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Zentraler Gradmesser für den Erfolg

29.08.2017 09:51 • von Jonas Kiß
1 Award der Offiziellen Deutschen Charts (Bild: GfK Entertainment)

Zum 40-jährigen Jubiläum hat MusikWoche Labels und weitere Branchenpartner um ihre Einschätzung zur Wichtigkeit der Hitlisten gebeten - und bietet dazu Fakten und Besonderheiten aus der Charts-Historie sowie mit den Verantwortlichen des BVMI als Auftraggeber und Markeninhaber der Charts und den Chartsermittlern von GfK Entertainment.

Zum runden Geburtstag der Offiziellen Deutschen Charts (ODC) wollte MusikWoche in einer Umfrage wissen, welche Rolle die ODC in ihrer täglichen Arbeit spielen, und wie sich der Umgang mit den Hitlisten in den vergangenen Jahren verändert hat.

»40 Jahre Offizielle Deutsche Charts - das bedeutet für mich vier Jahrzehnte gelebte Musikhistorie, einzigartige Künstler, legendäre Songs, eindrucksvolle Rekorde und intensive Emotionen«, schwärmt Bernd Dopp, Chairman und CEO von Warner Music Central Europe. »Nach wie vor stellen die ODC das zentrale Erfolgsbarometer für Industrie, Künstler, Medien und Musikfans dar und wirken zeitgleich als Impulsgeber für neue Trends und Geschäftsmodelle.«

Die Offiziellen Deutschen Charts decken, wie Dopp betont, »das gesamte Bild des deutschen Musikmarkts über stationären Handel, E-Commerce und Streaming ab und schaffen dadurch eine Transparenz am Markt, die die jeweilige Nummer eins noch wertvoller macht - neutral, objektiv, repräsentativ und glaubwürdig«.

Für diese »kontinuierlich exzellente und innovative Performance« gebühre Mathias Giloth und seinem GfK-Entertainment-Team »höchster Respekt«. »Gleichsam gilt an dieser Stelle unsere Anerkennung auch Karl-Heinz Kögel, Ulrike Altig und der ehemaligen media-control-Mannschaft, die diesen maßgeblichen Chart-Service über viele Jahre aufgebaut und nachhaltig geprägt haben«, fügt Dopp an. media control ermittelte zunächst die vom BVMI in Auftrag gegebenen Hitlisten ab 1977. 2003 stieg die Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) bei media control ein: Der Chartsermittler firmierte fortan als media Control GFK International, ehe GfK Entertainment 2013 vollständig die Chartserstellung im Auftrag des BVMI übernahm.

Tom Bohne, President Music bei Universal Music, sagt zur Bedeutung der Charts: »Eine Nummer eins in den Offiziellen Deutschen Charts war, ist und bleibt der Traum jedes Künstlers. Spätestens dann weiß er, dass er die Menschen mit seiner Musik tatsächlich erreicht hat. Gleiches gilt für sein Label und alle anderen Beteiligten. « Die Charts seien bis heute »der wichtigste Gradmesser für den Erfolg, nach dem sich alle in der Branche richten und der nicht zuletzt auch Vergleichbarkeit herstellt, wo es mit der Vergleichbarkeit naturbedingt schwierig ist.«

Bohne schätzt die ODC als »verlässlich, neutral und valide, was in einer ansonsten bunten, manchmal schrillen, auf jeden Fall geschmacksgetriebenen Branche schon für sich Grund für höchste Wertschätzung ist. Glückwunsch an alle, die an ihrer wöchentlichen Erstellung beteiligt sind.«

»Ein Abbild ihrer Zeit«

Für Bohnes Firmenkollegen Frank Hohenböken, Managing Director Sales Universal Music Deutschland, waren die Offiziellen Deutschen Charts »zu jedem Zeitpunkt ihrer 40-jährigen Geschichte ein Abbild ihrer Zeit. In erster Linie natürlich für die musikalischen Moden. Aber auch der technologische Wandel wurde permanent begleitet. Schon lange werden physische und digitale Formate gleichberechtigt erfasst, jüngst wurden die Streaming-Zahlen mit aufgenommen.« Und auch die Charts selbst seien »längst digitalisiert, können von den Branchenpartnern auch unter der Woche als Trendbarometer nah an der Echtzeit genutzt werden und sind durch ihre vielen Such- und Auswertungsmöglichkeiten ein unverzichtbares Werkzeug in der täglichen Arbeit.«

Kurt Erping, Geschäftsführer tonpool Medien, verlautet: »Gratulation zum 40-jährigen Bestehen. Die Offiziellen Deutschen Musikcharts sind nicht mehr wegzudenken. Sie sind das Must Have, das musikalische Aushängeschild unserer Branche und stellen den musikalischen Trend dar.«

»Die Gfk macht das sehr gut«

Auch für Markus Hartmann, COO und Director Music von Starwatch Entertainment, sind die Charts »noch immer der Gradmesser für Erfolg, sowohl als Arbeitswerkzeug innerhalb der Branche als auch in der Kommunikation in den Markt.« In den letzten Jahren seien zudem noch »einige durchaus wichtige Ranglisten dazugekommen«. Das Aggregieren aller relevanten Informationen für die Offiziellen Deutschen Charts nennt Hartmann »unersetzlich für das Tagesgeschäft«. Die GfK mache das »sehr gut, insbesondere im internationalen Vergleich.«

Kurt Thielen, Managing Director bei Zebralution, merkt an: »Die frühzeitige und sinnvolle Einbeziehung von Umsätzen zunächst im Download, später aus dem Streaming, war und ist für Zebralution als vermutlich erstem Digitalvertrieb in Deutschland natürlich enorm wichtig gewesen. Hier haben alle Beteiligten aus meiner Sicht mit Augenmaß und Offenheit stets zum richtigen Zeitpunkt die richtigen Entscheidungen getroffen.«

Daher sieht Thielen die Deutschen Charts »auch heute noch auf der Höhe der Zeit«. Sie schaffen die Zusammenführung inzwischen sehr unterschiedlicher digitaler und physischer Märkte und bilden somit den Musikmarkt als Ganzes korrekt ab - und davon profitieren letztlich alle.«

Auch Max Vaccaro, General Manager des Edel-Labels earMusic, spricht seinen Glückwunsch zu 40 Jahren Offizielle Deutsche Charts aus: »40 Jahre Zeuge, wie Musik das Leben der Menschen beeinflusst und allen Beteiligten noch immer einen kleinen Adrenalinschub verpasst ... Die Ankunft der täglichen Trends und insbesondere der Wochencharts sind die ständige Begleitung für alle, die in der Musikbranche arbeiten - unser Anlass zur Freude und gelegentlich auch, unser Grund zu leiden.«

Jens Thele, Managing Director und Head of A&R von Kontor Records, erinnert sich »noch allzugut, wie sich immer dienstags kurz vor 17 Uhr die halbe Firma ums Faxgerät versammelt hat und mit Herzklopfen das Rattern beäugt hat, um dann entweder in Jubelstürme oder in Trauer auszubrechen. Tippergeschenke, Tipperanrufe, Plastiktüten aus Köln, wilde Chartentry-Parties ... was es alles gab!« Heutzutage seien die Offiziellen Deutschen Charts »selbstverständlich noch ein wichtiger Bestandteil in unserer Labelarbeit. Ich hoffe sehr, dass Deutschland als Solitärmarkt die Bedeutung der Charts und somit die Vielfalt der Handelsstruktur halten beziehungsweise stärken kann.«

»Öffnung um Genres und Formate«

Michael Schuster, Geschäftsführer von Cargo Records, erklärt: »Angesichts des 40. Jubiläums der Offiziellen Deutschen Charts ist man versucht, 'erst 40 Jahre?' auszurufen, denn die Offiziellen Charts sind eine Institution in unserer Branche«. Begrüßenswert ist für Schuster »ganz klar die graduelle Öffnung der Charts um Genres und Formate in den letzten Jahren, die damit ein immer differenzierteres Abbild unserer Handels- und Konsumentenlandschaft liefern«.

Wichtig findet er es, »den Fokus auf die Repertoirebreite der Teilnehmer beizubehalten, um den Begriffen 'Fachhandel' und 'Marktbedeutung' aus den BVMI-Chartsregularien auch weiterhin gerecht werden zu können«.

»Orienterung für die Kunden«

Marcus-Johannes Heinz, Geschäftsführer des Händlerverbunds amm, meint: »Die Stärke unserer Plattenläden liegt zwar mit besonderen Empfehlungen abseits der Charts, dennoch bieten die Offiziellen Deutschen Charts auch bei uns eine wichtige Orientierung für die Kunden.«

Verändert habe sich im Facheinzelhandel allerdings die Bedeutung der Singles-Charts, da Singles inzwischen physisch »nur noch eine Nebenrolle« spielten. »Eine besondere Bedeutung haben für unsere Plattenläden naturgemäß die Vinyl-, die Jazz- und die Klassik-Charts, die wir deshalb seit knapp einem Jahr auch auf unseren Homepages und in unseren POS-Magazinen abbilden«, wie Heinz betont.

Frank Siebenhaar, Geschäftsführer von MusicTrace, dem Ermittler der Deutschen Airplay Charts, bekräftigt eine enge Wechselbeziehung zwischen den Top 100 Singles und den Radio-Charts: »Seit wir in Deutschland auf dem Markt sind, sind die Top-100 Single-Charts ein essenzieller Bestandteil für die Bestimmung der offiziellen Airplay Charts. Die Regeln für die Einbindung der Hitliste haben sich im Laufe der Jahre etwas gewandelt, aber noch immer bestimmen die Single-Charts, ob Titel auch nach 26 Wochen noch in den Airplay Charts geführt werden dürfen. Wer also lange in den Airplay Charts dabei sein möchte, muss versuchen, auch gut verkauft oder gestreamt zu werden.«

Mit der Einbeziehung der Downloads und der Streams habe die offizielle Singles-Hitliste »für uns noch eine weitere Bedeutung gewonnen«, so Siebenhaar. »Früher war die Platzierung in den Airplay Charts ein guter Indikator für die spätere Platzierung in den Top-100-Single-Charts. Heute werden wir durch die Hitlisten auch auf Titel aufmerksam, die sich noch unter dem Radar der normalen Bemusterung bewegen. Diese Titel übernehmen wir für unseren Service und können somit unseren Kunden noch schneller neue Trends im Radio zeigen.«

Uli Mücke, Geschäftsführer MUM und Berater für Music for Millions, äußert sich wie folgt: »Im Rahmen meiner Beratertätigkeit für die Mediengruppe RTL und die Planung wie Durchführung bei Music for Millions nutze ich die Trendcharts - vor allem die Album-Trends - täglich. Dies hängt mit der repertoirepolitisch eher konservativen Ausrichtung der entsprechenden Zielgruppen zusammen«, die eher ein »physisches Kaufverhalten« an den Tag lege. Nach wie vor seien die Offiziellen Deutschen Charts für die Indikation von Trends, Hits oder Flops und die Marketinganalytik »ein essenzielles und gutes Tool«.

Allerdings sieht er »aufgrund der mittlerweile durchschnittlich geringeren Umsatzbasis - vor allem in saisonal schwächeren Phasen des Marktes« die überproportionalen Chart-Entries »von Acts mit hochpreisigen Produkten aber nur kleinen Fanbases - meist gefolgt von sofortigem Sinkflug - sowie die starke Volatilität von Themen im mittleren und unteren Charts-Niveau« als eher »hemmende Faktoren für die Bedeutung und Verlässlichkeit der Charts«.

Mücke nennt ein Beispiel: »Releases, die Top 3 charten, aber in Summe nicht einmal 10.000 Units verkaufen, schaffen Misstrauen und im schlimmsten Fall Desinteresse gegenüber den Charts bei Medien und Konsumenten.« Und für Uli Mücke gibt es noch einen Kritikpunkt: Die Charts verlieren seiner Meinung nach an Gesamtmarktbezug »aufgrund der Nichterfassung vieler non-traditioneller Verkäufe, was vor allem bei Mainstream-Repertoire teils substanzielle Volumina in der Betrachtung und Bewertung ausschließt«.