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"Cover müssen Stimmung eines Films transportieren"

28.11.2016 15:00 • von

Wie wird man Experte für die Gestaltung von DVD-Covern?

Zunächst einmal habe ich mich in einer Druckerei zum Mediengestalter ausbilden lassen. Dabei lernt man die Gestaltung von Visitenkarten, Flyern und anderen Printprodukten von der ersten Konzeption bis zur Fertigung. DVD-Cover zu gestalten, war natürlich kein Bestandteil der Ausbildung, aber die Grundlagen dafür wurden in meiner Ausbildung gelegt. Als ich in einem Internetforum spaßeshalber ein selbst gestaltetes Filmcover gepostet habe, meldete sich bei mir das Label Subkultur Entertainment. Die sagten: "Das sieht gut aus", und haben mich engagiert. Das hat sich herumgesprochen und immer mehr DVD-Auswerter gaben mir Aufträge. Inzwischen besteht meine Arbeit zu 90 Prozent aus Projekten für Cover- und Menügestaltung.

Wie muss man sich das vorstellen? Jemand ruft an mit der Ansage, man benötige ein Cover für einen blutigen Horrorfilm oder eine romantische Komödie?

Im Prinzip schon. Der Hauptunterschied besteht in den Spielräumen, die mir eingeräumt werden. Bei manchen Aufträgen habe ich nahezu freie Hand und bekomme nur ein paar lose Hinweise; beispielsweise, dass das Cover einen Arthouse-Touch haben soll. Oder ich erhalte seitenlange Richtlinien, was ich beachten muss. Wo die Namen der Hauptcharaktere an welcher Stelle platziert werden müssen, oder wo genau ein Logo abgebildet werden muss. Manchmal ist der Spielraum für mich vergleichsweise eng. Zehn Castmitglieder auf einem Cover unterzubringen, kann eine große Herausforderung sein. Ich kann mich also nicht immer austoben. Der zweite Unterschied besteht in den Vorlagen, die ich erhalte. Manchmal erhalte ich bei älteren Filmen entsprechend alte Kino-Artworks und anderes Werbematerial, an dem ich mich orientiere, aber vielleicht nur ein paar Elemente übernehme, das Cover aber im Prinzip völlig neu gestalte. Oder ich bekomme Vorlagen, die schon sehr genau vorgeben, wie das Endergebnis auszusehen hat.

Was aber auch bedeuten kann, dass Ihre Vorschläge abgelehnt werden?

Auch hier gibt es die komplette Bandbreite an Feedback. Mein Entwurf wird im ersten Anlauf akzeptiert. Oder mir werden ein paar harmlose Korrekturwünsche mitgeteilt. Oder ich erhalte den Hinweis: »Machen Sie uns bitte einen komplett neuen Entwurf.« Inzwischen bin ich sehr routiniert darin zu wissen, was ich meinen einzelnen Kunden zumuten kann, und was nicht .Extreme Kritik habe ich noch nicht erfahren und meine Layouts sind inzwischen ziemlich treffsicher. Natürlich kann es vorkommen, dass mein erster Vorschlag nicht auf Gegenliebe stößt.

Gibt es Grundbasics, die man bei der Gestaltung eines Covers beachten muss?

Jede Menge. Das ist ja der Grund, weshalb Visitenkarten oder Flyer von Pizzadiensten manchmal so furchtbar aussehen. Weil der Glaube vorherrscht, dass das Erstellen ein Kinderspiel sein müsse, sobald man Photoshop oder InDesign nur auf dem Rechner öffnen kann. Bei DVD-Covern ist konkret zu beachten, dass z.B. nicht zu viele Schriftarten verwendet werden. Höchstens drei, sonst wird das Layout zu unruhig. Man muss mit Konträrfarben aufpassen, manche Farben schließen sich grundsätzlich aus. Vor allem muss man auf Abstände achten, und dass die Anordnung von Texten keinen Kraut-und-Rüben-Eindruck hinterlässt. Es gibt schon gewisse Gestaltungsgrundlagen.

Aber der Rest ist einfach Geschmackssache?

Sicher, jeder hat seine eigenen ästhetischen Vorstellungen. Das ist ja der Grund, weshalb in Filmforen immer wieder über Covergestaltung diskutiert wird.

Warum sind Cover überhaupt wichtig?

Filme müssen sich unterscheiden und das Cover ist ein Mittel, auf die Einzigartigkeit eines Films zu verweisen. Dann sollten im Idealfall die Gestaltungsmerkmale eines Covers die Stimmung eines Films transportieren. Gelungen ist ein Cover, wenn ein Kunde im Laden die Entscheidung fällt, es überhaupt in die Hand zu nehmen. Ein Cover kann der erste Kaufimpuls sein. Umgekehrt gilt: Ein sehr schlecht gemachtes Cover kann dazu führen, dass Filmsammler den Kauf verweigern.

Was war bisher Ihr Lieblingsprojekt?

Das war die Ultimate Edition des Michael-Mann-Thrillers "". Es war von An-fang an klar, dass OFDB Filmworks ein Vorzeigeprodukt auf den Markt bringen wollte. Entsprechend war Budget vorhanden und ich hatte weitgehend freie Hand. Ich habe das Booklet gelayoutet, die Banderole, den Schuber, das Digipak selbst, einfach alles.

Was waren in diesem Fall besonders gelungene Merkmale?

Dass zum Beispiel die Verwendung von Silberfolienkaschierung einen bestimmten optischen Effekt besser zur Geltung bringt. James Caan spielt in dem Film einen Tresorknacker mit proletarischer Herkunft, der mit Schweißgeräten arbeitet. Ich fand es daher eine gute Idee, auf dem ikonischen Bild seines Porträts mit Schweißerbrille das Bilddetail Funkenflug hervorzuheben. Was aber nur mit hochwertigem Verpackungsmaterial für den Schuber funktionieren konnte.

Sie hatten Einfluss auf die Verpackung?

Zu meiner Dienstleistung zählt auch Beratung, so dass ich über die Covergestaltung hinaus auch Vorschläge zu Verpackungsmerkmalen mache: Wäre ein Prägedruck ratsam, eine spezielle Lackierung, irgendwelche Sonderfarben? Ich fühle mich gerne für die Gesamtoptik eines Produkts zuständig.

Die "Thief"-Edition kam im Digipak heraus. Es hätte auch ein Mediabook sein können. Haben Sie eine Meinung dazu?

Die Verpackungsart Digipak war in diesem Fall die Entscheidung meines Auftraggebers. Generell finde ich das Thema Verpackung sehr spannend. Digipak oder Mediabook? Hartbox oder Holzbox? Oder doch ein Steelbook? Die Fülle an Alternativen finde ich gut, aber es kann auch zu einer Überforderung der Konsumenten kommen.

Apropos Überforderung: Im Einzelfall wird ein Titel mit vier unterschiedlichen Covern gleichzeitig herausgebracht. Von solchen Aufträgen müssten Sie begeistert sein.

Nein, sofern es sich um Mediabooks handelt, bei denen einfach nur die Frontcover ausgetauscht wurden, der sonstige Inhalt aber völlig identisch ist. Ebenfalls für OFDb Filmworks habe ich zwei Mediabooks für den Titel "Das Ritual" von John Schlesinger gestaltet mit den Varianten A und B. A hat eine rötliche Farbgebung, B eine bräunliche, die sich jeweils im kompletten Produkt wiederfindet. Auch die Typographie in den Bookletteilen ist nicht völlig identisch. Man kann also von zwei verschiedenen Produkten sprechen.

Sie gestalten auch DVD-Menüs. Was ist das Besondere daran?

Man muss mehr auf Funktionalität achten. In der Regel gibt es vier Grundeinstellungen im Hauptmenü: Die Startfunktion, die Kapitelwahl, die Sprachfassungen und eine für die Extras. Sie müssen gut sichtbar sein, dürfen also nicht aus dem Rahmen fallen, weil der Konsument noch einen alten Röhrenfernseher besitzt. Oder durch eine weiße Farbgebung überstrahlen. Die Funktionen sollten auf einen Blick zu erfassen sein. Trotzdem sollten sich die durch Cover und Verpackung vorgegebenen Gestaltungsmerkmale im DVD- oder Blu-ray-Menü wiederfinden. Worauf ich generell viel Wert lege, ist Einheitlichkeit. Das Cover, die Gestaltung der Datenträger und das Menü: Alle drei Elemente sollten harmonieren. Auch als Distinktionsmerkmal zu Video on Demand-Diensten, wo eben nur ein Frontcover zu sehen ist und sonst nichts. Wenn der physische Videomarkt weiter eine Rolle spielen soll, sollte man weiter-hin Verpackung und Gestaltung nicht vernachlässigen.

Unterliegen Cover Modetrends?

Von Modetrends würde ich nicht sprechen, aber es gibt interessante Nachahmer-Effekte. Das Cover der Seth-Rogen-Komödie " zeigt eine Art Tumult- oder Prügelmotiv. Es wurde danach vielfach aufgegriffen, beispielsweise beim Cover für die deutsche Produktion "", das ein sehr ähnliches Motiv einer echten oder angedeuteten Schlägerei zeigt. Oder schauen Sie sich das Cover der sechsten Staffel von " an. Der Nachahmer-Effekt ist nicht zu übersehen.

Wird also viel plagiiert?

Das hätte eine juristische Dimension. Sagen wir: es wird manchmal abgekupfert. Aber das ist in Ordnung. Es ist ja nicht so, als ob ich mir nicht auch gelungene Elemente zu Eigen mache: Reines Kopieren: Nein. Abschauen: Ja.

Was inspiriert Sie?

Alles. Werbeplakate, Zeitschriften, Bücher. Ich denke oft: Ließe sich dieses oder jenes Element auf ein Filmcover übertragen? Ich bin auch sehr an Design interessiert, lese Sachbücher zu diesem Thema. Inspirationsquellen sind Gestalter wie Chipp Kidd, der das Buchcover von Michael Crichtons "Jurassic Park" gestaltet hat. Oder Saul Bass, ein Typograf und Designer, der viele Filmvorspänne entworfen hat, vor allem für Alfred Hitchcock. Viele Cover-Artworks der Criterion Collection aus den USA sind auch immer wieder sehr inspirierend.

Große Vorbilder. Wie würden Sie Ihr Selbstverständnis definieren?

Vielleicht schaffe ich keine originären Kunstwerke, aber ich habe einen künstlerischen Anspruch. Um Käufern von DVDs und Blu-rays einen ästhetischen Mehrwert zu bieten, muss ich kreativ sein. Insofern geht das Entwerfen von Layouts für DVD- und Blu-ray-Cover sowie Menüs über reines Handwerk hinaus.

Joerg Rumbucher