißt Lokalrunde

Ein großartiges Line-Up, außergewöhnlich präsentiert - und ein veritables Ausrufezeichen für den deutschen Film: Studiocanal konnte bei der Filmwoche München voll überzeugen.

18.01.2018 12:20 • von Marc Mensch

Hin und wieder gibt es Headlines, die sich förmlich aufdrängen - und so ein Fall war die diesjährige Tradeshow von Studiocanal. Weshalb? Dazu später mehr. Nur so viel vorab: Es liegt nicht an der lieb gewonnenen Tradition der Berliner, Auftritte mit einem kleinen alkoholischen Muntermacher zu beginnen, auch wenn dieser Programmpunkt in München nicht fehlen durfte. Das Glas (oder vielmehr die Dose) erhoben Kalle Friz, Lutz Rippe und Hooman Afshari auf die Kinobetreiber - und dabei insbesondere auf jene, die auch in zwei schwierigen Jahren Investitionsbereitschaft gezeigt und Häuser modernisiert oder gar neu eröffnet hätten. Auf jene, deren fester Glaube an das Kino zutage getreten sei. Mit dem Rückblick auf 2017 - ein "Jahr mit Ups & Downs", so Friz - wollte man sich jedenfalls nicht lange aufhalten. Und auch nicht mit längst veröffentlichtem Material. Was Studiocanal im Mathäser zeigte, war tatsächlich nahezu ausnahmslos exklusiv. Eine Tugend, die man gar nicht genug loben kann.

Dementsprechend blieb es im Fall des unmittelbar vor dem Deutschlandstart stehenden Films "Wunder" auch beim kurzen Hinweis auf das herausragende Ergebnis in den USA, wo der von Kritikern wie Publikum gleichermaßen geliebte Film bereits knapp 130 Mio. Dollar einspielen konnte. Auch "Die kleine Hexe" reitet schon in Bälde über die Leinwände. Uli Putz und Jakob Claussen stimmten auf der Bühne noch einmal kurz auf die Adaption des Kinderbuchklassikers von Otfried Preußler (nach "Krabat" und "Das kleine Gespenst" die bereits dritte aus ihrem Haus) ein, die das Erfolgsteam von "Heidi" wiedervereint. Claussen nutzte die Gelegenheit, um eine Lanze für das große Leinwanderlebnis zu brechen: "Kino kann mehr als Streaming. Man muss sich zwar mehr Mühe geben, bekommt am Ende aber auch mehr." Mit "Sicario 2" von Stefano Sollima kam im Anschluss dann auch Bewegtbild ins Spiel, in Form des Trailers und zweier weltexklusiver Clips, die ahnen ließen, dass sich das Sequel nicht hinter dem herausragenden Vorgänger verstecken muss. Geplant ist bereits jetzt eine Trilogie.

Die Pflege des Repertoires ist Studiocanal ein besonderes Anliegen. Jüngster Neuzugang für die Reihe Arthaus Classics ist Wim Wenders' Meisterwerk "Der Himmel über Berlin", der in einer komplett neu in 4K restaurierten Fassung zur Wiederaufführung kommt, erstmals im Rahmen der diesjährigen . Der Regisseur selbst ließ es sich nicht nehmen, den aufwändigen Prozess persönlich zu skizzieren und ein Resultat anzupreisen, das ihm mitunter das Gefühl gegeben habe, er habe seinen eigenen Film zuvor noch gar nicht richtig gesehen.

Nach der kurzen Vorstellung der jeweils auf wahren Begebenheiten beruhenden Dramen "Vor uns das Meer", "Stronger" und "No Way Out - Gegen die Flammen", bei denen man ebenfalls darauf verzichtete, die längst veröffentlichten Trailer abzuspulen, übergab man die Leinwand im wahrsten Sinne des Wortes einem Schwergewicht: Kultelefant "Benjamin Blümchen", dessen "Törööö!" wirklich jeder im Ohr haben sollte, der Kinder hat. Die Franchise, für die alleine über 65 Mio. Tonträger verkauft wurden, feierte gerade erst ihr 40-jähriges Jubiläum und soll nun auch das Kino erobern. Produzent Christian Becker und Regisseur Tim Trachte waren persönlich in den Mathäser gekommen, um einen ersten Blick auf die extrem ambitionierte Adaption zu geben, bei der Realdreh und digitale Bilder nahtlos verschmelzen. Doch nicht nur die visuelle Umsetzung bestach schon in ersten, unfertigen Bildern, auch die Besetzungsliste ist beeindruckend. Unter anderem geben sich für "Benjamin Blümchen" Heike Makatsch, Dieter Hallervorden, Friedrich von Thun, Uwe Ochsenknecht, Annette Frier und Tim Oliver Schultz ein Stelldichein.

Endgültig zum Paradeplatz für den deutschen Film, der gleich sechsfach im Studiocanal-Line-Up für 2018 vertreten ist, wurde das Mathäser dann direkt im Anschluss an eine weltexklusive Promo zur Bestselleradaption "Deine Juliet" von Mike Newell mit Lily James. Womit wir auch bei der "Lokalrunde" wären: Denn unter Moderation von Nina Eichinger versammelten sich Michael Bully Herbig, Sebastian Schipper, Jan Ole Gerster und Lars Kraume gemeinsam auf der Bühne, um über ihre neuen Projekte zu sprechen, Anekdoten zum Besten zu geben und generell viel, viel Lust auf "Kino Made in Germany" zu machen. Denn so unterschiedlich ihre neuen Projekte auch sind, einte sie doch eines: die exklusiven Eindrücke konnten rundum überzeugen.

Um einen denkbar knappen Überblick zu geben: Im Roadmovie "Caravan" von Schipper vereint das Schicksal einen 18-Jährigen Ausreißer aus England mit einem gleichaltrigen Kongolesen, der in Europa nach seinem verschollenen Bruder sucht. In Jan Ole Gersters "Lara" mit Tom Schilling und Corinna Harfouch wird eine Konzertpremiere zum Dreh- und Angelpunkt der Aufarbeitung einer mehr als schwierigen Mutter-Sohn-Beziehung. Mit "Das schweigende Klassenzimmer" beweist Lars Kraume nach "Der Staat gegen Fritz Bauer" erneut seine Hand für cineastische Aufarbeitung deutscher Nachkriegsgeschichte. Gegenstand ist eine Abiturklasse, die 1956 im Unterricht spontan eine Schweigeminute zu Ehren der Opfer des Ungarnaufstandes abhielt - und damit in die politischen Mühlen der DDR geriet. Und ebenfalls einem Drama aus Zeiten der DDR-Diktatur widmet sich schließlich Herbig mit seinem Thriller "Ballon", der von einer nahezu unglaublichen Flucht erzählt. Oder wie es der Regisseur ausdrückte: "Würde man sich diese Geschichte ausdenken, würde einem jeder sagen: Trag mal nicht so dick auf!" Zu sämtlichen vier Projekten gab es neben den persönlichen Einblicken natürlich auch exklusives Bewegtbild zu sehen.

Auf die Zielgerade ging es schließlich mit dem Animationshighlight "Early Man", aus der "Wallace & Gromit"-Schmiede Aardman. Der neueste Clip konnte dabei ebenso rundum überzeugen wie das bereits u.a. in Köln gezeigte Material - und als Bonus zum urkomischen Leinwandgeschehen gab es dieses Mal noch einen äußerst unterhaltsamen Auftritt von Kaya Yanar obendrauf, der in der deutschen Sprachfassung gleich drei Figuren seine Stimme leiht. Mit dem letzten in München vorgestellten Titel dürfen sich die Kinobetreiber schließlich herausgefordert fühlen. Denn für die explosive Actionkomödie "The Spy who dumped me" mit Mila Kunis ist Studiocanal noch auf der Suche nach einem eingängigen deutschen Titel. Vorschläge ausdrücklich willkommen.

Marc Mensch