Kino

75. Golden Globes: Mit der Gießkanne

Stell Dir vor, es sind Golden Globes und keiner redet über die Filme. Dabei hatte die Hollywood-Großveranstaltung mehr zu bieten als #metoo, #timesup, schwarze Roben und Oprah Winfrey. Eine Einschätzung.

08.01.2018 13:52 • von Thomas Schultze
Triumph für Fatih Akin und Diane Kruger (Bild: HFPA)

Das muss man den Golden Globes lassen. Dafür dass es eine Veranstaltung ist, über deren Preise gerade einmal rund 90 Personen (mit bisweilen eher zweifelhaftem Hintergrund) entscheiden, versteht es die Hollywood Foreign Press Association seit 75 Jahren doch hervorragend, sich so grandios und glamourös zu inszenieren, als seien sie an diesem einen Abend im Januar der Nabel der Filmwelt. Diesmal nahm man die Gala als erste große Preisverleihung seit Beginn der anhaltenden Sexismus-Debatte nach dem Sturz von Harvey Weinstein zum Anlass, um sich betont politisch zu geben: Fast ganz Hollywood war als Zeichen des Protests ganz in Schwarz gekommen; Moderator Seth Myers nahm das Thema ebenso aufs Korn wie Oprah Winfrey, die mit dem Cecil B. DeMille Award ausgezeichnet wurde und deren flammende Rede der emotionale Höhepunkt der insgesamt eher unterkühlten Veranstaltung war. Und nicht zuletzt gingen die beiden Hauptpreise jeweils an Filme mit starken weiblichen Hauptfiguren. Was allerdings nicht ganz darüber hinwegtäuschen konnte, dass keine einzige Filmemacherin für den Globe für die beste Regie nominiert worden war, wie Natalie Portman bei der Bekanntgabe des Gewinners gallig anmerkte. Dass Lady Bird" als beste Komödie gewinnen konnte (wobei noch zu klären wäre, was genau an "Lady Bird", diesem so wunderbar ernsten und ernst gemeinten Coming-of-Age-Film genau eine Komödie sein soll), ihre Regisseurin Greta Gerwig allerdings nicht berücksichtigt wurde, während es Ridley Scott auf eine Nominierung brachte, ohne dass sein Film gut genug dafür gewesen wäre, hinterlässt zumindest einen etwas schalen Geschmack.

Was die Auszeichnungen selbst anbetrifft, war aus deutscher Sicht natürlich der Sieg von Fatih Akins Aus dem Nichts" der Höhepunkt - noch ein prämierter Film mit einer starken Frauenfigur im Mittelpunkt. Ob Akin will oder nicht: Nachdem er unter anderem den Cannes-Gewinner "The Square" und den sehr starken Russen Loveless" aus dem Rennen schlagen konnte, gilt das harte Drama über eine Frau, die nach dem Tod ihrer Familie bei einem Terroranschlag Rache schwört, unweigerlich als Oscar-Favorit. "Wie ist das denn passiert?", fragte ein sichtlich ebenso überraschter wie überglücklicher Fatih Akin zu Beginn seiner Dankesrede, um den Preis dann an seine Hauptdarstellerin Diane Kruger weiterzugeben.

Ansonsten waren die Preise wie mit der Gießkanne verteilt, womit noch einmal unterstrichen wurde, dass sich nach wie vor kein Favorit für die diesjährigen Oscars herauskristallisiert hat. Im Gegenteil: Nachdem zuletzt wieder Dunkirk" hoch als preiswürdiger Bester-Film-Kandidat gehandelt worden war, ging Chris Nolans Kriegsepos bei den Globes prompt leer aus - wie auch Steven Spielbergs Die Verlegerin", der noch vor Jahren so etwas wie der Inbegriff eines Award-Movies gewesen wäre, heute aber Schwierigkeiten hat, im aktuellen Preisrennen richtig Fuß zu fassen. Auch sonst gab es ein paar Überraschungen: Willem Dafoe galt als sicherer Favorit für den Preis des besten Nebendarstellers für seine Leistung in dem wunderbaren The Florida Project", wurde aber von Sam Rockwellausgestochen, dessen Film Three Billboards Outside Ebbing, Missouri" mit drei weiteren Preisen, darunter eben auch als bestes Drama (obwohl er eigentlich eine pechschwarze Komödie ist), der große Gewinner des Abends war. Und dass Allison Janney für ihren bitterbösen Auftritt in I, Tonya" an der eigentlichen Favoritin Laurie Metcalf ("Lady Bird") vorbeiziehen konnte, war auch zumindest nicht erwartet worden. Dagegen kehrt Gary Oldman als Winston Churchill in Die dunkelste Stunde" mit seinem Sieg als bester Schauspieler in einem Drama wieder zurück in den Favoritenkreis, nachdem ihm zuletzt Daniel Kaluuya und Timothée Chalamet den Rang abgelaufen hatten.

Ansonsten weiß man nichts Genaues nicht: Bester Film ist "Three Billboards Outside Ebbing, Missouri", beste Komödie ist "Lady Bird", und die beste Regie hat Guillermo Del Toro abgeliefert - immerhin ein Latino! -, aber sein Film "The Shape of Water" ging leer aus. Aus diesen Globes kann keiner schlau werden. Und alles scheint denn auch möglich bei den Oscars, bei dem sich aktuell wenigstens fünf Filme berechtigte Hoffnungen auf den Hauptpreis machen dürfen: Alles ist möglich im Jahr 2018. Auch keine schlechte Botschaft.

Thomas Schultze