Kino

FIRST REVIEW: "Rogue One" wird die Kassen klingeln lassen

Im ersten Spin-off der "Star Wars"-Saga wird die Geschichte jenes Himmelfahrtskommandos erzählt, über das die Rebellen in den Besitz der Pläne des Todessterns kamen. Ein echtes Weihnachtsgeschenk für die Fangemeinde.

13.12.2016 18:00 • von Marc Mensch
Felicity Jones führt als Jyn Erso ein Himmelfahrtskommando an (Bild: Walt Disney)

Das Imperium legt nach. Das Disney-Imperium, wohlgemerkt, und sein neues Kronjuwel Lucasfilm. Ein Jahr nach dem siebten Film der regulären "Star Wars"-Saga, "Das Erwachen der Macht", der den Grundstein legte für alles Kommende und mit 2,3 Mrd. Dollar zum weltweit zweiterfolgreichsten Kinotitel aller Zeiten avancierte, folgt nun der erste der Spin-off-Filme, die fortan stets in den Zwischenjahren ohne neue reguläre "Krieg der Sterne"-Episoden gestartet werden sollen (ein Film über den jungen Han Solo ist für 2018 unter der Regie vonPhil Lord und Christopher Miller bereits in Arbeit). Wie J' Reboot des Franchise im vergangenen Jahr fällt "Rogue One: A Star Wars Story" also eine wichtige Rolle in der Erzähl- und vor allem Auswertungsstrategie der wertvollsten Filmmarke aller Zeiten zu: Er muss die Grundidee der Spin-offs etablieren und dabei einerseits kompatibel mit den Pfeilern der Saga sein, andererseits sich aber auch abheben von dem, was man bereits kennt und was die gewaltige Fangemeinde auf der ganzen Welt längst verinnerlicht hat, als sei es so wichtig zum Leben wie Luft und Wasser.

In dieser Hinsicht muss man sagen: Mission accomplished. Es ist ein Film für die Fangemeinde, die genau das bekommt, was sie sich seit "Das Imperium schlägt zurück" immer gewünscht hat: ein atemloses, düsteres und in Erzählung und Auflösung konsequentes Combat-Movie, einen echten "Krieg der Sterne", der vor allem aus Schlachten besteht und auf den restlichen Quatsch, der Filme meistens ausmacht, freizügig verzichtet. Mehr Handlung, als wie man sie sich bereits anhand der Trailer zusammenreimen konnte, gibt es nicht in diesem B-Movie, das grob der Blaupause von "Das dreckige Dutzend" folgt: Es werden Figuren vorgestellt, zusammengebracht und dann auf ein Himmelfahrtskommando geschickt, 135 Minuten lang. Fertig. Was man sieht, ist das, was man bekommt: Keine überflüssige Figurenzeichnung, keine lästigen Nebenhandlungen, keine umständlichen Themen, Subtexte oder Motive, die die Aufmerksamkeit von den unablässigen Gefechten ablenken könnten.

Besagtes Himmelfahrtskommando ist freilich ein heiliger Gral für die Fangemeinde, ein ebenso simpel wie clever konzipiertes Prequel zu "Eine neue Hoffnung", das nur ein Nebensatz in der Genealogie des Sternenkriegs sein könnte, jetzt aber ein ganzer Film geworden ist: Wie kamen die Rebellen in den Besitz der Pläne zum Todesstern, die Prinzessin Leia zu Beginn von "Episode IV" in den kleinen R2D2 einspeist? Es ist die tragische Geschichte der einsamen Einzelkämpferin Jyn Erso, Tochter von Galen Erso, Architekt des Todessterns, die eine Gruppe von Halsabschneidern, Renegaten und Freiheitskämpfern schart, um entgegen des ausdrücklichen Befehls des Rebellenkonzils in einem gekaperten Raumschiff, das sie "Rogue One" taufen, loszuziehen und als Erste dem Imperium mit Taten die Stirn zu bieten - und damit letztlich all das auszulösen, was ab "Eine neue Hoffnung" Filmgeschichte geschrieben hat.

Regisseur Gareth Edwards ("Godzilla") fühlt sich sichtlich wohl, was die Geek-Aspekte des Films anbetrifft: Er suhlt sich in Designs, Szenenbild und Gadgets. Er kann es nicht erwarten, seine Figuren in den Kampf zu schicken, auch wenn diese Kämpfe auch aus Altersfreigabegründen an Intensität und virtuoser Inszenierung nie an das heranreichen, was Spielberg, Scott und Gibson längst zum Standard gemacht haben. Weniger erfolgreich ist Edwards bei der Arbeit mit den Schauspielern. Obwohl mit Chris Weitz und Tony Gilroy zwei Vollprofis für das Dreharbeit verantwortlich zeichnen, wirken Felicity Jones als Jyn und Diego Luna als Auftragskiller mit Gewissen etwas verloren im Zentrum der Handlung, wie ein entferntes Echo von Leia und Han Solo aus dem ersten Film, während die Nebenfiguren um sie herum die besten Momente bekommen und namhaftes Personal wie Mads Mikkelsen, Forest Whitaker oder Jimmy Smits am Rand verheizt wird. Was der Grund ist, warum in der letzten halben (und besten halben) Stunde des Films große Emotion nicht von den Ereignissen im Zentrum erzeugt wird, sondern von den Momenten der Wiedererkennung, wenn sich "Rogue One" nahtlos an "Episode IV" zu fügen beginnt. Der Clou ist dabei nicht, dass es ein Wiedersehen mit Darth Vader gibt, was in den Trailern bereits angekündigt wurde, sondern mit verblüffender Hilfe aus dem Computer auch mit anderen Figuren, die seit fast 40 Jahren zum Kanon der Filmgeschichte zählen. Dass sie ausdrucksvoller und eindringlicher spielen als die Schauspieler aus Fleisch und Blut ist eine bittere Ironie von "Rogue One". Sie wird allerdings übertönt vom Schlachtenlärm. Und wegen dem werden die Filmfans kommen. In Scharen.

Thomas Schultze