Kino

KOMMENTAR: Mehr Selbstbewusstsein bitte!

Natürlich ist Streaming der Trend der Zeit und in aller Munde. Und dieser Trend wird zunehmen. Gleichzeitig erwirtschaftete Kino 2017 weltweit den besten Umsatz aller Zeiten (!) und erfreut sich in Deutschland rekordverdächtiger Beliebtheit.

05.01.2018 07:37 • von Jochen Müller

Natürlich ist Streaming der Trend der Zeit und in aller Munde. Und dieser Trend wird zunehmen. Gleichzeitig erwirtschaftete Kino 2017 weltweit den besten Umsatz aller Zeiten (!) und erfreut sich in Deutschland rekordverdächtiger Beliebtheit. Kein Grund also, Minderwertigkeitskomplexe gegenüber den neuen Plattformen zu entwickeln. Fast 40 Mrd. Dollar sind auf den Leinwänden dieser Welt vor allem mit Blockbustern aus Hollywood eingespielt worden. Disney macht es vor: Mit gerade einmal elf Filmen in der Jahreswertung wurden allein in Nordamerika 2,4 Mrd. Dollar am Boxoffice umgesetzt. Mag sich das Feuilleton gelangweilt abwenden und das eigene Nutzungsverhalten zum Maßstab erklären, das Publikum strömt ins Kino - und zwar in die Filme, die von Kritikern wie verdorbene Tomaten gehandelt werden. Kino ist ein zutiefst demokratisches Medium: Das Publikum entscheidet, wovon es immer noch einen Teil sehen möchte. Und während sich die großen Studios immer mehr auf ihre Marken und Money Machines konzentrieren, die in der weltweiten Auswertung wahre Vermögen an Mehrwert generieren, gibt es eine äußerst lebendige Vielfalt nationaler Filme, die das Kino gar nicht mehr alle zeigen kann. Die Downloadplattformen mögen groß in der medialen Wahrnehmung sein - und doch machen sie dieselben "Fehler" wie die Studios. So sichert sich Netflix für 90 Mio. Dollar die Rechte an einem Alien Nation"-Clone wie Bright", den nur aufmerksame Nutzer auf ihrem Programminterface entdecken, der von der Kritik einhellig verrissen und doch in Fortsetzung gehen wird, weil Ted Sarandos heimlich die vielen Abrufe zählt. Natürlich betrifft der weltweite Kinorekord vor allem die wachsenden Märkte in Fern- und demnächst Nahost. Aber auch die stagnierenden europäischen Märkte bewegen sich auf Rekordniveau, wenn das nationale Kino Rezepte findet, das Publikum zu erreichen, und nicht gerade eine WM vernünftige Releasestrategien durcheinander bringt. Während also die deutsche Kinobranche zufrieden das Erreichen der Boxofficemilliarde konstatieren darf und wahrscheinlich nach Umsatz das zweiterfolgreichste Jahr aller Zeiten zu "beklagen" hat, gilt es festzustellen, dass die weltweiten Hits nicht unbedingt auch bei uns einschlagen, und sich zu wappnen gegen die digitale Konkurrenz, die den Kinos die Aufmerksamkeit von Presse wie Publikum und die großen Leinwandstars streitig machen möchte. Gleichzeitig gilt es für das nationale Filmgeschehen, mit aller Lust an Experiment und Innovation Wege zum Publikum zu suchen. Das gelingt nach wie vor nur punktuell - im großen wie im kleinen Maßstab. 2018 ist dann wieder ein WM-Jahr: kein Grund für verfrühte Entschuldigungen, sondern die Aufforderung, mit Selbstbewusstsein Status und Stellenwert des Kinos zu sichern. In diesem Sinn ein gutes und erfolgreiches 2018.

Ulrich Höcherl, Chefredakteur