TV

"Wir haben immer mehr Ideen als Etat"

23.06.2017 10:00 • von Frank Heine
Größter Erfolg auf dem Mittwochssendeplatz: "Katharina Luther" mit Devid Striesow und Karoline Schuch (Bild: MDR/EIKON Süd/Junghans)

Worin bestehen die Aufgaben des Fernsehfilmkoordinators der ARD?

Ich denke, dass ich vor allem zwei Aufgaben habe. Zum einen bin ich derjenige, der die Puzzlestücke zusammensetzt. Wir haben den Vorteil der regionalen Vielfalt, neun Redaktionen, die im Bereich Fernsehfilm und Serie eigenständig Projekte entwickeln. Als Koordinator kümmere ich mich darum, dass aus diesen Puzzlestücken ein Bild entsteht. Ich versuche dafür zu sorgen, dass wir nicht ähnliche Projekte parallel verfolgen, dass wir bei den Genres und in der Themensetzung auch wirklich Vielfalt einhalten. Zusammen mit Beate Michels, die die Geschäfte der Koordination führt, entsteht daraus die Programmplanung. Die andere Aufgabe ist die des Anwalts für Fiktion, insbesondere für den Fernsehfilm innerhalb der ARD. Die attraktiven Sendeplätze und die Etatmittel sind begrenzt. Deshalb ist meine Rolle, dafür Sorge zu tragen, dass die Fiktion im Gemeinschaftsprogramm einen angemessenen Stellenwert hat.

Verfügen Sie zusätzlich zu den Etats der einzelnen Fernsehfilmredaktionen über einen eigenen Etat?

Die Häuser bezahlen ihre Filme für den Sendeplatz am Mittwoch selbst. Aber ein Programm lebt ja auch immer vom Besonderen, und das Besondere muss aus Gemeinschaftsmitteln finanziert werden. Das ist Geld, das wir alle in der ARD zusätzlich aufbringen und um das dann mit guten Ideen gerungen wird. Weissensee" oder Charité" sind Beispiele, wo wir zusätzliches Geld investieren müssen. Da bin ich derjenige, der in der Fernsehprogrammkonferenz die Vorschläge einbringt und versucht, einen Beschluss über eine gemeinschaftliche Finanzierung herbeizuführen.

Die Etatentwicklung wird bei Ihnen wohl kaum anders sein, als in den meisten Häusern, also stagnierend?

Seit 2008 haben wir keine Steigerung bei der Rundfunkgebühr oder beim Rundfunkbeitrag gehabt. Insofern haben wir im Wesentlichen eine konstante Etatentwicklung. Das heißt, dass wir Preissteigerungen irgendwie auffangen müssen. Auf der anderen Seite haben wir - egal wie viel Geld zur Verfügung steht - immer mehr Ideen als Etat.

Wie hat sich diese Situation auf die Quantität der Erstausstrahlungen ausgewirkt. Hat die Zahl der Wiederholungen auf den von Ihnen verantworteten Sendeplätzen zugenommen?

Sie hat in den letzten drei Jahren nicht zugenommen, allerdings ist das Niveau mit 32 bis 34 Erstausstrahlungen am Mittwoch niedriger, als ich mir das wünschen würde. Deswegen werbe ich dafür, dass die Häuser mehr Geld zur Verfügung stellen. Allerdings steht man manchmal vor der Entscheidung, einen zusätzlichen Film nicht zu machen, weil man das Geld stattdessen für zwei andere Produktionen vorsieht, die etwas aufwändiger sind. Ich möchte hier aber nicht den Eindruck erwecken, dass wir zu wenig Geld hätten, um gutes Programm zu machen.

Wie ist geregelt, welcher Sender wie viel Programm für einen Sendeplatz beisteuert?

Wir haben zwei Finanzierungsformen. Entweder zahlen wir alle gemeinsam über einen Gemeinschaftsetat. Das tun wir zum Beispiel bei der Degeto, die den Donnerstag- und den Freitagabend mit Fernsehfilmen bespielt. Oder, das ist am Mittwoch der Fall, die Sender verpflichten sich entsprechend ihrer Finanzkraft, einen prozentuellen Anteil des Sendeplatzes zu bespielen. Aber das Schöne an der Fiktion ist ja, dass es manchmal anders kommt, als man denkt. Das liest sich auf dem Papier gut planbar, aber in der Wirklichkeit suchen wir manchmal händeringend nach Filmen, und manchmal werden in einem Jahr mehr Filme fertig, als wir vermutet haben.

Sie erwähnten eingangs, dass Sie auf Vielfalt in der Themensetzung und bei den Genres achten. Gibt es weitere Kriterien, nach denen die Auswahl der gezeigten Filme erfolgt - etwa, dass ein Schauspieler nicht zu oft hintereinander erscheint?

Letztlich sind es filmische und inhaltliche Fragen. Der Film-Mittwoch lebt nach unserem Verständnis von der Vielfalt der Genres, etwas, das in der heutigen Fernsehlandschaft eigentlich anachronistisch ist. Diese Mischung gilt es sicherzustellen. Richtig ist auch, dass - als Beispiel - Katja Riemann nicht in der einen Woche als Steuerfahnderin auftauchen und in der nächsten in einer Familienrolle auftreten sollte. Auch da ist eine gewisse Entzerrung und Koordination nötig. Und wir sprachen schon von den herausragenden Produktionen, die neben den "normalen" Fernsehfilmen am Mittwoch nicht einkalkuliert sind. Diese zu ermöglichen, ist auch meine Aufgabe.

Was wäre so ein besonderer Film, Katharina Luther"?

"Katharina Luther" ist natürlich als historischer Film außergewöhnlich, aber auch dadurch, dass man den Zugang zu Luther über seine Frau findet. Wir haben in der Koordination beschlossen, dass wir auch mittwochs wieder ganz konsequent Mehrteiler starten wollen. Konkret kann ich zwei Beispiele nennen. Der SWR dreht einen Zweiteiler über Aenne Burda, in dem wir, ausgehend von ihrem Ehedrama, die Gründerzeit ihres Unternehmens erzählen. Das wollen wir 2018 senden. Ein anderes großes Projekt, ein Dreiteiler, heißt "Unsere wunderbaren Jahre" und beruht auf dem Roman von Peter Prange. Die Geschichte beginnt 1948 am Tag der Währungsreform und erzählt von sechs Freunden, die alle am gleichen Tag mit dem gleichen Kopfgeld ins Leben starten. Eine klassische zeitgeschichtliche Erzählung, die als Produktion des WDR entsteht. Das sind Mehrteiler, für die wir aus Gemeinschaftsmitteln zusätzliches Geld zur Verfügung stellen. Da spielt auch immer wieder die Degeto als Partner eine große Rolle. Diese Produktionen haben aber vor allem den Zweck, dem Sendeplatz Mittwoch eine besondere Aufmerksamkeit zu geben. Weitere Produktionen dieser Art sind in der Planung. Um in der Fernsehlandschaft heute zu bestehen, braucht es mehr als das sehr gut gemachte Normale. Das verfolgen wir mit dieser Mehrteiler-Strategie.

Befinden Sie sich am Film-Mittwoch auf einer Art Gratwanderung, einerseits filmische Experimente wie bei Zwei" einzugehen und damit andererseits geringere Reichweitenerfolge in Kauf zu nehmen? Wie stark darf, wie stark soll der Blick auf die Quote sein?

Dass Sie da eine Gratwanderung sehen, kann ich verstehen. Mir wäre es zu anspruchslos, mich mit einer kleinen Zielgruppe zu begnügen. Der Fernsehfilm ist ein wichtiger Teil unserer Fernsehkultur. Diese Kultur zu erhalten, heißt auch, für Publikum zu kämpfen. Für Publikum zu kämpfen bedeutet, dem Zuschauer Anstrengungen zuzumuten, ihm auch Geduld abzuverlangen, aber ihm dann doch etwas zu geben, das ihn emotional bereichert. Deswegen ist meine Erkenntnis nach drei Jahren im Amt, dass wir ein Stück Verlässlichkeit brauchen. Das heißt konkret: Wir haben analysiert, ob unsere Filmanfänge die Zuschauer fesseln oder nicht. Wenn wir Mittwoch für Mittwoch verlässlich nach der "Tagesschau" eine große Zahl von Publikum haben, das dem Film eine Chance gibt, wenn dann aber an manchen Tagen nach 60, 90 Sekunden ein Großteil dieses Publikums nicht mehr dabei ist, dann ist das eine Entscheidung gegen einen Film, den man nicht gesehen hat. Deswegen gehört zum Qualitätsanspruch des Mittwochs, am Anfang des Films ein deutliches Signal zu geben: Was ist mein Versprechen für die nächsten 90 Minuten. Das zweite Versprechen, das wir geben müssen, ist eine zeitgemäße Dramaturgie. Wir haben es mit einem Publikum zu tun, dass die Fernbedienung und zusätzlich noch eine Plattform zur Verfügung hat, auf der auch viele Filme angeboten werden. In diesem Wettbewerb wollen wir nicht langweilen. Und wir wollen auch nicht überfordern. Dieser Anspruch hat für mich sehr viel mit dramaturgischer Qualität zu tun, die um 20.15 Uhr immer eine Chance auf ein Mehrheitspublikum haben muss.

Die ARD stand in der Kritik, weil zwei Fernsehfilme, Über Barbarossaplatz" und Goster", erst am späten Abend gezeigt wurden. Waren das Fälle von Überforderung?

Zunächst einmal spricht es für die Redaktion, dass es keine Schere im Kopf gibt, die solche Experimente von vorneherein ausschließt. Es gehört dann aber auch dazu, dass selbst die einbringenden Häuser das Gefühl hatten, dass das für das Sendeplatzversprechen am Mittwoch um 20.15 Uhr nicht das Richtige ist. Da gab es keinen Dissens. Ich glaube aber, dass wir nach wie vor ein ungeheuer reiches und breites fiktionales Angebot haben, zu dem nicht nur unsere Primetime-Plätze gehören. Wir arbeiten sehr bewusst im Debütbereich, machen Kinokoproduktionen, die nie Primetime-Fernsehen sein werden. Wir entwickeln für Arte spezielle Produktionen. All dies dient auch dem Ausprobieren und Entdecken von Talenten. Wenn wir das nicht hätten, könnten sich Regisseure und Schauspieler nicht so entwickeln, wie wir das für starke, erfolgreiche Filme brauchen. Deswegen sehe ich es nicht als Niederlage, wenn ein Film, der vielleicht einmal für 20.15 Uhr geplant war, an anderer Stelle gesendet wird.

Aber letztlich verwehren Sie damit teurem Programm die größtmögliche Aufmerksamkeit.

Das glaube ich nicht. Mit den Mediatheken leben wir heute in einer Welt, in der jeder Interessierte diese Programme finden kann. Gerade bei den beiden Beispielen zeigen die deutlich unterdurchschnittlichen Mediathekenabrufe, dass die Filme auch dort nicht gesucht wurden, obwohl ja intensiv darüber berichtet wurde. Ein weiteres Indiz dafür, dass sich auch das interessierte Publikum mit den Filmen schwer getan hat, ist die geringe Verweildauer der Zuschauer bei der linearen Ausstrahlung um 22.45 Uhr.

Haben Sie sich kürzlich nicht geärgert, als zur gleichen Zeit bei Ihnen Stefan Krohmers Neu in unserer Familie" und im ZDF eine Fernsehfilmpremiere von Stephan Wagner, Am Ruder", lief? Wie nehmen Sie die Programmkonkurrenz zum ZDF wahr?

Ich sehe unendlich viel Konkurrenz. Wir haben in Deutschland seit je her ein sehr hochwertiges Fernsehen und mit dem ZDF einen Konkurrenten, mit dem wir in allen Genres auf Augenhöhe sind. Insofern finde ich es eine großartige Leistung, wenn wir mit anspruchsvollen Filmen drei, vier Millionen Zuschauer erreichen. Natürlich ist das ZDF durch Zuschauergewohnheiten der entscheidende Konkurrent. Ein Fußballspiel ist als Gegenprogramm oft leichter, weil sehr unterschiedliche Zielgruppen angesprochen werden. Wenn Fernsehfilm gegen Fernsehfilm läuft, ist die Konkurrenzsituation natürlich schwieriger.

Gibt es keine Koordination mit dem ZDF?

Wir würden uns sicher andere Absprachen mit dem ZDF wünschen. Auf der anderen Seite hat die Woche nur sieben Tage, und das fiktionale Angebot hat tendenziell zugenommen. Dadurch sind dann solche Programmierungen unvermeidlich. Aber wir sind stark genug, wir halten das aus.

Wie steht es um den Fernsehfilm generell? Hat seine Bedeutung unter dem Serienboom gelitten? Eventuell auch, weil Fernsehfilmgelder in Serienentwicklungen fließen?

Es ist so, dass in der ARD Fernsehfilme und Serien in eine Konkurrenz zueinander geraten sind. Mit Eventserien wie "Weissensee" oder "Charité" haben wir Mittel gebunden, die dann für Fernsehfilme nicht zur Verfügung standen. Das Interessante an dieser Entwicklung ist aber, dass die Doppelprogrammierung von "Weissensee", die wir einmal vorgenommen haben - am Dienstag, Mittwoch, Donnerstag, jeweils zwei Mal 45 Minuten -, uns am Ende gezeigt hat, wie bereit das Publikum ist, auch 90 Minuten zuzusehen. Aus meiner Sicht war dies also eine sehr produktive Konkurrenzsituation, die dazu geführt hat, dass wir in den nächsten Jahren ganz konsequent auf Mehrteiler setzen werden. Durch diesen Wettkampf ist aus meiner Sicht der Stellenwert der Fiktion innerhalb der ARD gewachsen. Vor zwei Jahren war ich noch sehr viel pessimistischer, jetzt glaube ich, dass der Stellenwert des Fernsehfilms in den nächsten Jahren eher wieder wachsen wird.

Das Interview führte Frank Heine