Festival

Tag 10: Viel Beifall für Fatih Akin

Fatih Akin hat eine gelungene Rückkehr ins Festival de Cannes gefeiert: Sein "Aus dem Nichts" wurde bei der Pressevorführung mit lautem Beifall bedacht. Hauptdarstellerin Diane Krüger darf sich Palmen-Hoffnungen machen. In großer Form präsentierte sich überdies François Ozon.

26.05.2017 13:12 • von Thomas Schultze
"Aus dem Nichts" präsentiert Fatih Akin in Hochform (Bild: Festival de Cannes)

Die Rückkehr von Fatih Akin nach Cannes ist eine emotionale Angelegenheit. An der Croisette gewann der Hamburger drei Jahre nach dem Goldenen Bären für Gegen die Wand" gleich beim ersten Auftritt im Wettbewerb mit Auf der anderen Seite" den Drehbuchpreis. Zwei seiner Dokus liefen in Cannes, bereits 2005 war er als Mitglied der Jury in Südfrankreich gewesen. Und dann natürlich The Cut", für den Thierry Frémaux 2014 keinen Start im Wettbewerb versprechen wollte und der von Akin daraufhin zurückgezogen wurde. Und nun die Rückkehr des verlorenen Sohnes mit Aus dem Nichts", gleich im Jahr ein nach Toni Erdmann" wieder ein Film eines deutschen Filmemachers im Wettbewerb.

Auch der Film selbst ist eine emotionale Angelegenheit. Dass er dem Zuschauer hier in Cannes als vorletzter der Presse gezeigter Film des Wettbewerbs so an die Nieren geht, mag damit zu tun haben, dass man immer noch damit beschäftigt ist, die Nachricht vom Terroranschlag in Manchester zu verdauen, bei dem Kinder und Jugendliche bewusst als Ziel ausgewählt wurden. Vielleicht mehr als jeder andere Film in Cannes ist "Aus dem Nichts" ein Produkt der Zeit, in der wir leben. Und er geht sein Thema an, als wolle Fatih Akin mit dem Kopf durch die Wand. Metaphern oder Gleichnisse oder Anspielungen sind die Sache dieses Dramas nicht. Es ist direkt, unmittelbar, schnörkellos, schonungslos und konsequent.

Und Diane Krüger in ihrer ersten deutschsprachigen Hauptrolle ist eine Offenbarung als Katja, die ihren türkischen Ehemann Nuri geheiratet hat, als er wegen eines Drogendelikts im Gefängnis saß und sich mit ihm seit seiner Entlassung und nach der Geburt ihres SohnesRocco eine solide Existenz aufgebaut haben. Sie wohnen außerhalb der Stadt in einem schönen Haus, aber ihr Herz gehört immer noch ihrem Kiez in Hamburg. Gleich in den ersten Minuten des Films reißt ein gezielter Bombenanschlag Nuri und Rocco aus dem Leben. Katja hatte eine junge blonde Frau noch angesprochen, die ihr brandneues Fahrrad mit Schalenkoffer vor Nuris Geschäft angelehnt hatte, ohne es abzuschließen. Dennoch ermittelt die Polizei erst in der türkischen und kurdischen Szene, bis schließlich ein junges Pärchen Neonazis unter dringendem Tatverdacht verhaftet wird.

Ein Hamburg des ewigen Regens ist "Aus dem Nichts" in diesem so emotionalen und düsteren ersten Teils, dem die Gerichtsverhandlung folgt, hell, nüchtern, sich nur auf die Fakten konzentrierend: Ein Moment, in dem Katja die Angeklagte attackiert, verweist klar auf "Der Fall Bachmeier", nicht zuletzt, weil dessen Regisseur Hark Bohm wie schon bei Tschick" Akin bei der Arbeit am Drehbuch unterstützt hat: Das zweite Kapitel bedingt den abschließenden Teil des Films, der den Schauplatz wechselt und in Griechenland spielt. Es sollte allerdings nicht mehr verraten werden, als dass Katja dort eine folgenschwere Entscheidung treffen muss, die der Geschichte noch einmal einen ganz neuen Dreh gibt. Natürlich sind die Morde des NSU der Katalysator des Films, in den Fatih Akin seine ganze Wut und Verzweiflung kanalisiert. Aber "Aus dem Nichts" ist noch mehr: Er hat seine Handlung so geschickt konstruiert, dass sich aus der Prämisse eine noch provokative Betrachtung über den Ursprung von Terrorismus in unserer Zeit entwickelt. Es ist ein Film über die Opfer - die Täter finden nur am Rand statt. Aber es geht auch darum, was es bedeutet den Spieß umzudrehen und Rache zu üben. Die letzten Bilder liegen einem noch lange nach Filmschluss wie ein Mühlstein im Magen.

In absoluter Hochform präsentierte sich auch François Ozon in seinem ersten Auftritt im Wettbewerb von Cannes seit "Jung und schön" vor drei Jahren: Auch in "L'amant double" spielt wieder die damalige Entdeckung Marine Vacth die Hauptrolle, aber diesmal handelt es sich um einen absolut irrwitzigen Erotikthriller, der so verzwickt, pervers und auf genussvolle Weise überdreht ist, dass einem in diesem Labyrinth an durchgeknallten Wendungen der Kopf zu schwirren beginnt - und man dem nicht mit kontroversen Szenen geizenden Film dennoch immer weiter folgt in seinen Abgrund der menschlichen Psyche. An Hitchcock, De Palma, Polanski und sogar den Bodyhorror von Cronenberg fühlt man sich ganz besonders erinnert, an Der Fall Paradin", Sisters", Rosemaries Baby", Ekel" und Die Unzertrennlichen", wenn man der bildschönen Chloé dabei zusieht, wie sie sich in ihren Psychotherapeuten - gespielt von Jeremy Renier - verliebt und, nachdem sie zusammengezogen sind, feststellen muss, dass er womöglich nicht der ist, für den sie ihn hält. Startschuss für einen wilden Ritt, in dem schon bald alles möglich scheint. Und der schließlich eine Aufklärung bereithält, die einen zum Abschluss noch einmal den Atem stocken lässt. Ozon hält für seine unglaubliche Story genau die richtige Dosis Camp bereit. Ganz zum Vergnügen des Publikums, das dem Regisseur aus der Hand fressen wird.

Thomas Schultze