Produktion

Barbara Albert zu "Licht": "Sehen und Gesehen-werden"

Barbara Albert meldet sich mit "Licht" als Regisseurin zurück. Nachdem sie das Drama in Toronto und San Sebastián vorstellte, zeigt sie es nun Filmfest Hamburg. B:F sprach mit ihr u.a. über die Besonderheiten eines Kostümdramas und dessen heutige Themen.

06.10.2017 07:53 • von Heike Angermaier
Barbara Albert (Bild: Nick Albert)

Barbara Albert meldet sich fünf Jahre nach Die Lebenden" als Regisseurin zurück. In Licht" erzählt sie von einer jungen, blinden Pianistin auf der Suche nach ihrem Platz in der Gesellschaft m Wien des 18. Jahrhunderts. Nachdem sie "Licht" in und vorstellte, läuft ihr erstes Kostümdrama beim .

"Licht" basiert auf dem Roman "Am Anfang war die Nacht Musik" von Alissa Walser. Was hat Sie an dem Buch fasziniert, was ist in den Film eingegangen?

Mich haben bereits nach den ersten Seiten des Romans die starken und ambivalenten Figuren fasziniert - und gereizt! Maria Theresia Paradis, dieses herumgeschubste, unansehnliche und zu große Wunderkind, das von so vielen Seiten behindert wird und dennoch zu ihrer Stimme findet; Mesmer, der ehrgeizige, ähnlich Missverstandene und Einsame. Diese beiden besonderen Menschen auf ihren Inseln haben mich berührt. Darüber hinaus das Thema Wahrnehmung, das Sehen und Gesehen-Werden, das ist doch gerade für FilmemacherInnen der Ursprung ihrer Arbeit, oder?

Mit Ihrer Drehbuchautorin Kathrin Resetarits haben Sie bereits mehrfach zusammengearbeitet.

Allerdings als Schauspielerin, noch nie davor als Autorin, was für uns beide eine ganz neue Erfahrung war. Ich habe das erste Mal das Drehbuch für meinen Film nicht selbst geschrieben. Dadurch entstand der Freiraum, von Anfang an als Regisseurin zu denken. Vor allem aber konnte ich freier mit der Vorlage umgehen, im Zweifel auch noch am Set umdenken oder auch Sätze streichen. Wobei ich sagen muss, dass die Dialoge so genau, ja, zwingend, geschrieben waren, dass ich hier gar nicht improvisieren wollte. Da sitzt jeder Satz sehr präzise, die Sprache ist von Kathrin Resetarits sehr genau recherchiert worden.

Die Hauptfigur muss eine Wahl treffen zwischen sehen und dem Verlust der musikalischen Könnerschaft oder blind und weiterhin virtuos. Hat Sie dieser innere Konflikt gereizt?

Ja. Mir war wichtig, "Musik ist gleich Kunst" nicht zu mystifizieren, quasi: für die Musik opfere ich gerne mein Augenlicht, für die Kunst muss man halt Opfer bringen - so wie Resis Vater spricht, und was ich als sehr katholisch empfinde. Man kann sich die Frage stellen, ob Maria Theresia Paradis nicht den Weg der größten Freiheit gewählt hat, indem sie die Musik gewählt hat. Sie hat wohl eher das Leben gelebt, das ihr entsprochen hat, während z.B. Maria Anna (Nannerl) Mozart, die, vielleicht nicht wesentlich minder begabt als ihr Bruder, die Musik nicht professionell weiter verfolgen konnte.

"Licht" ist ein Historienfilm und wirkt doch aktuell. Was muss man bei der Inszenierung historischer Stoffe beachten, damit sie im hier und heute verankert sind?

Das allgemein gültige Thema der Unterdrückung des Menschen durch starre Gesellschaftssysteme und Eigeninteressen der Mächtigen ist gegenwärtig, genauso wie die Emanzipation der Frau, beides von Beginn an offensichtliche Themen in dem Stoff. Ich fand es hilfreich, in den Kosmos des 18. Jahrhunderts treten zu dürfen und dort quasi konzentriert, wie durch ein Brennglas, auf diese Themen zu blicken. Wir haben uns im Vorfeld immer wieder sehr streng die Frage nach der Relevanz gestellt.

Devid Striesow, v.a. aber Maria Dragus ist sensationell in einer schwierigen Rolle - und einer gänzlich anderen als in Tiger Girl". Wie kam die Besetzung zustande?

Meine Casterin Lisa Oláh hat Maria Dragus sofort ins Spiel gebracht; wir kannten sie ja aus "Das weiße Band", da war sie erst 15 Jahre alt. Schon damals hat sie einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Sie war eine der ersten, die zum Casting nach Wien kamen - und wir wussten sofort, dass Maria Resi sein muss. Diese Entscheidung haben wir schon vor drei Jahren getroffen, da war "Bacalaureat" noch nicht gedreht, geschweige denn "Tiger Girl". Umso toller, dass alle Rollen, die Maria übernommen hat, sich so voneinander unterscheiden und sie auf diese Weise so viele Facetten zeigt. Jetzt spielt sie gerade neben Saoirse Ronan in Schottland die Mary Fleming in "Mary Queen of Scots". Und an Devid Striesow, finde ich, kommt man gar nicht vorbei, wenn man in Deutschland nach einem geeigneten Franz Anton Mesmer sucht. Er hat mich immer begeistert, egal, in welcher Rolle, und das erste Treffen mit ihm war schon so inspirierend, dass ich mich sehr auf die Arbeit mit ihm gefreut habe. Die Rolle des Mesmer ist ganz schön anspruchsvoll, da er ein Kind seiner Zeit ist und Gefühle nicht offensichtlich nach außen stülpt. Die Zusammenarbeit mit beiden, Maria Dragus und Devid Striesow, war sehr befriedigend, da beide so präzise arbeiten und wir uns immer über die Figuren einig waren.

Es geht um Wahrnehmung, Sehen, Licht - aus der Perspektive einer Blinden erzählt sicher eine besondere Herausforderung. Sie haben wieder mit Ihrer Kamerafrau aus Nordrand", Christine A, gearbeitet.

Wir haben tatsächlich sehr lange nachgedacht und auch praktisch experimentiert. Ich fand es anmaßend, im Film zu behaupten, wir wüssten, wie Resi als Sehende die Welt wahrnimmt, gleichzeitig wollten wir ihr durch die Bildsprache möglichst nahe kommen. Christine hatte die Idee, mit der Lochkamera zu arbeiten, also ganz zurück zu den Anfängen der Fotografie zu gehen. Viel Licht und ein einfaches Loch, durch das dieses Licht fällt. Die Bilder, die so entstanden sind, könnten Resis Subjektive sein, oder nur die Vorstellung vom Bild - aber auch Traumbilder.

Sie haben u. a. in Wien on location gedreht. Wo haben Sie das Schloss gefunden?

Wir haben in mehreren Schlössern in Niederösterreich und Wien gedreht, in Loosdorf, Ernstbrunn, Juliusburg und Hetzendorf. Wir hatten tolle, sehr verständnisvolle Motivgeber, besonders beeindruckend in unserem Hauptmotiv in Loosdorf, wo wir urwaldbemalte Wände aufgestellt haben und die Hauptdrehzeit verbracht haben. Außerdem haben wir im Studiopark Kindermedienzentrum in Erfurt gedreht und im Schloss Friedrichsfelde in Berlin. Meine langjährige Szenenbildnerin Katharina Wöppermann und ich waren, mit starker Unterstützung unserer Location Scouts, viel in Österreich und Deutschland unterwegs. Zuletzt sind wir dann doch auch nach Tschechien ausgewichen und haben dort den Park und Innenhof gedreht (man möchte es nicht meinen, ein Motiv, das sehr schwer zu finden war), im Schloss Valtice. Gedreht haben wir dann wie immer, indem wir ein Motiv jeweils nach passenden Räumen gesplittet haben.

Anspruchsvoll waren auch Kostüme und Maske.

Das Kostümbild setzt sich sowohl aus selbst konzipierten und geschneiderten Stücken zusammen wie aus Fundusstücken aus London und Österreich. Die Stoffe zu finden, die Perücken schon monatelang vorher zu knüpfen, diese Zeitläufe, dabei immer inhaltich aufeinander abgestimmt, das war auch für mich eine bereichernde Arbeit. Helene Lang (Make-Up) und Veronika Albert (Kostümbild) haben durch ihre liebevolle Genauigkeit die Figuren sehr stark mitgestaltet.

Welches Konzept lag der Musik zugrunde?

Ursprünglich dachte ich, wir würden mit einem Score arbeiten. Doch unser Musiker Lorenz Dangel ist Purist - und er hatte recht. Wir brauchten neben den klaren und zum Teil sehr tief gehenden Musikstücken von Paradis selbst, aber auch von Haydn, C.P.E. Bach u.a. keine weitere Musik, um Emotionen zu verstärken; dennoch hat Lorenz Dangel einige wichtige Stücke im Stil der Zeit komponiert, u.a. das Cembalo-Hammerklavier-Duo zwischen Paradis und Mesmer.

Was war die besondere Herausforderung bei dem Projekt, bei den Dreharbeiten?

Relativ kurz vor Dreh haben wir entschieden trotz des knappen Budgets zu drehen. Das 18. Jahrhundert mit dem Geld, das uns zur Verfügung stand, herzustellen, war nur möglich, weil alle Departments perfekt ineinander gegriffen haben, die Regieassistentin Ires Jung logistische Meisterleistungen vollbracht hat und die Zusammenarbeit mit den ProduzentInnen so konstruktiv war. Wir haben alle gemeinsam überlegt, wo wir reduzieren können, ohne künstlerische Abstriche zu machen. Für Maria Dragus war die Darstellung der Blindheit schauspielerisch eine besondere Herausforderung. Sie war sehr geduldig, sehr mutig und ist an körperliche Grenzen gegangen. Die Make-Up-Abteilung hat sie natürlich dabei unterstützt; die unterschiedlichen Stadien der Blindheit zu zeigen, war eine sehr anspruchsvolle und filigrane Aufgabe.

War es schwierig, die Finanzierung zusammen zu bekommen? Wie lange hat es gedauert?

In Österreich ging es schneller, und wir haben mit dem ÖFI und dem FFW, dem ORF, FISA und dem Land Niederösterreich recht zügig den österreichischen Anteil bekommen, mit Nikolaus Geyrhalter Filmproduktion. In Deutschland ging es nicht so schnell, was auch mit der unterschiedlichen Struktur der Förderungen zu tun hat. In Österreich entstehen Filme auch ohne vorherige verpflichtende Verleihzusage und die Senderzusage ist der Förderzusage nachgestellt; Entscheidungen können so schneller getroffen werden.

Von deutscher Seite ist Looks Film beteiligt. Wie war die Zusammenarbeit?

Martina Haubrich war die Koproduzentin bei Looks, die sich von Beginn an über die Maßen für das Projekt eingesetzt hat. Die Zusammenarbeit war so gut, dass ich mit einem kleinen Anteil Teilhaberin ihrer neuen Firma Cala Film geworden bin. Auch Michael Kitzberger, österreichischer Produzent von "Licht" (NGF) ist mit dabei. Ich hoffe, in dieser Konstellation entstehen auch in Zukunft spannende Projekte. Schließlich haben wir aber auch Gelder von Medienboard, MDM (ich habe wirklich besonders gern in den Studios in Erfurt gedreht!), FFA und DFFF bekommen. Das war natürlich alles andere als ein Selbstläufer, was auch daran liegt, dass es in Deutschland viele Regisseurinnen und Regisseure gibt, die aus dem gleichen Topf Geld bekommen wie die minoritären Koproduktionen.

"Licht" feierte Premiere in Toronto, läuft dann in San Sebastián und hat seine Deutschland-Premiere beim Filmfest Hamburg. Wie wichtig ist die Festivalteilnahme?

Die Premieren in Toronto und San Sebastian sind natürlich sehr wichtig. Ohne einen Markt, ohne Käufer und Journalisten, die den Film sehen, werden Filme leider so gut wie nicht wahrgenommen. Um mit Resis Worten zu sprechen: "Wer nicht gesehen wird, der lebt nicht", insofern freue ich mich wirklich sehr über die gute Resonanz nach Toronto,-die Premiere in San Sebastián fand am 25. September statt, Hamburg folgt am 9. Oktober.

"Licht" ist Ihr fünfter Spielfilm - wird es schwieriger oder leichter? Haben Sie ein neues Projekt?

Es gibt einige Projekte in unterschiedlichen Konstellationen, u.a. zwei Literaturverfilmungen und eine Serienidee. Ich bin auch auf der Suche nach Stoffen und Drehbüchern anderer AutorInnen. Neben meiner Tätigkeit als Regisseurin und Professorin an der Filmuniversität Babelsberg monatelang in einem Schreibtunnel zu verschwinden, ist in nächster Zeit für mich kaum möglich. Als ich begonnen habe, Kinofilme zu produzieren und zu inszenieren, Ende der 90er-Jahre, war die Situation grundsätzlich eine andere. Das Arthousekino war größer, es lockte weitaus mehr ZuschauerInnen ins Kino, die Förderung war stärker eine Kunstförderung als heute. Vor allem in Deutschland spüre ich, dass für den Nachwuchs keine unabhängigen Gelder in relevanten Größenordnungen vergeben werden (mein Debüt "Nordrand" konnte ich 1998 mit umgerechnet 1,3 Mio. Euro drehen). Ich hoffe, das ändert sich in den kommenden Jahren mit der Erhöhung der Mittel für den kulturellen Film durchs BKM. Auch Erfolge wie Toni Erdmann" tragen natürlich dazu bei, dass es wieder mehr Offenheit gibt für nicht von vornherein kommerziell gedachte Großproduktionen. Das ändert jedoch nichts daran, dass Kino wahrscheinlich ganz neu gedacht werden muss, um nicht zu verschwinden.

Marga Boehle

Zur Person: Barbara Albert

1970 in Wien geboren, studierte Barbara Albert ab 1991 Regie und Drehbuch an der Wiener Filmakademie. Nach ersten international erfolgreichen Kurzfilmen feierte ihr Langspielfilm "Nordrand" 1999 im Wettbewerb der Filmfestspiele Venedig seine preisgekrönte Uraufführung. Im selben Jahr gründete Barbara Albert, gemeinsam mit Martin Gschlacht, Jessica Hausner und Antonin Svoboda, die Produktionsfirma coop99. Als Autorin arbeitet sie in Folge mit Jasmila Zbanic, Andrea Staka, Ruth Mader und Michael Glawogger. Nach "Böse Zellen", "Fallen" und "Die Lebenden", Wettbewerbsbeiträge in Locarno, Venedig und San Sebastián, ist "Licht" ihr fünfter Spielfilm. Albert ist Professorin und Vizepräsidentin an der Filmuniversität Babelsberg Konrad Wolf.